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Lexikon

Lernfelddidaktik

Andreas Obermann

(erstellt: Febr. 2018)

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1. Das Konzept der Lernfelddidaktik

Die Diskussion der Berufsschulpädagogik war zu Anfang dieses Jahrhunderts geprägt durch das Stichwort der Lernfelddidaktik (Schelten, 2001). Der Hintergrund der Lernfelddidaktik war das Anliegen, die Lerninhalte in größeren Zusammenhängen so zu vermitteln, wie sie in der Arbeitswelt real vorkommen. Das heißt, es sollte zu einer neuen Strukturierung von Lerninhalten in Analogie zu realen Arbeits- und Betriebsabläufen kommen. Die zu vermittelnden Unterrichtsstoffe sollten damit nicht mehr länger klassisch separat nach Unterrichtsfächern und laut fachbezogenen Lehrplänen isoliert nach den einzelnen Fächern vermittelt werden. Vielmehr sollten entsprechend zu realen betrieblichen Handlungsfeldern und Aufgabenstellungen alle Inhaltsaspekte dieser einzelnen Handlungsabläufe gemeinsam einem Lernfeld zugeordnet werden, in dem dann alle für dieses Lernfeld relevanten Inhalte in vernetzten Unterrichtsprozessen – inhaltlich aufeinander bezogen – unterrichtet werden sollten, egal in welchen Unterrichtsfächern diese Inhalte zuvor getrennt unterrichtet wurden. So sollte eine möglichst genaue Abbildung der betrieblichen Wirklichkeit und Leistungsanforderung in der Schule gewährleisten werden, um die schulische Ausbildung und betriebliche Wirklichkeit stärker miteinander zu verzahnen und die gesamte Ausbildung realistischer zu gestalten. Das Lernfeldkonzept bietet dabei die Chance, für die Auszubildenden in der Schule Anforderungssituationen zu schaffen, die anders als die einzelnen Fächer je für sich sehr viel enger mit der Realität des beruflichen Alltags der Lernenden verknüpft sind. Sofern so die Komplexität des beruflichen Handelns in die Schulwirklichkeit eingetragen wird, können die Auszubildenden nicht nur die Komplexität der realen Berufstätigkeiten besser erfassen, sondern bekommen so auch einen besseren Zugang zu den Inhalten und auch zu den beruflichen Tätigkeiten insgesamt vermittelt. Hinter dem didaktischen Programm der Lernfelddidaktik steht der Anspruch, in der Schule reale Lernbedingungen durch realitätsnahe Aufgabenstellungen auf dem Niveau der beruflichen Komplexität abzubilden und so grundlegende berufliche Fertigkeiten und Fähigkeiten kompetenzorientiert besser als zuvor ausbilden zu können.

Die drei wesentlichen Strukturierungsmerkmale der Lernfelddidaktik sind (1.) die Handlungsfelder, (2.) die Lernfelder und (3.) dann die konkreten Lernsituationen (→ Anforderungssituationen): Unter „Handlungsfeldern“ versteht man die realen beruflichen Aufgaben und theoretischen wie praktischen Herausforderungen, auf deren Lösung hin die Auszubildenden in der Schule Kompetenzen ausbilden sollen. Die „Lernfelder“ beschreiben die in die Schule transformierten beruflichen Handlungsfelder: Lernfelder bilden die beruflichen Anforderungen und Aufgaben ab und sind im Blick auf die zu erwerbenden Kompetenzen, Inhalte und auch die zeitlichen Vorgaben möglichst konkret zu gestalten. Die Lernfelder in ihrer Komplexität erschließen sich den Auszubildenden durch mehrere „Lernsituationen“, die einzelne sinnvolle Teilbereiche des Lernfeldes abbilden. Die Summe aller Lernsituationen eines Lernfeldes bildet dieses Lernfeld – und damit auch das Handlungsfeld – in Gänze ab. Dabei sind die Lernsituationen wie folgt zu gestalten (Bezirksregierung Detmold, 2003, 12):

  • exemplarisch
  • handlungsorientiert
  • berufsorientiert
  • fächerverbindend und fachübergreifend
  • fördernd für selbstbestimmtes Lernen und Transfer
  • schülerorientiert
  • lernkompetenzorientiert

    Die beiden folgenden Seiten bieten beispielhaft einen konkreten Einblick in die didaktische Gestaltung von Lernsituationen, nämlich (siehe jeweils Bezirksregierung Detmold, 2003, 19f.)

  • die unterschiedlichen inhaltlichen Bezugspunkte eines Lernfeldes,
  • den Einbezug der Unterrichtsinhalte und ihrer Fächer in das Lernfeld – besonders Punkt 8 des Formblattes zur Lernsituationsplanung – sowie
  • die durch Operatoren konkretisierten Zuordnungen von Inhalten zu Phasen des Unterrichts – besonders Punkt 8 des Formblattes zur Lernsituationsplanung.

    Bezirksregierung Detmold (Hg.), Lehrerfortbildung in der Region. Unterrichtsentwicklung im Berufskolleg. Band 1: Konzept, Detmold 2003, 19

    Abb. 1 Modell zur Erstellung von Lernsituationen

Bezirksregierung Detmold (Hg.), Lehrerfortbildung in der Region. Unterrichtsentwicklung im Berufskolleg. Band 1: Konzept, Detmold 2003, 20

Abb. 2 Umsetzung zu einem Unterrichtskonzept

2. Zur Umsetzung der Lernfelddidaktik

2.1 Grundlegende Schwierigkeiten bei der Umsetzung

Allerdings blieb das Lernfeldkonzept weitgehend ein pädagogisches Konstrukt, da die Übertragung der komplexen betrieblichen Wirklichkeit in den Unterricht oft nicht befriedigend übertragbar war. Zudem stellte die Lernfelddidaktik die berufsbildenden Schulen vor ganz praktische Probleme, z.B. im Blick auf die Benotung, die systemlogisch für das Lernfeld insgesamt erfolgte und nicht mehr einzelne Fächer auswies. Diese Benotung war dann oft nicht transparent für Betriebe, Handwerkskammern und andere Schulen, da überall andere Lernfelder mit anderen Konkretionen entworfen wurden. Das Unterrichten erforderte neben einer minutiös mit allen beteiligten „Fächern“ verzahnten didaktischen Jahresplanung auch eine arbeits- wie auch zeitintensive Absprache in der Durchführung, da im Grunde bei jedem Lehrerwechsel an einem Berufsschultag die inhaltlichen Anschlüsse allen bekannt sein mussten. Weiterhin waren die Ansprüche an die Lehrkräfte besonders hoch, wie folgende Anforderungsbeschreibung zeigt: „Eine Schlüsselstellung bei der Umsetzung der lernfeldstrukturierten Kultusministerkonferenz-Rahmenlehrpläne haben die Lehrkräfte. Die Lehrkräfte sind gefordert, die Lernfelder in Lernsituationen zu untersetzen und diese didaktisch auszugestalten. Sie müssen in viel stärkerem Umfang als bisher prozess- und handlungsorientiert unterrichten und dabei Wissen und Kompetenzen integrativ vermitteln. Nicht zuletzt sind beispielsweise sehr viel mehr ökonomische bzw. betriebswirtschaftliche Sachverhalte in den Unterricht einzubeziehen. Der ,klassische‘ Theorielehrer für Elektrotechnik muss gegebenenfalls durch Fortbildung befähigt werden, diesen neuen Anforderungen entsprechen zu können. Eine verbesserte Kooperation mit den Ausbildungsbetrieben ist eine weitere wesentliche Voraussetzung für die erfolgreiche Implementierung der neuen Ordnungsmittel“ (Bachmann, 2003, 32).

2.2 Lernfelddidaktik und Berufsschulreligionsunterricht

Die soeben allgemein beschriebenen Herausforderungen und Schwierigkeiten bei der Umsetzung des Lernfeldkonzepts galten insbesondere für den Berufsschulreligionsunterricht. Für den Berufsschulreligionsunterricht gab es zudem das Problem, als eigenständiges Fach innerhalb eines Lernfeldes sichtbar zu bleiben. Weiterhin musste der Berufsschulreligionsunterricht sich als Religionsunterricht durch solche didaktischen Berufsbezüge pädagogisch behaupten und sich so innerhalb der Berufspädagogik als plausibel erweisen, damit der Berufsschulreligionsunterricht nicht zu einer bloßen Vermittlung ethischer Wertvorstellungen verkommen sollte. Hier tat sich der Berufsschulreligionsunterricht damals noch schwer, gleichfalls wie bei der Aufgabe des Berufsschulreligionsunterrichts als einem eigenständigen Fach (Verhülsdonk, 2001, 50f.). Der Berufsschulreligionsunterricht stand vor Herausforderungen, „auf die es bislang keine didaktisch und methodisch überzeugenden Antworten" (Verhülsdonk, 2001, 51) gab. Mittlerweile sind wesentliche Anliegen der Lernfelddidaktik aufgenommen in der kompetenzorientierten Berufsausbildung, die auf eine umfassende berufliche Handlungsfähigkeit abzielt (Obermann, 2013, 136-169). Die Lernfelddidaktik als Konzept spielt zur Zeit nur noch eine untergeordnete Rolle.

Literaturverzeichnis

  • Bachmann, Dirk/Kuklinski, Peter/Pieringer, Ina, Neuordnung der Elektroberufe – Prozess- und Handlungsorientierung im Lernort Berufsschule, in: Berufsbildung in Wissenschaft und Praxis 5 (2003), 14-19.32.
  • Bezirksregierung Detmold (Hg.), Lehrerfortbildung in der Region. Unterrichtsentwicklung im Berufskolleg. Band 1: Konzept, Detmold 2003.
  • Biesinger, Albrecht/Schmidt, Joachim/Jakobi, Josef (Hg.), Lernfelddidaktik als Herausforderung. Religionsunterricht an berufsbildenden Schulen, Tübingen 2005.
  • Muster-Wäbs, Hannelore/Schneider, Kornelia, Umsetzung des Lernfeldkonzeptes am Beispiel der handlungstheoretischen Aneignungsdidaktik, in: Berufsbildung in Wissenschaft und Praxis 2 (2001), 44-49.
  • Obermann, Andreas, Im Beruf Leben finden. Allgemeine Bildung in der Berufsbildung – didaktische Leitlinien für einen integrativen Berufsbildungsbegriff im Berufsschulreligions-unterricht. Mit zahlreichen Abbildungen, Arbeiten zur Religionspädagogik 55, Göttingen 2013.
  • Schelten, Andreas/Zedler, Reinhard, Aktuelle Tendenzen der dualen Berufsausbildung, in: Berufsbildung in Wissenschaft und Praxis 4 (2001), 46-49.
  • Verhülsdonk, Andreas, Die Reform der beruflichen Bildung und der Religionsunterricht, in: Religionspädagogik an berufsbildenden Schulen 33 (2001), 50-55.

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Modell zur Erstellung von Lernsituationen Bezirksregierung Detmold (Hg.), Lehrerfortbildung in der Region. Unterrichtsentwicklung im Berufskolleg. Band 1: Konzept, Detmold 2003, 19
  • Abb. 2 Umsetzung zu einem Unterrichtskonzept Bezirksregierung Detmold (Hg.), Lehrerfortbildung in der Region. Unterrichtsentwicklung im Berufskolleg. Band 1: Konzept, Detmold 2003, 20
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