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Lexikon

Kinder/Kindheit

Bettina Eltrop

(erstellt: Febr. 2017)

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Digital Object Identifier: https://doi.org/10.23768/wirelex.KinderKindheit.100310

1. Neue Sensibilität für Kinder und Kindheit

Die Bedeutung von Kindern für die Gesellschaften der Welt, ihr Schutz vor Gewalt und Ausbeutung, ihre Rechte auf Entfaltung ihrer Persönlichkeit und ein menschenwürdiges Leben werden in den letzten Jahren und Jahrzehnten zunehmend diskutiert. Besonders seit dem 20. Jh. sind in den Geisteswissenschaften eine neue Sensibilität und breite Forschungsaktivitäten zum Thema Kind/Kindheit zu verzeichnen, die zeigen, dass es sehr stark von kulturellen Gegebenheiten abhängig ist, was unter Kindheit verstanden und wie sie gestaltet wird.

2. Kindheit als Konzept und Konstruktion

Der Historiker Philippe Aries hat schon in den 1960er-/1970er-Jahren gezeigt, dass in der westeuropäischen Geistesgeschichte Kindheit als eine „Erfindung“ der bürgerlichen Gesellschaft des 17. Jh. angesehen werden kann (Aries, 1975, 92). In der mittelalterlichen Ständegesellschaft zuvor habe es noch keine besondere Wahrnehmung von Kindern in Abgrenzung zur Lebenswelt der Erwachsenen gegeben. Ähnlich legt der Medienwissenschaftler Neil Postman dar, dass jede Kultur für sich definiere, was sie als Kindheit betrachtet: „Anders als das Säuglingsalter ist die Kindheit ein gesellschaftliches Kunstprodukt, keine biologische Kategorie“ (Postman, 1987, 7). Nach Postman lösen sich in der modernen Mediengesellschaft Grenzen zwischen Kindern und Erwachsenen zudem wieder auf, Kindheit ist in den modernen Mediengesellschaften im Verschwinden begriffen (Wikipedia-Artikel zu Neil Postmann).

Wenn auch diese Ansätze nicht in jeder Hinsicht unwidersprochen blieben, so gab es doch breite Zustimmung dafür, dass gesellschaftliche, kulturelle und zeitgeschichtliche Bedingungen die gesellschaftlichen Perspektiven auf Kinder und deren Konzepte von Kindheit entscheidend prägen, auch in der Religionspädagogik (z.B. Bucher, 2002, 194f.; Büttner/Bucher, 2005, 38; ausführlich Zimmermann, 2010, 7-31). So unterscheidet sich eine Kindheit in einer Gesellschaft mit Schulwesen und anderen Bildungseinrichtungen von der Kindheit in einer Gesellschaft ohne diese erheblich (Schweitzer, 2001, 1000). Gesellschaftlich-kulturell wird auch festgelegt, in welchem Alter der Übergang vom Kind zum Erwachsenen geschieht und wie er rechtlich, institutionell und rituell vollzogen wird. In vielen Gesellschaften ist zudem das Geschlecht eines Kindes für dessen mögliche Lebensentwürfe entscheidend (z.B. für Alt-Israel: Fischer, 2002, 58-67).

Trotz ausgeprägter Pädagogisierung und der Verfestigung einer kindlichen Lebensphase in den westlichen Gesellschaften zeichnet sich ein Abbau der traditionellen Unterscheidungen zwischen Kindheit und Erwachsenenstatus ab (Postman, 1987; Schmidt-Koddenberg, 1996, 1432).

2.1. Konzeptionen der europäischen Geistesgeschichte

In der altgriechischen Sprache gibt es zwei Worte für Kind: to teknon und to paidion. To teknon bezeichnet das naturhaft junge Kind in seinem (genealogischen) Verhältnis zu seinen Eltern, während to paidion das Kind als zu erziehendes Wesen und hinsichtlich seiner rechtlich unmündigen Stellung in der gesellschaftlichen Struktur meint. Daher beizeichnet to paidion auch nicht nur ein Kind, sondern auch den jungen Sklaven/die junge Sklavin (Liddell/Scott, 1973, 1287;1768; Ebner, 2002a, 317). Diese Vorstellungen der Antike sind bis heute in den europäischen Gesellschaften wirkmächtig:

Das Kind wird als heranwachsender Mensch begriffen, der einen Reifungsprozess bis zum Erwachsenenalter durchläuft. In der modernen Entwicklungsphysiologie und -psychologie beruhen manche Konzepte auf der Annahme, dass die körperliche, moralische und psychische Entwicklung eines jungen Menschen in Schritten oder Stufen verläuft. Andere Konzepte betonen eher die Herkunftsfamilie und Entwicklungen der Trennung/Distanzierung und Aneignung, Wechselbeziehungen mit der Umwelt (Übersicht bei Wisniewski, 2016, 33-76; Conzen, 2010, 63-80;95f.; für den religionspädagogischen Kontext: Schweitzer, 2002, 188-191).

In seiner gesellschaftlichen Stellung wird ein Kind als 1. rechtlich unmündig und 2. erziehungsbedürftig angesehen. „Es zum Vernunftwesen zu machen und damit die volle Entfaltung seines ‚Wesens‘ zu gewährleisten und es zurechnungs- und geschäftsfähig zu machen, wird als Aufgabe der Erziehung gesehen“ (Ihne, 2002, 4f.).

Erst im 18. Jh. mit Rousseau kommen der Eigenwert und die Eigenrechte des Kindes in den Blick: „Jedes Alter, jeder Lebenszustand hat seine ihm gemäße Vollkommenheit, seine Art von Reife, die nur ihm eigen ist“ (Rousseau zitiert bei Ihne, 2002, 6). Die Entdeckung des Eigenwerts des Kindes durch Rousseau beeinflusste die pädagogischen Strömungen bis hin zur Reformpädagogik, aber auch die Menschenrechtsbewegung und mündete 1989 in die UN-Kinderrechtskonvention.

So entwarf Anfang des 20. Jh. die Reformpädagogin Ellen Key ihre Vision vom Jahrhundert des Kindes und leitete damit einen Wandel der Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern in Richtung auf Empathie, Verständnis, Partnerschaft ein (Lutterbach, 2002, 199). Dieses wirkte sich auch auf die Religionspädagogik aus (Noormann, 2007, 127). Inzwischen wird das Kind als selbständiges Subjekt gewürdigt, das über ein differenziertes Selbstkonzept verfügt, zu komplexem Denken fähig ist und somit weniger als ein zu erziehendes Objekt zu betrachten ist als „als ein sich selbst konstruierendes Subjekt, das als eigenständiges Mitglied eines Systems agiert“ (Zimmermann, 2010, 402). Die jüngere Religionspädagogik nimmt Kinder damit als Theologie treibende Subjekte wahr, die über religiöse, theologische und philosophische Kompetenzen verfügen (→ Kindertheologie).

Mit der Anerkennung des Kindes als vollwertige Person entwickelt sich auch eine Spannung zum Menschenbild erwachsenenzentrierter Theologie. Die neue Sicht auf Kinder verlangt nach einer veränderten Anthropologie, in der nicht nur der Androzentrismus (die Zentrierung auf Männer), sondern auch der Erwachsenenzentrismus überwunden werden muss (Kaul, 2002, 314-315).

2.2. Biblische Perspektiven der jüdisch-christlichen Tradition

Kinder werden in der Bibel als Segen und Reichtum, als Gabe Gottes für Familie und Volk begriffen (Gen 1,28; 12,2f.; 26,4; 30,20; 33,5; Ps 127,3; 128,3f.; Lk 1,57f.). Zahlreiche Nachkommenschaft ist eine der zentralen Bundesverheißungen zwischen Gott und Menschen (Gen 12,2.15.17; 21,18). Kinderlosigkeit bedeutet für die betroffenen Frauen soziale und rechtliche Diskriminierung und oft auch Altersarmut (Gen 16,1-6.; 1Sam 1,6-20; Rut 1-4; Spr 23,22b; Lk 1,25). Eine besondere Bedeutung haben Söhne: Sie sichern den Fortbestand des väterlichen Namens, der väterlichen Linie, sie erben den Besitz (Töchter erben im Ausnahmefall, Num 27,1-11; 36,1-9).

Die Erziehung der Kinder ist Aufgabe beider Elternteile (Spr 1,8; 4,1-6; 6,20). Kinder lernen von klein auf die Gesetze und Geschichte ihres Volkes (Dtn 6,2-25; 2Tim 3,15). Mit Einsetzen der Geschlechtsreife werden Kinder mündig und werden früh verheiratet (biblische und rabbinische Belege bei Eltrop, 1966, 38-47). Mit der Heirat wird die Autorität und Verfügungsgewalt des Vaters über die Tochter durch die des Ehemannes abgelöst (Num 30,4-9.17; Gen 19,8; Ex 22,15f.; Ri 19; dazu auch Eltrop, 1996, 44f.).

Die Bedeutung der Kinder steht in Zusammenhang mit den gesellschaftlichen und ökonomischen Bedingungen in biblischer Zeit. Die eigenen Söhne (und eingeheirateten Schwiegertöchter (vgl. Rut) sorgten für den Lebensunterhalt der Eltern im Alter. Mitarbeit der Kinder war für kinderreiche und von Viehzucht und Landwirtschaft lebenden Familien selbstverständlich und oft überlebensnotwendig (Gen 29,9; 37,13; 1Sam 16,11; Mt 21,28-30). Verarmungsprozesse trafen Kinder besonders: Von Hunger, Krankheit und Tod von Kindern ist häufig die Rede (;; Klgl 2,11f.; 4,4; Mk 8,1-10 parr.; Mt 9,18-26 parr.; 17,14-21 parr. u.a.) ebenso von Verschuldung und Verkauf von Kindern in die Sklaverei (Ex 21,7-11; Lev 25,39-45; Mt 18,25).

Kinder gehören damit zu den schwächsten Gliedern der Gesellschaft, die Ausbeutung und skrupellosen Machenschaften wehrlos ausgeliefert sind (Mi 2,9; Jes 1,17). In Kriegszeiten und Zeiten politischen Umbruchs sind Kinder und Schwangere Opfer entsetzlicher Gewalttaten (; Hos 14,1; Am 1,13; Ps 137,9; Nah 3,10; Klgl 1,5.16.20; 2,21; Lk 23,28-31 parr.). Sie stehen daher unter besonderem Schutz des Gottes Israels, des Anwalts aller, die keinen anderen Schutz und Hilfe haben (Ex 22,20-23; Dtn 10,18; Ps 68,6; 146,9; Am 2,6f.; Mal 3,5; Mt 18,1-6 parr.; 19,13-15 parr.). Indem Jesus sich mit Kindern (Mt 18,5 parr.) wie mit anderen Unmündigen, Rechtlosen und Schwachen (Mt 11,25-30; 25,31-46) gleichsetzt und Kinder in die Mitte seiner Nachfolgegemeinschaft stellt (Mt 18,2 parr.), führt er die biblische Tradition der parteilichen Liebe Gottes für die Kleinen fort.

Das Volk Israel schreibt seine eigene Anfangsgeschichte in Erzählungen von Eltern und Kindern (Gen 12-50; Rut 1-4; 1Sam; 2Sam). Die Geschichten von Unfruchtbarkeit, Schwangerschaft, Geburt, vom Aufwachsen und der Gefährdung der Kinder gehören in die politische Geschichte des Volkes hinein (Fischer, 2002, 71). Die Beschreibung des Gottesverhältnisses, in dem Israel/Zion als Kind die elterlich-mütterliche Liebe Gottes (Hos 11; Jes 49,14f.; 46,3f.; ausführlich bei Fischer, 2002, 77-82) gilt, führt die neutestamentliche Tradition in der Rede von den Gläubigen als Kindern, Töchtern, Söhnen Gottes weiter (Joh 13,33; Röm 8,15-17; Eph 5,1 u.a.; zu Paulus metaphorischer Rede, der die Gläubigen darüber hinaus auch als „seine Kinder“ bezeichnet: Gerber, 2005).

3. Herausforderungen

Die Möglichkeiten eines Kindes sind bis heute davon abhängig, wo es zur Welt kommt. Während Kinderschutz und Kinderforschung in den westlichen Demokratien ein hohes Niveau erreichen, leben Kinder in den Armutsregionen der Welt oft mit großen Defiziten: unzureichende Bildungschancen, geringe Lebenserwartung, Infektionen mit HIV/Aids, Kinderarbeit und -prostitution, Erfahrungen von Krieg und Flucht (Ihne, 2002, 12-16). In der Kinderforschung gälte es nun, nach dem ertragreichen interdisziplinären Gespräch im 20. Jh. nun auch vermehrt die Stimmen von Forscherinnen und Forschern aus anderen Kontinenten einzuholen, um die europäisch-westliche Perspektive zu erweitern (Togarasei/Kügler, 2014).

Literaturverzeichnis

  • Aries, Philippe, Geschichte der Kindheit. Mit einem Vorwort von Hartmut von Hentig. Aus dem Französischen von Caroline Neubaur und Karin Kersten, München/Wien 1975.
  • Bucher, Anton A., Art. Religion in der Kindheit, in: Neues Handbuch religionspädagogischer Grundbegriffe (2002), 194-197.
  • Büttner, Gerhard/Bucher, Anton A., Kindertheologie – Eine Zwischenbilanz, in: Zeitschrift für Pädagogik und Theologie 57 (2005) 1, 35-46.
  • Ebner, Martin, „Kinderevangelium“ oder markinische Sozialkritik? Mk 10,13-16 im Kontext, in: Ebner, Martin (Hg. u.a.), Gottes Kinder, Jahrbuch für Biblische Theologie 17, Neukirchen-Vluyn 2002a, 315-336.
  • Ebner, Martin (Hg. u.a.), Gottes Kinder, Jahrbuch für Biblische Theologie 17, Neukirchen-Vluyn 2002b.
  • Eltrop, Bettina, Denn solchen gehört das Himmelreich. Kinder im Matthäusevangelium. Eine feministisch-sozialgeschichtliche Untersuchung, Stuttgart 1996.
  • Fischer, Irmtraud, Über Lust und Last, Kinder zu haben. Soziale, genealogische und theologische Aspekte in der Literatur Alt-Israels, in: Ebner, Martin (Hg. u.a.), Gottes Kinder, Jahrbuch für Biblische Theologie 17, Neukirchen-Vluyn 2002, 55-82.
  • Conzen, Peter, Erik H. Erikson. Grundpositionen seines Werkes, Stuttgart 2010.
  • Gerber, Christine, Paulus und seine „Kinder“. Studien zur Beziehungsmetaphorik der paulinischen Briefe, Beihefte zur Zeitschrift für die neutestamentliche Wissenschaft 136, Berlin/New York 2005.
  • Ihne, Hartmut, Menschenwürde und Kinderrechte in der Einen Welt, in: Ebner, Martin (Hg. u.a.), Gottes Kinder, Jahrbuch für Biblische Theologie 17, Neukirchen-Vluyn 2002, 3-20.
  • Kaul, Dagny, Art. Kind, praktisch-theologisch, in: Wörterbuch der Feministischen Theologie (2002), 314f.
  • Liddell, Henry George/Scott, Robert, A Greek-English Lexicon. Reprint and revised Version, Oxford 1973, 1287.
  • Lutterbach, Hubertus, „Was ihr einem dieser Kleinen getan habt, das habt ihr mir getan …”. Der historische Beitrag des Christentums zum „Jahrhundert des Kindes“, in: Ebner, Martin (Hg. u.a.), Gottes Kinder, Jahrbuch für Biblische Theologie 17, Neukirchen-Vluyn 2002,199-224.
  • Noormann, Harry, Wie Religionspädagoginnen und Religionspädagogen wurden, was sie sind. Vom Nutzen der Didaktikgeschichte für die fachliche Kompetenz, in: Noormann, Harry/Becker, Ulrich/Trocholepczy, Bernd (Hg.), Ökumenisches Arbeitsbuch Religionspädagogik, Stuttgart 3. Aufl. 2007, 123-148.
  • O.A. Wikipedia-Artikel zu Neil Postmann. Online unter: https://de.wikipedia.org/wiki/Neil_Postman, abgerufen am 11.05.2016.
  • Postman, Neil, Das Verschwinden der Kindheit, Frankfurt a.M. 1987.
  • Schmidt-Koddenberg, Angelika, Art. Kind, in: Lexikon für Theologie und Kirche V (1996), 1432f.
  • Schweitzer, Friedrich, Art. Entwicklung und Identität, in: Neues Handbuch religionspädagogischer Grundbegriffe (2002), 188-193.
  • Schweitzer, Friedrich, Art. Kind, in: Lexikon der Religionspädagogik I (2001), 1000-1005.
  • Togarasei, Lovemore/Kügler, Joachim (Hg.), The Bible and Children in Africa, Bible in Africa Studies 17, Bamberg 2014. Online unter: https://opus4.kobv.de/opus4-bamberg/frontdoor/index/index/docId/25287, abgerufen am 24.5.2016.
  • UNICEF, Konvention über die Rechte des Kindes, o.O. 1989. Online unter: https://www.unicef.de/blob/9364/a1bbed70474053cc61d1c64d4f82d604/d0006-kinderkonvention-pdf-data.pdf, abgerufen am 24.5.2016.
  • Wisniewski, Benedikt, Psychologie für die Lehrerbildung, Bad Heilbrunn 2. Aufl. 2016.
  • Zimmermann, Mirjam, Kindertheologie als theologische Kompetenz von Kindern. Grundlagen, Methodik und Ziel kindertheologischer Forschung am Beispiel der Deutung des Todes Jesu, Neukirchen-Vluyn 2010.

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