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Lexikon

Gemeindehaus

Uta Pohl-Patalong

(erstellt: Febr. 2017)

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1. Gemeindehaus als Gebäude und als Konzept

Wer auch nur ein wenig kirchliche Sozialisation erfahren hat, hat beim Stichwort „Gemeindehaus“ in der Regel Bilder eines Gebäudes vor Augen: Ein größeres Haus direkt neben der Kirche oder in räumlicher Nähe zu dieser (manchmal sind auch Kirche und Gemeindehaus räumlich integriert), das meist einen großen Saal und daneben kleinere Räume besitzt, häufig mit einer Küche, gelegentlich auch mit einem Jugendkeller oder einer Bibliothek ausgestattet, manchmal in baulicher Kombination mit einer Kita, einer Diakoniestation und/oder dem Pfarrhaus. In diesem Gebäude finden kirchliche Veranstaltungen von der Gemeindeversammlung bis zum theologischen Vortrag statt und es treffen sich dort diverse kirchliche Gruppen vom Eltern-Kind-Kreis über die Jugendgruppe bis zu den Seniorinnen und Senioren. Das Gemeindehaus ist damit der Ort gemeindepädagogischen Arbeitens. Viele der heutigen Gemeindehäuser stammen aus den 1960er- oder 1970er-Jahren und lassen dies in Architektur und Ausstattung erkennen. Nicht selten sind diese Bilder mit Erinnerungen und Emotionen verbunden, potenziell mit Gefühlen von Heimat und Dazugehören, vielleicht aber auch mit Distanz und dem Bewusstsein, zu dieser Form von „Kirche“ nicht (mehr) zu gehören.

Diese Assoziationen liegen nahe, weil „Gemeindehaus“ über das funktionale Gebäude hinaus ein bestimmtes Verständnis von Gemeinde und auch von Kirche beinhaltet und voraussetzt. Dieses ist mit einem inhaltlich gefüllten Begriff von Gemeinschaft verbunden, der wiederum mit Zugehörigkeit und Nichtzugehörigkeit konnotiert ist. Denn das Gemeindehaus entstammt der Gemeindebewegung, die Ende des 19. Jahrhunderts die Aufgaben und den Charakter von Gemeinde neu bestimmte und damit das Bild von Kirche radikal veränderte.

2. Die Entstehung des Gemeindehauses in der Gemeindebewegung

Die Gemeindebewegung entstand als Reaktion auf die Industrialisierung des 19. Jh. und die damit verbundene Bevölkerungsexplosion in den großen Städten (zum Folgenden: Pohl-Patalong, 2003, 97-109). Die Kirchengemeinden umfassten nun Zehntausende von Gemeindegliedern, die aufgrund der engen Verwobenheit von Kirche und dörflicher Sozialstruktur keinen Anschlusss an die städtischen Gemeinden fanden. Die massive Entkirchlichung kann am Gottesdienstbesuch symbolisch abgelesen werden, der bei 1,5 % unter der evangelischen Bevölkerung in den Städten geschätzt wird. Auf diese Situation wie auf die soziale Verelendung der Bevölkerung reagierten zunächst christliche Vereine, die diakonische Arbeit mit Innerer Mission verbanden. Sie verbanden diese Anliegen mit sozialer Gemeinschaftsbildung und gründeten Vereinshäuser, in denen sich die Vereinsmitglieder trafen.

Bildeten sich die christlichen Vereine zunächst neben den parochialen Strukturen und durchaus auch in Konkurrenz zu ihnen, so wurde in einem zweiten Schritt die Reform der parochialen Gemeinden von dem Vereinscharakter inspiriert. Vor allem Emil Sulze entwarf die Idee der Gemeinde als eine durch christliche Liebe bestimmte Gemeinschaft neu, um Menschen in der industrialisierten Gesellschaft kirchlich zu erreichen (Sulze, 1912). Statt wie bislang die evangelischen Kirchenmitglieder eines Bezirks religiös mit Gottesdiensten, Amtshandlungen, Seelsorge und Unterricht zu „versorgen“, eröffnete jetzt die Gemeinde die Möglichkeit zu christlicher Gemeinschaft in der anonymen Großstadt und suchte darin, die verlorene Dorfgemeinschaft zu rekonstruieren. „Inmitten gesellschaftlicher Modernisierung, in den vielfältigen Übergängen von traditionellen zu modernen Gesellschafts- und Sozialformen, wird der Sozialbegriff ‚Gemeinschaft‘ zu einem Leitbegriff traditionaler Modernitätskritik. Auf der einen Seite verzeichnet er die Verlustgeschichte traditionaler Gemeinschaften […]. Auf der anderen Seite, und in dieser Weise vor allem ekklesiologisch aufgenommen, entwirft er ein Leitbild neuer Gemeinschaft, in der Menschen in ihrem ganzen Personsein miteinander verbunden sind“ (Fechtner, 1997, 214).

Jedes Mitglied sollte erfasst und gekannt werden und den anderen Gemeindegliedern in Liebe und Fürsorge zugetan sein. Dafür führte Sulze die Idee der „geselligen Abende“ ein, die – erstmalig – Freizeitangebote in die Kirchengemeinde verlagerten. Nach dem Vorbild der freien Vereine wurden jetzt für die verschiedenen naturständischen Gruppen – Kinder, Jugendliche, Frauen, Männer und alte Menschen – Angebote konzipiert. Dabei wurden religiöse Themen mit kultureller Darbietung und der Gelegenheit zu sozialen Kontakten verbunden. Als Ort dieser entstehenden Gruppen und Kreise entstand dann das Gemeindehaus nach dem Vorbild des Vereinshauses, das damit unlösbar mit der Neuausrichtung der Gemeinde verbunden war. „Diese neue Gemeinschaftsorientierung der Kirchengemeinden fand ihren sichtbarsten Ausdruck in der Institution des ‚Gemeindehauses‘“ (Roosen, 1997, 84).

Mit dem nun entstehenden Schwerpunkt der Kirchengemeinde auf dem geselligen Gemeindeleben trat die Kirche jetzt architektonisch nicht mehr nur durch den Kirchturm in Erscheinung, sondern ebenso durch das Gemeindehaus. „Die Kirchengemeinde wird damit, im Schaubild dargestellt, zu einer Ellipse mit zwei Brennpunkten: dem Kirchturm und dem Gemeindehaus“ (ebd.).

Da das Gemeindehaus ein Ort ehrenamtlicher Arbeit sowie der im Rahmen der Gemeindebewegung neu entstehenden kirchlichen Berufe der Gemeindehelferin, der Gemeindeschwester, der Diakone und Pfarrgehilfen war, ergab sich durch seine Konzeption „die Möglichkeit, dass andere Personen als der Pfarrer Verantwortung in der Gemeindearbeit übernehmen konnten“ (Doyé, 2010, 43). Seit den 1920er-Jahren erfolgte allerdings eine Verschiebung der Arbeit auf das Pfarramt hin. „Die Pfarrer wurden zunehmend in die Gemeindehausarbeit hineingezogen oder suchten von sich aus einen stärkeren Zugriff auf das Gemeindehaus“ (Roosen, 1997, 85).

Mit der Arbeit im Gemeindehaus veränderte sich auch der Pfarrberuf grundlegend: Zu den bisherigen kultischen und pädagogischen Funktionen traten kommunikative und soziale, vor allem aber organisatorische Aufgaben. Schon früh wurde die Gefahr gesehen, dass sich die Aufgaben des Geistlichen dabei immer stärker der Unterhaltung und Geselligkeit annähern und er zum „Manager eines großen Fürsorge-, Bildungs-, und Vergnügungsvereins (wird), der einen beträchtlichen Teil seiner Zeit Vorstandssitzungen und Proben widmen muß“ (Bülck, 1926, 32). Eine der wohl wichtigsten Neuerungen für das Pfarramt war dabei, dass jetzt der persönliche Kontakt zum Pfarrer für die Beziehung zur Kirche relevant wurde und ganz neue emotionale Ansprüche an den Pfarrberuf gerichtet wurden. Persönliche Kontakte und das „volle Haus“ wurden zu einem Qualitätsmerkmal der Gemeinde und gleichzeitig des pastoralen Berufes: Mit wie vielen der nominellen evangelischen Kirchenmitglieder die Pfarrperson in Kontakt steht und wie viele regelmäßig an den kirchlichen Angeboten teilnehmen, wurde (und wird bis heute) zu einem erheblichen Teil der Ausstrahlung und Leistungsfähigkeit des Pfarrers und mittlerweile auch der Pfarrerin zugeschrieben.

Für die Kirchenmitglieder wurde die aktive Beteiligung an den vereinsähnlichen Aktivitäten zum Maßstab für wahre kirchliche Mitgliedschaft. Die heutige „Kerngemeinde“ entstand, die bis in die Gegenwart das Gemeindehaus im Wesentlichen nutzt. Bereits in der Zeit seiner Entstehung wurde das mit dem Gemeindehaus verbundenen Konzept durchaus auch kritisch gesehen: „Es ist bekannt, wie der besondere Raum auch eine besondere Art von Christentum umschloß und erzeugte. Das typische Vereinshauschristentum kam auf: vom Pietismus hatte es seine weichere und weltflüchtige Stimmung, von der mit dem Pietismus verbündeten Orthodoxie sein Mißtrauen gegen freiere Regungen und Richtungen und schon von dem besonderen Raum das Gefühl, daß man neben den bloßen Kirchenchristen doch noch etwas Besonderes sei. Die wenig angenehme Folge war die, daß sich andererseits eine große Anzahl gut kirchlich gesinnter Gemeindeglieder vom Vereinshaus und allem, was darin getrieben wurde, geflissentlich fern hielt“ (Schoell, 1911, 79f.).

3. Gegenwart und Zukunft des Gemeindehauses

Gegenwärtig nehmen etwa 10 % der evangelischen Kirchenmitglieder mehr oder weniger regelmäßig an Veranstaltungen im Gemeindehaus teil. Milieutheoretisch ist mittlerweile deutlich geworden, dass die Attraktivität des Gemeindehauses in hohem Maße milieuabhängig ist. Zudem erleben Menschen es immer wieder als schwierig, neu zum Gemeindehausleben hinzuzukommen, weil dieses als „Heimat“ eines bestimmten Milieus empfunden wird, das eine bestimmte Form von sozialer Gemeinschaft pflegt.

Nicht nur deshalb ist heute über die Zukunft des Gemeindehauses konzeptionell neu nachzudenken. Gemeindepädagogisch wird erwogen, das Gemeindehaus als „ressourcenstarken Ort“ neu zu entwickeln, „nicht mehr als einen alles integrierenden Ort der Parochie, wohl aber als einen kirchlich identifizierbaren Ort, ein Ort vielfältigster gemeindepädagogischer Aktivitäten“ (Doyé, 2010, 43). Das Gemeindehaus könnte in dieser Linie „Lernwelten und Bildungsorte“ (ebd., 44) miteinander verbinden und zu einem „Mehrgenerationenhaus“ (ebd., 45) werden. Besonders in ländlichen Räumen gibt es erste Ansätze dazu, die Gemeindehäuser als eine der wenigen öffentlichen Orte, die in strukturschwachen Räumen noch vorhanden sind, zu profilieren und in ihnen religiöse mit kulturellen und sozialen Angeboten zu verbinden. Auf diese Weise öffnet sich die Gemeinde „in ein Netzwerk hinein, das Menschen lebensdienlich sein will“ (ebd., 47). Mit einem solchen Profil des Gemeindehauses orientiert sich die Kirche als Teil des Gemeinwesens. Gleichzeitig setzt sie die Tradition des Gemeindehauses für das 21. Jh. lebensrelevant und alltagsnah um.

Literaturverzeichnis

  • Bülck, Walter, Die evangelische Gemeinde. Ihr Wesen und ihre Organisation, Tübingen 1926.
  • Doyé, Götz, Das Gemeindehaus. Beispiel einer lernort- und biografiebezogenen gemeindepädagogischen Praxis im Miteinander der Generationen, in: Keßler, Hildrun/Doyé, Götz (Hg.), Den Glauben denken, feiern und erproben. Erfolgreiche Wege der Gemeindepädagogik, Leipzig 2010, 39-52.
  • Fechtner, Kristian, Gemeinde leben spätmodern. Überlegungen zu einem protestantischen Mythos und zu einer Sozialgestalt des Christentums, in: Grözinger, Albrecht/Lott, Jürgen, Gelebte Religion. Im Brennpunkt praktisch-theologischen Denkens und Handelns, Rheinbach 1997, 207-224.
  • Pohl-Patalong, Uta, Gemeinde in historischer Perspektive, in: Bubmann, Peter (Hg. u.a.), Gemeindepädagogik, Berlin/Boston 2012, 37-60.
  • Pohl-Patalong, Uta, Ortsgemeinde und übergemeindliche Arbeit im Konflikt. Eine Analyse der Argumentationen und ein alternatives Modell, Göttingen 2003.
  • Roosen, Rudolf, Die Kirchengemeinde – Sozialsystem im Wandel. Analysen und Anregungen für die Reform der evangelischen Gemeindearbeit, Berlin/New York 1997.
  • Schoell, Jakob, Evangelische Gemeindepflege. Handbuch für evangelisch-kirchliche Gemeindearbeit, Heilbronn 1911.
  • Sulze, Emil, Die evangelische Gemeinde, Leipzig 2. Aufl. 1912.
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