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Lexikon

Evangelische Unterweisung

1. Überblick

Das Konzept der Evangelischen Unterweisung bestimmte den evangelischen Religionsunterricht in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg bis weit in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts hinein. Programmatisch wurde das Konzept von dem Religionspädagogen Helmuth Kittel 1947 in seiner Schrift „Vom Religionsunterricht zur Evangelischen Unterweisung“ entfaltet, seine Ursprünge liegen aber in der kulturkritischen Aufbruchsstimmung der Jahre nach dem Ersten Weltkrieg, die auch die protestantische Theologie und in ihrer Folge die → Religionspädagogik erfasste. Die Erfahrungen des Weltkrieges und seiner Folgen, des Zusammenbruchs, des Kaiserreichs und der Notwendigkeit einer politischen und soziokulturellen Neuorientierung evozierten bei vielen Intellektuellen der 1920er Jahre ein epochales Krisenbewusstsein. Im Bereich der Religionspädagogik drückte sich dies in der kategorischen Ablehnung des überkommenen liberalen, anthropologisch und psychologisch akzentuierten Religionsbegriffs aus. Die Religion der liberalen Theologie wurde in diesem Sinne als bloßes Menschenwerk, als innerweltlich reproduzierbares Kraftgefühl und Erlebnis dekonstruiert und der auf diese Religion bezogene Religionsunterricht als „Lüge“ gegenüber den Heranwachsenden dechiffriert. Man forderte nun einen allein auf das Wort Gottes konzentrierten, verkündigenden und kirchlich orientierten Unterricht, der konsequenterweise nun auch nicht mehr „Religions“-Unterricht heißen sollte. Die historische Situation der Entstehung der Konzeption der Evangelischen Unterweisung nach dem Ersten und ihrer praktischen Implementierung nach dem Zweiten Weltkrieg war strukturell ähnlich: bestimmend waren die Erfahrungen von Krieg, Zerstörung, Zusammenbruch und Neuorientierung. Die Beziehung der Protagonisten der Evangelischen Unterweisung zum nationalsozialistischen Herrschaftssystem von 1933-1945 erscheint allerdings ambivalent (vgl. dazu Rickers, 1995).

Parallelen zur Evangelischen Unterweisung zeigen sich in dem katholischen Konzept des → kerygmatischen Religionsunterrichts.

2. Wort-Gottes-Theologie und Dialektische Religionspädagogik: die Wurzeln der Evangelischen Unterweisung

Der Römerbriefkommentar von Karl Barth in seiner zweiten Auflage (vgl. Barth, 1976) markiert den Beginn einer Neuausrichtung theologischen Denkens nach dem Ersten Weltkrieg, das in Absetzung von liberaler Theologie und kulturprotestantischen Traditionen des 19. Jahrhunderts → Theologie konsequent vom Wort Gottes aus betreiben will. Der Zeitgeist kommt besonders in der Aufnahme des Begriffs der „Krisis“ und seiner theologischen Wendung zum Ausdruck. Die → Offenbarung Gottes in → Jesus Christus ist die „Krisis“ von Geschichte und Kultur in einem ganz grundsätzlichen Sinne: Sie ist das Gericht über alle menschlichen Versuche, in Geschichte und Gegenwart selbstmächtig letzten Sinn zu konstituieren und damit den qualitativen Unterschied zwischen Mensch und Gott, Schöpfer und Geschöpf zu nivellieren. Kultur als menschliches Projekt und insbesondere jegliche Form von Religion geraten so unter radikale theologische Kritik. In der Sache schließt sich diese Kritik an Feuerbachs Religionskritik an, der zufolge Religion nichts Anderes sei als die Projektion menschlicher Wesensattribute in ein imaginäres göttliches Wesen. In dieser religionskritischen Perspektive kann Gegenstand der Theologie keineswegs die Religion sein, genauso wenig wie irgendeine Form von „Vermittlung“ göttlicher und menschlicher Wirklichkeit.

Aufgabe der Theologie ist einzig ein sich selbst beschränkendes und gehorsames „Nach-Denken“ der Offenbarung Gottes, die quasi „senkrecht von oben“ in die Diesseitigkeit einschlägt und alles menschliche Tun radikal in Frage stellt.

Eine breite Strömung der → Religionspädagogik jener Zeit folgte diesem Denken, das später unter der Bezeichnung „Dialektische Theologie“ firmieren sollte. Namentlich der Pädagoge Gerhard Bohne als Hauptvertreter dieser Strömung erarbeitete die Konturen einer dialektischen Religionspädagogik. Gerhard Bohne wurde in seinem Denken von Karl Barth beeinflusst, aber auch von anderen Vertretern der Dialektischen Theologie, namentlich von Rudolf Bultmann, behauptete aber ihnen gegenüber eine eigenständige didaktische Theorie (zum Verhältnis Bohnes zur Dialektischen Theologie vgl. die kritische Bestandsaufnahme bei Krotz, 1982). In seinem Standardwerk „Das Wort Gottes und der Unterricht“ von 1929 entfaltet er zwei Aufgaben des → Evangelischen Religionsunterrichts. Zum einen ist der Religionsunterricht nicht wie in der liberalen Religionspädagogik Bestandteil von → Bildung, sondern im Gegenteil „Störung der Bildung von Gott her“, insofern er Bildung als menschlichen Versuch der Selbstvervollkommnung entlarvt. Zum anderen ist es sein Ziel, angesichts der Krisis, die vom Wort Gottes aus über die Gegenwart ergeht, Schülerinnen und Schüler in die Entscheidung zu rufen (vgl. Meyer-Blanck, 2003, 115-132). Mit dieser in seinem Werk zentralen Kategorie der Entscheidung greift Gerhard Bohne Impulse der Existenzphilosophie Sören Kierkegaards und vor allem der existentialen Theologie Rudolf Bultmanns auf. Als Pädagoge bringt Gerhard Bohne aber die dogmatischen Spitzen der Wort-Gottes-Theologie mit der zeitgenössischen Analyse seiner Schülerschaft zusammen, der „… aufgrund ihrer unmittelbaren Erfahrung mit unserer gesamten Kultur auch das Christentum als Bestandteil dieser Kultur fraglich geworden [ist]. Wie ihr die gesamte Vorkriegsmentalität eben zum ,Gestern‘ gehört, so auch die Religion …“ (Bohne, zitiert nach Bolle/Knauth/Weiße, 2002, 76). Und weiter heißt es: „Die Jugend spürt, daß in der Begegnung mit der Religion – sagen wir besser: mit Gott – eine Lebensentscheidung fällt, daß es in ihr um Sein und Nichtsein geht, daß von ihr die Entweder-oder-Frage gestellt wird“ (Bohne, zitiert nach Bolle/Knauth/Weiße, 2002, 76).

Religionsunterricht steht in dieser Sicht in einer doppelten, unaufhebbaren Spannung. Schulpädagogisch und bildungstheoretisch ist er in seinem grundsätzlichen theologischen Protest gegen alle Bildungsbemühungen ein Fremdkörper an der Schule, muss sich aber gleichzeitig als Fach unter anderen Fächern an der → öffentlichen Schule legitimieren. Neben dieser Dialektik des Religionsunterrichts in bildungstheoretischer Perspektive identifiziert Gerhard Bohne aber auch eine Spannung auf didaktischer Ebene. Sein Ziel, Heranwachsende in die Entscheidung zu rufen, lässt sich seinem eigenen Selbstverständnis nach methodisch-didaktisch nicht planen, muss aber gleichwohl unterrichtlich angebahnt und ermöglicht werden. Gerhard Bohne resümiert: „So ist der RU dadurch, dass er Religionsunterricht sein will und doch zugleich Religionsunterricht ist, hineingestellt in eine ungeheure Spannung“ (Bohne, 1929, 63). Diese unaufhebbare Spannung ist Signatur einer dialektischen Religionspädagogik und muss von der Lehrkraft ausgehalten werden. „Wir müssen reden von Gott, ohne ihn selbst reden lassen zu können […] wir müssen psychologisch und pädagogisch verfahren, ohne zu hoffen, dass das ein Weg zu Gott sei. Kurz alles, was wir tun, gehört irgendwie zum Bildungsvorgang und doch wollen wir auf Schritt und Tritt darüber hinaus“ (Bohne, 1929, 62).

Ein weiterer bedeutender Vertreter dieser Phase der Evangelischen Unterweisung war Martin Rang, der in seinem Handbuch für den biblischen Unterricht (Rang, 1947), anknüpfend an Gerhard Bohne und unter dem Eindruck der Bekennenden Kirche, Religionsunterricht zugespitzt als „Kirche in der Schule“ beschreibt. Dieser Unterricht legitimiert sich im Grunde als nachgeholter Taufunterricht, der die getauften Schülerinnen und Schüler zu mündigen Gliedern ihrer Kirche bildet und erzieht. Mit seinem Lehrwerk für das Gymnasium (Rang, 1949) prägte Martin Rang nach dem Zweiten Weltkrieg Generationen evangelischer Schülerinnen und Schüler. Es wurde bis in die 1980er Jahre aufgelegt.

Ähnlich wie Martin Rang entfaltete Oskar Hammelsbeck, der während der NS-Zeit im Kontext der Bekennenden Kirche wirkte, Religionsunterricht als kirchliche Aufgabe. Er sah ihn aber nicht isoliert, sondern verknüpfte ihn mit anderen Feldern kirchlicher Bildungsarbeit, vom → Kindergottesdienst bis zur → Erwachsenenbildung, konstituierte somit kirchliche Bildungsarbeit als einen die Biografie überspannenden, pädagogischen Handlungszusammenhang – eine Einsicht, die in der späteren → Religionspädagogik prominent aufgenommen und ausdifferenziert wurde (vgl. Nipkow, 1990).

3. Vom Religionsunterricht zur Evangelischen Unterweisung: die Implementierung des Konzepts

In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Konzept der Evangelischen Unterweisung rasch auf allen Ebenen der Religionspädagogik implementiert: in der Unterrichtspraxis, in der Aus- und Fortbildung von Religionslehrerinnen und Religionslehrern und bei der Erstellung von → Lehrplänen und Lehrmaterialien (vgl. Dieterich, 2007, 307-348). Dazu trug vor allem bei, dass das Konzept angesichts des gerade untergegangenen „Dritten Reiches“ vielen als politisch unverdächtig galt. Man konnotierte Evangelische Unterweisung in jener Zeit vornehmlich mit Bekennender Kirche, kirchlichem Widerstand gegen die NS-Diktatur und mit der als immun gegen ideologische Instrumentalisierungsversuche geltenden Dialektischen Theologie Karl Barths. Dies ist ein Fehlurteil, wie wir heute wissen. Denn gerade der Protagonist der Evangelischen Unterweisung, Helmuth Kittel, war nicht nur Mitglied verschiedener NS-Organisationen, sondern vertrat selbst auch autoritäre, antidemokratische und antiaufklärerische Theorien und hat sich darüber hinaus nie von seinen biografischen Verstrickungen in das nationalsozialistische Herrschaftssystem distanziert (vgl. Rickers, 1995, 1-99). Im Gegenteil, in seinen Schriften versuchte Helmuth Kittel nachträglich, positive Bezüge zu Karl Barth und zur Bekennenden Kirche herzustellen, obwohl er diese in der Zeit des Nationalsozialismus offen diffamierte.

In seiner Schrift „Vom Religionsunterricht zur Evangelischen Unterweisung“ (Kittel, 1949) entwirft Helmuth Kittel programmatisch das Konzept der Evangelischen Unterweisung und greift dabei auf frühere Ansätze, namentlich auf den Gerhard Bohnes (s.o.), zurück. Ausgangspunkt seines religionspädagogischen Programms ist nun aber nicht so sehr eine allgemeine Kulturkritik, sondern die Dekonstruktion des Religionsbegriffs. Theoriegeschichtlich habe die Aufklärung den Begriff der Religion zu einem „Abstraktum“ werden lassen, das aber „unter der Hand zu einem Ersatz-Konkretum“ geworden sei. „An die Stelle Gottes als Inhalt eines konkreten Glaubens trat entweder ein religionsphilosophischer Begriff, wie z.B. ,das Absolute‘, oder ein religionspsychologisches Phänomen, wie z.B. ,das Gefühl der Unendlichkeit‘“ (Kittel, 1949, 7). Da sich der Religionsunterricht konstitutiv auf diesen von Helmuth Kittel als überkonfessionell und überchristlich apostrophierten liberalen Religionsbegriff beziehe, habe er selbst zu seiner Entchristlichung und letztlich auch zu seiner Instrumentalisierung durch die NS-Ideologie beigetragen. Diese Denkbewegung müsse nun umgekehrt und der Religionsunterricht wieder ausschließlich an dem konkreten und lebendigen Wort Gottes ausgerichtet werden. Schon die Bezeichnung „Religionsunterricht“ weise so gesehen in die falsche Richtung. „Evangelische Unterweisung, so heißt die uns gestellte Aufgabe – nie wieder RU!“ (Kittel, 1949, 10).

Evangelische Unterweisung als „Unterweisung im rechten Umgang mit dem Evangelium“ (Kittel, 1949, 10) ist in Helmuth Kittels Sicht ein profiliert christlicher Unterricht, der sich der lutherischen Tradition folgend materialiter an der Bibel als dem Wort Gottes, dem Gesangbuch als „Gebetbuch der evangelischen Gemeinde“ (Kittel, 1949, 12) und dem → Katechismus als „Summa und Auszug aus der Heiligen Schrift“ (Kittel, 1949, 14) orientiert. Darüber hinaus hat auch die Behandlung kirchengeschichtlicher Inhalte (→ Kirchengeschichte) in der Evangelischen Unterweisung ihren Platz; aber sie sollte nicht in historisierender Absicht erfolgen, sondern sich theologisch auf die geschichtliche Wirksamkeit des Heiligen Geistes beziehen, ohne damit die Geschichte der Kirche zu idealisieren.

Schultheoretisch betrachtet ist die Evangelische Unterweisung wie bei Gerhard Bohne ein Fremdkörper im System. Ihre Funktion in der Schule ist – modern gesprochen – die → Ideologiekritik schulischer Bildungsbemühungen. Evangelische Unterweisung hält den anderen Fächern den Spiegel vor, wenn sich in ihnen die Tendenz durchsetzt, pseudoreligiöse „Spezialweltanschauungen“ auszubilden. Indem im praktischen Vollzug der Evangelischen Unterweisung das Wort Gottes klar zu Gehör gebracht wird, werden alle Versuche der „weltlichen“ Fächer, sich selbst zu idealisieren, von Gott her durchbrochen. „Eine echte EU (= Evangelische Unterweisung, R.M.) leistet den anderen Volksschulfächern den Dienst einer ständigen Reinigung ihrer Gehalte von allen Religiosierungen“ (Kittel, 1949, 27). Dabei wird die Spannung, die in Gerhard Bohnes dialektischer Religionspädagogik noch ausgehalten werden musste, bei Helmuth Kittel einseitig aufgelöst: Die Evangelische Unterweisung hat keinen Ort in der Schule. Ihr Ort ist die Kirche. Die Kirche als Gemeinschaft der Gläubigen ist das Kraftzentrum, aus dem die Evangelische Unterweisung lebt: „Wer wollte es wagen, unserer Bildungswelt mit diesem Evangelium gegenüberzutreten, wenn er nicht in einer Kirche lebte, die der Welt gegenübersteht?“ (Kittel, 1949, 30). Die Religionslehrkraft muss folglich eine enge Bindung zu ihrer Kirche haben, wenn sie „echte“ Evangelische Unterweisung betreiben will. Mehr noch: Sie ist Inhaberin eines Amtes, das biblisch bezeugt und letztlich von Gott selbst eingesetzt wurde und das eine „Amts-Brüderlichkeit“ mit dem Pfarrer der Gemeinde begründet (Kittel, 1949, 43). In dieser Perspektive bestimmt Helmuth Kittel auch die traditionellen Schulandachten neu: Sie sind keine „religiösen Feiern“ zur Erhebung des Gemüts, sondern Gottesdienste mit den zentralen Elementen der Schriftauslegung und des Gebets. „Andachten in der Schule sind Gottesdienst in der Schule oder sie sind nicht evangelisch“ (Kittel, 1949, 21).

Auch weitere religionspädagogische Bestimmungen sind bei Helmuth Kittel kirchlicher Dogmatik entlehnt. So etwa, wenn er die „Heiligung“ der Schülerinnen und Schüler als letzten Zielhorizont Evangelischer Unterweisung herausstellt. Heiligung ist reformatorischer Einsicht folgend ein allein durch Gottes Geist gewirktes Geschehen, dem im Unterricht Raum gegeben werden muss. Im gemeinsamen Hören auf Gottes Wort erkennen → Schülerinnen und Schüler wie Lehrerinnen und Lehrer (→ Lehrkraft) geistgewirkt ihre → sündhafte Selbstbezogenheit und Schuldverstrickung, geben sich ganz dem göttlichen Wirken hin und gewinnen erst so ihre Freiheit zu einem gottgefälligen Tun in der Welt. Aus dieser theologischen Zielbestimmung ergeben sich zwei unterrichtlich bedeutsame Konsequenzen: zum einen die Solidarität von Lehrerinnen und Lehrern und Schülerinnen und Schülern unter der → Sünde und damit eine kritische Sicht auf die natürliche Autorität der Lehrkraft sowie die Relativierung von Methoden in der Evangelischen Unterweisung. Methoden haben einzig und allein die Funktion zu helfen, „… Gottes Wort in der eindeutigen und einmaligen Bestimmtheit seiner gegenwärtigen Anrede vernehmlich zu machen …“ (Kittel, 1949, 25).

Helmuth Kittels Programm einer Evangelischen Unterweisung wurde von anderen Religionspädagogen und Religionspädagoginnen der Nachkriegszeit aufgegriffen und variiert. Kurt Frör orientierte das Konzept der Evangelischen Unterweisung in seinem Werk „Erziehung und Kerygma“ (Frör, 1952) an der lutherischen Lehre von den zwei Regimenten Gottes und konnte so die Erziehung als rein weltliches Geschehen von der kerygmatischen Dimension, die sich in christlicher Belehrung, Erziehung und Seelsorge vollzog, begrifflich differenzieren. Somit war, über Helmuth Kittel hinausgehend, die Basis für ein Gespräch auf Augenhöhe zwischen → Allgemeiner Pädagogik und → Religionspädagogik grundgelegt.

Oft vergessen in der Geschichtsschreibung, im Übrigen auch von Helmuth Kittel nicht erwähnt, wird eine Frau, die nach dem Zweiten Weltkrieg wesentliche Impulse zur Ausgestaltung des Konzepts der Evangelischen Unterweisung gab: Ilse Peters. Sie war seit 1929 die erste Professorin für Religionspädagogik in Deutschland, wurde aber aufgrund der NS-Rassengesetze 1933 aus dem Amt entlassen. Sie arbeitete während der NS-Diktatur in der Schulkammer der Bekennenden Kirche an dem didaktischen Konzept eines „kircheneigenen Religionsunterrichts“, der die Jugendlichen gegen die hereinbrechende NS-Ideologie rüsten sollte (Reents, 1997, 53-79). Auf der Grundlage dieser Arbeit entwickelte sie mit anderen seit 1946 einen → Lehrplan für die Evangelische Unterweisung, der mit verschiedenen Überarbeitungen bis in die 1960er Jahre galt und sich angesichts des Holocaust insbesondere um eine Neugestaltung der Beziehung zwischen Christen und Juden (→ Judentum, als Thema christlich verantworteter Bildung) bemühte, auch gegen zum Teil massive Kritik aus Kreisen der Religionspädagogen.

4. Evangelische Unterweisung und ihr Ertrag für die Religionspädagogik

Die Evangelische Unterweisung ist kein einheitliches Konzept, auch wenn die Programmschrift Helmuth Kittels dies nahezulegen scheint. Zum einen ist sie über einen längeren Zeitraum entstanden, wurde immer wieder überarbeitet und weiterentwickelt, gerade auch angesichts gesellschaftlicher und politischer Veränderungen. Zum anderen sind die Vertreterinnen und Vertreter der Evangelischen Unterweisung pädagogisch wie theologisch durchaus unterschiedlich geprägt. Während sich für Ilse Peters, Oskar Hammelsbeck und Gerhard Bohne noch am ehesten der Einfluss Barth‘scher Theologie nachweisen lässt, ist die geistige Heimat Helmuth Kittels und Kurt Frörs eher die lutherische Tradition (vgl. Rickers, 1995, 83-90). Entgegen der pauschalen Kritik am Empiriedefizit ( Empirie) der Evangelischen Unterweisung lässt sich zeigen, dass z.B. Gerhard Bohne die lebensweltliche Situation der Jugendlichen durchaus wahrnimmt und auch jugendpsychologische Studien rezipiert; Helmuth Kittel dagegen qualifiziert den Schüler und die Schülerin ausschließlich theologisch als Kind Gottes, dem erst im Hören auf das Evangelium deutlich wird, wer es selbst ist (vgl. Lämmermann, 1994, 92). Angesichts dieser Vielfalt erscheint eine undifferenzierte Diffamierung der Evangelischen Unterweisung als „dunkle Epoche“ einer unpädagogischen, theologisch-normativen Religionspädagogik aus heutiger Sicht nicht sachgemäß, zumal es in der Praxis Evangelischer Unterweisung Spuren durchaus kindgemäßen Unterrichtens gibt, die bereits auf die Didaktik der → Elementarisierung verweisen (Büttner, 2004, 153-168).

Positiv erinnert die Evangelische Unterweisung in all ihren Nuancen die Religionspädagogik daran, dass die Beziehung zum gelebten Glauben für den schulischen Religionsunterricht konstitutiv ist und dass gerade in diesem Bezug das ideologiekritische Potenzial (→ Methoden der Ideologiekritik) des Religionsunterrichts liegt, das zu entfalten angesichts der Herausbildung postmoderner Mythen und Ideologien aktuell gesellschaftlich dringend geboten erscheint. Auch auf die didaktische Bedeutung der → Lehrperson in ihrer Authentizität und konfessorischen Positionalität für gelingende religiöse Bildungsprozesse hat die Evangelische Unterweisung nachhaltig hingewiesen.

Hingegen hat die in der Evangelischen Unterweisung angelegte Isolierung des Religionsunterrichts in der Schule, der zunehmend auch den Anschluss an die methodisch-didaktische Entwicklung der Schulpädagogik verlor, wesentlich zum Bedeutungsverlust des Faches beigetragen, was in den 1960er Jahren neue Konzepte erforderlich machte, die den Fokus mehr auf Schülerorientierung und eine schulpädagogische Begründung des Religionsunterrichts legten.

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