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Lexikon

Eschatologie

Monika Jakobs

(erstellt: Febr. 2016)

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1. Was ist Eschatologie?

1.1. Zwischen Jenseitsorientierung und Gegenwartsbezug

Christliche Theologie sieht sich immer wieder mit dem Vorwurf konfrontiert, der Glaube an das ewige Leben halte Menschen davon ab, sich für Gerechtigkeit in dieser Welt einzusetzen, um sie stattdessen auf eine bessere Welt zu vertrösten. Dieser Vorwurf bezieht sich auf eine Eschatologie, die auf der absoluten Trennung zwischen Diesseits und Jenseits beruht, wie sie von der Neuscholastik seit dem 19. Jahrhundert wiederbelebt wurde: Weltlich-menschliche Aktivität beschränke sich auf religiöse Werke, die einen Vorteil im Himmel versprechen.

Präsentische Eschatologie geht demgegenüber davon aus, dass nicht die Spekulation über Tod und Endzeit die Mitte der Eschatologie bilden, sondern den Blick auf die Geschichte und das menschliche Leben unter der Glaubensprämisse, dass diese nicht bedeutungslos, sondern zur Vollendung bestimmt sind.

Damit ist auch das Verständnis von leiblicher → Auferstehung berührt: Der ganze Mensch stirbt, die Vollendung, das ewige Leben in Fülle, ist dem ganzen Menschen – und nicht nur seiner Seele – zugesagt. Ewig ist hier ein qualitativer, kein zeitlicher Begriff; er zeigt gerade das Herausfallen aus der Zeit. Für diesen schwierigen Gedanken hält die Glaubenstradition eine Reihe von Bildern bereit: Himmel, Festmahl, Paradies.

Diese Bilder sind Bilder der Gemeinschaft und Harmonie; sie weisen darauf hin, dass die Vollendung des Einzelnen untrennbar mit der Vollendung aller verbunden ist. Damit ist die Problematik des Verhältnisses von individuellem und allgemeinem Gericht angesprochen, welche wiederum die Voraussetzung für das Modell eines „Zwischenzustandes“ ist (Sattler, 2010, 159-161). Der Gedanke endzeitlicher vollkommener Versöhnung ist jedoch nicht unproblematisch: So beharren einige Pfingstkirchen mit sehr armen Menschen auf Höllenszenarien, um Reiche zur Umkehr zu bewegen. Die Hoffnung auf eine Versöhnung von Tätern und Opfern erscheint als zynische Zumutung (Sattler, 2010, 169).

Anders gefragt: Enthält nicht auch die präsentische Eschatologie das Potenzial zur Vertröstung? Dagegen wäre einzuwenden, dass gerade die Erfahrung und die Unerträglichkeit des unschuldigen, unabgegoltenen Leides den Nährboden bildet für die Vorstellung eines göttlichen Gerichtes, das Gerechtigkeit herstellt, das allerdings menschliche Vorstellungen von Rache oder Ausgleich übersteigt. Diese Erfahrungen sind nicht zu verdrängen.

Diese moderne Sicht wendet sich gegen die jahrhundertelange christliche, besonders katholische Theologie und Predigt von Fegefeuer, Höllenqualen und der Unentrinnbarkeit des Gerichtes am Ende der Tage. Die katholische Theologie der Neuzeit hat diese Zumutungen immer mehr abgelegt: Gewaltmetaphorik und Strafgerichte werden getilgt, die Nachtodesvorstellungen werden individualisiert, entpönisiert und damit quasi zivilisiert (Ebertz, 2010). Die Akzentverlagerung der Eschatologie scheint Lücken hinterlassen zu haben, die von Bewegungen am Rande des religiösen Mainstreams (z.B. Freikirchen, katholische Traditionalisten) mit den alten Bildern aufgefüllt werden, von den Narrativen in Fernsehen, Film und Computerspielen unter Einsatz der technologischen Mittel und Effekte noch dramatischer erzählt werden. Für eine Vielzahl von Menschen sind traditionelle Motive von Fegefeuer, Hölle und Teufel heute aber schlicht irrelevant.

Die Bibel selbst ist diesbezüglich zurückhaltend, abgesehen von den bildgewaltigen Apokalypsen. Sie enthält verschiedene eschatologische Deutungsangebote: Inkarnation, Tod und Auferstehung, die Verkündigung des Reiches Gottes (vgl. dazu Abschnitt 1.3) sowie der Tun-Ergehen-Zusammenhang bei den Propheten.

Auch in der wissenschaftlichen Theologie gibt es keinen Konsens darüber, wie das "Verhältnis von Eschatologie und Apokalyptik, von Soteriologie und Theodizee, von Zeit und Ewigkeit zusammen zu bringen ist. So ist das eschatologische Gelände eine Baustelle, die unabgeschlossen ist" (Gruber, 2010, 23f.). Der physische Tod und seine Unentrinnbarkeit ist das einzige empirische Faktum der Eschatologie. Alles, was darüber hinausgeht, sind Bilder des Glaubens für den Sinn von Leben und Tod.

Eschatologie beschränkt sich nicht auf Nachtodesvorstellungen, sondern umfasst eine zeitliche Dimension, die von der absoluten Zukunft, dem Jenseits, in die Gegenwart zurückreicht. Damit bezieht sie sich nicht nur auf das Individuum, sondern auf das Kollektiv der gesamten Menschheit. Diese kosmische Perspektive, die Frage nach der universalen Gerechtigkeit, der Gemeinschafts- und der Hoffnungscharakter des Jenseits, sind religionspädagogisch unterbelichtet.

1.2. Apokalyptik

Apokalyptik ist eine besondere Form der Endzeitvorstellung. Sie zeichnet sich durch eine dualistische Weltsicht, in der Gut und Böse eindeutig und trennscharf zu unterscheiden sind, aus. Apokalyptische Überzeugungen gehen oft einher mit einem Gefühl der Entfremdung von der immer schlechter werdenden Welt und der Gewissheit einer radikal neuen gottgegebenen Welt. Typisch für die Apokalyptik ist die Überzeugung, dass man das Kommen der Endzeit an objektiven Zeichen ablesen kann. Für Menschen in der Krise kann Apokalyptik Trost sein, denn die als negativ erlebte menschliche Zeit ist befristet und läuft unwiderruflich auf die Zeit Gottes zu (Rahner, 2010, 49). Steht der Mensch auf der richtigen Seite, so ist ihm eine leuchtende Zukunft gewiss.

Apokalyptische Denkweisen zeigen sich in der heutigen Zeit vor allem in bestimmten islamischen und christlich-fundamentalistischen Kreisen. Jedoch vermag auch eine katastrophen- und bedrohungsorientierte Berichterstattung Ängste auszulösen, die instrumentalisierbar sind. Insofern zielt die Auseinandersetzung mit der Apokalyptik in die Mitte unserer politischen Kultur.

1.3. Reich Gottes: schon und noch nicht

Die Predigt vom Reich Gottes steht in der Mitte der jesuanischen Verkündigung. Sie geht nicht auf die damals verbreiteten Heilserwartungen ein, auf die Messiashoffnungen, die Sehnsucht nach dem „starken Mann“. Die Gottesherrschaft ist „schon und noch nicht“. Mit Jesus ist sie schon angebrochen. Damit sind Gegenwart und Zukunft nicht getrennt. Damit widerspricht die Reich-Gottes-Verkündigung dem damals ebenfalls vorhandenen apokalyptischen Dualismus und Determinismus und ruft die Menschen dazu auf, das Reich Gottes im Unscheinbaren wahrzunehmen und daran mitzuwirken. Die Gegenwart wird „zum Anfang der erhofften Vollendung“ (Nocke, 1999, 58).

Jesu Verkündigung vom Reich Gottes nimmt drängende menschliche Fragen auf: Heilung von Krankheit, Stillung von Hunger, soziale Akzeptanz und Gerechtigkeit. Probleme, deren Lösung damals wie heute fern ist. Nicht die Befristung der Zeit, sondern ihre Erfüllung ist das entscheidende biblische Motiv. Dabei geht es um eine neue Qualität von Zeit, die anamnetisch begründet wird: Die Erfahrung mit Gottes Handeln ist die Basis des Glaubens, dass dies auch in Zukunft so sein wird.

Das Reich Gottes wird in leicht verstehbaren Gleichnissen vermittelt. Das sollte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die damit verbundene Botschaft existenziell nicht so leicht einzuholen ist. Wo ist in unserer Zeit, in meinem Leben, das schon angefangene Reich Gottes zu erkennen? Welche sprachlichen und nichtsprachlichen Ausdrucksformen sind notwendig, um die Objektivierung des Reiches Gottes zu vermeiden?

2. Kinder und der Tod

2.1. Tod in der kindlichen Lebenswelt

Dem oft wiederholten Mantra, der Tod würde in unserer Gesellschaft verdrängt, muss widersprochen werden. In der Lebenswelt heutiger Kinder kommt der Tod vielfältig vor: Sie werden mit Fernsehnachrichten konfrontiert, vom Tod wird erzählt in Märchen und anderen Erzählungen, und nicht zuletzt hat er seinen Platz in Trickfilmen und Computerspielen. Eine neue existenzielle Dimension tritt auf beim realen Verlust eines Menschen oder im Umgang mit Trauernden, manchmal reicht aber auch schon der Anblick eines toten Tieres.

Die Erfahrung zeigt, dass Kinder nach dem Tod fragen, sei es, weil es einen konkreten Anlass gibt, wie den Tod eines nahestehenden Menschen, eine Geschichte, den Tod eines Haustieres oder sei es scheinbar unmotiviert. Unzählige Bilderbücher und Ratgeber geben Hilfestellungen für diesen Fall; nicht ohne Grund ist die Thematik in der Kindertheologie beliebt.

Ein angemessener Umgang ist abhängig von Entwicklungsstand, Betroffenheit und Motivation des Kindes. Es ist zu berücksichtigen, ob und aus welchem Anlass ein Kind traurig ist, ob es scheinbar grundlos Angst hat, ob es schlicht durch Neugierde angetrieben wird. Zu berücksichtigen ist zudem, dass der Zeithorizont von Kindern noch am Wachsen und eng mit Anschauungen verknüpft ist („noch x-mal schlafen“). Noch fehlt die Fähigkeit Zeitebenen zu wechseln um künftige Situationen oder Gefühlslagen zu antizipieren und darauf ihr unmittelbares Handeln auszurichten. Angesichts dieses begrenzten Zeithorizonts ist auch die kindliche Kreativität im Hinblick auf das, was nach dem Tod kommt, nicht streng eschatologisch zu interpretieren.

2.2. Die Entwicklung des Todesverständnisses bei Kindern

Die Entwicklung des kognitiven Todesverständnisses von Kindern kann wie folgt beschrieben werden (Nagy, 1948; Speece, 1995):

  • Vom 2. bis 4. Lebensjahr wird die Nonfunktionalität des Todes erfahren. Der Erfahrung, dass ein Wesen nicht mehr da ist, entsprechen Vorstellungen von Reise oder ferner Ort. Man kann richtig tot oder nur ein bisschen tot sein. Der eigene Tod wird nicht in Betracht gezogen. Das Thema löst in der Regel noch keine Ängste aus.
  • Zwischen dem 6. und dem 7. Lebensjahr wird die Irreversibilität des Todes begriffen, was zu erhöhter Angst vor dem Verlust lieber Menschen führen kann.
  • Im Laufe der Grundschulzeit begreift das Kind allmählich die Endgültigkeit des Todes. Trennungsängste nehmen zu. Es entwickelt sich ein magisches Denken („Wenn ich ganz lieb bin, wird Mama nicht sterben“). Gleichzeitig ist ein wachsendes Interesse an allen Dingen rund um den Tod festzustellen; sie werden als spannend, interessant und gruselig empfunden.
  • Auf einer nächsten Stufe versteht das Kind, dass jeder Mensch einmal sterben muss (Universalität des Todes). Danach – Nagy spricht vom 10./11. Lebensjahr – entwickeln sich Jenseitsvorstellungen.

Während die Altersangaben zu relativieren sind, behält die Abfolge der Schritte Gültigkeit. Eine weitere Komponente des Verständnisses vom Tod ist die Frage nach dessen Kausalität. Generell neigen jüngere Kinder dazu, unrealistische Ursachen für den Tod anzunehmen.

Die Forschung in der Nachfolge von Nagy legt eine normative Vorstellung von erwachsenem Glauben zugrunde, die nichtnaturalistische Vorstellungen (z. B. Weiterleben im Himmel) als Zeichen mangelnder intellektueller Reife interpretiert. Da sich solche Vorstellungen bei Erwachsenen, welche die physischen Implikationen des Todes verstehen, ebenfalls finden, wird vorgeschlagen, dass zu den genannten Kriterienauch die nichtnaturalistischen Vorstellungen als Komponente des Todesverständnisses untersucht werden (Speece ,1995).

2.3. Den Tod mit Kindern thematisieren

Viele Erwachsene scheuen sich, mit Kindern über den Tod zu sprechen; manche Eltern wollen ihre Kinder beschützen, spielen deshalb die Schwere des Themas herunter oder vermeiden es gänzlich. Grundsätzlich ist zu sagen, dass es für ein Kind wichtig ist, trotz Todesangst oder Todeserfahrung zu spüren, dass es selbst oder die ganze Familie nicht in Gefahr ist.

Dabei ist die konkrete Thematisierung von den spezifischen Erfahrungen, dem Entwicklungsstand und der konkreten Motivation des Kindes abhängig. Für das Gespräch mit Kindern über den Tod können auf der Basis der entwicklungspsychologischen Erkenntnisse folgende Regeln gelten (Speece, 1995):

  • Kleinkinder verstehen noch nicht, was Tod ist, spüren aber die emotionalen Konsequenzen des Todes bei anderen und reagieren darauf. Fragen sollten ehrlich und verständlich beantwortet werden; zentral aber ist die Vermittlung des Gefühls von Sicherheit und nach Möglichkeit das Aufrechterhalten der gewohnten täglichen Routine.
  • Vorschulkinder sehen den Tod noch als reversibel an. So lässt sich erklären, dass sie nicht sehr heftig auf einen Todesfall reagieren oder ihre Trauer nur kurz ist. Der Wunsch, ebenfalls zu sterben, kann darin begründet sein, dass man der verstorbenen Person nahe sein möchte. Bei einem tatsächlichen Verlust wird Trauer nicht durchgehend und lang anhaltend ausgedrückt, sondern kann sich in kurzen Intervallen mit unbeschwerten Gefühlen abwechseln.

Allerdings kann die Vorstellung, dass der Tod eine Art Schlaf darstellt, auch zu Ängsten beim Einschlafen, in der Dunkelheit und zu Alpträumen führen. Die Verharmlosung des Todes als Schlaf oder Weggehen ist dazu geeignet, solche Ängste zu verstärken. Ebenso wie Kleinkinder reagieren die größeren auf Emotionen von anderen. Dies kann sich in regressivem oder aggressivem Verhalten zeigen. Eine angemessene Methode ist das Anschauen geeigneter Bücher, die zeigen, wie man mit dem Tod umgehen kann. Im Umgang mit Kindern ist es notwendig, herauszufinden, ob unnötige Missverständnisse, Besorgnisse oder Ängste vorhanden sind.

  • Im Primarschulalter beginnen Kinder die Endgültigkeit des Todes zu verstehen. Es kann sein, dass sie den Tod als ansteckend empfinden. Auch Elemente magischen Denkens dienen diesem Konzept, etwa Ideen, wie man Tote wieder zurückbringen oder mit ihnen kommunizieren kann. Dazu gehört aber auch das Gefühl, den Tod verschuldet zu haben. Angst, Regression und Aggression können auch hier die Folge sein. Neben offenen und ehrlichen Gesprächen ist es sinnvoll, das Kind zu kreativem Ausdruck in Spiel, Malen, Musik u. ä. zu ermuntern.
  • Wenn das Kind die Finalität des Todes versteht, kann es sein, dass es nicht darüber sprechen will oder eine verzögerte Reaktion eintritt. Es können somatische Symptome, Überreaktionen oder sogar selbstverletzendes Verhalten auftreten. Auch hier ist es wichtig, Ausdrucksmöglichkeiten bereit zu stellen, gut zuzuhören undzugeben zu können, dass man die Antwort auf eine bestimmte Frage nicht hat.

Kindern fällt es in der Regel nicht schwer, auf Aufforderung, etwa im Religionsunterricht, ihre Vorstellung von Existenz nach dem Tod darzustellen.Dabei stellen sie meist eine harmonische, ideale Variante des Alltags im Himmel dar; dominierend sind positive Beziehungen zu Mensch und Tier. Es zeigen sich darin reale Erfahrungen und Wunschvorstellungen von gelungener Beziehung. Eine beachtliche Minderheit von Kindern wählt dualistische, teils angsteinflößende Darstellungen, die bei näherem Hinsehen durch Kenntnis von TV-Kinderserien, Kinderbüchern, Computerspielen u. ä. zu entschlüsseln sind. Die Erforschung nach den Rahmenbedingungen und Kriterien der Konstruktion dieser Vorstellungen bleibt ein Forschungsdesiderat. Zu untersuchen wäre die Abhängigkeit von verschiedenen religiösen Prägungen (Naurath, 2008), der Intensität religiöser Prägungen und dem Einfluss von Büchern und anderen Medien.

3. Jugendliche und Eschatologie

3.1. Eschatologische Fragen in der Lebenswelt Jugendlicher

Die entwicklungspsychologische Veränderung des Zeithorizonts bei Jugendlichen bildet die notwenige Voraussetzung für die kognitive und emotionale Ansprechbarkeit für eschatologische Fragen, welche bei Kindern noch nicht vorhanden ist. Jugendliche haben die Entwicklungsaufgabe zu bewältigen, ihre eigene Zukunft vorzubereiten und zu gestalten; insbesondere Erwartungen im Hinblick auf Schule und Ausbildung funktionieren hierbei als Versprechen. Die Wissensangebote von Medien und Schule erweitern ihren Horizont über den eigenen Lebenskreis hinaus. Damit ergeben sich neue Fragen nach dem Sinn des Lebens, nach Identität und Gerechtigkeit.

Im schulischen Kontext zeigen sich Jugendliche in aller Regel am Thema Tod interessiert, und das Thema wird vielfach behandelt. Demgegenüber wird das Thema Apokalyptik unterrichtlich wenigberücksichtigt, obwohl apokalyptische Motive und Erzählstrukturen in der Lebenswelt Jugendlicher sehr präsent sind, vor allem in Filmen und Computerspielen. Man kann wohl davon ausgehen, dass diese meist ohne großes Nachdenken konsumiert werden, sie sind spannend und eignen sich bestens zur Unterhaltung und zum Zeitvertreib. Der apokalyptische Dualismus bietet nicht zuletzt eine brauchbare Grundstruktur für packende Erzählanlagen. Das Ausmaß dieses Konsums ist bei den Jugendlichen milieu- und geschlechtsabhängig; unbestreitbar ist jedoch, dass diese Angebote zur Selbstverständlichkeit heutiger Jugendkultur gehören. Ausgesprochen apokalyptisch agieren manche Jugendkirchen im freikirchlichen Spektrum.

Ein weiterer aktueller Anknüpfungspunkt sind die Lebensgeschichten von jungen Männern, seltener jungen Frauen, die sich terroristischen Organisationen im Ausland anschließen. Sie begeben sich in eine komplett andere kulturelle und religiöse Situation hinein, meist um den Preis des Abbruchs jeglicher familiärer Beziehungen. In eine ähnliche Kategorie fallen die ebenfalls sehr medienpräsenten Amoktaten von Jugendlichen.

3.2. Vorstellungen Jugendlicher über denTod

Die Vorstellungen Jugendlicher zum Tod sind geprägt durch den kulturell-gesellschaftlichen Hintergrund und eine mehr oder weniger vorhandene religiöse Prägung. Auch hier ist zu beachten, dass die Gruppe der Jugendlichen so heterogen ist wie die Gesellschaft als Ganze. Es lassen sich drei allgemeine Tendenzen festhalten (Kuld, 2000):

1. Synkretistische Nachtodesvorstellungen

Verschiedene Untersuchungen haben ergeben, dass ein Großteil der Jugendlichen (je nach Untersuchung etwa 80-90 %) an ein Weiterleben nach dem Tod glaubt. Dies korreliert zugleich sehr hoch mit dem Glauben an Gott. Dabei fällt auf, dass eine starke Minderheit (je nach Untersuchung etwa 25 %) keinen Widerspruch zwischen der Wiedergeburt und dem Auferstehungsglauben sieht, sondern beides befürwortet. Gerade der Glaube an eine unsterbliche Seele begünstigt den Synkretismus von Auferstehungsglauben und Wiedergeburt.

2. Negatives wird ausgeblendet

Die Entpönisierung eschatologischer Bildwelten gilt auch für Jugendliche: Der Himmel gewinnt gegenüber der Hölle, nicht der strafende, sondern der gnädige Gott wird betont. Die Jugendlichen favorisieren Vorstellungen vom Jenseits, in denen das Leben gut weiter geht.

3. Individuelle Auseinandersetzung

Zwei Drittel der Jugendlichen machen sich „manchmal“ Gedanken über den Tod, er ist für sie aber kein zentrales Thema. Ob sie für das Thema im Religionsunterricht ansprechbar sind, hängt von ihrem allgemeinen religiösen und kirchlichen Interesse ab, nicht jedoch davon, ob sie eine entsprechende Erfahrung zu verarbeiten haben. Hier liegt auch die Erklärung für das größere Interesse von Mädchen bzw. jungen Frauen am Thema Tod (Kuld, 2000; Bescherer, 2010). Wichtig ist den Jugendlichen, einen authentischen, individuellen Weg der Auseinandersetzung zu finden. Auch ist die Tendenz zu beobachten, Dinge vor allem mit sich selbst auszumachen.

3.3. Thematische Anknüpfungspunkte: Apokalyptik, Gericht, Gerechtigkeit

Ein wacher Blick auf die gesellschaftlich-politische Weltlage und die Häufigkeit apokalyptischer Motive in der Lebenswelt Jugendlicher generieren eine Vielzahl von thematischen Anknüpfungspunkten:

  • Radikale Lebensentscheidungen: Was ist der Reiz des Alles oder Nichts? Warum lassen sich junge Männer für den Tod begeistern? Was erhoffen sie sich vom diesseitigen und jenseitigen Leben? Es könnte sich ein interessanter Vergleich mit der Motivation für ein christliches Ordensleben – historisch und aktuell – ergeben.
  • Insbesondere bei den christlichen Freikirchen spielen endzeitliche Vorstellungen eine große Rolle. Sie sind der Überzeugung, apokalyptische Zeichen in der heutigen Gesellschaft erkennen zu können. In diesem Denkmodell hat auch der Teufel wieder seinen Platz.
  • Ein Computerspiel oder ein Film könnte auf seine apokalyptische Struktur hin analysiert werden. Was trägt die apokalyptische Struktur zum Spannungsfaktor bei? Wie bei allen Anleihen aus der populären und Massenkultur kann es aber sein, dass gerade die Aktualität und Attraktivität des Mediums einen analytischen Zugang erschwert. Ebenso besteht die Gefahr, dass man die Aussagen des Films zu schnell und für Jugendliche nicht überzeugend gegenüber den „wahren“ christlichen Aussagen abwertet.

Methodisch kann die Logik eines Computerspiels dafür genutzt werden, den eigenen Lebensweg unter den eschatologischen Vorzeichen von Himmel und Hölle durchzuspielen (Waltemathe, 2011).

  • ­Kontrastierung zwischen Reich-Gottes-Verkündigung, biblischer und aktueller Apokalyptik: Haben wir es mit der biblischen Vielfalt oder konkurrierenden Weltanschauungen zu tun?
  • ­Der Zusammenhang der eschatologischen Bilder von Himmel und Hölle mit dem Lebensgefühl der jeweiligen Zeit: Ist das Verschwinden dieser Vorstellungen zu bedauern? Was bedeutet es für die Sicht auf das gegenwärtige Leben, wenn man auf Vollendung hofft? Was an dieser Welt, am eigenen Leben soll vollendet und was aufgehoben werden?
  • ­Was bedeuten eschatologische Vorstellungen für die Erfüllung von Gerechtigkeit angesichts von nicht wieder gut zu machendem Leiden? Als Text bietet sich hier die aussergewöhnliche Biografie des Auschwitz-Überlebenden Shlomo Graber mit dem Titel „Denn Liebe ist stärker als Hass“ (Graber, 2015) an, die in der provokativen Einsicht endet: „Wer nicht verzeihen kann, der kann auch nicht weiterleben.“

4. Eschatologiedidaktische Ziele

Im Hinblick auf die möglichen Zielhorizonte des Themas ist zu unterscheiden zwischen systematischen schulbezogenen oder katechetischen systematischen Lernsituationen und dem Gespräch bei Gelegenheit. Je nachdem sind die Zielsetzungen eher kognitiv-wissensorientiert oder kommunikativ-therapeutisch. Dabei sind Überschneidungen gewiss möglich.

Der Abschnitt über die jüngere Zielgruppe der Kinder hat einen kommunikativ-therapeutischen Schwerpunkt, welcher sich aus ihrem Alter und ihren Bedürfnissen ergibt. Ziel ist dabei, die Kinder bei ihrem je eigenen Umgang mit dem Thema Tod vorbereitend oder bewältigend zu begleiten. Hier sind Erwachsene in ihrer Rolle als Eltern oder andere Bezugspersonen von Kindern gefragt. In der Kommunikation mit Kindern ist es wichtig, auf diese verschiedenen Motivationen entsprechend zu reagieren: Information, wo Information gefragt ist; keine langen Erklärungen, wenn es um das allgemeine Sprechbedürfnis geht; keine langen Reden, wenn Trösten gebraucht wird.

Eine Schwierigkeit des Gesprächs mit Kindern über Tod wurde jedoch bisher nicht benannt: die eigene Unsicherheit, die ungeklärten Fragen im Hinblick auf dieses Thema. Gesprächsanlässe mit Kindern können Erwachsenen dabei helfen, sich ihres eigenen Standpunkts bewusst zu werden oder aber zu einer neuen eigenen Auseinandersetzung anregen.

Der Bildungsort Schule verlangt nach kognitiven-wissensorientierten Lernzielen. Die Eschatologie enthält eine Vielzahl von thematischen Möglichkeiten, die den Interessen von Jugendlichen entgegenkommen.

Der jugendliche Synkretismus kann Ausgangspunkt zur Klärung der eschatologischen Konzepte in den einzelnen Religionen sein. Dabei kann deren Stellenwert im gesamten Glaubenssystem betrachtet werden sowie auch deren Rückwirkung auf Lebenshaltung und Ethik.

Im Thema Gerechtigkeit lassen sich ethische und eschatologische Überlegungen miteinander verbinden. Beschäftigt man sich mit verschiedenen eschatologischen Vorstellungen, zeigt sich, dass sich weniger die Lust an der Spekulation als vielmehr Fragen nach der universalen Gerechtigkeit und des Ausgleichs als Motor erweisen. Wenn Gut und Böse sich nicht so klar voneinander unterscheiden lassen, wenn Tragik im Sinne des unschuldig Schuldig-Werdens ins Spiel kommt, wenn die Erfolgsaussichten guten und richtigen Handelns gering erscheinen, befindet man sich an der Quelle eschatologischen Denkens. Dann stellt sich die Frage nach der universalen Gerechtigkeit für alle.

5. Zurück zur Hölle oder weiter mit der Kuschel-Eschatologie?

Vielfach und zu Recht werden die negativen Auswirkungen von Teufel, Hölle, Fegefeuer in der religiösen Sozialisation betont (Heyen, 2003; Biesinger, 2009). Ihre Wirksamkeit steht im Kontext allgemeiner religiöser Vorstellungen und Vorschriften wie Gottesbild, obligatorische Beichte, Messbesuch etc. und entfaltet sich in Abhängigkeit vom Erziehungsstil. Die Entpönisierung (Ebertz, 2010) eschatologischer Vorstellungen basiert eben auch auf der Veränderung von einem autoritär-fordernden hin zu einem liebevollen und freiheitlichen Erziehungsstil sowie auf dem Wandel des Menschenbildes, auch in der Theologie. Wäre eine Wiederbelebung der strafenden, bedrohlichen Endzeitvorstellungen unter verändertem Vorzeichen überhaupt möglich und sinnvoll, etwa um eine Alternative zu der Bildmacht der Medien aufzubauen?

Wie bei allen religiösen Themen besteht auch bei der Eschatologie die Gefahr, Antworten auf Fragen zu präsentieren, die für Kinder und Jugendliche nicht oder noch nicht relevant sind. Deshalb muss gerade im Umfeld des Themas Tod das Vorverständnis besonders sorgfältig abgeklärt werden. Vielleicht wird sich das didaktische Bemühen darauf konzentrieren müssen, vor allem eine Fragehaltung zu entwickeln, Frag-Würdigkeit zu fördern, so etwa die Frage nach der Gerechtigkeit über den eigenen engen Wirkungskreis hinaus. Man wird sich gelegentlich damit abfinden müssen, dass Kinder und Jugendliche nicht die erwünschten Fragen haben. Anders formuliert: Die Zumutung der christlichen Botschaft braucht das brennende Interesse. Andererseits ist bei diesem Thema vor zu schneller Dramatisierung der Betroffenheit zu warnen. Nicht jedes Kind, jeder Jugendliche hat ein existenzielles Interesse an diesem Thema.

Wenn die Eschatologie „eine unabgeschlossene Baustelle der Theologie“ (Gruber, 2010) ist, dann ist in dieser Frage die Lehrperson oder erwachsene Bezugsperson in besonderer Weise dazu aufgefordert, selbst begründet Stellung zu beziehen. Die Bruchstellen und offenen Fragen in der Theologie sind allerdings auch gut als didaktische Frageimpulse geeignet und bieten die Möglichkeit für Jugendliche, selbst Theologie zu betreiben.

Literaturverzeichnis

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