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Lexikon

Dogmatik

Martin Hailer

(erstellt: Jan. 2015)

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1. Probier-Denken des Glaubens ( → Glaube)

„The gospel […] is God‘s promise and nobody‘s law. […] Therefore the gospel is itself an impeller and enabler of history“ (Jenson, 1997, 15). Die gnädige Selbstzuwendung Gottes (→ Gott) zur Welt eröffnet ihr Zukunft und spielt denen, die von ihr angesprochen werden, Lebensmöglichkeiten zu, die sie aus sich selbst weder zu generieren vermögen noch überhaupt wissen könnten. Es gehört also zum Wesen des Evangeliums, Widerhall zu finden, Prozesse anzustoßen, sie voran zu treiben und damit Geschichte zu ermöglichen – Geschichte, die aus dem Getriebe der Welt allein nicht entstehen könnte. Das Evangelium ist auch da geschichtsmächtig, wo es nicht als solches erkannt und benannt wird. Da jedoch, wo das Evangelium Geschichte hervorruft, die sich dessen im weitesten Sinne auch bewusst ist, hat die Dogmatik ihren Ort: Menschen finden sich als von Gottes gnädiger Selbstzuwendung angerufen und aufgerufen, verändert und auf den Weg gebracht. Bei ihnen entsteht das Bedürfnis, sich darüber klar zu werden, was denn da mit ihnen geschieht. Auch werden sie dessen inne, dass das Evangelium ihre bewusste und gestaltende Antwort herausfordert. Damit sind sie reflektierend und planend in den Geschichtsprozess des Evangeliums eingebunden. Instanz dieser Reflexion und Planung zu sein, ist der genuine Ort der Dogmatik.

Dogmatik beginnt also nicht bei sich selbst. Sie weist auch gleichsam am anderen Ende über sich hinaus, weil sie auf die Gestalten der Bezeugung des Evangeliums aus ist. Gegenüber dem Vernehmen des Evangeliums und dem Versuch, es weiterzusagen und Gott dafür zu preisen, ist sie Durchgangs- und Zwischenstation. Ihr begriffliches Sprechen ist demnach uneigentliche Rede, bleibend bezogen auf das Evangelium als schöpferische Kraft der Erneuerung des menschlichen Lebens.

Als solche aber ist die Dogmatik praktisch unverzichtbar: Das Hören des Evangeliums eröffnet einen Diskursraum mit einer Fülle von Bildern, Begriffen und Metaphern. Sammeln, Vergleich, Abwägung und auch die Abwahl untauglicher Möglichkeiten tun Not. Angesichts der Fülle der Möglichkeiten eignet dem in einem ernsten Sinn etwas Spielerisches: Dogmatik ist „eine Hypothesen-Maschinerie […], ein bibel-genährtes, durchaus gläubiges Probier-Denken, ein Suchen und Fragen, ein kritisches Prüfen der Erinnerung des Glaubens von Menschen, die früher gelebt haben, auch ein hoffendes Konstruieren von neuen Gedanken“ (Ritschl, 2010, 15). Dogmatik zu treiben heißt entsprechend, sie nicht als Stoff zu lernen, sondern sich in dies Probier-Denken hineinzubegeben (Schoberth, 2000, 79).

2. Aufgabe und Gegenstand der Dogmatik

Dogmatik ist ein Akt der Selbstprüfung der Kirche. Sie legt Rechenschaft ab über den Inhalt und die Weise ihres Redens von → Gott, dem Vater → Jesu Christi, und die damit verbundene Praxis. Sie verantwortet dieses Reden vor den Quellen und Normen der → Theologie, bedient sich dazu erster sortierender Antworten (Dogmen, Bekenntnisse) als Lese- und Verständnishilfen der Heiligen Schrift und deutet die Anliegen und Probleme der jeweiligen Gegenwart im Lichte dessen, was sie als wahres Reden von Gott meint verantworten zu können.

Diese Aufgabe nimmt die Dogmatik im Verbund der anderen theologischen Disziplinen wahr: Die biblische Theologie erschließt den semiotischen Raum der Heiligen Schrift, die historische Theologie erforscht das riesenhafte Reservoir des bereits Gedachten, die praktische Theologie erkundet die semantischen und pragmatischen Felder, die nach dogmatischen Bestimmungsprozessen verlangen und ihrerseits von ihnen mit beeinflusst werden. Dieser Zusammenhang der Disziplinen ist nicht einlinig vom Historischen zur Gegenwart angeordnet, sondern ein komplexes wechselseitiges Gespräch.

Was zum Zweck der Klärungsaufgaben der Dogmatik ihr genuiner Gegenstand sein könnte, ist umstritten. Es gibt Stimmen, die – direkt oder vermittelt – Gott selbst zum Gegenstand der Dogmatik erklären. Das geschieht etwa da, wo eine propositionale Beschreibung der immanenten Trinität zum Kern der Dogmatik erklärt wird oder durch einen entsprechend formulierten Wahrheitsanspruch an die kirchlichen Dogmen: „Die Dogmatik fragt nach der Wahrheit des Dogmas, danach also, ob die Dogmen der Kirche Ausdruck der Offenbarung Gottes und also Dogmen Gottes selbst sind“ (Pannenberg, 1988, 26). Dieser sehr weit gehende Anspruch wird kritisiert, wenn gefragt wird, was denn die Denkbarkeit Gottes überhaupt möglich machen soll. Die auf evangelischer Seite zu einiger Popularität gelangte Antwort orientiert sich am Christusgeschehen (→ Christologie) und sagt, dass in genau diesem Gottes letztgültige Selbstkundgabe geschah, woran die Theologie sich allein zu orientieren hat. Dann gilt, dass Gottes selbstgewähltes Eingehen in die Vergänglichkeit seine Denkbarkeit allererst möglich macht (Jüngel, 2010, 248-270). Freilich wird auch hier noch das Problem mitgezogen, dass die Wirklichkeit Gottes zum Gegenstand satzförmigen Wissens gemacht werden soll. Das Motiv dahinter – die Verlässlichkeit und Nichtbeliebigkeit christlicher Gott-Rede, die sich nicht selbst zu Gott aufschwingt, sondern der Spur seiner Selbstkundgabe folgt – ist völlig richtig, freilich sind gegen die Möglichkeit der Denkbarkeit Gottes gewichtige Einwände vorgebracht worden: Wenn er denn Gott ist, so gehört eo ipso zu seinem Gottsein, über unser Begreifen hinaus zu sein. Deshalb kann → Gott nicht Gegenstand propositionaler Sätze sein. Spekulative Theologinnen und Theologen sehen sich entsprechend der Kritik ausgesetzt, dass auch ihr Denken Gottes eben nur Denken ist und den Beleg der Korrespondenz mit seinem Gegenstand nicht antreten kann. Die Unmöglichkeit einer satzförmigen Lehre von Gott ist jüngst von philosophischer Seite wieder bekräftigt worden (Rentsch, 2005) und wird theologisch als Befreiung von falschen Zwängen hin zur Sachlichkeit der Theologie verstanden (Barth, 1962, 197-218).

Freilich ist Dogmatik mehr als das Nicht-Sagen Gottes: Gott macht sich in → Erfahrung zugänglich, und zwar so, dass man sich und alle(s) andere(n) in der wirksamen und unterscheidenden Gegenwart Gottes erfährt. Gott wird allererst thematisch, weil er sich Menschen zuwendet, und also nie ohne seine Antwort heischende Selbstbewegung zum Menschen hin: „die zwei gehören zuhaufe, Glaube und Gott“ (Luther, 1986, 560). Gott ist nicht Gegenstand theoretischer Erkenntnis, sondern wird in seiner Selbstzuwendung in Lebenszusammenhängen thematisch. „Das Evangelium hat deshalb eine pragmatische, aber keine semantische Identität“ (Dalferth, 2004, 100).

Für die Aufgabe der Dogmatik ergibt sich dann: „Als Grundfrage kirchlicher Lehre hat nicht die Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit wahrer Aussagen über Gott zu gelten, sondern ihre Revision zu der Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit für die von Menschen für Menschen zu vollziehende wortsprachliche Ausrichtung einer wahren Zusage Gottes“ (Geyer, 2003, 290). Entsprechend beginnt die Dogmatik mit der Wirklichkeit Gottes als Heiligem Geist (→ Heiliger Geist). Denn als dieser ist er absichtsvoll, wirksam und unterscheidend gegenwärtig.

Dogmatik nimmt die Wirklichkeit der Welt nicht einfach als gegebene und offensichtliche Sammlung von Fakten hin, sondern stellt den geduldigen Versuch dar, sie aus der Gottperspektive neu und anders sehen zu lernen. Im Zuge dieser Erklärungsanstrengungen wird es immer wieder zur Formulierung von Sätzen der Form „Gott ist xy“ oder „Gott eignet xy“ kommen. Mit ihnen wird die Regel, dass Gott selbst nicht Gegenstand propositionalen Wissens sein kann, nicht verletzt, so lange klar ist, dass es sich bei ihnen um abstrahierende Rückschlüsse handelt. In der Fülle der Bezeugungen von Gottes Handeln und Gegenwart zeigen sich Regelmäßigkeiten und die Verlässlichkeit Gottes. Dies ermöglicht die Rückschlüsse in der genannten Form. Ihr genuiner Ort ist jedoch nicht die Dogmatik als diskursive Disziplin, sondern das Lob Gottes.

3. Dogma, Bekenntnis, Lehre

Dogmatik zielt auf verbindliche Aussagen. Wissend, dass alle Sätze, die in ihr formuliert werden, menschliche und also fehlbare Sätze sind, ist sie doch darauf aus, die von Gott her für Menschen geltende Wahrheit zu benennen und auf die lebensweltlichen Orte zu weisen, an denen sie sich zeigt und bewährt. Damit ist sie mehr als Theologiegeschichte und geht das Wagnis der Affirmation ein (Luther, 1908, 787). Dieser Umstand wirft die Frage auf, in welchem Umfang und auf welche Weise Sätze der Dogmatik Autorität beanspruchen dürfen. In unterschiedlicher Form haben die Kirchen der Ökumene dafür Klassen von Behauptungen mit unterschiedlichem Verbindlichkeitscharakter aufgestellt. Unstrittig ist dabei, dass es einen Unterschied zwischen autoritativer Lehre einerseits und theologischer Meinung gibt, die das – zunächst – noch nicht für sich in Anspruch nehmen kann. Wer aber wann in welchem Modus spricht, wird äußerst unterschiedlich beurteilt. Folgende Leitbegriffe sind hilfreich:

3.1. Dogma

Als terminus technicus wird dogma von Vinzenz von Lerinum im fünften Jahrhundert eingeführt, der damit eine allgemeine, alte und von allen akzeptierte → Glaubenswahrheit bezeichnet. Die lehramtliche Festschreibung geschieht katholischerseits erst im Ersten Vatikanum, welches unter anderem kirchenrechtliche Konsequenzen bei Nichtbeachtung auferlegt. Hier kommen die Elemente (1) ausdrückliche Vorlage seitens der Kirche sowie (2) Zugehörigkeit zur göttlichen → Offenbarung, zusammen. Eine solche Wahrheit gilt als → OffenbarungGottes selbst. Nicht zuletzt die entschieden kommuniale Ekklesiologie des Zweiten Vatikanums wehrte einem einseitigen Lehrsatzverständnis (Dirscherl, 2005, 213).

Die evangelische Zurückhaltung bei der Ausarbeitung eines klar umrissenen Begriffs „Dogma“ ist gewiss auch kontroverstheologisch begründet. Damit einher geht der Versuch, Dogma als Prozess zu bestimmen: Karl Barth relativiert das als Satzwahrheit verstandene Dogma auf die Denkbewegung der Dogmatik hin, die die Übereinstimmung der Verkündigung mit der biblisch bezeugten Offenbarung immer wieder zu prüfen habe (Barth, 1947, 279f.). Es ist auf evangelischer Seite üblich, die Lehrentscheidungen von Nicaea/Konstantinopel 325/381 und Chalcedon 451 als „Dogmen“ zu bezeichnen, wozu die explizite Berufung in Confessio Augustana I entscheidend beigetragen hat.

Die Bezeichnung von Dogmen als Offenbarungen Gottes selbst ist heikel, weil es sich um von Menschen diskursiv erschlossene Sprachregelungen handelt. Am Beispiel des trinitarischen und des christologischen Dogmas lässt sich sagen, dass sie optimal bewährte Hypothesen sind: Angesichts einer überaus beeindruckenden Problemgeschichte sind treffendere und konsensorientiertere Formulierungen nicht zu erwarten, zugleich ist damit klar, dass Dogmen zum menschlichen Antwortverhalten auf die → Offenbarung gehören. Wo sie zum rechten Dienst an Gott führen, erschließt sich ihre → Wahrheit. Sie werden also von der wirksamen Gegenwart des Geistes Gottes in die → Wahrheit geführt, die Gott selbst ist.

3.2. Bekenntnis

Auch und gerade der evangelischen Tradition ist klar, dass die Fülle des Evangeliums erster sortierender Antworten bedarf, um gehört, verstanden und gemeinschaftsbildend kommuniziert werden zu können. Das ist die Aufgabe der Bekenntnisse. Stellenwert und Machart werden unterschiedlich eingeschätzt: So sucht die lutherische Kirche mit und seit der Konkordienformel von 1580 dem ideal der una doctrina zu entsprechen. Sie zeigt sich entsprechend zögerlich, wenn es um neue Formulierungen mit Bekenntnisqualität geht, etwa die Barmer Theologische Erklärung von 1934, die im Luthertum weltweit einzig in der Evangelisch-Lutherischen Nordkirche Bekenntnisrang hat. Die reformierten Kirchen betonen dagegen den aktualen Charakter: Bekenntnis gibt es nur im Vorgang des Bekennens, so dass in jeweiligen Zeiten und Weltgegenden je eigene Bekenntnisse entworfen wurden und werden, die freilich ein gesamt-reformiertes Muster zeigen. Noch deutlicher ist diese Tendenz im evangelisch-freikirchlichen Bereich.

Bekenntnisse vereinigen die Elemente: (1) Situativer Anlass; (2) Formulierung des Wesentlichen in Abgrenzung vom Unwesentlichen und von explizit falscher Lehre; (3) Bezug auf die eine Kirche Christi. Oft, aber nicht immer, sind sie konfessionsgründende Dokumente. Wo Kriterium (3) in Geltung steht, ist klar, dass es um die für alle stellvertretende Reformierung der einen Kirche Christi geht. Das ist für weite Bereiche des lutherischen und reformierten Spektrums fraglos der Fall, weitaus weniger jedoch im evangelikalen und fundamentalistischen Bereich.

3.3. Lehre

Im Verbindlichkeitsrang unterhalb von Dogma und Bekenntnis rangieren lehrhafte Formulierungen. Es kann sich dabei um explizite Positionierungen von (Teil-)Kirchen – etwa in Synodenkundgebungen, Denkschriften oder durch kirchenrechtliche Regelungen – handeln, genauso aber um die riesige Fülle von individuell oder gemeinschaftlich verfassten theologischen Erwägungen. In diesem Sinne ist nicht nur ein dogmatisches Lehrbuch Lehre, sondern ebenfalls die Sachanalyse im → Unterrichtsentwurf für eine Religionsstunde (→ Religionsunterricht, evangelisch; → Religionsunterricht, katholisch), zielt sie doch darauf, dass → Schülerinnen und Schüler sich in der wirksamen Gegenwart Gottes vorfinden können und für sie sprachfähig werden.

Als am Buchmarkt gängige Formen haben sich die Gesamtdarstellung („Dogmatik“, „Glaubenslehre“, „Systematische Theologie“), die Perspektivmonographie (stellt die ganze Dogmatik anhand einer aktuellen Fragestellung vor), die monographische Einzelforschung und die Fülle der kleineren schriftlichen Formen etabliert. Nicht zuletzt die jungen Konfessionen aus Südamerika und Afrika haben den Blick wieder darauf gelenkt, dass der Normalfall der Lehre in mündlicher Kopräsenz geschehen sollte und nicht durch das geschriebene Wort. Auch hier wird die Diskursform in der Schule und an den außerschulischen Lernorten in ihrer Wichtigkeit stark unterschätzt.

4. Gliederungs- und Hierarchisierungsprobleme

Für den Stoff der Dogmatik wurden verschiedene Gliederungstypen durchprobiert: Im hohen Mittelalter entwickelte sich die Summe der Theologie (Thomas von Aquin, Alexander von Hales und andere) als Leitbild. Bei Thomas von Aquin ist sie vor allem am exitus-reditus-Schema (Ausgang aller Dinge aus Gott und Rückkehr zu ihm) organisiert. Für die reformatorische Theologie wurden Philipp Melanchthons Loci communes (zuletzt 1559) wichtig, die den Stoff in lockerer Reihung verschiedener Themen (loci) bieten, in gewissem Gegensatz zur streng durchkomponierten Institutio christianae religionis von Johannes Calvin (zuletzt 1559). Die Loci-Methode setzte sich in beiden westlichen Großtraditionen durch. Sie wird zumeist mit dem exitus-reditus-Schema kombiniert, so dass sich als Standardaufriss einer Dogmatik ergibt: Grund- und Vorfragen – Gotteslehre (inklusive Trinitäts- und Eigenschaftslehre) – → Schöpfung – Anthropologie, → Sünde, Fall – → Christologie – Rechtfertigung – (→ Pneumatologie und) Ekklesiologie – Sakramentenlehre – → Eschatologie. Details dieser Anordnung wurden und werden vielfach diskutiert, etwa die Stellung der Sakramentenlehre. Auch ist von Friedrich Schleiermacher vorgeschlagen worden, die Trinitätslehre ohne eigenen Neuerungswert ganz an den Schluss zu stellen, oder aber von Karl Barth, mit ihr die Dogmatik zu eröffnen, weil diese sich allein der Selbstoffenbarung Gottes verdanke, welche anders als trinitarisch nicht gedacht werden kann. Abweichungen vom dominanten Schema wurden von orthodoxer Seite vorgeschlagen, die die kirchliche Erfahrung als Beginn und Gliederungsprinzip der Dogmatik in Anschlag bringt (Felmy, 2011): Die Dogmatik sollte der ihr möglichen Erkenntnisordnung folgen, nicht der (vermuteten) Ordnung der Sache, weil ihre Aufgabe nicht die Darstellung der Wahrheit Gottes an sich ist, sondern die der von Gott her wahren Zusagen für Menschen. Anwendungen dieser Einsicht auf Lehr/Lernsituationen werden erprobt (Gennerich, 2010).

Die katholische Tradition kennt die Rede von der hierarchia veritatum, nach der es zentrale hochrangige Glaubenswahrheiten gibt, denen qualitativ weniger zentrale gegenüberstehen (Böttigheimer, 2012). In der Neuscholastik des 19. und frühen 20. Jahrhunderts hat dies eher zu einer Erstarrung der Dogmatik geführt, wird aber seit dem Zweiten Vatikanum als Ermöglichung ökumenischer Verständigung gesehen: Wenn Konsens bei hochstufigen Themen erreicht ist, wiegt der Dissens bei Ableitungen weniger schwer. Durchgeführt wurde dies nach manchen Erprobungen (z.B. Pannenberg/Schneider, 1992-1998) etwa bei der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre (1999), die Konsens in Grundwahrheiten bei Dissens in weniger wichtigen Fragen kennt. Die evangelische Seite kann dafür auf Erwägungen zurückgreifen, die den altkirchlichen Lehrkonsensen eine höhere Wertigkeit als den kontroversen Lehren des Spätmittelalters und der Neuzeit zubilligen. Lehrsätze, ob eher hoch- oder eher niedrigstufig, sind nicht selbst Wahrheit, sondern verweisen auf die Wahrheit, die Gott ist und die sich kraft des → Heiligen Geistes ereignet.

Konsens ist, dass der Stoff von Dogmatik und → Ethik zu unterscheiden ist, wobei es auch Versuche gibt, die Ethik als Implikation der Dogmatik zu verstehen oder aber sie möglichst unabhängig von ihr zu entwickeln. Fundamentaltheologie als Diskussion der Grund- und Vorfragen wird von evangelischer Seite zumeist als Prolegomena im Rahmen der Dogmatik vorgetragen, von katholischer Seite oft mit apologetischer Absicht als eigene Disziplin betrieben. Die englischsprachige Diskussion geht weitaus unbefangener als die deutsche davon aus, dass es eine eigenständige philosophische Theologie gibt (Plantinga/Thompson/Lundberg, 2010, 17).

Noch nicht recht abzusehen ist, welchen Einfluss der interreligiöse Dialog (→ Dialog der Religionen, evangelische Sicht; → Dialog der Religionen, katholische Sicht) auf die Gliederung der Dogmatik haben wird. Versuche, die Dialogthemen im Rahmen der hergebrachten Stoffanordnung zu verhandeln, stehen neben der Forderung, sich zunächst in den detaillierten inhaltlichen Einzelvergleich zu begeben (Barth, H.-M., 2008; Smart/Konstantine, 1991; Stosch, 2012).

5. Der Regelcharakter der Dogmen und Lehrsätze

Weil Dogmatik nicht aus sich kommt und nicht in sich ihr Ziel hat, kommt der Frage nach ihrer Funktion eine zentrale Rolle zu. Hier zeigt sich, dass die Funktion der Dogmatik im Rahmen der christlichen Religion der der Grammatik einer Sprache vergleichbar ist.

5.1. Religion und theologische Lehre

Religion ist ein Ensemble von Zeichen, welches es erlaubt, die Welt und sich selbst in einer spezifischen Weise zu sehen und dieser spezifischen Weise gemäß handeln zu können. Sie „gleicht einem Idiom, das die Beschreibung von Realität, die Formulierung von Glaubenssätzen und das Ausdrücken innerer Haltungen, Gefühle und Empfindungen ermöglicht. […] Dieses Grundgerüst besteht aus einem Vokabular diskursiver und nichtdiskursiver Symbole in Verbindung mit einer bestimmten Logik oder Grammatik, der entsprechend das Vokabular sinnvoll angewandt werden kann“ (Lindbeck, 1994, 56f.).

Analog zur Funktion der Grammatik einer Sprache kann nun die Funktion der Dogmatik innerhalb der „Sprache“ namens christlicher Religion gedeutet werden: Sie ist nicht das, was in der alltäglichen Kommunikation des Glaubens ausgesagt wird, aber sie beschreibt den Möglichkeitsraum dessen, was gesagt werden kann und wie die semantischen Gehalte des Glaubens sinnvoll arrangiert werden können. Entsprechend gehören die Sätze der Lehre in den Hintergrund der Kommunikation. Eine Predigt etwa, die die dogmatischen Regelungen bezüglich des → Heiligen Geistes aus dem Konzil von Konstantinopel 381 diskutiert, hätte ihr Ziel gewiss verfehlt, nicht jedoch eine, die die tröstende Gegenwart des Heiligen Geistes zusagt, wobei in der Erarbeitungsphase dafür Sorge getragen wird, dass die vom Konzil betonte Göttlichkeit des Geistes angemessen zu Wort kommt. In diesem Sinne ist die Dogmatik das Regelwerkzeug des Sprechens und Agierens im Rahmen der christlichen Religion.

5.2. Die Regelpraxis der Dogmatik in der Religionsdidaktik

Das gilt auch und gerade für Belange des Lehrens und Lernens innerhalb des christlichen Glaubens – umso mehr, als oft gesagt wird, in den schulischen Lernfeldern ginge es im Gegensatz zum expliziten Sprechen in der → Gemeinde gleichsam um das undogmatische Vorfeld der → Religion. Das aber ist falsch. Ein Blick auf die Erzählpraxis (→ Erzählen) in der Grundschule kann verdeutlichen, warum gerade hier die regelhafte Funktion der Dogmatik unverzichtbar ist:

Zu den häufig nacherzählten neutestamentlichen Stoffen zählt die Stillung des Sturmes Mk 4,35-41 parr. Wer solche Erzählungen hört, wird feststellen, dass sie einer der beiden folgenden Richtungen angehören werden: Entweder (1) streicht die Erzählung die singuläre Stellung Jesu als Messias und Gottessohn heraus und versteht die Erzählung vom Schlussvers her als Ausweis messianischer Vollmacht und der Hoheit des Sohnes Gottes. Oder aber (2) die Erzählung betont die volle Menschlichkeit Jesu und stellt heraus, dass mit und um ihn etwas Besonderes geschehen sei. Der Skopus der Erzählung liegt dann nicht auf der Person und Vollmacht Christi, sondern zumeist unter Berufung auf Mk 4,40 auf dem Kleinglauben der Jünger.

Beide Fokussierungen stellen hermeneutisch (→ Hermeneutik) legitime Möglichkeiten dar. Nun aber ist zu sehen, wie bei der jeweiligen Erzählanlage implizit die Dogmatik als Regelungsinstrument funktioniert. In beiden Fällen zeigen sich christologische Basisentscheidungen, sie wurden im Vorfeld des christologischen Dogmas von Chalcedon (451) als die Schulen von Alexandria und Antiochia bekannt. Richtung (1) ist tendenziell alexandrinisch angelegt und vertritt ein christologisches Modell, das göttliche und menschliche Natur → Christi eng zusammensieht. Der Tendenz nach hat dieses Modell Schwierigkeiten, die volle Menschlichkeit Christi zu denken. Richtung (2) zeigt sich demgegenüber als die antiochenische Variante, die eine nur sehr lose Verbindung der beiden Naturen in der Person Christi annimmt. Sie betont den Verkündigungsaspekt des Werkes Christi, hat aber Probleme, seine volle Gottessohnschaft zu lehren.

Hinter jeder Anlage der Nacherzählung ist Dogmatik als Grammatik der Vordergrundsprache am Werk. Sie setzt die Betonungen, sie selektiert die Wahrnehmung des semantischen Materials und sie präformiert auch die Formulierung von Lernzielen und Kompetenzen. Es kommt nicht darauf an, eine Erzählung zu entwerfen, die alle Aspekte gleichermaßen berücksichtigt, denn das vermiede das Wagnis der Konkretion. Vielmehr besteht die Aufgabe darin, die Rolle regelhaft-grammatischer (Vor-)Entscheidungen bei sich zu erkennen und das christologische Dogma dazu zu nutzen, Fehlabstraktionen auf der einen oder anderen Seite nicht zuzulassen: Jesus ist weder übermenschlicher Wundermann noch bloßer Prophet. Das Chalcedonense sagt aus wohlerwogenen Gründen nicht „positiv“ aus, wie göttliche und menschliche Natur in Christus zusammenkommen. Gerade aber mit seinen negativen Bestimmungen dient es als Prüfinstanz für die vordergrundsprachliche Formulierungsarbeit.

6. Dogmatik in Studium und Beruf

Das Studium der Dogmatik ist so zu organisieren, dass das Verhältnis von Vordergrund- und Hintergrundsprache eingeübt wird (Hailer, 2006). Von den später zu behandelnden Stoffen und von Schülerfragen her – und nicht von einem „lehramtskompatibel“ zusammengekürzten exitus-reditus-Schema – ist darzulegen, wie Dogma, Bekenntnis und Lehre die Wahrnehmung sowie die Alternativen des Sprechens und Handelns regulieren und ihrerseits Modifikationen erfahren. Dogmatische Lehrveranstaltungen müssen deshalb Voreinstellungen der Studentinnen und Studenten ansprechen und sie befähigen, sich mit diesen im Lauf des Studiums kritisch und konstruktiv auseinanderzusetzen. Diese Arbeit am je eigenen Regelwerk im Kopf kann nicht vorgeschrieben werden und ist nur begrenzt durch Prüfungsleistungen abbildbar. Das Studium der Dogmatik besteht aber wesentlich aus ihr.

Dieser personrelative Aspekt des Dogmatikstudiums bildet sich in der beruflichen Wirklichkeit der Lehrerinnen und Lehrer wieder ab: Wer meint, Lehrentscheidungen zu Gunsten der Konkretionen nun hinter sich lassen zu können, hat gewiss nichts verstanden. Vielmehr geht es darum, Wahrnehmungen, Lernziele und Kompetenzformulierungen regelmäßig auf dahinter liegende regelhafte Entscheidungen zu befragen und so das eigene theologische Urteilsverhalten lebendig zu halten und zu verändern. Dies Erfordernis unterscheidet das Schulfach Religion deutlich von allen anderen und macht es zum anspruchsvollsten im schulischen Fächerkanon. Wer sich darauf einlässt, wird eine theologische Haltung, einen Habitus entwickeln können. Dieser Habitus kann im Rahmen der schnell getakteten Verwertungsinteressen des schulischen Alltags zu Erfahrungen der Einsamkeit oder auch der Anfechtung führen. Diese sind nicht überspringbar; sie werden aber von der Verwunderung, es inmitten dieser Verwertungsinteressen mit dem lebendigen Gott zu tun haben zu dürfen, konterkariert (Barth, 1985, 71-82.121-132.146-158).

7. Wie sind dogmatische Aussagen wahr?

Indem „Dogmen Leuchter sind, auf die das Licht gehört, das Jesus selbst ist“ (Iwand, 2001, 270). Wohl erheben sie Wahrheitsanspruch, aber es handelt sich nicht um solche, die von einer Abbildtheorie der Wahrheit beschreibbar wären. Vielmehr: Wenn die regulierende Funktion lehrhaften Sprechens zu Aussagen und Verhaltensweisen führt, die den dreieinigen Gott loben und im Leben bezeugen, hat sie ihr Werk getan und ihren indirekten Wahrheitsanspruch eingelöst. Das Lob Gottes und die Bezeugungen bewahrheiten sich nicht selbst, sie werden vielmehr wahr gemacht: „Nur die Wirklichkeit des Bezeugten selbst kann die Wahrheit seiner Bezeugung verbürgen“ (Geyer, 2003, 276).

Hier zeigt sich noch einmal neu, dass dogmatisches Sprechen beteiligtes Sprechen ist: Es bleibt nicht bei sich selbst, sondern drängt auf Bewährungsformen im Sprechen und Handeln der Gläubigen, die sich damit der Bewahrheitung durch den → Heiligen Geist aussetzen. Die christliche Interpretation → Gottes ist deswegen nicht eine Theorie über ihn, sondern „Interaktion; sie bleibt an den handelnden Nach- und Mitvollzug – in der Sprache der Tradition: an die Nachfolge – gebunden“ (Link, 2003, 233).

Ein Sonderfall basaler dogmatischer Aussagen ist ihr Übergang in die Doxologie. Nicht zufällig ist die Sprache des trinitarischen wie des christologischen Dogmas gottesdienstlicher Natur. Die Sprache des Betens in all ihren Formen ist die Quelle der Dogmatik (Schlink, 2005, 64f.). Wird Gott im Credo zugerufen, wie Menschen ihn glauben, ist dogmatisches Sprechen direkt wahrheitsfähig: als Stimme derer, die Gott danken, sich in seiner Präsenz vorfinden und ihn bitten, er möge sich als der erweisen, als der er sich zeigte.

Literaturverzeichnis

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