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Lexikon

Dietrich Bonhoeffer

Thomas Heller

(erstellt: Febr. 2018)

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1. Lebensweltliche Verortungen

Über vierzig Schulen in Deutschland sind nach Dietrich Bonhoeffer benannt, hinzu treten u.a. Kirchgemeinden, Pfadfinderstämme, Plätze, Straßen, Senioren-, Studierenden- und Tagungsheime sowie Fernsehdokumentationen, Spielfilme und auf Bonhoeffer ausgerichtete Gedenksteine, -stätten und -feiern (einführend Gremmels, 2004; Internationale Dietrich Bonhoeffer-Gesellschaft, o.J.). Sein Leben und Werk sind Gegenstand der Mehrheit der Lehrpläne für den evangelischen Religionsunterricht in der Sekundarstufe 1 und 2; zugleich wird Bonhoeffer in zahlreichen Religionsschulbüchern und weiteren für den Religionsunterricht verfassten Bildungsmedien wie Themenheften, Quellensammlungen etc. (auch für den katholischen Religionsunterricht) aufgegriffen, wobei besonders häufig seine Gedichte „Von guten Mächten“ (Bonhoeffer, 1998e) und „Wer bin ich?“ (Bonhoeffer, 1998f) Verwendung finden (Lange, 2008, 5-77, auf Basis von 30 Curricula und 615 Bildungsmedien aus ganz Deutschland). Beide Gedichte haben auch einen festen Platz im Konfirmandenunterricht, wobei das erstgenannte zusammen mit Bonhoeffer-Zitaten wie „Mit Gott tritt man nicht auf der Stelle, sondern man beschreitet einen Weg“ (Bonhoeffer, 1998d, 508), auch eine Quelle beliebter Tauf- und Konfirmationssprüche bietet. Insofern überrascht es nicht, wenn Bonhoeffer vielen, zumal christlich sozialisierten und erzogenen Schülerinnen und Schülern insbesondere in der Sekundarstufe 1 und 2 bekannt sein dürfte und sie ihn mit Fragmenten seiner Theologie, seinen lyrischen Texten, dem Widerstand gegen Hitler oder konkreten Schulen, Kirchgemeinden etc. in Verbindung bringen. D.h. freilich nicht, dass sie damit über eine genauere Kenntnis Bonhoeffers sowie der kirchen- und theologiegeschichtlichen Hintergründe verfügen und auch eher konsternierte Reaktionen nicht ausbleiben würden: „Wenn ich Schüler […] nach Bonhoeffer frage, erlebe ich in der Regel drei unterschiedliche Reaktionen. Den wenigsten ist der Name Bonhoeffer gänzlich unbekannt. Andere Jugendliche reagieren erkennend: ‚Ja, kenne ich!‘ […] Eine dritte Gruppe reagiert entnervt: ‚Schon wieder Bonhoeffer‘“ (Lange, 2008, 2)! Auch wenn Dietrich Bonhoeffer im Vergleich zu anderen Personen und Themen keine allzu gewichtige Rolle in der Lebenswelt heutiger Kinder und Jugendlicher spielen dürfte, bietet sich so doch eine Reihe an Anknüpfungspunkten; die Frage, wer Bonhoeffer „für uns heute“ (Lange, 2008, 2) sein kann und ob und wie er spezifisch im Rahmen religiöser Bildungsprozesse zur Sprache kommen sollte, ist damit freilich noch nicht geklärt.

2. Kirchengeschichtliche Klärungen

Dietrich Bonhoeffer, „Theologe – Christ – Zeitgenosse“ (so der Untertitel der wirkmächtigen, von seinem Freund Eberhard Bethge veröffentlichten Biografie; Bethge, 2005; weiterhin einleitend in Leben und Werk u.a. Dramm, 2001; Feil, 2006; Marsh, 2015; Müller, 2010), wurde am 4.2.1906 in Breslau als Sohn der Lehrerin Paula und des Psychiaters und Neurologen Karl Bonhoeffer geboren. Neben sieben Geschwistern, so Walter Bonhoeffer (getötet 1918 als Soldat im Ersten Weltkrieg) und dem ebenfalls im NS-Widerstand aktiven Juristen Klaus Bonhoeffer (verhaftet im Gefolge des Attentats vom 20.7.1944, hingerichtet am 23.4.1945), gehörten zu seiner weitverzweigten Familie Personen wie der Theologieprofessor Karl von Hase (Urgroßvater) sowie die vier NS-Widerstandskämpfer Arvid und Falk Harnack (Vettern) sowie Hans von Dohnanyi und Rüdiger Schleicher (Schwäger). Nach Kindheit und Jugend in Breslau und Berlin beginnt Bonhoeffer 1923 in Tübingen mit dem Studium der Evangelischen Theologie, das er nach einem Studienaufenthalt in Rom 1924 in Berlin fortsetzt. Dort folgen 1928 das Erste Theologische Examen, nach einem 1928/29 in Barcelona absolvierten Vikariat 1930 das Zweite Theologische Examen sowie bereits 1927 die Promotion („Sanctorum Communio“; Bonhoeffer, 1986) und 1930 die Habilitation („Akt und Sein“; Bonhoeffer, 1988); beide Schriften widmen sich der Kirche als „Christus als Gemeinde existierend“ (Bonhoeffer, 1986, 159), die „als sozial-ethische Konstante tief in das Bewusstsein der Menschen und der Gesellschaft hineinwirken soll“ (Müller, 2010, 10). Nach einem Studienjahr 1930/31 am Union Theological Seminary in New York folgt, zurück in Berlin, eine Tätigkeit als Privatdozent, ergänzt durch Aktivitäten u.a. in der Konfirmandenarbeit und die 1931 vollzogene Ordination zum Pfarrer der Kirche der altpreußischen Union.

Der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30.1.1933 sowie der daraufhin rasch einsetzenden Umgestaltung der sogenannten Weimarer Republik zu einem rassistisch, spezifisch antisemitisch geprägten ‚Führerstaat‘, der vor einem eher restriktiven Kurs ab 1935 zunächst eine Gleichschaltung insbesondere der evangelischen Kirchen anstrebte – u.a. mittels Förderung der Deutschen Christen (DC), die in Kirchenwahlen am 23.7.1933 neben vielen anderen Landeskirchen auch in der Kirche der altpreußischen Union die Leitung übernehmen und im Gefolge beispielsweise den sogenannten Arierparagraphen auch in das kirchliche Arbeitsrecht integrieren konnten (ab 5.9.1933) –, stand Bonhoeffer von Anfang an ablehnend gegenüber. Bereits am 1.2.1933 hielt er den sich kritisch mit dem ‚Führerprinzip‘ auseinandersetzenden Radiovortrag „Wandlungen des Führerbegriffs in der jungen Generation“ (Bonhoeffer, 1997b) und schloss zum 15.4.1933 seinen Aufsatz „Die Kirche vor der Judenfrage“ (Bonhoeffer, 1997a) ab, in dem er mit großer Nähe zur lutherischen Zwei-Regimente-Lehre (u.a. Bonhoeffer, 1997a, 350) zwar einerseits betont, dass staatliche Gesetze aus kirchlicher Perspektive „weder zu loben noch zu tadeln“ (Bonhoeffer, 1997a, 350) sind, andererseits jedoch auch festhält, dass die Kirche „den Opfern jeder Gesellschaftsordnung in unbedingter Weise verpflichtet [ist], auch wenn sie nicht der christlichen Gemeinde zugehören“ (Bonhoeffer, 1997a, 353), und dass sie weiterhin „den Staat [zu] fragen [hat], ob sein Handeln von ihm als legitim staatliches Handeln verantwortet werden könne, d.h. als Handeln, in dem Recht und Ordnung […] geschaffen werden“ (Bonhoeffer, 1997a, 351, ohne Formatierungen). Ist dies nicht mehr der Fall, so ist auch Widerstand angezeigt: Die Kirche hat dann „nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen“ (Bonhoeffer, 1997a, 353). Weiterhin arbeitete Bonhoeffer u.a. am Betheler Bekenntnis mit – ohne es nach seiner Entschärfung insbesondere hinsichtlich einer Solidarität mit den „christlichen Nichtariern“ und den Juden an sich noch mittragen zu können (einleitend Müller, 1990, 64-71) – und engagierte sich im am 21.9.1933 gegründeten Pfarrernotbund, aus dem mit den Synoden von Barmen (29.-31.5.1934) und Dahlem (19.-20.10.1934) die Bekennende Kirche (BK) hervorgehen sollte. Zum 17.10.1933 tritt er dann eine Auslandspfarrstelle in London an, die wiederum u.a. durch den intensiven (und schließlich fehlgeschlagenen) „Versuch, die internationale Ökumene zu einem deutlichen, bekennenden Wort für die Bekennende Kirche zu gewinnen“ (Schmitz, 2013, 337), sowie pazifistische Aktivitäten beispielsweise als Redner bei einer u.a. vom Weltbund für Freundschaftsarbeit der Kirchen veranstalteten ökumenischen Konferenz auf Fanö gekennzeichnet war (Bonhoeffer, 1994a). Ab dem 15.4.1935 übernimmt er dann die Leitung eines neu eingerichteten, illegalen Predigerseminars der Bekennenden Kirche zunächst in Zingst, dann in Finkenwalde, welches durch „[l]ose Kommunität, geregelte Gebetszeiten, gemeinsam veranlagte Finanzen, Arbeitsteilung im Haus und Lehrveranstaltungen“ (Müller, 2010, 63) gekennzeichnet war (geschlossen durch die Gestapo am 28.9.1937), sowie die Leitung der anschließenden sogenannten Sammelvikariate in Hinterpommern (abermals geschlossen zum 18.3.1940). Diese Jahre sind zugleich auch eine theologisch erneut produktive Zeit, in der die „Nachfolge“ (1937; Bonhoeffer, 1994b) und „Gemeinsames Leben“ (1939; Bonhoeffer, 2002) entstehen, die „nicht allein theologische Reflexion über die Begriffe Glauben und Nachfolge, Rechtfertigung und Heiligung, Gnade und Gehorsam [sind, sondern auch] ganz persönlicher Ausdruck des eigenen Glaubens und Christseins Dietrich Bonhoeffers“ (Schmitz, 2013, 13, mit spezifischem Blick auf die „Nachfolge“).

Parallel entwickeln sich ab 1939 über von Dohnanyi auch erste Kontakte zum Widerstand im Amt Ausland/Abwehr im Oberkommando der Wehrmacht unter Admiral Wilhelm Canaris, auf deren Basis Bonhoeffer – bei zeitgleichem Rede- (ab 22.8.1940) und Publikationsverbot (ab 19.3.1941) – eine Freistellung vom Wehrdienst erhält und ab 24.2.1941 mehrere teils konspirative, als V-Mann durchgeführte Reisen in die Schweiz sowie nach Italien, Norwegen und Schweden unternimmt, bei denen er u.a. seinem Freund George Bell, Bischof von Chichester, für die britische Regierung bestimmte Dokumente des Widerstands übergibt. Zeitgleich arbeitet er von 1940 an bis zu seiner Inhaftierung an einer „konkreten evangelischen Ethik“ (Bonhoeffer, 1996, 410), die dann auf Basis der erhaltenen Manuskripte unter dem Titel „Ethik“ 1949 posthum erscheint (Bonhoeffer, 1992). Im Gefolge der gescheiterten Attentate vom 13. und 21.3.1943 wurde Bonhoeffer dann am 5.4.1943 bei zunächst unklarer Beweislage unter Beschuldigung der „Wehrkraftzersetzung“ (so die Anklageschrift vom 21.9.1943) verhaftet und u.a. vor dem Hintergrund von am 22.9.1944 gefundenen Aufzeichnungen Canaris‘ und von Dohnanyis am 8.4.1945 zum Tod verurteilt (mit Inhaftierung zunächst im Wehrmachtuntersuchungsgefängnis Tegel, dann in der Gestapo-Zentrale in der Berliner Prinz-Albrecht-Straße, weiterhin u.a. im KZ Buchenwald). Während der 22-monatigen Haft in Berlin kann Bonhoeffer dabei unter wechselnden Bedingungen Erörterungen, Gebete, Gedichte und anderes mehr verfassen und einen teils geheimen Briefwechsel insbesondere mit Familienmitgliedern sowie Bethge führen; Dokumente, die die Basis von „Widerstand und Ergebung“ bilden werden (erstmals 1951; Bonhoeffer, 1998g). Am 9.4.1945 folgt dann die Hinrichtung durch Erhängen im KZ Flossenbürg. Wenige Wochen vor der Kapitulation des Deutschen Reiches am 8.5.1945 verliert die Bekennende Kirche damit einen ihrer profiliertesten Vertreter, der aufgrund seiner ökumenischen Bestrebungen, seines Engagements zunächst für einen pazifistischen, dann teils parallel für einen aus der Ökumene resultierenden, dann ab 1939 für einen gegebenenfalls auch Gewalt gebrauchenden Widerstand (einleitend in diese Entwicklung Schmitz, 2013, 391-394) sowie seines Eintretens für die „christlichen Nichtarier“ und darüber hinaus auch für die Juden allgemein (summarisch Müller, 1990, 321-332) – zu nennen sind hier auch für die Bekennende Kirche nur wenige Personen wie Helmut Gollwitzer, Heinrich Grüber und Werner Sylten – zugleich in der Bekennenden Kirche selbst eine Sonderrolle einnahm.

Die sich aus Bonhoeffers beruflicher, freundschaftlicher und familiärer Vernetzung heraus entwickelnde, internationale Bonhoeffer-Rezeption setzt dann noch im Jahr 1945 mit der Herausgabe der u.a. einen Lebenslauf und Auszüge aus seinen Schriften beinhaltenden Schrift „Das Zeugnis eines Boten. Zum Gedächtnis von Dietrich Bonhoeffer“ (Ökumenische Kommission für die Pastoration der Kriegsgefangenen, 1945) ein, gefolgt von ersten Gesamtdarstellungen von Leben und Werk (Bethge, 1955; Müller, 1961; Bethge, 1966; Mayer, 1969; Feil, 1971). Bonhoeffer hat sich dabei in seiner „lutherischen Tradition [einem wichtigen] ‚Nachholbedarf‘ [gewidmet, indem er den Blick auf] Ethik – Mitmenschlichkeit – dienende Kirche – Nachfolge – Sozialismus – Friedensbewegung – und in und mit Allen, eben Politik“ (Barth, 1968, 555f.), gerichtet hat. Er hat allein mit seiner „Nachfolge“ Personen wie Wolfgang Huber, Jürgen Moltmann, Frère Roger, Albrecht Schönherr und Carl Friedrich von Weizsäcker beeinflusst (Liebendörfer, 2017), ist als zunehmend marxistischer Denker vereinnahmt worden (so bei Müller, 1961) und hat der Befreiungstheologie wichtige Impulse verliehen. Gegenwärtig sind Schriften Bonhoeffers in alle sogenannten Welt- und viele weitere Sprachen übersetzt, ergänzt durch eine 1999 abgeschlossene Werkausgabe (DBW), eine intensive wissenschaftliche Auseinandersetzung mit über 6.000 katalogisierten Texten sowie die Pflege seines Vermächtnisses in der „Internationalen Bonhoeffer-Gesellschaft“. Schließlich ist er ab den 1950er Jahren mit der entsprechenden Benennung von Schulen etc. auch Bestandteil einer öffentlichen Erinnerungskultur geworden, die darauf abzielt, sich der „Bindung an elementare Menschen- bzw. Freiheitsrechte zu vergewissern“ (Graf, 2003, 91), und die auch in die Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen hineinreicht.

3. Religionsdidaktisch-praktische Überlegungen

Die Auseinandersetzung mit Bonhoeffer im Rahmen religiöser Bildungsprozesse ist mit einer Reihe an Herausforderungen verknüpft, die bei der Planung, Durchführung und Auswertung berücksichtigt werden sollten. So ist erstens der Begriff des Märtyrers insbesondere seit dem 11.9.2001 weithin negativ konnotiert, so dass genaue – und didaktisch letztlich produktiv nutzbare – begriffliche Unterscheidungen u.a. zum Begriff des Terroristen nötig sind (einleitend Albrecht, 2008). Hinzu tritt zweitens Bonhoeffers (scheinbare) Bekanntheit, die mitunter zu der Position führen kann, sich bereits vollumfänglich mit ihm auseinandergesetzt zu haben (siehe Kapitel 1), und die immer wieder mit dem ‚fremden‘ Bonhoeffer (Marsh, 2015) zu hinterfragen sein wird. Besonders gewichtig dürfte dabei allerdings drittens eine immer wieder erkennbare „Idolisierung“ (Biewald/Beckmann, 2007, 14) oder Hagiografisierung Bonhoeffers sein, die einerseits dazu führen kann, das komplexe, zwischen Zustimmung, Anpassung und Widerstand changierende kirchliche Handeln zwischen 1933-1945 (→ Kirchen im Nationalsozialismus) nur verkürzt wahrzunehmen sowie andererseits – obwohl Kinder und Jugendliche Vorbildern gegenüber durchaus aufgeschlossen sind (Mendl, 2015, 21-49; spezifisch zu Bonhoeffer als möglichem Vorbild Schibler, 2008) – das Problem mit sich bringen kann, ihn „als Säulenheiligen in unerreichbare Ferne zu rücken“ (Lange, 2008, 3). Empfehlenswert ist es so, bei personenorientierten Zugängen zur NS-Zeit neben Bonhoeffer auch Personen wie Joachim Hossenfelder und Walter Grundmann mit in die Betrachtung einzubeziehen, insgesamt Biografien „verschiedene[r] Sozialtypen (Täter, Opfer, Retter und Zuschauer)“ (Wermke, 2005, 342f.) wahrzunehmen sowie bei Bonhoeffer auch „das Fragmentarische“ (Lange, 2008, 3) mit zu beachten bzw. seine „menschliche Seite“ (Biewald/Beckmann, 2007, 14), zu der u.a. sein Gedicht „Wer bin ich?“ (Bonhoeffer, 1998f) und seine Brautbriefe (Bismarck/Kabitz, 2016) Zugang gewähren.

Fokussiert auf den Religionsunterricht kann Bonhoeffer dabei – abhängig u.a. von den Voraussetzungen der Lernenden, der theologischen und pädagogischen Position der Lehrperson und den Zielstellungen der Curricula – ganz unterschiedlich in den Blick geraten, wobei verschiedene Arbeitsbücher, Materialhefte etc. (u.a. Biewald/Beckmann, 2007; Dieterich, 2006; Lange, 2017; Mokrosch/Johannsen/Gremmels, 2003) Unterstützung bieten. So kann im Rahmen thematisch-problemorientierter Ansätze danach gefragt werden, welche Beiträge Bonhoeffer zum Verständnis der Gegenwart und zur Lösung aktueller Probleme liefern kann: Kann u.a. seine pazifistische Position insbesondere der Jahre 1933f. auch mit Blick auf aktuelle Konflikte von Bedeutung sein? Im Rahmen ökumenischer und interreligiöser Ansätze können – damit eng verknüpft – die Bemühungen Bonhoeffers in der internationalen Ökumene und sein Eintreten für das Judentum erarbeitet werden, um auf dieser Grundlage danach zu fragen, ob und inwiefern Bonhoeffers entsprechende Gedanken auch heute fruchtbar gemacht werden können für die ‚eine Welt‘. Im Rahmen performativer Ansätze kann Bonhoeffer als Person in den Blick geraten, die Inhalt und Form, Gehalt und Gestalt des Christentums besonders eng zusammengebunden hat sowie u.a. seine wirkmächtigen, selbstreflexiven Gedichte als Impuls zur Abfassung und Reflexion eigener entsprechender Gedichte herangezogen werden. Im Rahmen kulturhermeneutischer Ansätze kann schließlich beispielsweise seine viel beachtete Prognose „einer völlig religionslosen Zeit“ (Bonhoeffer, 1998a, 403) zum Nachdenken über den Religionsbegriff sowie über religiöse Pluralisierungs-/Säkularisierungsprozesse anleiten sowie weiterhin auch dazu, die Rolle der Kirche in einer „mündig gewordenen Welt“ (u.a. Bonhoeffer, 1998b, 477) zu diskutieren – gegebenenfalls als Institution, die zwar die „Lossagung der Welt von ‚Gott‘“ (Dramm, 2001, 247) diagnostizieren muss, aber zugleich als Kirche „für andere“ (Bonhoeffer, 1998c, 560) in Wort und Tat (so mittels Zueignung des gesamten kirchlichen Eigentums an Bedürftige; Bonhoeffer, 1998c, 560) aufzeigen kann, dass keinesfalls „Gott die Welt losgelassen [hat]“ (Dramm, 2001, 247).

Dass Bonhoeffer hier jeweils als Ausgangspunkt in den Blick gerät und ‚fruchtbar‘ gemacht werden soll, ist letztlich keinesfalls selbstverständlich: Warum nicht vielmehr (auch) von anderen Personen ausgehen? Dennoch spricht eine Reihe an Gründen für Bonhoeffer: seine literarische Begabung, seine zwar voraussetzungsreiche, komplexe und teils fragmentarisch gebliebene, jedoch zugleich zugängliche sowie auch Nicht-Theologen „verständliche Anregungen“ (Lange, 2017, Klappentext) gebende Theologie, seine bewegende Biografie, seine enge Verknüpfung von Nachdenken und Handeln sowie nicht zuletzt auch seine lebensweltliche Bekanntheit, die eine Reihe an Anknüpfungspunkten bietet. Mit all dem empfiehlt sich Bonhoeffer auch für fachübergreifende Projekte, wobei insbesondere Kooperationen mit dem Deutsch-, Ethik-, Geschichts- und Politik-, aber auch dem Kunst- oder Musikunterricht von Interesse sein dürften, so wenn Bonhoeffer-Büsten oder die vielfältigen Vertonungen seiner Texte in den Blick geraten. Besonders herausgefordert sind dabei nochmals Schulen, die Bonhoeffer im Namen führen – hier sollte er auch eine wahrnehmbare Rolle im Schulleben einnehmen, die über die ‚Verwertung‘ ausgewählter Gedanken in Festreden hinaus vielfältig u.a. mittels Ausstellungen, Anti-Rassismus- und Anti-Vorurteils-Projekten gefüllt werden kann und auch mit einem entsprechenden Leitbild korrelieren sollte (vgl. mit Anregungen die Homepage des Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasiums in Filderstadt; Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium, o.J.).

4. Schluss

In der „mittlerweile zu einem geradezu unüberschaubaren Umfang angewachsene[n] Bibliothek zur Theologie und zum Leben Dietrich Bonhoeffers“ (Schmitz, 2013, 14) lässt sich immer wieder die Tendenz beobachten, der von Bethge vorgeschlagenen Trias „Theologe – Christ – Zeitgenosse“ (siehe oben) entsprechend Leben und Werk Bonhoeffers in drei klar zu unterscheidende Phasen zu teilen: eine frühe Phase (die mit Bonhoeffers theologischem Schaffen beginnt, mit seiner Rückkehr aus den USA 1931 schließt und für die seine beiden Qualifikationsschriften charakteristisch sind), eine mittlere Phase (die mit der Schließung der Seminaristenausbildung endet und für die sein Aufsatz zur Judenfrage und die „Nachfolge“ charakteristisch sind) sowie eine späte Phase (die durch Widerstand und Haft gekennzeichnet ist und für die die „Ethik“ sowie „Widerstand und Ergebung“ charakteristisch sind). Derartige Kategorisierungen haben orientierenden Wert, treffen allerdings unter Missachtung der vorhandenen Kontinuitäten (siehe u.a. die bereits 1933 vorgebrachte Überlegung, notfalls „dem Rad selbst in die Speichen zu fallen“; Bonhoeffer, 1997a, 353) „noch vor Beginn der Interpretation [Vorentscheidungen], die dann zu Kriterien der eigentlichen Interpretation werden“ (Schmitz, 2013, 16). Zugleich sind sie als Versuch auslegbar, das facettenreiche Leben und Werk Bonhoeffers zu ‚domestizieren‘ und ‚leicht verstehbar‘ zu machen. Im Rahmen religiöser Bildungsprozesse dürfte dies eine unzureichende Akzentuierung darstellen: Genau wie beispielsweise die auch für Bonhoeffer wichtige, in der „Nachfolge“ ausführlich ausgelegte Bergpredigt (Bonhoeffer, 1994b, 97-192) als „‚Stoff‘, aus dem Wirklichkeit […] werden kann und soll“ (Ritter, 1998, 196), wahrgenommen, reflektiert und gegebenenfalls probeweise angewendet werden sollte (→ Bergpredigt (Mt 5-7), bibeldidaktisch, Sekundarstufe), sollten auch bei der Auseinandersetzung mit Bonhoeffer nicht seine ‚Einhegung‘ in mehr oder minder überzeugende hermeneutische Kategorien im Zentrum stehen, sondern die Impulse, die sein Leben und Werk für die Gegenwart freisetzen können.

Literaturverzeichnis

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