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Lexikon

Der neue Trierer Plan

Franz Wendel Niehl

(erstellt: Febr. 2018)

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1. Überblick

Der neue Trierer Plan trägt den Untertitel Eine Didaktik der religiösen Erziehung im Elementarbereich. Er wurde 1996 veröffentlicht und bildet seitdem im Bistum Trier die Grundlage der religionspädagogischen Arbeit im Elementarbereich. Nach dieser Konzeption wurden Arbeitshilfen erstellt und Schwerpunkte in der Fortbildung gesetzt. Der neue Trierer Plan steht in der Tradition der Korrelationsdidaktik (→ Korrelation), die in den siebziger und achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts eine maßgebliche Rolle in der katholischen Religionspädagogik gespielt hat. Nach diesem didaktischen Konzept erwächst der christliche Glaube aus einem Interpretationsvorgang, in dem sich Glaubensüberlieferungen und heutige Erfahrungen wechselseitig durchdringen: Heutige Erfahrungen bilden den Auslegungshorizont für religiöse Überlieferungen und religiöse Überlieferungen fordern dazu auf, heutige Erfahrungen zu qualifizieren und zu bearbeiten. Der neue Trierer Plan hatte dementsprechend die anspruchsvolle Aufgabe, dieses didaktische Konzept für den Bereich der Kindertagesstätten so zu elementarisieren (→ Elementarisierung), dass es für Erzieherinnen und Erzieher fruchtbar werden konnte.

2. Aufbau und didaktische Konzeption

Nach einer Einführung in die Gliederung des Plans werden hier die Bedingungen erläutert, unter denen Kinder heute (d.h. in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts) aufwachsen. Diese Situationsanalyse, die teilweise noch heute zutrifft, bezieht auch ausdrücklich die Kindertagesstätten (→ Kindertagesstätte) und die berufliche Rolle der Erzieherinnen und Erzieher ein.

Die didaktische Konzeption entwickeln die Autorinnen und Autoren in den Kapiteln drei bis fünf. Zunächst wird die Frage Was ist religiöse Erziehung? erörtert. Dabei bezieht sich der neue Trierer Plan auf den weiten Religionsbegriff von Paul Tillich: Religion ist das, was den Menschen unbedingt angeht. Religion umfasst demnach „jene Grundentscheidungen, die den Menschen auf den Weg zu sich selber schicken“ (Katechetisches Institut, 1996, 20). Denn jeder steht vor einer Reihe wesentlicher – und nie ganz lösbarer – Fragen und Aufgaben:

  • Aus welchen Quellen schöpfe ich Kraft?
  • Wie erwerbe ich Vertrauen in mich und zu anderen?
  • Wie kann ich mich selbst annehmen – meine Begabungen entwickeln und meine Grenzen ertragen? [...]
  • Was hilft mir, den Anderen besser zu verstehen, ihn mit den Augen der Liebe zu sehen? [...]
  • Wie entwickeln wir unsere Fähigkeit zu lieben und Liebe anzunehmen? [...]
  • Wie leben wir konzentriert und einfach im Zeitalter des Überflusses? [...]
  • Wie gelingt es uns, ohne Feindbilder zu leben?
  • Wie können wir eigene und fremde Schuld annehmen?
  • Wie kann ich in meine Grenzen einwilligen, in meine Leidensgeschichte, schließlich sogar in meine Vergänglichkeit und meinen Tod?
  • Was gibt mir die Kraft, trotz aller Belastungen heiter und gelassen zu leben? (Katechetisches Institut, 1996, 19, leicht gekürzt).

    Demnach hat eine bewusste und wertorientierte Lebensgestaltung immer eine religiöse Grundierung. Auf dieser allgemeinen anthropologischen Grundlage entwickelt der neue Trierer Plan das Konzept einer vielschichtigen religiösen Erziehung.

In ihrer allgemeinsten Form unterstützt die religiöse Erziehung Kinder dabei, „die Gestalt ihres eigenen Lebens zu entwickeln. Religiöse Erziehung soll dann jungen Menschen helfen, selbstbewusst zu werden, die Werthaftigkeit ihrer Entscheidungen zu entdecken, ein Lebenskonzept zu entwickeln, dem sie zustimmen können. Christlichen Charakter gewinnt die religiöse Erziehung dann, wenn Elemente des christlichen Glaubens in diesen Prozess der Subjektwerdung einfließen. In Erzählungen der Bibel, in den großen Vorbildern der Christen haben Lebensentwürfe Gestalt gewonnen, die sich als anregend erweisen können. Religiöse Erziehung wird dann Vermittlung christlichen Lebenswissens“ (Katechetisches Institut, 1996, 20). Die Begegnung mit dem christlichen Glauben sollte dabei erlebnishafte Gestalt gewinnen in Gebet und Meditation, in den Festen des Jahreskreises, in Erzählungen der Bibel, in Heiligenlegenden etc. So können erste Zugänge zur Spiritualität des christlichen Glaubens erschlossen werden.

Damit wird im neuen Trierer Plan ein sehr anspruchsvolles Konzept der religiösen Erziehung entworfen, das leicht entmutigen könnte. Dem halten die Autorinnen und Autoren entgegen, dass der Weg der Subjektwerdung zugleich jener Weg ist, der zu einem Leben als Christ führt. „Christwerden heißt [...]: Eine Gemeinschaft finden, die Geborgenheit gibt. Und dadurch hineinwachsen in jene befreienden und heilenden Alltagstugenden, die in der Nachfolge Jesu geübt werden. Christliche Erziehung strebt nicht zuerst Belehrung an; ihr erstes Ziel ist das christlich geprägte Leben und die Einführung in christliche Lebensweisheit. Solche Erziehung lässt dem Kind die Freiheit zum eigenen Weg und hütet sich davor, die Erziehenden zu überfordern. Sie brauchen nicht makelloses Vorbild zu sein. Es genügt, wenn sie nüchtern und ehrlich ihren Weg als Menschen und Christen suchen. Christlich erziehen heißt dann: absichtslose Solidarität üben und den anderen am Suchprozess nach einem gelingenden Leben teilhaben zu lassen“ (Katechetisches Institut, 1996, 24f.).

Unter diesen Voraussetzungen stellt der neue Trierer Plan dar, dass sich im Kindergarten immer wieder Konstellationen ergeben, die geradezu nach einer religiösen Vertiefung verlangen. Zugleich vertraut er darauf, dass aus der Begegnung mit Christen und mit christlichen Glaubensvorstellungen viele Impulse erwachsen, die dem Kind helfen, seine Lebensgestalt zu entwickeln. Entsprechend unterscheidet der neue Trierer Plan drei Ebenen religiöser Erziehung: die indirekte religiöse Erziehung durch den Alltag, die reflektierte religiöse Erziehung, die Arrangements für religiöse Erfahrungen schafft, und die ausdrückliche Begegnung mit Inhalten des christlichen Glaubens (Katechetisches Institut, 1996, 25).

Der neue Trierer Plan geht also davon aus, dass der Prozess, in dem Kinder reifen und wachsen, durch eine religiöse Erziehung unterstützt und gefördert wird. Auf diesem Weg sollen zwei didaktische Ansätze helfen:

1. Der situationsorientierte Ansatz:

Im Alltag der Kinder und des Kindergartens entwickelt sich eine Fülle von Situationen, die Reifung und Lernen herausfordern. Kinder erleben Konflikte und Probleme; darüber wollen sie sprechen, daran können sie reifen. Und derartige Situationen haben häufig auch eine religiöse Dimension.

2. Der traditionsorientierte Ansatz:

Kinder wachsen hinein in eine geprägte Kultur, und zu dieser Kultur gehören wesentlich christliche Vorstellungen und Überlieferungen. Nur durch kulturelle Traditionen – nämlich durch den Geist unserer Institutionen, durch die kulturellen Güter (Sprache, Musik, Kunst, Literatur...) und durch das humane Gedächtnis unserer Kultur – können Kinder entdecken, was es heißt, wertorientiert und menschlich miteinander zu leben.

Die didaktische Ausrichtung des neuen Trierer Plans kann demnach als integratives Konzept der religiösen Erziehung charakterisiert werden. Der christliche Glaube wird nicht in einer Sonderwelt angesiedelt, über die die Kinder etwas lernen sollen. Vielmehr ist der christliche Glaube integriert in den Alltag und in die Lebensgeschichte eines Menschen. Und dieser Charakter soll auch die religiöse Erziehung im Kindergarten prägen.

Dieses integrative Konzept bestimmt auch die Qualifikation, die – vom Kind her gedacht – das Ziel der religiösen Erziehung umschreiben soll: Ich lebe mit anderen, begegne Christen und wachse hinein in Kultur und Schöpfung. – In ihrer Langform wird dieses Gesamtziel so entfaltet:

„Ich lebe

Ich kann mich angenommen fühlen und deshalb vertrauensvoll

  • mich und meine Umgebung wahrnehmen,
  • mich mitteilen,
  • tätig sein

und mich so entfalten.

mit anderen

Wir können mit anderen

  • aufmerksam umgehen
  • uns auseinandersetzen
  • füreinander sorgen

    und so verantwortlich zusammenleben.

Ich begegne Christen

Ich kann

  • Ausdrucksformen des Glaubens mit vollziehen
  • mich ansprechen lassen von Geschichten und Alltagssituationen, in denen Menschen ihr Leben gestalten im Gespräch mit Gott,
  • aufmerksam werden auf mein Inneres

    und so vertrauensvoll leben und selbstbestimmt handeln.

und wachse hinein in Kultur

Ich kann

  • die Gestaltungen menschlichen Lebens und Schaffens wahrnehmen und bewerten,
  • selbständig und sachgerecht mit Medien und technischen Geräten umgehen,
  • offen sein für Geschichten und Gedichte, Lieder und Bilder, für Zeugnisse aus Kunst, Musik und Literatur

    und so Welt und Leben erschließen und mitgestalten.

und Schöpfung

Ich kann staunend

  • die Vielfalt und Schönheit der Schöpfung entdecken,
  • achtsam mit ihr umgehen
  • mich als Teil von ihr erleben

    und so dankbar für sie Sorge tragen“ (Katechetisches Institut, 1996, 36).

Damit ist das religionspädagogische Zentrum des neuen Trierer Plans umrissen: Im fünften Kapitel wird ausführlich dargelegt, wie sich der christliche Glaube mit diesen Entwicklungsaufgaben (→ Entwicklungspsychologie) verknüpfen lässt. In der sensiblen Darstellung durchdringen sich psychologische, soziologische und theologische Argumentationsreihen. Hier dürfte ein Alleinstellungsmerkmal des neuen Trierer Plans liegen.

3. Wirkung und Wertung

Im Dezember 1996 wurde der neue Trierer Plan veröffentlicht. Danach begann eine mehrjährige Erprobungsphase. Es wurden Fortbildungsveranstaltungen in allen Regionen des Bistums Trier angeboten und vor allem wurden Projektgruppen gebildet. Sie sollten den neuen Trierer Plan im Alltag ihrer Einrichtung erproben und diesen Prozess so dokumentieren, dass andere Kindergärten daraus Anregungen gewinnen konnten. So entstanden 19 Arbeitshilfen, von denen acht veröffentlicht wurden (Niehl/Bogerts/Eiswirth, 2000) – 2005 erschienen diese Arbeitshilfen auch in polnischer Übersetzung. Die regionale Resonanz war beeindruckend. Auf mehreren Fortbildungsebenen wurde der neue Trierer Plan so implementiert. Es war geplant, auf der Grundlage dieser Erfahrungen den neuen Trierer Plan zu überarbeiten und zu aktualisieren. Aber im Zuge kirchlicher Sparmaßnahmen wurde das federführende Katechetische Institut des Bistums Trier geschlossen und dadurch fehlte eine Einrichtung, die die Revision hätte leisten können. Seitdem dient der neue Trierer Plan zwar als Grundlage der regionalen religionspädagogischen Arbeit; aber er wurde nicht mehr fortgeschrieben. Unabhängig von der Funktion für die Kindertagesstätten im Bistum Trier ist der neue Trierer Plan überregional in der Ausbildung der Erzieherinnen und Erzieher genutzt worden. Mehrere Fachschulen haben ihn als Arbeitshilfe verwendet. Künftige Erzieherinnen und Erzieher sollten mithilfe des neuen Trierer Plans eingeführt werden in religionspädagogisches Denken und Handeln.

Aus heutiger Sicht spiegelt der neue Trierer Plan eine gesellschaftliche und kirchliche Konstellation, die der Vergangenheit angehört. Es dominiert noch eine binnenkirchliche katholische Wahrnehmung. Das soziale Milieu, in dem der neue Trierer Plan beheimatet war, hat sich aber inzwischen weitgehend aufgelöst. Zwei Aspekte könnten trotzdem ihren Wert behalten über den Tag hinaus: Religiöse Erziehung wird hier verknüpft mit Entwicklungsaufgaben und damit verstanden als ein wesentliches Element der Subjektwerdung des Kindes. Zugleich wird deutlich, dass die Aufgabe der religiösen Erziehung auch für die Erzieherinnen und Erzieher religiöse Reifungsprozesse anstoßen kann. Die Wahrnehmung der Kinder, die religionspädagogische Arbeit mit ihnen und die Selbstreflexion über den eigenen religiösen Weg durchdringen sich.

Literaturverzeichnis

  • Habringer-Hagleitner, Silvia, Zusammenleben im Kindergarten. Modelle religionspädagogischer Praxis, Stuttgart 2006.
  • Katechetisches Institut des Bistums Trier (Hg.), Der neue Trierer Plan. Eine Didaktik der religiösen Erziehung im Elementarbereich, Trier 1996 (Nicht im Buchhandel erhältlich; in kleinen Mengen noch zu beziehen über das Bischöfliche Generalvikariat Trier, Abteilung Kindertageseinrichtungen, Mustorstr. 2, 54290 Trier, E-Mail: Kita@bistum-trier.de).
  • Möller, Rainer/Tschirch, Reimar, Arbeitsbuch für Religionspädagogik für ErzieherInnen, Stuttgart 6. Aufl. 2014.
  • Niehl, Franz W./Bogerts, Hildegard/Eiswirth, Johannes (Hg. u.a.), Damit es wieder ein Fest wird... Praxishilfen zur religiösen Erziehung im Kindergarten, München 2000.
  • Niehl, Franz W., Wie können wir lernen richtig zu leben. Ein Erfahrungsbericht über die Arbeit mit Entwicklungsaufgaben als hermeneutischem Horizont des Religionsunterrichts, in: Bahr, Matthias/Kropac, Ulrich/Schambeck, Mirjam, Subjektwerdung und religiöses Lernen. Für eine Religionspädagogik, die den Menschen ernst nimmt, München 2005.
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