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Lexikon

Compassion

Lothar Kuld, Franz Wendel Niehl

(erstellt: Febr. 2016)

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1. Idee, Konzept und Geschichte des Compassion-Projekts

Das Compassion-Projekt ist ein Projekt sozialen Lernens an Schulen. Es beruht auf einer Initiative der Katholischen Freien Schulen in Deutschland und wurde von den Autoren Adolf Weisbrod, Franz Kuhn und Friedrich Hirsch im Auftrag der Arbeitsgruppe „Innovation“ der Zentralstelle Bildung der Deutschen Bischofskonferenz in der Zeitschrift Engagement 1994 erstmals beschrieben und konzeptionell vorgestellt (vgl. Weisbrod/Kuhn/Hirsch, 1994). Ziel des Projekts ist die Entwicklung sozial verpflichteter Haltungen wie → Solidarität, Kooperation und Kommunikation mit Menschen, die aus welchen Gründen auch immer auf die Unterstützung und Hilfe Anderer angewiesen sind. Zu diesem Zweck gehen die Schülerinnen und Schüler der Projektschulen während des Schuljahres in der Regel ein bis zwei Wochen lang in eine soziale Einrichtung: Altenheime, Krankenhäuser, Behinderteneinrichtungen, Obdachlosenheime, Kindergärten, Bahnhofsmissionen, Büros und Unterkünfte für Asylsuchende und Flüchtlinge. Die Lehrerinnen und Lehrer begleiten die Praktika in ihrem Fachunterricht, der informierend, reflektierend und bewertend auf Erfahrungen in den Praktika vorbereitet oder nachträglich darauf eingeht (vgl. Kuld/Gönnheimer, 2004). Die Praktika sind an Compassion-Schulen verpflichtend. Alle Schülerinnen und Schüler einer Klassenstufe sind einbezogen. Eltern wissen darum, wenn sie ihre Kinder an diese Schulen bringen. Die Einrichtungen sind über die Zielsetzung des Projekts informiert und entwickeln zunehmend eigene Maßnahmen zur qualitativ guten Begleitung der Jugendlichen in den Einrichtungen (vgl. Brüll, 2012).

Pädagogischer Kerngedanke des Projekts ist die Überzeugung, dass die erlebnispädagogische Maßnahme eines Sozialpraktikums in Verbindung mit Unterricht, der das Erlebte reflektiert, auf längere Sicht zu veränderten Verhaltensbereitschaften und Haltungen im Bereich des Sozialen führen kann. Sozial verpflichtete Haltungen beruhen nicht auf Gefühl, sondern auf Einsicht. Was den einen rührt, lässt den anderen unberührt. Für seine Gefühle ist ein Mensch nur bedingt verantwortlich zu machen, wohl aber für sein Denken. Deshalb ist Reflexion wichtig. Sie ist die Grundlage eines bildenden Unterrichts.

Eine statistisch nicht erfasste wachsende Zahl freier und staatlicher Schulen hat das Konzept in das Schulleben implementiert. 2002 erhielt das Projekt den ALCUIN-Award des Dachverbandes der europäischen Elternvertretungen an Schulen (EPA – European Parents Association) als bestes pädagogisches Projekt des Jahres. 2000 erschien der Evaluationsbericht der wissenschaftlichen Begleitung des Projekts (vgl. Kuld/Gönnheimer, 2000) und im gleichen Jahr ein von Johann Baptist Metz u.a. herausgegebener Diskussionsband unter dem programmatischen Titel „Compassion – Weltprogramm des Christentums“ (Metz/Kuld/Weisbrod, 2000). Einzeluntersuchungen widmen sich dem Projekt unter Gender-Gesichtspunkten (vgl. Weber-Jung, 2011; Gender) und der institutionellen Begleitung der Jugendlichen durch die Sozialunternehmen (vgl. Angele u.a., 2012). Die Akademie für politische und soziale Bildung der Erzdiözese Mainz „Haus am Maiberg“ (Heppenheim) hat 2012 ein von der Aktion Mensch gefördertes Projekt zur Verbindung des Compassion-Projekts mit politischer Bildung begonnen. Von der EU gefördert kooperierten 2004 bis 2006 Compassionschulen in Österreich, den Niederlanden und Deutschland miteinander.

2. Der Name Compassion

Der Projektname Compassion gab und gibt immer wieder Anlass zu Nachfragen. Compassion wird im Deutschen gemeinhin mit „Mitleid“ übersetzt und das ist sicher eine problematische Vokabel, wenn damit eine Haltung von Starken gegenüber Schwachen gemeint ist, die in Menschen, die Betreuung brauchen, schlichtweg nur bedauernswerte Kreaturen sieht. Dann wäre Mitleid diskriminierend und so betrachtet wäre der Projektname Compassion nicht gut gewählt. „Man lässt sich nicht gern bemitleiden, und Mitleid empfinden mag man auch nicht“ schreibt Comte-Sponville in seinem „kleine[n] Brevier der Tugenden und Werte“, das er unter dem programmatischen Titel „Ermutigung zum unzeitgemäßen Leben“ veröffentlicht hat. „Mitleid empfinden heißt mit jemandem leiden, und Leiden ist immer schlecht“ (Comte-Sponville, 1996, 125). Nehme man jedoch das griechische Wort für Mitleid: sympatheia, das im Französischen wie im Deutschen Lehnwort Sympathie übernommen wurde, sehe die Sache schon anders aus. Sympathisch wollen alle sein. Und Sympathie zu empfinden, ist etwas Schönes. Im Unterschied zu diesem Empfinden der Sympathie, so Comte-Sponville, sei Mitleid jedoch mehr als ein Gefühl. Es sei die Haltung engagierter Mitmenschlichkeit, die Leiden, welcher Art und aus welchen Gründen auch immer, nicht einfach indifferent hinnimmt.

John F. Kennedy hat solche Mitmenschlichkeit in den 1960er Jahren als eine gesellschaftliche Tugend eingefordert. Er warb, noch bevor man von Entsolidarisierung sprach, für eine → Gesellschaft mit compassion, und er meinte damit eine Gesellschaft, in der aus menschlichem Mitgefühl erwachsenes soziales Engagement selbstverständlich ist und gesellschaftlich Anerkennung findet, das heißt: sozial honoriert wird. Dieses US-amerikanische Vorbild stand den Autoren der Compassion-Initiative bei der Namensgebung des Projekts vor Augen. Der Projekttitel ist also dem Vokabular der Kennedy-Brüder entnommen, und das Projekt wurde von den Autoren in diesem Sinne auch als bürgerschaftliches Engagement der Katholischen Freien Schulen für den Zusammenhalt der Gesellschaft verstanden. Zu Beginn der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts, in denen die meisten öffentlichen Schulen sich über die Einführung neuer Medien und wirtschaftsaffiner Angebote zu profilieren begannen, entschieden sich die Katholischen Freien Schulen für das soziale Engagement.

3. Dimensionen des Compassion-Projekts

Das Compassion-Projekt hat verschiedene Dimensionen, eine erlebnispädagogische und eine moralpädagogische. Es ist Teil von Schulentwicklung und es ist ein Baustein zur Profilierung von Schulen. In theologischer Hinsicht, sagt Johann Baptist Metz, führt das Compassion-Projekt ins Zentrum des Christentums. Metz ist der mächtige Impulsgeber für eine theologische Fundierung des Compassion-Projekts. Compassion, mit anderen Worten „Empfindlichkeit für das Leid der anderen“ sei „das Schlüsselwort“ des Christentums. Christliche Mystik sei „eine Mystik der Compassion“. Ihr Imperativ laute: „Aufwachen. Die Augen öffnen. Das Christentum ist kein blinder Seelenzauber. Es lehrt nicht eine Mystik der geschlossenen, sondern eine Mystik der offenen Augen. Im Entdecken, im Sehen von Menschen, die im alltäglichen Gesichtskreis unsichtbar bleiben, beginnt die Sichtbarkeit Gottes, öffnet sich seine Spur“ (Metz, 1997b, 57). Metz spricht in christlicher Perspektive von der „Autorität der Leidenden“ (Metz, 1997b, 57). Ihnen habe die uneingeschränkte Solidarität Jesu gegolten. Sein Blick habe primär nicht der → Sünde, sondern dem Leid des Menschen gegolten. Ausgangspunkt christlicher → Theologie seien deshalb die Leidenden, die Armen und die gesellschaftlich Marginalisierten. Jesusnachfolge sei also dieser abenteuerliche Weg der Compassion. Er fordere dazu auf, für Andere da zu sein, noch bevor man selbst etwas von ihnen habe und auch nicht wissen könne, was man von ihnen hat. Eine solche Haltung erscheine freilich absurd. Sie fordere dazu auf, nach dem Leid der Anderen zu fragen, und wäre vielleicht doch ein Weg, wie die Konflikte unserer Zeit entspannt werden könnten. Was wäre, könnte man fragen, wenn in politischen Konflikten die Kontrahenten auch das Leid der jeweils anderen Seite in den Blick nähmen und nicht nur das eigene? So gesehen ist Compassion zugleich politisch.

Diese religiöse Sinngebung kann, aber sie muss nicht notwendig mit dem Compassion-Projekt an Schulen verbunden werden. Sie ist für Schulen in katholischer Trägerschaft ein starkes Motiv. Die Initiatoren des Compassion-Projekts meinen jedoch, dass die Zuwendung zu Menschen und Hilfsbereitschaft im Sozialen keine katholische Spezialtugend ist, sondern prinzipiell jedem Menschen zugemutet werden kann. Die unterrichtliche Begleitung ist nicht nur eine Sache des Religionsunterrichts ( Religionsunterricht, evangelisch; Religionsunterricht, katholisch), sondern könne nahezu in jedem Fach erfolgen. Auch das Projekt selbst könne also grundsätzlich an allen Schultypen durchgeführt werden. Die Rezeption des Projekts gibt den Initiatoren Recht.

Literaturverzeichnis

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  • Comte-Sponville, André, Ermutigung zum unzeitgemäßen Leben. Ein kleines Brevier der Tugenden und Werte, Reinbek b. Hamburg 1996.
  • Compassion – Eine Idee macht Schule (Themenheft), Engagement. Zeitschrift für Erziehung und Schule (2005) 1.
  • Heinen, Daniel, „Aufwachen, die Augen öffnen!“ – Kritisches zu Compassion, in: Engagement. Zeitschrift für Erziehung und Schule (2005) 1, 21-30.
  • Hensinger, Juliane, Soziales Lernen aus der Lehrerperspektive. Eine Untersuchung zur Implementierung und Akzeptanz des Sozialprojekts Compassion. Masterarbeit – Master of Arts (MA) PH Weingarten 2011.
  • Kuld, Lothar, „Compassion“ – Menschsein für andere. Zu einem schulischen Modellversuch, in: Stimmen der Zeit 217 (1999) 8, 568-570.
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