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Lexikon

Bibliolog

Uta Pohl-Patalong

(erstellt: Febr. 2016)

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Digital Object Identifier: https://doi.org/10.23768/wirelex.Bibliolog.100139

1. Bibliolog als bibeldidaktischer Zugang in der Spätmoderne

1.1. Bibeldidaktische Herausforderungen …

In der → Religionspädagogik ist ein zunehmendes Interesse an der Bibel zu verzeichnen. Im Studium, in der zweiten Ausbildungsphase und auch in religionspädagogischen Fortbildungen suchen (angehende) Lehrkräfte, Pfarrer und Pfarrerinnen und Religionspädagoginnen und Religionspädagogen nach Möglichkeiten, wie sie Kindern und Jugendlichen Wege aufzeigen, biblische Texte als lebendig und bedeutungsvoll für ihr persönliches Leben zu entdecken und zu erfahren. Die Frage der 1970er Jahre, ob es religionspädagogisch vorrangig um die Menschen oder um die Texte geht (vgl. exemplarisch Kaufmann, 1973), ist offensichtlich überwunden. Es geht heute um die Begegnung zwischen beiden, genauer gesagt: um die Bedingung der Möglichkeit, dass eine solche Begegnung gelingt. Dass dies keineswegs selbstverständlich ist, ist zunächst eine didaktische Erkenntnis, die durch diverse Alltagserfahrungen bestätigt wird. Ebenso ist es aber auch eine theologische Erkenntnis. Dass Menschen biblische Texte als relevant für ihr Leben entdecken, von ihnen berührt werden und ihrerseits Erkenntnisse aus ihnen gewinnen, ist nicht didaktisch operationalisierbar, sondern nach christlicher Glaubensüberzeugung eine Wirkung des → Geistes. Dennoch erhöht sich die Wahrscheinlichkeit solcher Begegnungen im Rahmen von sorgfältig gestalteten bibeldidaktischen Ansätzen (→ Bibeldidaktik, Grundfragen). Zentral für diese ist besonders in der Spätmoderne, dass sie die Kinder und Jugendlichen als Subjekte ernstnehmen und ihren Zugängen und Deutungen Raum geben. Sie müssen zudem fähig sein, mit sehr heterogenen Zugängen zur Bibel und zur (christlichen) Religion insgesamt umzugehen, da in der Regel Lerngruppen religiös plural sind (vgl. dazu Pohl-Patalong, 2013b, 11-18). Zudem sollen die Zugänge Spaß machen, und zwar möglichst in allen Altersstufen.

Nach einer Phase, in der der historische Abstand zu den biblischen Texten und ihre Fremdheit zur heutigen Lebenswelt besonders betont wurden, wird heute daher wieder stärker nach bibeldidaktischen Ansätzen (→ Bibeldidaktik, Grundfragen) gefragt, die Bibel und Menschen direkt miteinander in Berührung bringen und auf ihre gegenseitige Relevanz zielen (vgl. Pohl-Patalong, 2014). Unterschiedliche kreative Zugänge und Methoden dazu sind in den letzten Jahrzehnten entwickelt worden. Nicht alle eignen sich jedoch für schulische und gemeindepädagogische Kontexte. Denn diese erfordern eine zeitliche Begrenzbarkeit sowie die Möglichkeit zur Distanzierung, da nicht immer ein hohes Maß an Offenheit und Vertrauen gegeben ist. Zudem sollten sie sich einer Ertragssicherung nicht versperren.

1.2. … und der Bibliolog

Einen solchen Zugang zu biblischen Texten bildet der Bibliolog. Dieser bietet einen methodisch strukturierten Weg an, mit einer Schulklasse, Gemeindegruppe oder auch einer anderen Konstellation gemeinsam einen biblischen Text zu entdecken und so auszulegen, dass seine Bedeutung für das eigene Leben unmittelbar erlebbar wird (ausführlich dazu vgl. Pohl-Patalong, 2013b). Wesentlich dabei ist die Identifikation der Teilnehmenden mit biblischen Gestalten. Sie ermöglicht es, in den Raum des Textes einzutreten und ihn quasi „von innen heraus“ zu entdecken. Die Analogie der Erfahrungen in Textwelt und heutiger Lebenswelt bildet eine Brücke, die den historischen Abstand nicht leugnet, ihn aber nicht als Barriere erleben lässt. Die Aktualität und Lebensrelevanz der biblischen Texte wird erlebbar und ermöglicht einen neuen Zugang zu ihnen, unabhängig von den biblischen Vorkenntnissen.

In diesem Ansatz ist der Bibliolog mit dem Bibliodrama verwandt. Seine methodischen „Spielregeln“ und seine stärkere Konzentration auf die sprachliche Form ermöglichen jedoch eine größere Distanzierung und einen kürzeren zeitlichen Rahmen (ca. 15-30 Minuten in der Grundform).

Bibliolog kann überall eingesetzt werden, wo eine Gruppe mit einem biblischen Text arbeitet: im Gottesdienst (als „Predigt mit der ganzen Gemeinde“), im Religionsunterricht, in gemeindlichen Gruppen jeder Art oder auch im säkularen Bereich. Er ist einer der wenigen bibeldidaktischen Zugänge, die gleichermaßen für „bibelfeste“ Menschen wie für Menschen ohne jegliche biblische Kenntnisse geeignet sind. Da das Geschehen immer in Rollen erfolgt, können erfahrungsgemäß auch Angehörige anderer Religionen sowie nichtreligiöse Menschen gewinnbringend teilnehmen, sofern sie den Kontakt zur Bibel nicht scheuen. Auch evangelikale Christinnen und Christen schätzen den Bibliolog aufgrund seiner Liebe und Treue zur Schrift, sofern ihr Glaube pluralitätsfähig ist.

Die klare Struktur des Bibliologs kann besonders bibeldidaktisch erfahrene Menschen dazu verleiten, ihn nur aufgrund von Lektüre umzusetzen. Davon ist nachdrücklich abzuraten. Der Ansatz ist sehr viel komplexer als er sich zunächst darstellt und führt häufig sowohl in methodische Schwierigkeiten als gelegentlich auch in menschlich nicht einfache Situationen, auf die weder Lektüre noch Erfahrungen mit anderen Ansätzen hinreichend vorbereiten. Insofern sollte man in jedem Fall eine viertägige Fortbildung eines Bibliolog-Grundkurses besuchen, bevor man einen Bibliolog anleitet. Sämtliche Fortbildungen finden sich unter www.bibliolog.de.

2. Entstehung und Entwicklung

Urheber des Bibliologs ist der jüdische Nordamerikaner Peter Pitzele, der zusammen mit seiner Frau Susan Pitzele diesen Ansatz Mitte der 1980er Jahre entwickelte (Pitzele, 1998). Pitzele ist kein Theologe, sondern Literaturwissenschaftler und Psychodramatiker. Dies zeigt sich methodisch in der Nähe zum Psychodrama und in der Genauigkeit im Umgang mit dem Text, ebenso aber in der Unmittelbarkeit des Zugangs unabhängig von biblischen und theologischen Vorkenntnissen. Vor allem aber ist die jüdische Tradition rabbinischer → Hermeneutik deutlich erkennbar: Pitzele versteht den Bibliolog als moderne Form des „Midrasch“, der jüdischen Auslegungsweise der Torah durch eine narrative Auslegung der offenen Fragen der Texte. Der Ansatz folgt der Unterscheidung der antiken Rabbiner zwischen dem „schwarzen Feuer“, dem Buchstabengehalt der biblischen Texte, und dem „weißen Feuer“, der Zwischenräume zwischen den Buchstaben. Die Grundidee ist dabei, dass das Schüren des „weißes Feuers“ zu einem vertieften Verstehen des „schwarzen Feuers“ führt. Da Susan Pitzele anglikanische Christin ist, war der Bibliolog von Anfang an interreligiös ausgerichtet.

Nach Europa kam der Bibliolog Ende der 1990er Jahre, als Peter und Susan Pitzele ihren Ansatz – noch unter dem Titel „Bibliodrama als Midrasch“ – im Rahmen einer Bibliodramakonferenz in der Evangelischen Akademie Bad Segeberg vorstellten. In mehreren Workshops vermittelten sie ihn Interessierten in Deutschland. Dabei wurde rasch deutlich, dass der Zugang mit dem Bibliodrama durchaus verwandt ist, jedoch auch charakteristische Unterschiede aufweist und daher eine eigene Begrifflichkeit erfordert. Peter Pitzele prägte dann den Begriff „Bibliolog“, der den Dialogcharakter im Umgang mit der Bibel deutlich macht und gleichzeitig im Gegenüber zum Bibliodrama die stärkere sprachliche Orientierung des Bibliologs kenntlich macht. Seit 2004 werden – autorisiert von dem Urheberpaar – deutschsprachige Bibliologkurse angeboten, die es Menschen mit entsprechenden Vorkenntnissen ermöglichen, mit dem Bibliolog in ihren Kontexten zu arbeiten. Aufgrund der sehr raschen Verbreitung wurde bereits 2006 das Bibliolog-Netzwerk gegründet, das die Qualitätssicherung und die Verbreitung des Bibliologs einschließlich der Ausbildung von Trainerinnen und Trainern zum Ziel hat. Auch in die europäischen Nachbarländer (zunächst Österreich und die Schweiz, dann auch Dänemark, Belgien, die Niederlande und Schweden) hat der Bibliolog Einzug gefunden, zudem verbreitet er sich mittlerweile in einigen afrikanischen und asiatischen Ländern. Der Bibliolog ist ökumenisch orientiert und wird in evangelischen und katholischen sowie in einigen jüdischen Kontexten praktiziert. Mittlerweile sind mehrere tausend Menschen im Bibliolog ausgebildet worden.

3. Die Gestaltung eines Bibliologs

Ein Bibliolog hat einen strukturierten methodischen Ablauf (vgl. Pohl-Patalong, 2013a, 45-88): Die Leitung erläutert zunächst den Zugang und klärt die „Spielregeln“ (Prolog): Die Teilnehmenden werden gebeten, sich in bestimmte Gestalten des Textes hineinzuversetzen und bekommen in diesen Rollen Fragen gestellt, auf die es unterschiedliche Antworten gibt. Wer möchte, kann eine Antwort laut sagen, ebenso darf man sie aber auch still für sich behalten. Die Fragen sind so gestellt, dass jede Antwort richtig ist und zu einem tieferen Verständnis des Textes beiträgt.

Anschließend führt die Leitung in die Situation einer biblischen Geschichte hinein (Hinführung). Die Teilnehmenden bekommen erzählerisch den Kontext der Szene vermittelt und erhalten – ebenfalls narrativ – die historischen und sozialgeschichtlichen Informationen, die sie zu einem sachgerechten Verständnis des Textes brauchen. Gleichzeitig wird die Fantasie der Teilnehmenden zu dieser Situation angeregt und die Identifikation angebahnt.

Dies könnte für die Erzählung vom Scherflein der Witwe (Mk 12,41-44) so lauten:

Wir versetzen uns heute nach Jerusalem, 2000 Jahre zurück, in die Zeit Jesu. Dort begeben wir uns an einen besonderen Ort: in den Tempel. Dort herrscht wie immer reger Betrieb. Menschen kommen, gehen und bleiben, denn mit seinen verschiedenen Höfen und Stätten ist der Tempel durchaus auch ein Ort, an dem man sich länger aufhalten kann. Man kann dort beten, opfern und auch für unterschiedliche Zwecke spenden. Dafür gibt es verschiedene Opferkästen, manche sind für die Unterstützung armer Menschen bestimmt, andere auch für den Tempel selbst. Wer dafür spendete, tat es vor allem Gott zur Ehre – deswegen wurde der Kasten, in den man das Geld dafür hineinlegte, auch Gotteskasten genannt. Gerade hier hält sich Jesus auf. Er ist mit der Gruppe, die ihn begleitet, vor einigen Tagen von Galiläa nach Jerusalem gekommen. Seine Jüngerinnen und Jünger sind mit ihm vertraut und haben schon unterwegs viel mit ihm erlebt. Auch hier in Jerusalem sind sie dabei, wenn er lehrt und Antworten gibt, wenn er Kranke heilt, wenn er diskutiert und sich streitet. Sie spüren aber auch, dass manches anders ist hier in der Hauptstadt mit den vielen Menschen und vor allem hier im Tempel, am heiligen Ort, wo sich viele Menschen Gott besonders nahe fühlen. Und nun erleben sie Folgendes …

Der eigentliche Bibliolog beginnt mit dem Lesen eines Satzes oder eines kurzen Abschnittes aus dem biblischen Text.

Jesus setzte sich dem Gotteskasten gegenüber und sah zu, wie das Volk Geld einlegte in den Gotteskasten (Mk 12,41a).

Aus diesem wird den Teilnehmenden die Rolle einer biblischen Gestalt zugewiesen und ihr eine an dieser Textstelle naheliegende, jedoch offen bleibende Frage gestellt („enroling“).

Ihr – ihr alle – seid nun ein Jünger oder eine Jüngerin. Jünger, Jüngerin, du siehst deinen Herrn und Meister da sitzen und zugucken, wie Leute Geld einlegen. Was denkst du, was fühlst du dabei? Wie findest du das?

Die Teilnehmenden können sich in dieser Rolle äußern und als Jüngerin oder Jünger antworten.

So könnte ein „Jünger“ sagen: „Warum guckt Jesus zu, wer wie viel gibt? Wie peinlich!“ Eine „Jüngerin“ meint vielleicht: „Jesus ist neugierig. Kann ich gut verstehen …“ Wieder jemand anders mag äußern: „Es ist schon ein wenig komisch, aber bestimmt will er uns mal wieder etwas zeigen, das kennen wir schon.“ Und eine andere Antwort könnte lauten: „Gut, dass jemand den reichen Leuten mal auf die Finger guckt. Die tun wer weiß wie großzügig, aber in Wirklichkeit ist da bestimmt ganz viel Kleingeld drin.“

Die Leitung nimmt jede Äußerung sprachlich auf („echoing“). Sie äußert die Gehalte hörbar für alle und würdigt sie – unterstrichen durch Tonfall und Gestik – gleichzeitig als wertvolle Aussagen. Sie hebt dabei vielleicht nur angedeutete emotionale Gehalte besonders hervor und spitzt Andeutungen zu. Es besteht auch die Möglichkeit, im „interviewing“ noch einmal nachzufragen.

Echoing und interviewing bewegen sich dabei grundsätzlich auf der Linie der Beiträge der Teilnehmenden und enthalten sich jeder Korrektur, Ergänzung oder Wertung. Durch die wertschätzende und offen-neugierige Haltung der Leitung wird der Unterschied zum – mit Recht verpönten – „Lehrerecho“ deutlich, dass Äußerungen von → Schülerinnen und Schülern durch die Wiederholung der Lehrkraft ab- statt aufwertet.

Dadurch, dass unterschiedliche Antwortmöglichkeiten laut werden, wird die eigene Deutung nicht verabsolutiert und man bekommt nicht den Eindruck, man wüsste nun, wie es „wirklich“ gewesen sei. Nach einigen Äußerungen führt die Leitung die Geschichte weiter, liest einen nächsten Satz oder Abschnitt oder weist den Teilnehmenden die nächste Rolle zu.

Und in der Bibel heißt es weiter: Und viele Reiche legten viel ein (Mk 12,41b).

Du bist eine Reiche, ein Reicher. Du legst viel ein, hören wir. Vielleicht tust du das regelmäßig, vielleicht nur sehr selten, vielleicht auch heute das erste Mal. Und du siehst, du wirst dabei beobachtet. Was geht dir dabei durch Kopf und Herz, reicher Mann, reiche Frau?

Anschließend wird erzählt: Und es kam eine arme Witwe und legte zwei Scherflein ein; das macht zusammen einen Pfennig (Mk 12,42). Die Teilnehmenden werden gebeten, sich mit der Witwe zu identifizieren:

Ihr seid die Witwe. Witwe, du bist auf dem Weg zum Opferkasten. Du hast vor, alles einzulegen, was du im Moment besitzt. Davon könntest du einen ganzen Tag leben. Witwe, was bewegt dich dazu? Wie ist das für dich?

Anschließend könnte entweder Jesus befragt werden, mit welchen Gefühlen er die Worte über die Witwe sagt, dass sie mehr in den Gotteskasten gelegt hat als alle anderen, oder auch die Witwe noch einmal, die dies gehört hat, oder aber eine Jüngerin oder ein Jünger, wie sie oder er auf die Worte Jesu reagiert.

Zu jeder Frage äußern sich einige Teilnehmende, und es erfolgt echoing und interviewing. Nach der letzten Rolle schließt die Leitung das Geschehen ab, entlässt die Teilnehmenden aus den Rollen und führt in die Gegenwart zurück („deroling“). Sie liest den gesamten Text noch einmal. Möglicherweise folgen einige in die Gegenwart überleitende Worte (Epilog).

Die unterschiedlichen Aussagen und damit auch die unterschiedlichen Zugänge zum biblischen Text bleiben nebeneinander stehen und werden nicht in eine einheitliche Botschaft aufgelöst. Dies ist die Konsequenz davon, dass die Teilnehmenden im Bibliolog – wie auch im Bibliodrama oder in der → Kinder- und → Jugendtheologie – die Subjekte der Auslegung sind und die Leitung oder → Lehrkraft eine moderierende und mäeutische Rolle hat.

In die Äußerungen fließen faktisch auch immer Lebenserfahrungen der Teilnehmenden ein, aber sie sind nicht auf diese festzulegen, weil sie diese in der Rolle einer biblischen Gestalt äußern.

4. Hermeneutische Grundlagen

Bibliolog ist jedoch mehr als eine Methode: Er beruht auf einem bestimmten hermeneutischen Zugang (→ Hermeneutik) zum biblischen Text und setzt ein spezifisches Verständnis von Leitung und Teilnehmenden voraus.

4.1. Textverständnis

Hermeneutisch geht der Bibliolog von der Relevanz biblischer Texte für die Gegenwart aus, ohne ihre Historizität zu leugnen. Entscheidend für die Überwindung des „gap“ ist im Bibliolog die Strukturanalogie von Erfahrungen zwischen der biblischen Textwelt und der heutigen Lebenswelt.

Der Bibliolog begreift die biblischen Texte grundsätzlich als mehrdeutig. Es geht nicht darum, das „richtige“ Verständnis des Textes zu gewinnen, sondern unterschiedliche Deutungsmöglichkeiten zu eröffnen, deren Spektrum einen vertieften Zugang zum Text eröffnet. Darin trifft sich der Bibliolog mit den aktuellen Tendenzen in der Exegese, die sich von der Suche nach dem „Skopus“ distanzieren und sich gegenwärtig wieder stärker für die Endgestalt des Textes interessieren.

In der Erzählung vom Scherflein der Witwe bleibt deutungsoffen, was die Motivation der Witwe ist, alles zu geben, was sie für diesen Tag zum Leben hat. Vertrauen auf Gott, wie die meisten Kommentare mutmaßen? Das ist möglich, aber damit ist noch nicht geklärt, warum sich dieses Vertrauen so äußert und nicht darin, die wenige Habe im Vertrauen darauf, dass morgen wieder etwas da sein wird, zu verbrauchen. Vielleicht auch Dankbarkeit? Das Verlangen, auch einmal zu den Gebenden zu gehören? Der Versuch, einen Handel mit Gott abzuschließen? …

Die Erfahrungen der Subjekte werden, wie in anderen aktuellen bibeldidaktischen Ansätzen wie der Kinder- und Jugendtheologie (→ Kindertheologie; → Jugendtheologie), auch im Bibliolog als produktiv für die Deutung des biblischen Textes erachtet. Welche Lesart in welchem Kopf konkret entsteht, ist von den Lebenserfahrungen abhängig, die in die Leerstellen des Textes eingetragen werden. Dass dabei zwei völlig identische Lesarten entstehen, ist unwahrscheinlich.

Auf theoretischer Ebene trifft sich dies mit Einsichten der Rezeptionsästhetik, die als hermeneutisches Denkmodell den Verstehensvorgang zwischen Mensch und Text erhellt (vgl. Iser, 1976; Eco, 1990). Danach erschließt sich der – immer mehrdeutige – Text den Rezipientinnen und Rezipienten, indem sie seine „Leerstellen“ oder „Zwischenräume“ mit eigenen Erfahrungen füllen. Während der fortschreitenden Lektüre experimentieren sie fortlaufend mit Sinn, der sich nach und nach erschließt. Der Text selbst zieht die „Grenzen der Interpretation“ (Eco, 1995) und widersetzt sich dem beliebigen Umgang mit ihm. Die Mehrdeutigkeit wird dadurch begrenzt.

Der Bibliolog entspricht dieser hermeneutischen Grundhaltung methodisch, indem er sich eng an das „schwarze Feuer“ des Textes hält, ihm in seinem Handlungsverlauf folgt und nur Fragen stellt, die der Text tatsächlich offen lässt.

So würde in dem obigen Beispiel die Witwe niemals gefragt, ob sie ihre beiden Münzen tatsächlich einlegen wird, denn der Text gibt hierauf bereits die Antwort. Ebenso wenig würde Jesus offen gefragt, wie er diese Handlung der Witwe sieht.

Unverzichtbar ist zudem das abschließende Lesen des Textes, dass die Differenz zwischen „schwarzem Feuer“ und „weißem Feuer“ kenntlich macht.

4.2. Die Rollen der Teilnehmenden und der Leitung

Im Bibliolog sind die Teilnehmenden konsequent die auslegenden Subjekte. Sie werden zu eigenständigen Deutungen eingeladen und von diesen lebt der Bibliolog. Dies verändert die Rolle der Leitung gegenüber der traditionellen Vermittlungsrolle erheblich. Theologisch lässt sich dies als eine Umsetzung des „Priestertums aller Gläubigen“ begreifen.

Die Rolle der Leitung besteht darin, den Teilnehmenden eine ertragreiche Begegnung mit dem Bibeltext sowie wichtige Einsichten und Erkenntnisse zu ermöglichen. Durch die Auswahl der Szenen, Rollen und Fragen im Bibliolog lenkt sie selbstverständlich die Wahrnehmung der Teilnehmenden, dies geschieht jedoch in einer – ständig zu reflektierenden – Balance zwischen der Orientierung am Text und der Sicherung der Auslegungsfreiheit der Teilnehmenden. Sie markiert durch ihre wertschätzende Wiedergabe aller Äußerungen (auch derjenigen, die sie theologisch nicht teilt!) den Wert vielfältiger und voneinander abweichender Deutungen.

Besonders im Umgang mit der Bibel ist es nicht immer leicht, dies konsequent umzusetzen. Neben der Schwierigkeit, Distanz zu den eigenen Deutungen zu gewinnen, kann religionspädagogisch die Sorge bestehen, dass die biblischen Texte theologisch oder historisch „falsch“ verstanden werden, so dass die Leitung dann doch korrigierend eingreifen müsste.

Gerade dieser Aspekt ist es, der eine sorgfältige Vorbereitung des Bibliologs durch die Leitung und davor deren fundierte Ausbildung erfordert. Das Eröffnen der vorhandenen Deutungsspielräume des Textes (als „Schüren des weißen Feuers“), ohne die durch das „schwarze Feuer“ gesetzten Grenzen zu überschreiten, ist von allen, die Bibliologe anleiten, als zentrale Kompetenz gefordert. Das Gleiche gilt für die Entscheidung, welche sozialgeschichtlichen Kenntnisse benötigt werden und wie diese vermittelt werden können. Beides sind wesentliche Gehalte der Fortbildung.

5. Grund- und Aufbauformen des Bibliologs

Mit dem Bibliolog beginnt man in der klar strukturierten Grundform. Mit zunehmender Sicherheit und Übung kann man in darauf aufbauenden Kursen methodische Erweiterungsmöglichkeiten kennenlernen und einsetzen (zu den Aufbauformen vgl. Pohl-Patalong/Aigner, 2012). Dann können über narrative Texte hinaus Bibliologe zu allen biblischen Textgattungen einschließlich Psalmen, prophetische Texte, Briefe und Genealogien angeleitet werden. Im bibliologischen Geschehen kann über die sprachliche Ebene hinaus das Geschehen mit Objekten visualisiert werden oder durch den Einsatz des Körpers unterstützt werden.

So könnte beispielsweise erkundet werden, wie genau die Witwe die beiden Münzen in den Kasten legt: Zögerlich? Rasch? Sicher? Trotzig? Bewusst? ...

Auch dialogische Begegnungen zwischen biblischen Gestalten können inszeniert werden.

Beim Hinausgehen aus dem Tempel könnte sich ein Gespräch zwischen der Witwe und einer Jüngerin ergeben, die beide die Worte Jesu gehört haben.

Literaturverzeichnis

  • Eco, Umberto, Lector in fabula. Die Mitarbeit der Interpretation in erzählenden Texten, München 1990.
  • Eco, Umberto, Die Grenzen der Interpretation, München 1995.
  • Iser, Wolfgang, Der Akt des Lesens. Theorie ästhetischer Wirkung, München 1976.
  • Kaufmann, Hans Bernhard, Muß die Bibel im Mittelpunkt des Religionsunterrichts stehen? Auf dem Weg zum Religionsunterricht im Lebenskontext und Dialog, in: Kaufmann, Hans Bernhard (Hg.), Streit um den problemorientierten Unterricht in Schule und Kirche, Frankfurt a.M. 1973, 23-27.
  • Pitzele, Peter A., Scripture Windows. Toward a Practice of Bibliodrama, Los Angeles 1998.
  • Pohl-Patalong, Uta, Bibliolog. Impulse für Gottesdienst, Gemeinde und Schule, Bd. 1: Grundformen, Stuttgart 3. Aufl. 2013a.
  • Pohl-Patalong, Uta, Religionspädagogik – Ansätze für die Praxis, Göttingen 2013b.
  • Pohl-Patalong, Uta, Lebensrelevante Lektüre? Zur Hermeneutik erfahrungsbezogener Zugänge zur Bibel, in: Praktische Theologie 49 (2014) 3, 158-165.
  • Pohl-Patalong, Uta/Aigner, Maria Elisabeth, Bibliolog. Impulse für Gottesdienst, Gemeinde und Schule, Bd. 2: Aufbauformen, Stuttgart 2. Aufl. 2012.
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