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Lexikon

Berufungserzählungen (AT und NT), bibeldidaktisch, Sekundarstufe

Mirjam Schambeck sf

(erstellt: Febr. 2016)

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1. „Strange world“ – Von der Fremdheit der Bibel

Die Faszination, die von den Erzählungen biblischer Texte für Kinder ausgeht, scheint sich je älter die Kinder werden umso mehr in Des-Interesse oder gar Distanz zu verkehren. Auch wenn uns zurzeit empirische Untersuchungen fehlen, die klären, wie es um Einstellungen Jugendlicher zur Bibel, um deren Bibelwissen und -verständnis bestellt ist, so bleibt als Trend zu konstatieren, dass die Bibel für Jugendliche fremd ist und immer fremder wird. Das gilt in vielfacher Hinsicht: Die Bibel mit ihren „fantastischen Motiven“ wie z.B. der Spaltung des Schilfmeeres, der Speisung der Vielen, des Wandels Jesu auf dem See trifft weder die Fantasy-Begeisterung Jugendlicher noch ist das poetische Verhandeln von Menschheitsfragen kompatibel mit dem szientistischen Verstehen von Welt, das nicht nur die Zugänglichkeit Jugendlicher zur Wirklichkeit prägt. Vor allem aber – und dies ist der zentrale Punkt – irritiert die Unmittelbarkeit, mit der die biblischen Texte von der Existenz Gottes ausgehen.

2. Damit aus Fremdheit nicht Bedeutungslosigkeit wird – Produktive Lernanlässe ermöglichen

Damit die Fremdheit der Bibel religiöses Lernen nicht verhindert, sondern zum produktiven Lernanlass wird, müssen die genannten Herausforderungen bewusst gemacht und konstruktiv bearbeitet werden. Gerade die Unmittelbarkeit der Gottesfrage (→ Gott) markiert eine der größten Schwierigkeiten bei der Erschließung biblischer Berufungserzählungen. Ihre Ungeheuerlichkeit und zugleich trostvolle Zusage kann nur der verstehen, der sich auf den Gedanken einlässt, dass Gott nicht irgendein Konstrukt, sondern ein Du ist, das an den Menschen herantritt, ihn berührt und auf den Weg des Lebens einlädt. Das soll nicht heißen, dass nur derjenige, der glaubt, Gewinn aus den Berufungserzählungen ziehen kann. Sich zumindest aber für die Faszination zu öffnen, dass die Berufungserzählungen auf ihre Art und Weise diese Beziehung Gottes zum Menschen ausdeuten, ist aber wichtig, wenn Bibelunterricht (→ Bibeldidaktik, Grundfragen) mehr als die Beschäftigung mit literarischen Zeugnissen sein will.

Eine andere Aufgabe für biblisches Lernen an und mit Berufungserzählungen ergibt sich aus der so eigenen und gegenüber szientistischen Zugängen anderen Sicht auf Wirklichkeit, wie sie in den biblischen Texten zu Tage tritt. Es stellt sich als Aufgabe, zusammen mit Jugendlichen zu entdecken, dass diese Erzählungen eben nicht Berichte oder gar Protokolle von historisch sich genau so zugetragenen Ereignissen sind, sondern Zeugnisse des Glaubens. Als solche aber erzeugen sie in ihrem Spiel von Fiktionalität und Faktualität eine Wirklichkeit, die nicht in messbaren Kategorien aufgeht. Was dies für szientistisch geprägte Weltdeutungen bedeutet, wie das Wahrnehmen und Verhandeln von Wirklichkeit dadurch erweitert wird, bedarf der konstruktiven Auseinandersetzung. Ein Weg dazu ist, komplementäre Denkformen überhaupt zu fördern und die Vielfalt und Unterschiedlichkeit von Sprachformen kennenzulernen.

So fremd die Berufungserzählungen sowohl von ihrer literarischen Form als auch von ihrem Inhalt (Unmittelbarkeit Gottes) sind, so sehr können sie gleichzeitig zum Haftpunkt werden, die eigene Biographiearbeit anzuregen und die Identitätsfrage zu stellen. Die Erzählung von Zachäus (Lk 19,1-10) könnte dann nicht nur als story fungieren, um die Unvergleichlichkeit des Handelns Gottes aufzuzeigen, der sich sogar an Sünder wendet. Sie könnte vielmehr zum Impuls werden, nachzufragen, wer ich eigentlich bin und sein will, was ich sonst noch im Leben will und warum viel zu haben nicht genug sein kann. Ähnliches ließe sich für die Berufung des Matthäus formulieren (vgl. Mt 9,9-13) oder auch des Nikodemus (vgl. Joh 3,1-13).

Vor diesem Hintergrund ist die mit allen Regeln exegetischer Kunst durchgeführte Bearbeitung biblischer Texte keine leere und im Rahmen von Schule eben notwendige, aber langweilige Beschäftigungsmaßnahme, sondern fundamentaler Bezugspunkt, um Jugendliche nicht nur zu Assoziationen zu bewegen und sie dann mit ihnen allein zu lassen. Die Welt der Texte zu erschließen, dient vielmehr dazu, den Jugendlichen (→ Jugend, Religion) unterschiedliche Verstehensweisen anzubieten, Tradition als Deutereservoir kennenzulernen, das nicht einfach für gestern geschrieben wurde, sondern auch Menschen von heute Möglichkeiten anbietet, ihr Leben besser und tiefer zu verstehen und zu gestalten.

3. Berufungserzählungen – bibeltheologisch buchstabiert

Sowohl das Alte als auch das Neue Testament ist voll von sogenannten Berufungserzählungen. In ihnen wird deutlich, dass Gott es nicht nur irgendwie mit Menschen zu tun hat, sondern dass sich menschliche Geschichten durch die verspürte Berufung Gottes ganz konkret verändern.

Berufung beginnt damit nicht erst mit Jesus (→ Jesus Christus). Die neutestamentlichen Berufungserzählungen sind vielmehr im Kontext der alttestamentlichen zu lesen und erhalten ihr Profil, wenn man sie mit Nachfolgepraktiken vergleicht, wie sie in der Welt und Umwelt Jesu üblich waren.

Insofern soll im Folgenden zunächst das literarische Schema vorgestellt werden, das sozusagen den Modus bestimmt, wie Berufungen erzählt werden, um daraus die Besonderheit jesuanischer Berufungen zu klären und schließlich zu reflektieren, was Berufungserzählungen an theologischer Botschaft beinhalten.

3.1. Ein literarisches Schema als Grundlage

Sowohl die Berufungserzählungen des Alten als auch des Neuen Testaments folgen einem bestimmten literarischen Schema (vgl. Theißen/Merz, 2011, 198-201): Zunächst wird eine Angabe zur Situation gemacht, z.B. das Jahr genannt, in dem Jeremia aus Anatot berufen wurde (vgl. Jer 1,1). Dann erfolgt das Berufungswort, das meist zugleich auch einen Sendungsauftrag beinhaltet und poetisch ausformuliert sein kann wie bei Jeremia: „Noch ehe ich dich im Mutterleib formte, habe ich dich ausersehen, noch ehe du aus dem Mutterschoß hervorkamst, habe ich dich geheiligt, zum Propheten für die Völker habe ich dich bestimmt“ (Jer 1,5). Das Berufungswort kann aber auch nüchtern ausfallen und nur einen kurzen Vers ausmachen: Da sagte Jesus zu Simon und Andreas: „Kommt her, folgt mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischern machen“ (Mk 1,17). An das Berufungswort schließt sich eine Reaktion an. Nicht selten wehrt sich der Angesprochene. Es wird von Alibis und Ausflüchten erzählt, warum Gottes Ruf zwar möglich ist, man selbst aber bestimmt verwechselt wurde und die Berufung jemand anderem gelten müsste. Jeremia führt beispielsweise an, dass er nicht reden könne und viel zu jung sei (vgl. Jer 1,6). Mose, der bedeutendste Prophet des Alten Testaments und wichtigste Führer Israels, findet nicht nur eine Ausrede, sondern versucht so lange vor Gott zu fliehen, bis es auf Leben und Tod geht (→ Mose und Mirjam, bibeldidaktisch, Sekundarstufe). Erst als Mose entdeckt, dass die Anfrage Gottes alle Poren seines Lebens betrifft, ihn ganz meint, und erst nach einem sieben Mal angezeigten Widerstand (vgl. Ex 3,11; Ex 3,13; Ex 4,1; Ex 4,10; Ex 4,13; Ex 4,18; Ex 4,24-26) stellt er sich Gott und lässt sich von ihm in Dienst nehmen. Die mysteriöse Stelle in Ex 4,24-31, die auch Anklänge an in Ägypten übliche Rituale enthält, besiegelt die Berufung des Mose. Mose lenkt den Lebensstrom, der von Gott ausgeht, wieder zu diesem zurück (vgl. Görg, 1995, 135-137).

Die Reaktion des Berufenen geht in den Berufungserzählungen schließlich über in die Annahme des Rufs und eine – meist kurz gehaltene – Notiz der Nachfolge: Bei Markus lesen wir: „Sogleich ließen sie ihre Netze liegen und folgten Jesus“ (Mk 1,18).

Abb. 1 Literarisches Berufungsschema

Abb. 1 Literarisches Berufungsschema

3.2. Typen neutestamentlicher Berufungserzählungen

Gerd Theißen und Annette Merz unterscheiden drei Typen von Berufungserzählungen in den Evangelien (vgl. Theißen/Merz, 2001, 198).

  • Im markinischen Typus beruft Jesus durch sein wirkmächtiges Wort. Jesus richtet sich an die Jünger in ihrer alltäglichen Berufswelt und die Jünger folgen ihm unmittelbar nach: vgl. Mk 1,15-20.
  • Die Besonderheit des Typus der Logienquelle ist, dass sich die Jünger aus eigener Initiative Jesus nähern und dann von ihm geprüft werden: vgl. Lk 9,59-62 und Parallelstelle.
  • Im johanneischen Typus kommen die Menschen durch Vermittlung anderer zu Jesus. Der ruft sie und so treten sie in seine Nachfolge (vgl. z.B. Andreas ruft den Petrus, Philippus den Natanael, Joh 1,35-51).

Berufung und Nachfolge heißt in den Evangelien, Jesus unmittelbar auf seiner Wanderschaft durch Palästina zu begleiten und das Leben mit ihm zu teilen.

3.3. Nachfolgepraktiken in der Welt und Umwelt Jesu

So wie die neutestamentlichen Berufungserzählungen in den alttestamentlichen ihre literarischen wie theologischen Vorgänger finden, so gibt es auch in der Welt und Umwelt Jesu Nachfolgepraktiken, die sowohl Gemeinsames mit den Berufungserzählungen aufweisen als auch deren Besonderheit verdeutlichen. Hier fallen insbesondere die rabbinischen Lehrer-Schüler-Verhältnisse auf (vgl. Theißen/Merz, 2001, 199).

Anders als die Jünger Jesu wandern die Schüler der Rabbinen jedoch nicht mit ihrem Meister herum, sondern finden sich in einem Lehrhaus ein. Ihr Verhältnis zum Rabbi ist außerdem zeitlich begrenzt, sodass sie jederzeit zu einem anderen Lehrer wechseln können. Die Jüngerschaft Jesu jedoch ist für immer. Abgesehen davon, dass sich die Lehre Jesu von derjenigen der Rabbinen inhaltlich unterscheidet, gibt es auch formale Unterschiede im Bezug der Tradierung. Bei den Rabbinen gibt es durch die Methode des Memorierens eine bewusste Traditionsbildung. Das ist bei Jesus anders. Bei ihm sind es insbesondere Erzählungen, in denen er seine „Lehre“ entwickelt und durch Taten konkretisiert; diese Traditionsbildung ist so gesehen eine „freie“. Auch die Jüngerschaft selbst setzt sich bei Jesus anders zusammen: Während das Schülerverhältnis bei den Rabbinern nur Männern vorbehalten ist, folgen Jesus Männer und Frauen nach.

Damit wird deutlich, dass es zwar keine Ungewöhnlichkeit in Palästina war, dass Menschen sich um einen Lehrer versammelten. Die Jüngerbeziehung Jesu ist aber nicht einfach ein Schüler-Verhältnis, in dem Klugheit und Lebensweisheit eingeübt werden. In dieser Beziehung fällt vielmehr die Entscheidung darüber, wer Gott für die Einzelnen ist. Die biblischen Erzählungen erhellen damit auf ihre Weise, was Berufung heißt und wie Nachfolge zu verstehen ist.

3.4. Berufung – systematisch-theologisch gewendet

An den vielen unterschiedlichen Berufungserzählungen des Alten und Neuen Testaments wird deutlich, wie eng Gott sich an den Menschen bindet (vgl. Schambeck, 2014, 134-136). Gott wird in den Texten der Schrift als einer vorgestellt, der nicht in seiner unantastbaren, fernen Herrlichkeit bleibt, sondern es vorgezogen hat, sich auf den Weg zu machen, um den Menschen zu suchen. Das ist ein erster wichtiger Aspekt von Berufung. Die Initiative liegt bei Gott.

Ein zweiter, ebenso fundamentaler Aspekt ist, dass Gott auf die freie Antwort des Menschen wartet. Berufung ist nicht etwas, in das der Mensch gezwungen wird, auch wenn manche Erzählungen wie beispielsweise die Berufung des Mose durchaus den Eindruck erwecken, dass es kaum einen Ausweg gibt, Gottes Anruf zu entkommen. Berufung ereignet sich erst dort, wo der Mensch auf die Einladung Gottes einschwingt.

Das lässt einen dritten Aspekt von Berufung aufleuchten: Berufung zielt darauf, den Menschen auf einen Weg zu bringen, der zum Leben in Fülle wird (vgl. Joh 10,10). Auch wenn die Berufungserzählungen darauf hinweisen, dass es die Berufenen nicht unbedingt leicht hatten, ja dass es für manche sogar hieß, alles zu geben (vgl. die Gestalt des Jeremia, die Berufungserzählungen der Apostel), so wird doch deutlich, dass der Weg der Berufung ein Weg zu einem Mehr an Leben und Sinn, an Glück und Freiheit ist. Berufung bedeutet die Zusage Gottes, den Menschen in die unaussagbare Fülle des Lebens heimzuholen: Den Einzelnen, wie auch den Einzelnen als Repräsentanten, an dem etwas deutlich wird, das für alle und alles gilt. Berufung ist insofern eine Verheißung, die Gott jedem Menschen und der ganzen Schöpfung zugesprochen hat. Es gibt nicht Auserwählte und solche, die es eben nicht sind. Jüdisch-christlich verstanden ist jeder Mensch von Gott her als Du Gottes und dessen Partner anzusehen.

Dazu kommt noch, dass das Berufensein ins Heil nicht bei den Menschen haltmacht oder sogar erst beginnt. Am Menschen als Spitze der Schöpfung und aufgrund seiner Leiblichkeit und damit Bezogenheit auf Schöpfung wird deutlich, dass die ganze Schöpfung (→ Schöpfung) von Anfang an (vgl. Gen 1,31) berufen ist, „Ort des Heiles Gottes“ zu sein. Diese Universalisierung von Berufung, die sich schöpfungstheologisch zeigt und individuell einlöst, wird im Bund Gottes mit den Menschen zum sozialen Anspruch, weil alle Menschen nunmehr Geschwister sind.

Die Universalisierung von Berufung sagt aber auch etwas über Gott aus: Nur ein Gott, der als Liebe erkennbar wird, kann für so etwas (ein)stehen. Nur die Liebe, die sich verschenkt, ohne zu rechnen und zu zählen, die absichtslos ganz auf den Anderen und was ihm zur Fülle gereicht, bedacht ist, die wartet, bis der Andere antwortet und damit immer als Schwester die Freiheit mit sich führt, kann solches bewirken.

Damit verdichtet sich das, was Berufung Gottes meint am deutlichsten in Jesus Christus selbst. Jesus wird einerseits zum Inbegriff des Berufenen. Er ist es, der in der engen, liebenden Beziehung zum Vater steht wie kein anderer. Er hat die Einladung der nahen und liebenden Beziehung angenommen wie kein anderer. Andererseits wird Jesus selbst zum Berufenden. Er zeigt damit, dass Berufung durch Gott immer auch Sendung bedeutet. An seinem Schicksal wird ablesbar, wie diese Sendung aussieht. Es ist eine Sendung hin zu den Armen und Bedrängten, zu denen, die an den Rand verwiesen sind, zu den Hoffenden und allen, die sich mit Unrecht und Unbarmherzigkeit nicht zufrieden geben. Was der Berufene in der Beziehung zu Gott erfährt, das muss in der Sendung einen sinnenfälligen, wahrnehmbaren Ausdruck finden. Damit wird Berufung zur Einladung der Nachfolge. Und Nachfolge wird umgekehrt zum Ausdruck von Berufung. Wie aber Nachfolge auszusehen hat, das entscheidet sich am Schicksal Jesu selbst, der uns als Gekreuzigt-Auferweckter (→ Passion und Auferstehung I und II) entgegenkommt. Nachfolge gestaltet sich somit als Einladung, den Weg nach unten mitzugehen, den Jesus selbst gegangen ist. Das heißt einerseits, zu denen zu gehen, die selbst ganz unten sind. Das heißt andererseits, sich vom Dunkel und Abgründigen des Lebens nicht wegzustehlen. Nachfolge sucht die Nähe zu Jesus und nimmt damit das Kreuz in Kauf. Sie sucht nicht das Kreuz um des Kreuzes willen, das Schwere und Gebrochene um des Morbiden willen. Nachfolge als angenommene Schicksalsgemeinschaft mit Jesus wird vielmehr zum Weg, sich und die Welt von Gott in das Leben hineinretten zu lassen – durch alles Scheitern hindurch.

Damit wird auch Nachfolge universalisiert. Jeder, der sich im Dunkel vorfindet, jeder, der sich gegen Ungerechtigkeit einsetzt und für eine lebensfreundliche Welt und menschenwürdige Bedingungen engagiert, ist einer, der in der Nähe Jesu steht und sich von dieser, sofern er dies will, berührt wissen darf. Das bedeutet, dass die Starken in der Nachfolge einstehen für die Schwachen – und die Schwachen als Lieblinge Gottes ganz nahe an Jesus heranrücken (vgl. die Seligpreisungen der Bergpredigt: Mt 5,3-12).

Berufung und Nachfolge sind damit nicht eingegrenzt auf Erwachsene oder Christen, auf Professionelle oder Macher. Berufung und Nachfolge werden jesuanisch verstanden zur Zusage und zur Aufgabe für jeden Menschen.

4. Berufungserzählungen mit Jugendlichen bearbeiten – Lernformate

Abhängig von der Themenstellung, mit der Berufungserzählungen erarbeitet werden sollen (Nachfolgepraxis, Gottesverständnis, Bedeutung für heute, Identitätsfrage etc.), und der Lerngruppe bieten sich unterschiedliche Lernformate an:

Neben der Textarbeit können insbesondere für die Biographiearbeit dramaturgische Lernformen von Bedeutung sein (→ Bilder, → Erzählen, → Film, → Musik), die Arbeit mit Collagen ebenso wie die Möglichkeit, mit dem Smartphone auf Suche nach Motiven zu gehen, die etwas darüber aussagen, wo ich selbst hin will.

5. „… der mich so betraf, dass ich wollte“ (Huub Oosterhuis)

Auch wenn die Frage, wer ich sein will, erst eine typisch neuzeitliche, weil es eine subjektbewusste Frage ist, gilt für Berufung – alttestamentlich wie neutestamentlich –, dass der Weg der Selbstwerdung zusammengebunden wird mit dem Weg, den Gott mit dem Menschen geht. Dass sich der Mensch seiner bewusst wird und sich bewusst entwirft, ist damit schon eine Weise, auch das zu leben, was theologisch gesprochen Gotteskindschaft meint. Diese Erkenntnis mag wichtig sein angesichts der Ungeheuerlichkeit, die in den Berufungserzählungen als Aussage über Gott und den Menschen steckt, und zwar in doppelter Weise: Denn weder ein direkt an den Menschen gewendetes Wort von Gott noch eine Engelserscheinung werden dann zum Ausweis schlechthin, berufen zu sein. Der Anruf Gottes ist vielmehr indirekter und vielfältiger, aber nicht weniger entschieden zu verstehen. Und zugleich gilt, dass nicht von außen zu beurteilen ist, ob der Mensch ein Berufener ist oder nicht, auch wenn Berufung niemals an der Lebenspraxis vorbei verläuft. Im Letzten ist Berufung eine Zusage Gottes an den Menschen, die nur in Freiheit angenommen und niemals erzwungen werden kann. Eher so, wie Huub Oosterhuis dies in einer Litanei besingt (Oosterhuis, 2013, 165):

„Der mich trug auf Adlersflügeln,

der mich ins Leere geworfen hat, dass ich schreiend fiel, aber du warst schon da, mit deinen Schwingen hobst du mich wieder hinaus,

so dass ich fliegen konnte aus eigener Kraft. Der mich nicht zerrte, nicht stieß, nur winkte, deine Schwelle zu überschreiten, der den Schleier meiner Angst nicht zerriss, aber aufhob, der mit der bloßen Stimme mich so betraf, dass ich wollte.“

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Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Literarisches Berufungsschema
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