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Berufungserzählungen (AT und NT), bibeldidaktisch, Grundschule

Thomas Kothmann

(erstellt: Febr. 2016)

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1. Einführung

Dass Gott einzelne Menschen zu einem besonderen Dienst beruft, um mit ihnen die Geschichte dieser Welt zu lenken, gehört zu den grundlegenden Erfahrungen Israels und der christlichen Gemeinde. Wo und wann immer Einzelne einen solchen Ruf im Sinne eines persönlichen Angesprochen-Seins vernommen haben, verband er sich mit einem konkreten Auftrag, der den Berufenen nicht selten Heimatlosigkeit (→ Abraham, bibeldidaktisch, Grundschule; Apostel), Einsamkeit und Ablehnung (Propheten) und in jedem Fall eine besondere Verpflichtung und Verantwortung implizierte. Vor diesem Hintergrund stellen die Berufungserzählungen im Unterricht der Primarstufe hinsichtlich der Verständnismöglichkeiten wie auch der lebensweltlichen Vermittlung eine besondere Herausforderung dar. Gleichwohl können die Geschichten von der besonderen Indienstnahme Einzelner Antwort geben auf elementare Fragen der Schülerinnen und Schüler nach Gottes Wesen, seinem Willen und Wirken (→ Gott).

2. Lebensweltliche Bezüge

Empirische Befunde zeigen, dass biblische Berufungserzählungen, die in den Lehrplänen (→ Lehrplan) der Grundschule in Auswahl vorgesehen sind, den → Schülerinnen und Schülern „spontan nicht präsent sind“ (Hanisch/Bucher, 2002, 28). Als Geschichten, die die Identitätsproblematik (→ Identität, religiöse) und die Frage nach der persönlichen Lebensberufung berühren, werden sie „von den Kindern weitgehend ausgeblendet“ (Hanisch/Bucher, 2002, 35). Sie sind im Grunde kaum anschlussfähig für das Selbst- und Weltverständnis dieser Altersgruppe. Der sich mit den Berufungserzählungen verbindende Bruch, insbesondere mit dem Geborgenheit und Sicherheit gewährenden Lebensraum der → Familie, ist für Kinder generell nur schwer nachvollziehbar. Bei der Suche nach analogen Erfahrungen gilt es sich über die → entwicklungspsychologisch bedingten Bedürfnisse der Kinder hinaus aber auch bewusst zu machen, dass den geschilderten Ereignissen eine grundsätzliche Fremdheit und Andersartigkeit innewohnt, um unangemessene Banalisierungen zu vermeiden. Abrahams Auszug aus seinem Heimatland allein auf Gottes Ruf und Verheißung hin lässt sich nur sehr unzureichend durch eine Einbettung in eine „Umzugsthematik“ (Kalloch, 2001, 255) einholen. Und der Ruf Jesu verhieß den Jüngern kein aufregendes einmaliges Abenteuer, sondern verlangte eine Lösung aus bisherigen Bindungen, die Absage an jegliche materielle Absicherung (Lk 9,58-62; 14,26-33) und die Bereitschaft zur Leidensnachfolge (Lk 9,23).

Deshalb ist die Begründung für die Thematisierung von Berufungserzählungen im Religionsunterricht des Primarbereichs nicht in erster Linie bei den Schülerinnen und Schülern zu suchen, sondern in der in diesen Geschichten zum Ausdruck kommenden Sache: „Ihr Vorhandensein und der ihnen immanente Anspruch legitimiert ihre unterrichtliche Beachtung“ (Halbfas, 1994, 286). Damit haben die Schülerinnen und Schüler dieser Altersgruppe im Allgemeinen auch kein Problem, haben sie doch meist noch ein mehrheitlich positives Verhältnis zur Bibel und erwarten von biblischen Erzählungen in erster Linie, dass sie spannend und wahrhaftig sind, und dass sie „Gott und Jesus zur Sprache bringen“ (Hanisch/Bucher, 2002, 79).

Gleichwohl bietet die zumal im Kindesalter sehr präsente Erfahrung des Gerufen-Werdens die Möglichkeit einer Annäherung an die Berufungserzählungen: Welchem Ruf bin ich gehorsam? Wem folge ich? Meinen Eltern als Autoritäten, die es gut mit mir meinen; meinen Freunden, weil ich ihnen vertraue. Kindern ist dabei durchaus bewusst, dass ein Ruf auf Antwort wartet, trotz gelegentlich verspürter Unlust oder Zweifel.

Kinder im Primarbereich verfügen in der Regel über ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl, die Situationen von Unterdrückung und Benachteiligung durch menschliches Fehlverhalten für gewöhnlich sensibel wahrnehmen und verbessern möchten. Vor diesem Hintergrund lässt sich nicht nur ein Zugang zur Berufung des Mose (→ Mose und Mirjam, bibeldidaktisch, Grundschule) finden, der Gottes Volk aus dem Elend der Sklaverei befreien soll, sondern auch zu Propheten wie Amos, die verschiedene Formen sozialer Ungerechtigkeit als Folge menschlicher Gebotsübertretungen anprangern (Kalloch, 2001, 285), auch wenn das biographische, Identifikationsmöglichkeiten schaffende Moment bei den klassischen Propheten in den Hintergrund tritt (Wolff, 1987b).

Und schließlich lässt sich im Zusammenhang der Jünger-Berufungen in den Evangelien ein Bezug zur eigenen Taufe herstellen, ist sie doch das Zeichen der persönlichen Zugehörigkeit zu → Jesus Christus und damit Symbol der Berufung zur Lebens-Gemeinschaft mit ihm und einem dem gemäßen Reden und Handeln.

3. Fragen und Anknüpfungspunkte

Kinder der Primarstufe sind wahrscheinlich weniger daran interessiert, wie man sich die Dreieinigkeit Gottes vorstellen kann, als daran, wer und wie der in den biblischen Schriften bezeugte → Gott eigentlich ist und ob er auch von mir heute noch erfahren werden kann und vielleicht sogar zu mir spricht (vgl. Fischer, 2007). In den Berufungserzählungen finden sich grundlegende Antworten auf die Frage nach dem Wesen und Wirken Gottes, die über den damals in einem bestimmten Kontext und einer bestimmten Stunde ergangenen Ruf hinaus Gültigkeit haben.

Deutlich wird dabei, dass Gott kein zeitloses Schicksal ist, sondern ein unter den Bedingungen von Raum und Zeit begegnender Gott, der sich zum Anwalt und Helfer derer macht, die Unrecht leiden, wie auch derer, die sich in der Gottesferne verloren haben (Wer ist Gott?). Dabei bedient er sich immer wieder konkreter Menschen, die er als seine Boten beauftragt und die er an seinen Vorhaben beteiligen will. Die von Gott Berufenen, die sich meist weder durch besondere Qualitäten, Begabungen oder eine herausragende gesellschaftliche Stellung auszeichnen, sind ganz normale Menschen, die auch mit Schwächen, Zweifeln und Versagen belastet sind (Wem gibt sich Gott zu erkennen?). Ihnen offenbart sich Gott, indem er sie im Alltag ihres Lebens anspricht und beauftragt (Wie zeigt sich Gott?).

4. Biblisch-theologische Klärungen

4.1. Altes Testament

Im Alten Testament wird eine solche Berufung einer Reihe von einzelnen Personen zuteil. Zu ihnen gehören Abraham (Gen 12,1-3; vgl. Steinkühler, 2015), Mose (Ex 3,1-22), Gideon (Ri 6,11-24), Samuel (1 Sam 3,1-21; vgl. Hubmann, 2001, 196f.), Saul (1 Sam 9,1-10,12), Amos (Am 7-9) Jesaja (Jes 6,1-13), Jeremia (Jer 1,4-10), Ezechiel (Ez 1-3) oder Jona (Jona 1,1-15a). Dabei sind die Berufungsberichte der klassischen Propheten, beginnend mit Amos, autobiographischer Natur. Die Berufenen haben Jahwe bei hellwachem Bewusstsein erfahren (vgl. Wolff, 1987a).

Sie alle werden unmittelbar, unvorbereitet und in der Regel unerwünscht angesprochen und mit einer besonderen Aufgabe beauftragt (anders: Jes 6,1-13). Keiner der Berufenen hat diese Aufgabe gesucht, mancher sucht sich ihr sogar mit dem Hinweis auf fehlende Eignung, unbedeutende Herkunft oder Unerfahrenheit (Ex 3,11; Ri 6,15; Jer 1,6) zu entziehen oder weil er den Adressaten der Botschaft Gottes Gnade missgönnt (Jona 4,2). Doch Gottes Ruf ist unausweichlich und unwiderstehlich. Aus der gestellten Aufgabe gibt es kein Zurück. Die Gotteserfahrung der Berufenen ist deshalb nicht nur eine Wort-, sondern häufig auch eine Machterfahrung (Am 3,8; Jer 15,7; Jer 20,7). Vorgebrachte Einwände der Gerufenen im Hinblick auf mangelnde Begabung oder Vermögen werden von Gott mit einer Beistandszusage zurückgewiesen (Ex 3,12a; 6,12; Ri 6,16; Jer 1,8) und die Beauftragung durch ein allerdings nur dem Berufenen erkennbares Zeichen beglaubigt (Ex 3,12b; Ri 6,20-24; Jer 1,11-19). Da diese Elemente (biographische Einleitung, Beauftragung, Einwand, Beistandsverheißung und beglaubigendes Zeichen) mehrfach in den Berufungserzählungen, konkret bei Mose, Gideon, Saul, Jeremia oder auch Ezechiel, vorkommen, kann „zu Recht von einer Gattung“ Berufungsbericht oder Berufungserzählung gesprochen werden (Waschke, 1998, 1347f.; Schmidt, 1970, 35-52). Aus der Retrospektive der Tradenten dienen diese formalisierten Berichte der nachträglichen Legitimation der Berufenen, der Begründung, Rechtfertigung und Beglaubigung ihrer Verkündigung und ihres Wirkens: Wer in der Weise eines Mose berufen wurde, der ist wahrhaftig ein von Gott Beauftragter und Gesandter.

Der mit der Berufung ergangene Auftrag nimmt die Berufenen meist dauerhaft für Gott und sein Vorhaben in Anspruch. Das gilt auch für die neutestamentlichen Berufungserzählungen, die an das alttestamentliche Verständnis von Berufung anknüpfen (vgl. hierzu: Gen 12,1-4 und Mt 9,9-13; Jer 1,5, Jes 49,1 und Gal 1,15; Ex 3,4 und Apg 9,1-19).

4.2. Neues Testament

In den vier Evangelien wird in verschiedenen, meist sehr kurzen Texten, von der Berufung einzelner Menschen in die Nachfolge Jesu berichtet. Durch eine einmalige Aufforderung, den unvorbereiteten Ruf Jesu werden sie vom Fischfang oder Zolltisch weg und aus ihren Familien gerufen (Mk 1,16-20/Mt 4,18-22; Mk 2,14/Mt 9,9). Im Unterschied zu den alttestamentlichen Berufungserzählungen sind hier Berufung und Sendung (Mk 6,7-13/Mt 10,1.5-14) aber deutlich voneinander abgegrenzt. Ein religionsgeschichtlicher Hintergrund der Jüngerberufungen ist in der Berufung Elisas durch Elia () zu sehen, auch wenn der Berufungsgestus, der Wurf des Mantels über den Berufenen, fehlt und Jesus das Abschiednehmen von der Familie ablehnt (Lk 9,61f.).

Mk 1,16-20 bietet die ausführlichste Erzählung einer solch unvorbereiteten Berufung. Sie macht in der Linie der alttestamentlichen Überlieferung deutlich, was für den Eintritt in die Jüngerschaft maßgeblich ist: nicht die eigene Wahl und Entscheidung, sondern ein Ruf „als eindrücklicher performativer Akt, der göttliche Vollmacht indiziert“ (Strecker, 2010). Jesus (→ Jesus Christus, bibeldidaktisch, Grundschule; → Jesus Christus, bibeldidaktisch, Sekundarstufe) handelt bei der Berufung der Jünger so gebieterisch wie Gott selbst. Sein vollmächtiges Wort schafft Glauben und Gehorsam (vgl. Gen 12,1-4), ohne jeden Hinweis auf irgendeine psychologische Vorbereitung.

Daneben gibt es in Lk 5,1-11 die Erzählung einer vorbereiteten Berufung des Simon (Petrus) und der beiden Zebedaiden Johannes und Jakobus. Die hier in Mk 1,21 nach der Jüngerberufung verorteten Geschehnisse gehen der Erzählung voraus. Das hat zur Folge, dass sich Jesus und Simon bereits vor der Berufung kannten (Lk 4,38f.). Die stärker ausgestaltete und von einem Geschenkwunder (reicher Fischfang) berichtende Erzählung konzentriert sich ganz auf die Person des Fischers Simon (vgl. Strecker, 2010). Wie ein Jesaja Jahrhunderte zuvor (Jes 6,5) oder ein wenige Jahre später berufener Paulus (Apg 9,1-22), so erfährt auch Simon in der Begegnung mit Christus die Heiligkeit Gottes, die ihm seine Sündhaftigkeit bewusst werden lässt (Lk 5,8). Trotzdem wird er, wie Jesaja oder der Verfolger Saulus, durch den Ruf Jesu umgewandelt und in Dienst genommen.

Die Berufung der Jesus unmittelbar nachfolgenden Jüngerschaft, zu der auch eine ganze Reihe Frauen gehörten (Lk 8,1-3), mündet in einen Zeugendienst, der in Wort und Tat die Botschaft vom in Jesus Christus nahen und heilvoll unter den Menschen handelnden Gott unter weitgehendem Verzicht auf Heimat und Besitz in die Welt trägt. Was Jesus gesagt und getan hat, soll nicht untergehen, sondern in der Welt gegenwärtig bleiben bis ans Ende der Zeit (Mt 28,18-20).

Vor diesem Hintergrund ist auch die Berufung aller an Christus Glaubenden zu verstehen (vgl. Röm 1,6f.; 1 Kor 1,2). Berufen durch die Predigt des Evangeliums (2 Thess 2,14), ohne Verdienst und Ansehen der Person (1 Kor 1,26-28), verbunden in der Gemeinschaft des Leibes Christi durch die Taufe (1 Kor 12,12-30; Röm 6,1-12), sind alle Glaubenden aufgefordert, sich in Wort und Tat der Berufung würdig zu erweisen (Eph 4,1; 1 Thess 2,12).

5. Didaktische Überlegungen

Ausgehend von den unter 3. skizzierten Fragen und Anknüpfungspunkten eignen sich für die religionsunterrichtliche Vermittlung (→ Unterrichtsplanung) im Primarbereich insbesondere die – auch in den Lehrplänen (→ Lehrplan) der Grundschule für den Evangelischen Religionsunterricht in den einzelnen Bundesländern meist vorgesehenen – Berufungserzählungen von Abraham (→ Abraham und Sara, bibeldidaktisch, Grundschule), Mose, Samuel und der Jünger Jesu (Simon Petrus, Matthäus), da sie nicht nur in exemplarischer Weise die Erfahrung einer Berufung durch Gott klären und deuten helfen, sondern auch grundlegende Fragen nach Gottes Wesen und seinem Wirken in der Welt beantworten können. Gleichzeitig bieten sie durch ihre in konkreten Lebenssituationen begründete Anschaulichkeit und die narrative Struktur der Überlieferung Identifikationsmöglichkeiten für die Schülerinnen und Schüler.

Abraham kann in der Geschichte von seiner Berufung den Kindern als Mensch begegnen, der bereit ist, sich auf Gottes Wort hin vorbehaltlos dessen Führung und Schutz anzuvertrauen, wodurch er auch aus neutestamentlicher Sicht zum Vater aller Glaubenden wird (vgl. Röm 4). Dabei sollte auch deutlich werden, dass der Ruf Gottes nicht durch irgendwelche Qualitäten Abrahams, sondern allein durch Gottes Wahl motiviert ist, und dass auch Abrahams Glaube nicht ungebrochen ist, wie schon die unmittelbar anschließende Erzählung von der Gefährdung der Ahnfrau eindrücklich veranschaulicht (Gen 12,10-20). Was es für Abraham bedeutet haben mag, sein Heimatland, sein Volk und seine Familie zu verlassen, lässt sich vielleicht am besten durch Rollenspiele veranschaulichen: Was werden Abrahams Freunde und Verwandte gesagt haben, um ihn zurückzuhalten? Und wie wird seine Frau reagiert haben? Was wird Abraham ihnen geantwortet haben (vgl. Fricke, 2015)?

Als die mit Abstand am besten bekannte biblische Gestalt am Ende der Grundschulzeit wird meist Mose (→ Mose und Mirjam, bibeldidaktisch, Grundschule) genannt (Hanisch/Bucher, 2002, 20). Sie vermag die Kinder offensichtlich am meisten zu beeindrucken, was vor allem auch an dem spannenden und abwechslungsreichen Ereignisverlauf liegen dürfte. An seiner Berufung lässt sich zeigen, dass ihr Grund letztlich in Gottes Erbarmen mit seinem notleidenden Volk liegt (Ex 3,7), das er aus der Sklaverei erlösen will. Um dieses Vorhaben zu verwirklichen, beruft er Mose zu seinem Botschafter und militärischen Führer, der sich dieser Aufgabe allerdings zunächst entziehen möchte, weil er sich aus verschiedenen Gründen für ungeeignet hält (Ex 3,11; 4,10-13). Erst nachdem Gott ihm seinen Beistand zugesagt hat, macht er sich auf den Weg. An dieser Geschichte lässt sich mit den Kindern darüber ins Gespräch kommen, dass Gottes Ruf auf eine Antwort des Gerufenen wartet, dass sich auch schwierige Herausforderungen im Vertrauen auf Gottes Nähe trotz Versagensängsten bewältigen lassen.

Wie man sich ein Berufungsgeschehen vorstellen kann, verdeutlicht wohl am besten die Berufung Samuels (1 Sam 3,1-21): Der namentlich ergehende Ruf Gottes unterscheidet sich offenbar nicht von einer verwechselbaren menschlichen Stimme. Das Geschehen bedarf einer Klärung. Erst das mehrfache Widerfahrnis führt zu der Einsicht des Priesters Eli, dass der Ruf womöglich von Gott kommt und einer Antwort bedarf. Auf die erklärte Bereitschaft Samuels, auf diese Stimme zu hören, offenbart ihm Gott schließlich die Botschaft, die er Eli und seinem Haus zu überbringen hat (1 Sam 3,11-14) und deren Wahrheit Gott selbst durch die folgenden Ereignisse bezeugt (1 Sam 4,11-22). In diesem Zusammenhang kann die Skulptur „der Hörende“ des Bildhauers Toni Enz einem Gespräch über die Rolle des Rufers und des Gerufenen zugrunde gelegt werden.

Die neutestamentlichen Berufungsszenen werden mehrheitlich sehr knapp, nahezu holzschnittartig erzählt. Sie haben keine Erinnerung an die Befindlichkeit des Berufenen. Im Mittelpunkt stehen meist die Unwiderstehlichkeit des Rufs und der bedingungslose Gehorsam. Michelangelo Merisi da Caravaggio hat die in dieser Hinsicht exemplarische Berufung des Matthäus in einem seiner bedeutendsten Gemälde eindrücklich in Szene gesetzt und damit veranschaulicht, wie Jesus – entgegen den religiösen Konventionen seiner Zeit - einen Menschen aus sündigen Verhältnissen völlig unvermittelt und unvorbereitet aus seinen alltäglichen Geschäften heraus in die Nachfolge berief (Mt 9,9-13; vgl. hierzu auch den Erzählvorschlag von Neidhart, 1990).

Demgegenüber bietet die Berufung des Petrus (Lk 5,1-11) für die Schülerinnen und Schüler deutlich mehr an Identifikationsmöglichkeit und unterstreicht den Gedanken, dass man angesichts des beeindruckenden Fischzugs Jesus unbedingt vertrauen kann.

Schließlich gilt es im Zusammenhang der Berufungserzählungen auch über die eigene Berufung nachzudenken. Durch die Taufe ist jeder Christ mit Jesus verbunden und in die Nachfolge gerufen. Was das bedeutet, lässt sich vielleicht durch die Gestaltung eines → Bodenbildes veranschaulichend vergegenwärtigen. Verschiedenfarbig gestaltete Fußabdrücke stellen den Weg Jesu dar, auf denen Stichworte notiert werden, die den Weg Jesu kennzeichnen: Hilfe für die Armen und Kranken, Trost für die Traurigen, Barmherzigkeit gegenüber den schuldig Gewordenen, und so weiter. Angesichts dieses Jesus-Weges bedenken die Schüler und Schülerinnen auf dem Wege der Werterhellung (vgl. Fricke/Dorner, 2015, 50-53), ob und in welcher Weise sie sich an Jesu Verhalten orientieren wollen und können.

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