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Lexikon

Zimmerli, Walther

(1907-1983)

Klaus Grünwaldt

(erstellt: Jan. 2007)

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Bild von Walther Zimmerli

1. Leben

Walther Zimmerli wurde am 20. Januar 1907 in Schiers (Graubünden, Schweiz) geboren. Sein Vater war Direktor einer evangelischen Lehranstalt, Walther Zimmerli war das erste Kind der zweiten Ehe seines Vaters (dieser starb 1918); er hatte zehn Geschwister aus beiden Ehen.

Von 1925 bis 1929 studierte Zimmerli Evangelische Theologie und altorientalische Sprachen in Zürich, Berlin und Göttingen; anschließend war er ein Jahr lang „Wärter“ in einer Anstalt für Epilepsiekranke, wo er sich auf sein praktisch-theologisches Examen vorbereitete.

1930 wurde Zimmerli auf die Assistentenstelle beim Stiftsinspektor in Göttingen, damals Hans Freiherr von Campenhausen, berufen, die geteilt war. Zimmerli hatte sich um die Seminarbibliothek zu kümmern sowie den Alttestamentler Johannes Hempel zu unterstützen. In dieser Zeit erarbeitete er seine Dissertation über die „Geschichte und Tradition von Beerseba und Bethel“, aus der der Beerscheba-Teil 1932 auch gedruckt wurde. 1932 wurde Zimmerli Inspektor am Theologischen Sprachenkonvikt. Als die Fakultät 1933 zur Habilitation drängte, wechselte er stattdessen – frisch verheiratet – auf eine Pfarrstelle im schweizerischen Aargau.

1935 wurde er als Nichthabilitierter an die Universität Zürich berufen, wo er – zunächst als Extraordinarius, ab 1938 als Ordinarius – neben dem Alten Testament auch Religionsgeschichte und orientalische Sprachen zu unterrichten hatte. Während des Zweiten Weltkriegs war Zimmerli auch als Feldprediger tätig; danach unterrichtete er zeitweise zusätzlich im Kriegsgefangenenlager Montpellier sowie an der Kirchlichen Hochschule und der Humboldt-Universität Berlin, beides im Ostteil der Stadt.

1950 erhielt er den Ruf an die Evangelisch-Theologische Fakultät der Georg-August-Universität Göttingen, den er auch annahm und wo er von 1951 bis zu seiner Emeritierung – und darüber hinaus – tätig blieb. Rufe nach (u. a.) Heidelberg (1956) und Basel (1960) lehnte er ab.

Zimmerli nahm über seine Forschungs- und Lehrtätigkeit hinaus eine Fülle von „ehrenamtlichen“ Tätigkeiten im Hochschul- und weiteren Wissenschaftsbereich wahr, z.B. war er 1964-1966 Rektor der Universität Göttingen; 1966-1967 Vorsitzender der Niedersächsischen Rektorenkonferenz; 1970-1978 Präsident und Vizepräsident der „Göttinger Akademie der Wissenschaften“; 1960-1974 Mitherausgeber der renommierten Zeitschrift „Vetus Testamentum“, dazu ab 1974 Präsident der „International Organization for the Study of the Old Testament“ und – damit zusammenhängend – 1977 Präsident des Göttinger Alttestamentler-Kongresses. Hinzu kommen Ehrendoktorwürden und Gastprofessuren an verschiedenen internationalen Universitäten.

Walther Zimmerli starb am 4. Dezember 1983 in Oberdiessbach (Kanton Bern, Schweiz).

Der bekannte Philosoph Walther Christoph Zimmerli ist ein Sohn Walther Zimmerlis.

2. Werk

Zimmerli war ein außergewöhnlich produktiver Autor mit einem breiten Interessengebiet. Sein Werk zeichnet sich darüber hinaus dadurch aus, dass viele seiner Veröffentlichungen auf einen breiteren Leserkreis zielen.

2.1. Arbeiten am Ezechielbuch und der alttestamentlichen Prophetie

Der mehr als 1400 Seiten umfassende Kommentar zum Buch Ezechiel in der Reihe „Biblischer Kommentar. Altes Testament“ ist zweifellos das wissenschaftliche Hauptwerk Zimmerlis. Er entstand in den Jahren 1955-1969 (2. verbesserte Auflage 1979) und darf auch wegen seiner methodischen Präzision, den behutsam vorgenommenen Datierungen und seiner theologischen Tiefe nach fast 40 Jahren als Referenzwerk zum Buch des dritten großen Propheten angesehen werden. Methodisch hat der Kommentar die Forschung u.a. dadurch angeregt, dass sekundäre Passagen als „Fortschreibungen“ verstanden werden, also als Kommentare oder Exegesen zum „authentischen“ Text aus einer bestimmten zeit- und theologiegeschichtlichen Situation heraus.

Der große Ezechiel-Kommentar hat eine Reihe von Vorarbeiten und ergänzenden, vertiefenden Studien mit sich gebracht, die zum großen Teil in den Aufsatzbänden „Gottes Offenbarung“ (1963; 2. Aufl. 1969) und „Studien zur alttestamentlichen Theologie und Prophetie“ (1974) versammelt sind. Hier geht Zimmerli zum einen der Formelsprache des Propheten nach und fragt nach deren institutionellem Hintergrund, etwa im Kult (u.a.: Ich bin Jahwe, 1953; Das Wort des göttlichen Selbsterweises [Erweiswort], eine prophetische Gattung, 1957); zum anderen vertieft und systematisiert er die theologischen Gedanken Ezechiels (u.a.: Erkenntnis Gottes nach dem Buch Ezechiel, 1954; Die Botschaft des Propheten Ezechiel, 1969); schließlich reichert er die Exegese durch Detailstudien an (u.a.: Ezechieltempel und Salomostadt, 1967).

Durch die Arbeit am Ezechielbuch war Zimmerli herausgefordert, sich auch den anderen alttestamentlichen Propheten zu widmen, um z.B. deren Einfluss auf Ezechiel bzw. Beziehung zu Ezechiel zu untersuchen. Hervorzuheben sind insbesondere zwei Aufsätze, in denen Zimmerli die beiden Exilspropheten Ezechiel und Deuterojesaja (Jesaja 40-55) miteinander vergleicht: Der „neue Exodus“ in der Verkündigung der beiden großen Exilspropheten, 1960; und Der Wahrheitserweis Jahwes nach der Botschaft der beiden Exilspropheten, 1963.

Der Stellung und Bedeutung der Prophetie im Alten Testament geht das eine Vorlesungsreihe für Hörer Aller Fakultäten wiedergebende Buch „Das Gesetz und die Propheten“ (1963; 2. Aufl. 1969) nach.

2.2. Weitere Kommentare

Für einen breiteren Leserkreis hat Zimmerli Teile des Genesisbuches und den Prediger Salomo (Kohelet) ausgelegt.

Im Jahr 1942, also noch während seiner Züricher Jahre, erschien Zimmerlis Auslegung der biblischen Urgeschichte (Genesis 1-11; 4. Auflage 1984), die sich an der Form der Bibelarbeit Zwinglis im Zürcher Großmünster orientiert. Die Auslegung steht in ihrer Exaktheit, Klarheit und theologischer Prägnanz der zeitgleich verfassten Kommentierung Gerhard von → Rads in nichts nach. Ein zweiter Band mit der wesentlich knapperen Auslegung von Genesis 12-25 (Abraham) folgte 1976.

In der ebenfalls auf einen breiteren Leserkreis zielenden Kommentarreihe „Das Alte Testament Deutsch“ erschien 1962 (3. Auflage 1980) – also während der Jahre der Arbeit am Ezechielkommentar – die Auslegung des Predigers Salomo (Kohelet). Der Kommentar kann auf Vorarbeiten zur Weisheit zurückgreifen, die auf die frühen 1930er Jahre zurückgehen und in seinem Überblicksaufsatz „Ort und Grenze der Weisheit im Rahmen der alttestamentlichen Theologie“ (1962) modifiziert wurden.

Die drei Kommentarbände zeichnen sich durch eine beeindruckende Fähigkeit zur verständlichen Darstellung bei gründlicher Information und theologischer Wegweisung aus.

2.3. Arbeiten zur Theologie und Hermeneutik des Alten Testaments

Das „erfolgreichste“ Buch Zimmerlis ist zweifellos sein „Grundriß der alttestamentlichen Theologie“ (1972; 7. Auflage 1999), ein etwas mehr als 200 Seiten kurzes Lehrbuch in der Kohlhammer-Reihe „Theologische Wissenschaft“. In ihr kommt das theologische Interesse, das Fragen und Forschen nach dem Wort in den Wörtern des Alten Testaments, das von Anfang an das Movens der Arbeit Zimmerlis am Alten Testament war, zur Erfüllung. Man kann den „Grundriß“ durchaus als ein – mehr implizites als explizites – Gespräch mit der Theologie des Alten Testaments Gerhard von → Rads verstehen. Während von Rad – verkürzt gesagt – für seine Theologie den Modus der Nacherzählung wählte, die die Pluralität des Stoffes unterstreicht, ordnet sich bei Zimmerli das Material systematisch um die Mitte des Alten Testaments, JHWH. Die „Theologie“ hat die Aufgabe, das Handeln JHWHs an seinem Volk und seinen Menschen sowie die Antwort der Menschen und schließlich die Anfechtung wie auch die Zukunftserwartung (Offenheit) des Alten Testaments zu entfalten.

Wie der große Ezechielkommentar, so kann auch die Theologie auf eine Fülle von Vorarbeiten zurückgreifen und hat eine Reihe von begleitenden Untersuchungen mit sich gebracht. Das Büchlein über „Das Gesetz und die Propheten“ (2. Aufl. 1969) wurde oben (2.1.) bereits erwähnt; auch die Bücher „Der Mensch und seine Hoffnung im Alten Testament (1968) und „Die Weltlichkeit des Alten Testaments“ (1971) sind hier zu nennen, dazu auch das frühe „Das Alte Testament als Anrede“ (1956). In der Hermeneutik-Debatte anlässlich der „Geburt“ des Projektes des Biblischen Kommentars plädierte Zimmerli für das Modell „Verheißung und Erfüllung“ (1952/52); das Erscheinen seines Grundrisses einer Theologie das Alten Testaments begleitete er mit erläuternden Artikeln über „Alttestamentliche Traditionsgeschichte und Theologie“, einer Auseinandersetzung mit Gerhard von Rad in dessen Festschrift (1971), sowie „Erwägungen zur Gestalt einer Theologie des Alten Testaments“ (1973). Gleichsam als Fazit nach 10 Jahren, wenn nicht sogar als eine Summe seines theologischen Arbeitens ist der Artikel „Biblische Theologie 1. Altes Testament“ in der Theologischen Realenzyklopädie (Band 6, 1980) zu lesen.

3. Bedeutung

Wurde die historische Erforschung des Alten Testaments im vergangenen Jahrhundert vor allem durch Albrecht Alt und Martin Noth geprägt, so ist die theologische Erschließung des ersten Teils der christlichen Bibel in diesem Zeitraum bleibend mit den Namen Gerhard von Rad und Walther Zimmerli verbunden. Will man hier noch einmal grob differenzieren, so liegt von Rads Verdienst vor allem in der theologischen Auslegung insbesondere der geschichtlichen Überlieferung, während Zimmerlis exegetische Arbeit – wie gezeigt – eher der prophetischen Überlieferung galt. Dabei verhehlt Zimmerli nicht seine Herkunft aus der reformierten Tradition und ihrer Betonung der Erhabenheit und des Herr-Seins Gottes.

In seiner akribischen Arbeit am einzelnen Text, verbunden mit einem klaren Blick für die theologische Bedeutung des Textes und der Gabe, das Erarbeitete präzise und verständlich darzustellen, ist Zimmerli für nachfolgende Generationen von Forschern und Forscherinnen ein Vorbild und ein Maßstab.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

Für ein umfassendes Literaturverzeichnis vgl. den Artikel „Walther Zimmerli“ in: http://bautz.de/ (Zugriff 27. Dez. 2006)

1. Kommentare

  • 1. Mose 1-11. Urgeschichte (ZBK.AT 1.1), 1943, 4. Aufl. 1984
  • 1. Mose 12-25. Abraham (ZBK.AT 1.2), 1976
  • Das Buch des Predigers Salomo (ATD 16/1), 1962, 3. Aufl. 1980, 123-251
  • Ezechiel (BK.AT XIII/1.2), 1969, 2. Aufl. 1979

2. Aufsatzbände

  • Gottes Offenbarung (TB 19), 1963, 2. Aufl. 1969;
  • Studien zur alttestamentlichen Theologie und Prophetie (TB 51), 1974

3. Weitere ausgewählte Werke

  • Das AT als Anrede, 1956
  • Gesetz und die Propheten, 1963, 2. Aufl. 1969
  • Was ist der Mensch? (Rektoratsrede), 1964
  • Der Mensch und seine Hoffnung im Alten Testament, 1968
  • Die Weltlichkeit des Alten Testaments, 1971
  • Ezechiel – Gestalt und Botschaft, 1972
  • Grundriß der alttestamentlichen Theologie, 1972, 6. Aufl. 1989
  • Die kritische Infragestellung des Tradition durch die Prophetie, in: O.H. Steck (Hg.), Zu Tradition und Theologie des Alten Testaments, 1978, 57-86
  • Artikel: Biblische Theologie I. AT, in: TRE Bd. 6, 1980, 426-455

4. Sekundärliteratur

  • Grünwaldt, K., Konfessionalität und Exegese des Alten Testaments. Die biblische Urgeschichte bei Gerhard von Rad und Walther Zimmerli, in: Reinhard Rittner (Hg.), Was heißt hier lutherisch! (BFH 37), Hannover 2004 (2. Aufl. 2005), 9-28
  • Kreuzer, S., Begegnung als Grundthema des Alten Testaments. Eine Erinnerung an die Bedeutung von „Begegnung“ in Walther Zimmerlis Theologie des Alten Testaments und eine Predigt zu Jesaja 6; in: J. von Lüpke u.a. (Hgg.), Momente der Begegnung. Impulse für das christich-jüdische Gespräch (FS B. Klappert), Neukirchen-Vluyn / Wuppertal 2004, 49-57
  • Motte, J., Biblische Theologie nach Walther Zimmerli. Darstellung und Würdigung der alttestamentlichen Theologie Walther Zimmerlis und der sich aus ihr ergebenden Perspektive zum Neuen Testament in systematisch-theologischer Sicht (EHS.T 521), Frankfurt am Main 1995
  • Smend, R., Walther Zimmerli, in: Ders., Deutsche Alttestamentler in drei Jahrhunderten, Göttingen 1989, 276-298.328f

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