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Lexikon

Zerstörung Jerusalems (587 v. Chr.)

Klaus Koenen

(erstellt: Jan. 2013)

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Babylonier; → Exil

Im Sommer 587 v. Chr. ist → Jerusalem, die Hauptstadt Judas, nach anderthalbjähriger Belagerung von dem babylonischen König → Nebukadnezzar eingenommen und zerstört worden. Der Kleinstaat Juda und die ihn regierende Davidische Dynastie (→ David) hatten damit ein brutales Ende gefunden. Dieses Ereignis, das zweifellos zu den wichtigsten Daten der Geschichte Israels gehört, wird im Alten Testament vielfach rezipiert und hat dabei sehr unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen: In den → Klageliedern Jeremias findet sich mit Klgl 2 ein Gedicht, das vermutlich die älteste Reaktion auf die Katastrophe zeigt: In einem ergreifenden Schrei wird das Geschehen als → Tag Jahwes und damit als Tat Jahwes gedeutet (Historisierung der Tradition vom künftigen Tag Jahwes) sowie Gott als brutaler Mörder angeklagt. Gegenüber dieser provozierenden These erklären andere Lieder des Büchleins das Geschehen mit der Schuld der Betroffenen. Volksklagelieder, die im → Psalter überliefert sind, beziehen sich mehr oder weniger deutlich auf die Zerstörung Jerusalems (Ps 44; Ps 74; Ps 79; Ps 80; vgl. Ps 60; Ps 83; Ps 89; Ps 137), verweisen dabei jedoch nur selten (wie Ps 79) auf die Verfehlungen der Menschen. Vor allem die → Deuteronomisten haben das Ereignis mit der Schuld der Betroffenen erklärt und die Geschichte Israels dementsprechend als eine Geschichte der Sünde, vor allem des Abfalls zu fremden Göttern, dargestellt. Priesterliche Kreise haben die alten Rituale des Kultes so überarbeitet, dass sie bei der Bewältigung von Schuld besser helfen konnten (→ Priesterschrift; → Versöhnungstag). Prophetische Kreise haben die Zukunft als kontrafaktische Heilswelt entworfen, um Hoffnung zu stiften (→ Eschatologie).

1. Die Vorgeschichte

1.1. Josias Ende und das Joch Ägyptens

© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 1 Karte: Juda im Grenzgebiet der Weltreiche Ägypten und Babylonien.

Syrien und Palästina bilden die Landbrücke, die die Großreiche Kleinasiens und Mesopotamiens mit Ägypten verbindet. Sie gehörte deswegen zum immer wieder umkämpften Interessengebiet dieser Großmächte. Im 8. Jh. haben die erstarkten Assyrer Nord-Israel erobert und zu Provinzen ihres Reiches gemacht. Das südlich angrenzende Juda mit der Hauptstadt Jerusalem konnte seine Selbstständigkeit zwar bewahren, verlor jedoch Teile seines Gebietes und wurde tributpflichtiger Vasall. Als das neuassyrische Reich am Ende des 7. Jh.s unterging, konnte sich Juda unter König → Josia (639-609 v. Chr.), das Vakuum nutzend, zunächst zu relativer Selbstständigkeit aufschwingen, als dann jedoch das neubabylonische Reich langsam an die Stelle des assyrischen trat, sich jetzt also Ägypten und Babylonien als Großmächte gegenüberstanden, fiel der sie verbindende Landstreifen Syrien / Palästina im Jahr 609 v. Chr. an Ägypten. In diesem Jahr zog Pharao → Necho II. (610-595 v. Chr.) durch Palästina nach Mesopotamien, um den nach der Eroberung Ninives (612 v. Chr.) noch verbliebenen Assyrern gegen die Babylonier im Kampf um → Haran zu helfen. Unterwegs tötete er in → Megiddo König Josia, vielleicht weil er dessen Aufenthalt dort – weit außerhalb seines judäischen Herrschaftsgebietes – als Provokation betrachtete. Drei Monate später, er war inzwischen von seinem Kriegszug in sein Hauptquartier nach → Ribla am → Orontes (40 km südsüdwestlich von Homs in Syrien) zurückgekehrt, ließ er den mittlerweile zum judäischen König eingesetzten → Joahas kommen, setzte ihn ab und verschleppte ihn gefangen nach Ägypten, wo er starb (2Kön 23,33f). Zum neuen König machte Necho Joahas’ älteren, bei der Thronfolge übergangenen Halbruder Eljakim, den er in → Jojakim umbenannte (609-598 v. Chr.). Ferner legte er dem Land schweren Tribut auf (2Kön 23,29-35). Damit war Juda zu einem Vasallen Ägyptens geworden.

1.2. Jojakims Aufstand gegen die Babylonier

Das Joch Ägyptens war jedoch nur von kurzer Dauer. Im Jahr 605 v. Chr. besiegte der babylonische Kronprinz Nebukadnezzar, kurz bevor er König wurde (604-562 v. Chr.), in der Schlacht von → Karkemisch am Oberlauf des Euphrats Pharao Necho (berichtet in der → Babylonischen Chronik zum 21. Jahr → Nabopolassars; TUAT I,4 403; HTAT 415). Juda fiel damit wie die ganze syrisch-palästinische Landbrücke an die Babylonier (Jer 46,2). Nebukadnezzar unterstrich seinen Anspruch auf dieses Gebiet dadurch, dass er in seinen ersten drei Regierungsjahren jeweils Feldzüge dorthin unternahm, bei denen er z.B. → Askalon eroberte und zerstörte. Davon eingeschüchtert verhielt sich Jojakim den Babyloniern gegenüber zunächst loyal, versuchte dann jedoch in einem Aufstand, das Joch abzustreifen. Nach 2Kön 24,1 geschah dies drei Jahre nach dem Machtwechsel, also im Jahr 602. Politisch wahrscheinlicher erscheint eine Datierung in das Jahr 601. In diesem Jahr konnten die Ägypter die Babylonier, die erneut durch Syrien-Palästina gezogen waren, in einer Schlacht im ägyptischen Grenzgebiet abwehren, ja ihnen sogar eine Niederlage beibringen (vgl. die Babylonische Chronik zum 4. Jahr Nebukadnezzars; TUAT I,4 403; HTAT 416; vgl. auch Herodot, Historien II 159 [Text gr. und lat. Autoren])., die so schwer war, dass Nebukadnezzar im folgenden Jahr sogar nach dem Zeugnis der Babylonischen Chronik keinen Feldzug unternahm, sondern seine Truppen neu organisieren musste. Diese Situation könnte für Jojakim der Auslöser zum Aufstand gewesen sein. Wie dem auch sei, nach Feldzügen gegen Hethiter und Araber im Jahr 599 reagierte Nebukadnezzar erst 598. Er schickte Truppen nach Jerusalem und belagerte die Stadt. Doch während der Belagerung starb im Dezember 598 Jojakim (so 2Kön 24,6; anders 2Chr 36,6) und sein 18jähriger Sohn → Jojachin wurde König (2Kön 24,8).

1.3. Nebukadnezzars erste Eroberung Jerusalems (597 v. Chr.)

Jojachin regierte nur drei Monate, dann kapitulierte er. Am 2. Adar des 7. Jahres Nebukadnezzars, d.h. im März 597 v. Chr., nahmen die Babylonier die Stadt ein, plünderten sie, insbesondere Palast und Tempel, deportierten Jojachin sowie die oberen Zehntausend nach Babylonien und setzten den 21jährigen Mattanja, den dritten Sohn Josias und damit Onkel Jojachins, als neuen König, der jetzt den Namen → Zedekia erhielt, ein (2Kön 24,10-17; Jer 37,1; Ez 17,12-14). Die Babylonische Chronik schreibt zum 7. Jahr Nebukadnezzars, das dem Jahr 598/597 v. Chr. (angesichts des Jahreswechsels im Frühjahr erstreckt sich ein Jahr immer über zwei Jahre christlicher Zeitrechnung) entspricht:

„Der König von Akkad bot seine Truppen auf und zog nach Ḫattu und schlug gegen Juda (sein Lager) auf und nahm die Stadt am 2. Adar ein. Den König nahm er gefangen. Einen König nach seinem Herzen setzte er darin ein. Seine schwere Abgabe na[hm er entgegen un]d brachte (sie) nach Babylon.“ (HTAT 417).

Dieser Sieg, der die Herrschaft über Palästina und eine weiter südlich verlaufende Grenze gegenüber Ägypten sichern sollte, war für Nebukadnezzar so wichtig, dass er in der Babylonischen Chronik als einziges Ereignis des siebten Jahres vermerkt wird.

Zur Datierung: Die Babylonische Chronik und Jer 52,28 datieren die Einnahme Jerusalems bzw. die erste Deportation in das 7. Jahr Nebukadnezzars. 2Kön 24,12 spricht dagegen vom 8. Jahr, wohl weil das Akzessionsjahr als 1. Jahr gezählt wird (s.u. 2.4.). Lipschits (2005, 60f) schließt dagegen aus Jer 52,28 auf eine erste, schon vor dem Fall der Stadt anzusetzende Deportation, die die Elite der näheren Umgebung Jerusalems betroffen habe (vgl. u. 2.4.).

2. Die Eroberung und Zerstörung Jerusalems

2.1. Zedekias Aufstand gegen die Babylonier

Zedekia (597-587 v. Chr.) war zunächst vermutlich, wie gewünscht, ein ergebener Vasall an der Grenze Ägyptens, doch wissen wir über seine ersten Jahre im Grunde nichts. Aber nach einiger Zeit, möglicherweise in seinem 4. Jahr (594 v. Chr.; vorausgesetzt, die Datierung von Jer 27,1 ist nach der von Jer 28,1 zu ändern), versammelten sich nach Jer 27,3 Gesandtschaften der transjordanischen Staaten → Edom, → Moab und → Ammon sowie der phönizischen Städte → Tyros und → Sidon in Jerusalem. Vielleicht wollten sie Zedekia, nachdem es kurz zuvor in Babylonien zu Unruhen gekommen war, zur Teilnahme an einem antibabylonischen Aufstand bewegen. Möglicherweise hatte aber auch umgekehrt Zedekia die Initiative ergriffen und zur Formierung eines Bündnisses geladen (vgl. Ez 17,15). Jedenfalls dürfte die oft als antibabylonische Partei bezeichnete Gruppierung aus Beratern, die auf Ägypten setzten, und Propheten, die auf Gottes helfende Gegenwart im Tempel vertrauten (Jer 27-28), in diese Richtung gewirkt haben. Doch was immer es mit der in Jer 27 erwähnten Konferenz auf sich hatte, die Babylonische Chronik meldet, ehe sie abbricht, für das 11. Jahr Nebukadnezzars (594/593 v. Chr.) einen Feldzug des Königs nach Syrien-Palästina. Es ist nicht auszuschließen, dass schon dieser Feldzug eine Antwort auf ein erstes Aufbegehren in der Region darstellte, dieses jedoch im Keim erstickte.

Was Zedekia in den folgenden Jahren erneut zu einem Aufstand gegen die Imperialmacht bewogen hat, wissen wir nicht. Die Heilsaussagen der Zionstheologie mögen ihn ermutigt haben, möglicherweise auch ein Feldzug, den Pharao → Psammetich II. (595-589 v. Chr.) im Jahr 592 v. Chr. oder etwas später nach Syrien-Palästina unternommen hatte und der in dem eigentlich babylonisch kontrollierten Gebiet eine Demonstration ägyptischer Macht darstellte. Vielleicht war es auch Unterstützung, die Pharao → Apries (589-570 v. Chr.) – aus Jer 44,30 als Pharao „Hofra“ bekannt – möglicherweise schon vor Beginn des Aufstands zugesagt, später jedenfalls geleistet hat (Jer 37,5-10; Ez 17,15).

Der Feldzug Psammetichs II. ist erst in der kurzen Notiz einer demotischen Erzählung aus dem Jahr 513 v. Chr. belegt (Papyrus Rylands 9, III,15-17 und XIV,16-XV,9; HTAT § 257). Der Priester Petese vermerkt, dass sein Großvater an einem Zug des Pharaos nach Syrien teilgenommen habe. Unklar ist, inwiefern es sich bei dem Zug um ein militärisches Unternehmen oder um eine Wallfahrt handelt. Vgl. Schipper 242-244.

2.2. Nebukadnezzars zweite Eroberung Jerusalems (587 v. Chr.)

Was auch immer Zedekia bewogen hat, er erhob sich gegen den babylonischen König, der ihn einst eingesetzt hatte (2Kön 24,20; Ez 17,15). Doch der Aufstand scheiterte, ja führte zur Katastrophe. Psammetich II. starb 589. Schon das musste das babylonische Heer ermutigt haben. Es rückte an und begann am 10.X. des 9. Jahres Zedekias – d.h. im Jan. 588 v. Chr. – mit der Belagerung Jerusalems (2Kön 25,1; Jer 34,7). Diese dauerte anderthalb Jahre und wurde nur einmal für kurze Zeit unterbrochen (Jer 34,21f; Jer 37,5.11), vermutlich wegen eines Feldzugs des Pharaos Apries durch Palästina, der wohl in einem Zusammenhang mit dem bei Herodot (Historien II 161; vgl. Diodor I 68; Text gr. und lat. Geschichtsschreiber) belegten Aufbruch der ägyptischen Flotte gegen Sidon und Tyrus steht.

Der Feldzug des Apries ist dann in das Jahr 588 zu datieren. Die Wadi-Brisa-Inschrift Nebukadnezzars (TUAT I,4 405), die von einem Verlust des Libanon an einen Feind spricht, bezieht sich vielleicht auf diesen Feldzug. Die Ostraka, die man 1935 in Lachisch, dem wichtigsten Vorposten Jerusalems, gefunden hat, geben aus judäischer Perspektive einen Eindruck von der Situation unmittelbar vor dem Anrücken der Babylonier. Ostrakon 3 zeugt, falls es nicht einfach um die Flucht eines Kommandanten nach Ägypten geht, von einem judäischen Hilfegesuch an Ägypten (HAE I/1, 418f). – Zur ägyptischen Hilfe vgl. auch Ez 17,7.15.17; Ez 29,6; Klgl 4,17 (vgl. Hardmeier, 257-286; Albertz, 2002, 27; Keel, 614).

Am 9.IV. (Tammuz) des 11. Jahres (Jer 39,2) – d.h. im Sommer 587 v. Chr. – legten die Babylonier eine Bresche in die von großem Hunger (vgl. 2Kön 25,3f; Jer 37,21; Jer 52,6f) gezeichnete Stadt und eroberten sie. Zedekia und seine Leute konnten nachts fliehen, wollten vielleicht zu den Ammonitern, wurden jedoch bei → Jericho gefangen und nach Ribla in Syrien gebracht, wo Nebukadnezzar sein Hauptquartier aufgeschlagen hatte (2Kön 25,4; Jer 39,4). Die Söhne Zedekias wurden vor seinen Augen getötet, dann wurde er selbst geblendet und in Ketten nach Babylon verschleppt (2Kön 25,1-7; Jer 39,1-7; Jer 52,4-11; Ez 12,12-16), wo er bis zu seinem Tod eingekerkert blieb (Jer 52,11).

Erst einen Monat nach der Eroberung Jerusalems und damit in einer sorgfältig geplanten Aktion schickte der babylonische König den Oberst seiner Leibwache namens Nebusaradan nach Jerusalem. Am 7. (2Kön 25,8) oder am 10. Tag (Jer 52,12) des 5. Monats (Av) des 19. Jahres Nebukadnezzars drang er in die Stadt. Er ließ sie plündern – insbesondere das Heiligtum (Jer 52,15-23) –, gezielt Tempel, Palast und Häuser in Brand setzen sowie die Stadtmauer zerstören und 72 (?) hochrangige Politiker und Priester zu Nebukadnezzar nach Ribla bringen, wo sie getötet wurden. Ein weiterer Teil der Oberschicht wurde nach Babylonien deportiert (2Kön 25,8-21; Jer 39,8f; Jer 52,12-30). Sichtbar werden die Verwüstungen, die das babylonische Heer in Jerusalem, aber auch in vielen anderen Städten Judas angerichtet hat, in Zerstörungsschichten, die Ausgrabungen zu Tage gefördert haben und die sich dieser Zeit zuordnen lassen (vgl. z.B. Keel, 757-760; eine Zusammenstellung der Städte mit entsprechenden Zerstörungsschichten bietet Faust, 2012, 21-32).

2.3. Die Zerstörung des Tempels

Über den Grund für die Zerstörung des Tempels, die nicht gängiger Praxis entsprach, sondern eine außergewöhnliche Maßnahme darstellte (vgl. Mayer, 1-22), kann man nur spekulieren. Zedekia hatte mit der Einstellung der Tributzahlungen den Vasallenvertrag gebrochen, den Nebukadnezzar und er, zugleich aber auf der sakralen Ebene die beiden Staatsgötter → Marduk und → Jahwe geschlossen hatten. Aus babylonischer Sicht mussten folglich Zedekia und Jahwe wegen Vertragsbruchs bestraft, also Palast und Tempel zerstört werden (vgl. Ez 17,12-18; vgl. Mayer, 19). Möglicherweise ging es auch um den Tempel als Hort des Widerstands: Die traditionelle Jerusalemer Tempeltheologie (→ Zionstheologie) basierte auf der Vorstellung von der Gegenwart Gottes im Tempel und leitete aus ihr ab, dass das Heil und Wohl der Stadt sicher verbürgt sind, Jerusalem also z.B. nicht von Feinden erobert werden könne (vgl. Jer 7,4). In der aktuellen Situation eines feindlichen Angriffs konnte diese Theologie im Namen Jahwes zum Widerstand aufrufen. Wenn Tempel und Palast das ideologische und politische Zentrum des Widerstands bildeten, mag ihre Zerstörung ebenso wie die Ermordung der obersten Priester (2Kön 25,18.21) aus babylonischer Sicht darauf gezielt haben, das nationalistische Zentrum des antibabylonischen Widerstands ein für alle Mal auszulöschen (vgl. Albertz, 2002, 32-36; Lipschits, 2001, 129f; Keel, 775). Außerdem mag die Erfahrung, dass sich die Vasallenstaaten an der ägyptischen Grenze immer wieder als unzuverlässige Kandidaten erwiesen hatten, Nebukadnezzar zu einer neuen, härteren Gangart bewogen haben. Er wollte nicht wieder nur einen neuen Vasallenkönig einsetzen, sondern die Palästina-Frage ein für alle Mal lösen und damit die Grenze zu Ägypten sichern. Deswegen vernichtete er gezielt das Königshaus samt seiner Residenz und seinen Institutionen, allen voran dem Tempel als dem Ort des Staatskultes, zerstörte Jerusalem und schlug Juda seinem Reich zu mit einem Statthalter, der in → Mizpa residierte (vgl. Lipschits, 1998, 472-484).

2.4. Exkurs: Probleme der Chronologie: 587 oder 586 v. Chr.?

Tabelle: Chronologische Übersicht zu den letzten Jahren Judas.

Tabelle: Chronologische Übersicht zu den letzten Jahren Judas.

Die erste Einnahme Jerusalems wird von der Babylonischen Chronik in den letzten Monat des 7. Regierungsjahres Nebukadnezzars datiert (s.o.), und damit in den März 597. Mit dem 8. Jahr Nebukadnezzars, das kurz darauf im Frühjahr 597 begann (der Jahresanfang wurde im Frühling begangen), fingen dann gleichzeitig das 1. Jahr der Gefangenschaft des deportierten judäischen Königs Jojachin und das 1. Regierungsjahr des neuen judäischen Königs Zedekia an, doch wurde bei der Regierungszeit Zedekias exklusiv, d.h. ohne Berücksichtigung des Akzessionsjahres, bei der Gefangenschaft Jojachins dagegen inklusiv gezählt, wie die Datierung der Zerstörung Jerusalems in 11. Jahr Zedekias (2Kön 24,18 u.ö.) bzw. ins 12. Jahr der Gefangenschaft (Ez 33,21) zeigt. Da 2Kön 25,8 (// Jer 52,12) die Zerstörung Jerusalems in den 5. Monat des 19. Jahres Nebukadnezzars, welches im Frühjahr 586 v. Chr. begann, datiert, müsste diese – wie bes. in der englischsprachigen Forschung vielfach vertreten wird – im Sommer 586 v. Chr. erfolgt sein. Dem steht jedoch Ez 40,1 entgegen. Dort wird das 25. Jahr nach der Verbannung bzw. Gefangenschaft Jojachins (Beginn Frühjahr 573 v. Chr.) mit dem 14. Jahr nach der Zerstörung Jerusalems gleichgesetzt; demnach ist das 12. Jahr nach der Verbannung (Beginn Frühjahr 586 v. Chr.) zugleich das 1. Jahr nach der Zerstörung, die folglich schon 587 v. Chr. erfolgt sein müsste. Das passt auch besser zur Abfolge der judäischen Könige: Josia wurde 609 getötet. Jojakims 1. Jahr begann dann im Frühjahr 608, sein letztes und 11. Jahr (2Kön 23,36) folglich im Frühjahr 598. Zedekias 1. Jahr fing dann im Frühjahr 597 an, sein letztes und 11. Jahr (2Kön 24,18; 2Kön 25,2; Jer 1,3; Jer 39,2; Jer 52,5), in dem Jerusalem zerstört wurde (Jer 39,2), folglich im Frühjahr 587 (die kurzen Regierungszeiten von Joahas und Jojachin können bei dieser Berechnung unberücksichtigt bleiben, da sie in das letzte Jahr ihres Vorgängers fallen). Demnach fiel die Zerstörung in den Sommer 587. Die Spannung zu dem oben errechneten Jahr 586 löst sich, wenn bei der Angabe des 19. Jahres Nebukadnezzars anders als in der Babylonischen Chronik dessen Akzessionsjahr, d.h. das Jahr seiner Thronbesteigung, das kein ganzes Jahr, sondern die Zeit vom Regierungsantritt bis zum Ende des Kalenderjahres umfasst, als erstes Jahr gezählt wird (vgl. o. 1.3.), denn dann hätte dieses 19. Jahr schon im Frühjahr 587 begonnen. Dass das Akzessionsjahr mal mitgezählt, mal nicht mitgezählt werden konnte, zeigt der Vergleich zwischen Jer 25,1 (4. Jahr Jojakims = 1. Jahr Nebukadnezzars) und Jer 46,2 (4. Jahr Jojakims = Akzessionsjahr Nebukadnezzars). Kurz: Die Probleme der Chronologie lassen sich am ehesten damit erklären, dass das Akzessinsjahr Nebukadnezzars in den alttestamentlichen Datumsangaben zum Teil wie in der Babylonischen Chronik nicht mitgezählt ist (Jer 52,28.29), zum Teil jedoch schon als dessen 1. Jahr gilt (2Kön 24,12; 2Kön 25,8; Jer 32,1; Jer 52,12). Vgl. Jepsen / Hanhart, 21-28; Hardmeier, 247-251; Hughes, 229-232; Albertz, 2001, 69-73; ders., 2002, 27-29; Keel, 760f.

Lipschits (2005, 74) schließt dagegen aus Jer 52,29 wie schon aus Jer 52,28 (s.o. 1.3.) auf eine erste, schon vor dem Fall der Stadt anzusetzende Deportation der Menschen, die sich ergeben hatten.

2.5. Die Beteiligung der Edomiter (?)

Fraglich ist, ob das südöstlich von Juda gelegene → Edom bei der Eroberung Judas eine Rolle spielte. Obadja (Ob 9-14) wirft den Edomitern Gewalttaten an Juda vor. Sie sollen bei der Eroberung Jerusalems schadenfroh zugesehen, ja sogar mitgemacht, sich an Plünderungen beteiligt und Flüchtlinge umgebracht oder ausgeliefert haben. Nach Ps 137,7 haben die Edomiter bei der Zerstörung Jerusalems gerufen: „Reißt nieder, reißt nieder bis auf die Grundmauer in ihr (sc. Jerusalem)!“ (vgl. Ez 25,12; Jo 4,19; Am 1,11f). Nach 3Esr 4,45 waren es sogar die Edomiter, die den Tempel angezündet haben – doch das ist sicher eine Verleumdung (vgl. Weippert 1982, 295). Man hat aus diesen Stellen sowie der Zusammenstellung von Babylon und Edom in Ps 137,7-9 – zum Teil auch daraus, dass die Babylonier Edom damals nicht attackiert haben – allerdings geschlossen, dass die Edomiter mit den Babyloniern kollaboriert haben und in irgendeiner Form an der Zerstörung Jerusalems beteiligt waren. Dagegen spricht jedoch, dass diese Beteiligung, wenn es sie gegeben hätte, im Kontext der Polemik gegen Edom viel breiter rezipiert worden wäre und sicher auch in den Schilderungen der Zerstörung Jerusalems anzutreffen wäre (2Kön 25; Jer 52). Doch dort ist von den Edomitern keine Rede. Außerdem macht ihnen Ez 35f ganz andere, deutlich schwächere Vorwürfe, und man gewinnt den Eindruck, dass sie nach dem Untergang Judas nur das Machtvakuum im Bereich des südlichen Berglands ausgenutzt und vormals judäische Gebiete besetzt haben (vgl. Jer 13,18f; Ob 19). Historisch sicher können wir nur sagen, dass es schon in den letzten Jahren der Königszeit an der Südgrenze Judas zu militärischen Konflikten mit den Edomitern gekommen ist, denn das belegt Ostrakon Nr. 24 aus → Arad, in dem es um die Verstärkung judäischer Truppen gegen Edom geht (HAE I,1, 349.389-393; vgl. 2Kön 24,2 [אדם statt ארם]), und dass Südpalästina in persischer Zeit unter edomitischem Einfluss stand, wie aramäische Ostraka mit Personennamen zeigen, welche den Namen des edomitischen Gottes Qōs enthalten und deswegen als typisch edomitisch gelten dürfen (vgl. Lemaire). Was am Anfang des 6. Jh.s jedoch im Einzelnen vorgefallen ist, wissen wir nicht, zumal auch die archäologischen Quellen, z.B. Ausgrabungen im Negev, dazu nichts hergeben. Irgendetwas Gravierendes muss damals allerdings geschehen sein, sonst wäre nicht zu erklären, wie das Volk, dem man sich in besonderer Weise verbunden wusste, ja dessen Stammvater Esau als Bruder des eigenen Stammvaters Jakob galt (vgl. Gen 25,28-34; Gen 32,4; Gen 36,6f; Num 20,14; Dtn 2,4f; Dtn 23,8; Am 1,11), in babylonischer Zeit zu dem schlimmen Erzfeind werden konnte, dem im Alten Testament so viele von Hass erfüllte Worte entgegengeschleudert werden wie die Gerichtsankündigung in Klgl 4,21f (vgl. Jes 34; Jes 63,1-6; Jer 49,7-22; Ez 25,12-14; Ez 35,1-15; Ez 36,5; Jo 4,19; Am 1,11f; Ob 1-21; Mal 1,2-5).

3. Die Nachgeschichte

3.1. Gedalja

Mit der Verwaltung des eroberten Gebiets beauftragten die Babylonier nach der alttestamentlichen Darstellung einen ihnen loyalen Judäer namens → Gedalja, der aus einer hohen, am königlichen Hof beschäftigten Beamtenfamilie stammte, aber kein Davidide war. Sein Großvater → Schafan hatte einst als oberster Schreiber in Diensten des Königs Josia gestanden (2Kön 22,3ff.). Sein Vater Ahikam war nach 2Kön 22,12.14 ein Mitglied jener Delegation gewesen, die Josia zur Prophetin Hulda geschickt hatte, und zur Zeit Jojakims hatte er den Unheilspropheten Jeremia vor dem aufgebrachten Volk und dem König geschützt (Jer 26,24). Gedalja stammte demnach aus einer Familie, die gegen den antibabylonischen Aufstand votiert hatte.

Gedalja residierte wohl unter dem Schutz einer babylonischen Truppe nicht in Jerusalem, sondern 15 km nördlich in dem vermutlich kaum in Mitleidenschaft gezogenen Ort → Mizpa (Tell en-Nasbe). Die Babylonier hatten die verbliebene Bevölkerung vermutlich angewiesen, die Weinberge und Felder der Deportierten zu bewirtschaften. Damit hatten sie ihnen das Land de facto übereignet, natürlich sehr zum Verdruss der Deportierten (Jer 39,10; Ez 11,15; Ez 33,24). Gedaljas Aufgabe war es wohl, den mit der Landzuweisung begonnenen Wiederaufbau der Wirtschaft im Sinne der Babylonier fortzusetzen, damit man die erwarteten Abgaben leisten konnte. Doch die Zeit Gedaljas währte vermutlich nicht lange, nur bis zum 7. Monat (Jer 41,1 gibt nur den Monat, aber kein Jahr an), dann wurde er mit seinen Anhängern von → Jismael, der aus einer Seitenlinie des Königshauses stammte (Jer 41,1), ermordet, weil er mit der Besatzungsmacht kollaboriert hatte. Auch die Soldaten der babylonischen Schutztruppe fielen dem Anschlag zum Opfer. Der Attentäter floh dann nach Ammon. Eine größere Gruppe von Menschen, unter ihnen → Jeremia, machte sich – wohl aus Furcht vor der zu erwartenden Rache der Babylonier – auf den Weg nach Ägypten (2Kön 25,22-26; Jer 40,7-43,7).

Nach Jer 52,30 führte Nebukadnezzar fünf Jahre nach der Zerstörung Jerusalems, also im Jahr 582 v. Chr., erneut Gefangene nach Babylonien. Ob es sich bei dieser nur in einer kurzen Notiz und damit nicht sehr gut bezeugten dritten Deportation um eine (späte) Reaktion auf die Ermordung Gedaljas handelt, wird man kaum sagen können. Welches Gewicht der gewaltsame Tod Gedaljas für die im Land verbliebenen Judäer hatte, wird aus der bis in persische Zeit üblichen Fastenpraxis deutlich. Nach Sach 8,19 (vgl. Sach 7,3) gedachte man des Untergangs Jerusalems in verschiedenen Monaten mit einem Fasten. Das Fasten des zehnten Monats bezog sich auf den Beginn der Belagerung, das des vierten auf die Eroberung, das des fünften auf die Zerstörung und das des siebten auf die Ermordung Gedaljas.

3.2. Die Lebensverhältnisse in Juda

3.2.1. Das leere Land als literarisches Motiv

Für die Zeit nach den Ereignissen um Gedalja bietet das Alte Testament, wie überhaupt über die politischen Verhältnisse und Ereignisse in Palästina während der neubabylonischen Zeit, keine Informationen mehr. Es will vielmehr den Eindruck erwecken, das Land sei menschenleer gewesen. Nach 2Kön 25,11f (// Jer 39,9 // Jer 52,15; vgl. Klgl 5,18) haben die Babylonier im Anschluss an die Eroberung Jerusalems 587 die gesamte Bevölkerung der Stadt deportiert, während sie Teile der judäischen Landbevölkerung als Winzer und Bauern in Juda leben ließen. 2Kön 25,21 (// Jer 52,27) geht sogar noch weiter und konstatiert lapidar, dass Juda aus seinem Land deportiert wurde. Wenige Verse später wird allerdings noch eine Bevölkerung in Juda vorausgesetzt, doch flieht nach 2Kön 25,26 im Anschluss an die Ermordung Gedaljas „das ganze Volk“ aus Furcht vor den Babyloniern nach Ägypten, so dass das Land nun wirklich menschenleer gewesen sein müsste (vgl. Jer 43,5-7; vgl. Stipp, 108-136; zu 2Chr 36,20f vgl. Willi, 22-24). Wie wenig „das ganze Volk“ jedoch wörtlich zu nehmen ist (vgl. Barstad, 1996, 30f; Oded, 59f), zeigt schon 2Kön 24,14: Dort wird nämlich behauptet, die Babylonier hätten bereits 597 „ganz Jerusalem“ deportiert, so dass sie dies streng genommen nicht zehn Jahre später erneut tun können. Tatsächlich handelt es sich bei der Vorstellung vom menschenleeren Land um ein verbreitetes literarisches Motiv, das übertreibend darauf zielt, die Totalität der Zerstörung anschaulich zu machen.

Zum leeren Land als literarischem Motiv vgl. im Blick auf Israel, Juda und Jerusalem: Lev 20,22; Lev 26,33; Jes 6,11; Jer 4,7; Jer 26,9; Jer 36,29; Jer 44,2.22; Ez 6,14; Ez 33,28; Babel: Jes 13,20-22; Jer 50,3.13.39f; Jer 51,29.37.43.62; Ägypten: Jer 46,19; Ez 29,8f; Ez 32,15; Ammon: Zef 2,9; Moab: Zef 2,9; Jer 48,9; Edom: Jes 34,8-15; Jer 49,13.17f; Ez 25,13; Ez 35,3f,7-9; Jo 4,19; Philister: Zef 2,5; Hazor: Jer 49,33; Damaskus: Jes 17,1f. Vgl. Edelman, 127-149. Nach Stipp (134f.150-154) geht die Vorstellung von Juda als menschenleerem Land auf einen Exulanten in Babylon zurück, der seinen Mitexulanten in frühexilischer Zeit klar machen möchte, dass sie die letzten Judäer sind und deswegen für den Fortbestand des Volkes Verantwortung tragen.

3.2.2. Juda in neubabylonischer Zeit

Realistischer scheint es, wenn Ez 33,24.27 voraussetzt, dass Menschen ärmlich in den Trümmern, auf dem offenen Land und in Höhlen hausten. Die Deportationen betrafen nämlich keineswegs alle, die überlebt hatten, also die gesamte Bevölkerung, sondern vor allem die Träger der antibabylonischen Aufstandspolitik sowie in einem weiteren Sinne die zivile und militärische Oberschicht, z.B. Offiziere und Handwerker, die Nebukadnezzar für sein Heer und für Baumaßnahmen gebrauchen konnte, insbesondere für den mit gigantischem Aufwand betriebenen Ausbau seiner Hauptstadt Babylon.

Die Zahl der Deportierten. Wie groß die Zahl der Deportierten und der in ihrer Heimat verbliebenen Judäer (vgl. 2Kön 25,12 // Jer 52,16) gewesen ist, wird man kaum sagen können.

1) Jer 52,28-30 beziffert die Zahl der Gefangenen der ersten Deportation (597 v. Chr.) auf 3023, die der zweiten (587 v. Chr.) auf 832 – sie wäre also sehr viel kleiner gewesen als die erste – und die der nur hier erwähnten dritten (582 v. Chr.) auf 745, damit insgesamt auf 4600. Weil die Zahlen relativ gering erscheinen, mag man sie für historisch zuverlässig halten und auf eine hier verarbeitete Quelle zurückführen, doch ist das nicht zwingend.

2) 2Kön 24,14-16 gibt für die erste Deportation wesentlich höhere Zahlen an, nämlich insgesamt über 18.000 Gefangene. Die Liste bereitet jedoch angesichts ihrer Dubletten Schwierigkeiten. Sie zählt auf: 10.000 Vornehme („Helden der Kraft“), Zimmerleute und Schmiede, die Königsfamilie, die Mächtigen des Landes (wie verhalten sich diese zu den Vornehmen?), 7.000 Einflussreiche („Männer der Kraft“; wie verhalten sich diese zu den Vornehmen und den Mächtigen?) und dann erscheinen nochmals Zimmerleute und Schmiede, 1.000 an der Zahl. Für die zweite Deportation werden keine Zahlen genannt.

Ob und, wenn ja, welche dieser differierenden Zahlen stimmen, ist kaum zu sagen. Auch allgemeine Überlegungen helfen nicht weiter. Wir können kaum abschätzen, wie groß die Bevölkerung Judas am Anfang des 6. Jh.s war. Ferner sind die Zahlen, die auf archäologischen Oberflächenuntersuchungen basieren, sehr spekulativ. Das gilt erst recht für Berechnungen zur Zahl der Deportierten, die von diesen Bevölkerungsschätzungen ausgehen und für die Zahl der Deportierten einen bestimmten, jedoch kaum begründbaren Prozentsatz der Gesamtbevölkerung ansetzen (zu den spekulativen Berechnungen vgl. z.B. Albertz, 73-80; Kiefer, 67-74, der auf eine Gesamtzahl von 16000 Deportierten unter Nebukadnezzar kommt, was „rund 19% der Bevölkerung“ [73] entspreche). Das Einzige, was man sagen kann, ist, dass die Gruppe der Deportierten so groß gewesen sein muss, dass sie in Mesopotamien als Gruppe überleben, ja sich sogar entfalten konnte.

In Juda gab es also weiterhin eine Bevölkerung, auch wenn die Städte zerstört, viele landwirtschaftliche Siedlungen verlassen und die Handelswege unterbrochen waren, vor allem die Bevölkerung drastisch dezimiert war, weil natürlich viele Menschen ihr Leben durch Krieg, Hunger und vermutlich auch Seuchen verloren hatten, andere verschleppt worden waren und wieder andere nicht nur in die Schluchten und Höhlen der Umgebung, sondern auch in entferntere Gegenden Judas oder in Nachbarländer geflohen waren, um der Gewalt der Besatzer zu entgehen und um zurückzukehren, sobald die Lage wieder sicher zu sein schien. Es lässt sich jedoch nicht sagen, wie groß die im Land verbliebene Bevölkerung war, welchen sozialen Schichten sie angehörte und wie sich ihr Leben im Einzelnen gestaltete, und zwar in den zerstörten Städten sowie auf dem flachen Land, in der näheren Umgebung Jerusalems sowie fern der Hauptstadt. Für Jerusalem zeigen immerhin Grabfunde im Hinnomtal (bei der Schottischen Kirche St. Andrews), dass hier nach wie vor sogar begüterte Familien lebten.

Nach der Darstellung von Threni herrschte zumindest in Jerusalem nicht nur während der Belagerung, sondern auch in der Zeit nach der Eroberung schrecklicher Hunger (Klgl 1,6.11.19; Klgl 2,11f.19f; Klgl 4,3-10; Klgl 5,4.9f). Dies klingt durchaus glaubhaft, nicht nur weil Kriege häufig zu Hungersnöten führen: Zum Ersten ist zumindest im näheren Umland Jerusalems mit Ernteausfällen zu rechnen, weil ein Teil der Bauern während der langen Belagerung keine Gelegenheit zur Aussaat gehabt haben dürfte oder weil sie vor den Babyloniern die Flucht ergriffen haben. Zum Zweiten werden die babylonischen Truppen Lebensmittelvorräte insbesondere in der unmittelbaren Umgebung von Jerusalem für ihre eigene Versorgung beschlagnahmt haben. Zum Dritten wird das, was nicht den Besatzern in die Hände fiel, zunächst von den produzierenden Bauern konsumiert oder eingelagert und nicht in Jerusalem zum Verkauf angeboten worden sein. Inwiefern Lebensmittel von den weniger betroffenen Bauern der weiteren Umgebung Jerusalems in die Stadt gelangten, ist schwer zu sagen (vgl. Wilkins, 143-157).

Territorialrechtlich und verwaltungstechnisch wurde das kleine Gebiet Judas möglicherweise zunächst der Provinz Samaria zugerechnet und erst in persischer Zeit zu einer eigenen Provinz mit eigenem Statthalter aus den Reihen der Exulanten. Nach außen haben die Babylonier das eroberte Gebiet vermutlich nicht gut gesichert. Aus einigen verstreuten Notizen kann man nämlich schließen, dass die Judäer unter Einfällen der benachbarten Kleinstaaten leiden mussten, z.B. der Edomiter, die sich südliche Teile Judas aneigneten.

Der Kult ist in Jerusalem trotz der Zerstörung des Tempels nicht völlig zum Erliegen gekommen (vgl. Middlemas, 2007, 30-32). Schon grundsätzlich ist es ganz unwahrscheinlich, dass die Menschen nach der Katastrophe darauf verzichtet haben sollen, Jahwe in Ritualen zu verehren und um ein Ende ihrer Not zu bitten. Auch im Alten Orient wurden Kultstätten nach einer Zerstörung zumindest provisorisch bald wiederhergestellt (vgl. Berlejung, 198.211-219.225). Nach einer Notiz in Jer 41,5 zogen zur Zeit Gedaljas achtzig Männer Trauerriten vollziehend aus → Sichem, → Silo und → Samaria mit Speiseopfern und Weihrauch zum Haus Jahwes, womit, da jede andere Lokalisierung fehlt, der Tempelbezirk in Jerusalem gemeint sein muss. Doch wie der Tempelplatz aussah, welche Installationen es dort gab (nach Esr 3,2-6 keinen Brandopferaltar), was man dort zelebrierte, konkret zu welchen Zeiten von wem welche Riten durchgeführt wurden, wissen wir nicht.

Exkurs: Diskussion um das „empty land“

Wie tiefgreifend die Zerstörung war und wie die Lebensverhältnisse in Juda in babylonischer Zeit aussahen, ist in der Forschung umstritten. Auf der einen Seite wird die alttestamentliche Vorstellung, dass Juda während der Exilszeit menschenleer gewesen sei, als historisch korrekte Darstellung verstanden, etwa wenn Y. Aharoni schreibt: „Die totale Zerstörung, die Juda erlitten hatte, bedingte für längere Zeit ein Bevölkerungsvakuum.“ (423; vgl. Mazar, 438.459f; Stern, 2002, 55). Seit langem ist jedoch erkannt und weithin opinio communis, dass Palästina in der fraglichen Zeit nicht menschenleer war. M. Noth (Geschichte Israels) schreibt schon 1950: „… so stellte doch die babylonische Gruppe nur einen Außenposten dar, während der zentrale Schauplatz der Geschichte Israels Palästina war und blieb und die im Lande verbliebenen Nachkommen der alten Stämme mit der heiligen Stätte von Jerusalem nicht nur zahlenmäßig die große Masse, sondern auch den eigentlichen Kern Israels bildeten.“ (267; vgl. 263f). Ähnlich urteilt E. Janssen 1956: „Eine große Lücke scheint … die Deportation unter der Bevölkerung nicht gerissen zu haben.“ (39). Für diese Sicht spricht, abgesehen davon, dass ein Abzug aller Menschen und ein menschenleerer Zustand dieses Gebiets grundsätzlich kaum vorstellbar sind, der archäologische Befund.

H.M. Barstad ist 1996 mit seiner Studie „The Myth of the Empty Land“ einen Schritt weiter gegangen: Die Babylonier hätten nur Städte zerstört (47-55) und lediglich geringe Teile der Jerusalemer Oberschicht deportiert. Für den Großteil der Bevölkerung, der auf dem Land lebte, habe die Eroberung kaum Konsequenzen gehabt, für sie sei im Alltag vielmehr alles beim Alten geblieben (42.81; vgl. ders., 2003, 4; ders., 2008, 34; Willi, 26; Blenkinsopp, 2002b, 169-187; Albertz, 2001, 81-85). Mehr noch: „this society must have consisted not only of peasants (even if these would have made up the vast majority of the population in an agrarian society), but also of artisans, traders, village and town elders, scribes, priests and prophets. … we are dealing with … a functioning society, with many of its different political institutions still intact.“ (18f). Mit diesem Bild von relativ normalen Lebensverhältnissen schafft Barstad die Voraussetzung dafür, die Entstehung wichtiger Teile des Alten Testaments in Juda zu lokalisieren (seiner Meinung nach wurde auch Deuterojesaja dort geschrieben). Die Babylonier haben nach Barstad auch gar kein Interesse daran gehabt, das Leben in Juda ganz zum Erliegen zu bringen und an der Grenze Ägyptens ein Machtvakuum entstehen zu lassen; vielmehr habe ihnen an einer intakten Landwirtschaft gelegen, um von deren Früchten, insbesondere Olivenöl und Wein, zu profitieren (vgl. Barstad, 2003, 9-13; Albertz, 2001, 81; Lipschits, 2005, 69.104). Zudem sei eine Zerstörung uninteressant gewesen, da die Bauern für die Militärmacht keine Bedrohung dargestellt hätten und bei ihnen durch Plünderungen keine Reichtümer zu holen gewesen seien (61-76). L.L. Wilkins (72.84) vermutet sogar, dass die Bauern zur Kooperation mit den Babyloniern bereit gewesen sein könnten, möglicherweise aus Angst vor Repressalien, vielleicht aber auch weil sie bisher von der Jerusalemer Oberschicht bedrückt worden waren und sich von den neuen Machthabern ein leichteres Joch erhofften. Nach Ph. Guillaume (31f) war das von Josia eroberte Gebiet Benjamin den Babyloniern sogar dankbar, dass sie es vom Joch Judas befreit hatten.

O. Lipschits (2001, 129-142; ders., 2003, 323-376; ders., 2005, 206-271; vgl. Middlemas, 2005, 37-48 bes. 46; dies., 2007, 16-18) kommt über einen auf Grabungen und Oberflächenuntersuchungen basierenden Vergleich der Besiedlung Judas in der späten Eisenzeit II mit der der persischen Zeit zu einem differenzierteren Ergebnis als Barstad. Zunächst hebt er die starke Zerstörung der Städte hervor (2005, 368). Insbesondere Jerusalem, aber auch dessen näheres Umland seien von den Babyloniern zerstört worden und anschließend unbesiedelt geblieben; der Niedergang sei dort sogar so drastisch gewesen, dass sich die Vermutung nahe lege, die Babylonier hätten den Wiederaufbau in diesem Gebiet sowie seine Wiederbesiedlung (nicht jedoch Pilgerfahrten etc.) verboten (Lipschits, 2003, 333f; ders., 2005, 153f.367). Auch im ländlichen Raum sei in den meisten Teilen Judas ein deutlicher Einbruch der Bevölkerungszahlen zu verzeichnen (im Schnitt um 60 %; Lipschits, 2005, 368), der auf die babylonische Eroberung zurückgehe. Eine Ausnahme seien jedoch die Gebiete südlich und nördlich von Jerusalem, nämlich im Süden der nördliche Teil des judäischen Berglands und im Norden das Gebiet Benjamin, von dem schon die ältere Forschung angenommen hat, dass es kaum in Mitleidenschaft gezogen worden war und in dem Mizpa als Verwaltungszentrum und Gibeon als landwirtschaftlichem Produktionszentrum fungierten (2003, 346-355; 2005, XII.153f.190.366). Für das Gebiet des vormaligen Juda habe sich damit ein neues Siedlungsbild ergeben: „the center was empty, the remote periphery was desolate and barren, and the inner periphery nearest Jerusalem continued life almost unaltered.“ (Lipschits, 2005, 368; vgl. 2005, 190).

L.L. Wilkins (224-232) zeichnet ein etwas anderes Bild, das jedoch weniger auf archäologischen Befunden, sondern vor allem auf theoretischen Überlegungen beruht. Jerusalem und die für den Schutz der Hauptstadt strategisch wichtigen Festungen sowie die Dörfer und Gehöfte des näheren Umlands seien von Kriegshandlungen und Zerstörungen wesentlich stärker in Mitleidenschaft gezogen worden als die weiter entfernt gelegenen Teile Judas, in denen die Bauern nicht für die Versorgung der Besatzungstruppen aufkommen mussten. Je weiter entfernt die Menschen von Jerusalem und der Einfallsroute der Babylonier gelebt hätten, desto weniger seien sie direkt betroffen gewesen, desto schneller hätten sie zum normalen Leben zurückkehren können, desto geringer sei auch ihre Glaubensanfechtung gewesen und desto eher hätten erste Hoffnungen aufkeimen können (vgl. 137).

Vielfach werden Zerstörung und Niedergang sehr viel stärker betont als insbesondere bei Barstad. Unter dem Stichwort „Babylonian Gap“ verweist man darauf, dass außer im Gebiet Benjamin im Grunde kaum Siedlungsreste aus neubabylonischer Zeit gefunden worden seien (vgl. z.B. Stern, 2000 und 2004), dass die Babylonier – anders als die Assyrer nach der Eroberung Israels 722 – in Juda kaum Überbleibsel, etwa von Verwaltungsbauten, hinterlassen haben und dass sich auch kaum Spuren vom Wiederaufbau zerstörter Städte finden (vgl. z.B. Stern, 2000, 45-51; Vanderhooft, 1999, 110; ders., 2003, 253; Betlyon, 278). Der Befund zeige, dass die Babylonier eine Politik der verbrannten Erde betrieben und kein ökonomisches Interesse an Juda gehabt haben (vgl. Betlyon, 266). Vielmehr hätten sie die Bevölkerung demoralisieren und ihr durch die Vernichtung wichtiger Ressourcen (Saatgut, Pflüge, Zugtiere) auch langfristig schaden wollen (vgl. Faust, 2012, 64f.190-194), vielleicht um das Land für den großen Konkurrenten Ägypten unattraktiv zu machen (vgl. Keel, 775; Stipp, 139). So kommt z.B. B. Oded 2003 in Auseinandersetzung mit Barstad zu dem Ergebnis: „All the lines of evidence converge to the conclusion that Judah was not an empty land, a tabula rasa, during the exilic period. Nevertheless, the population was very small. … Continuity yes, but with a marked decline in quality…. Judah proper was a land with no state or capital, no leaders or elders …, no organized community with political, social, and religious institutions, no priests or prophets …, no significant economic activities or trade …, no cultural or literary activities.“ (71; vgl. Stipp, 136-159). Dementsprechend charakterisiert Valkama (39-59) Juda in der Mitte des 6. Jh.s nicht als „a flourishing civilisation, but rather a self-sustaining rural society with little new building activity“.

A. Faust hat die Kritik an Barstad 2012 (vgl. schon ders., 2003, 37-53) weiter präzisiert: Methodisch gesehen bestehe das Problem darin, dass die babylonische Zeit kein signifikantes Keramikensemble aufweist, welches die Datierung von Siedlungsschichten in genau diese Zeit erlauben würde. Damit wirft er die Frage auf: Gibt es kein spezielles Keramikrepertoire der neubabylonischen Zeit, weil das Land unbesiedelt war, oder ist das Keramikrepertoire dieser Zeit von der Keramik vor 587 nur nicht unterscheidbar und damit nicht erkennbar, weil die Kontinuität in Kultur und Besiedlung sehr groß war, die Ereignisse von 587 mithin keinen Bruch darstellten (2012, 11-16)? Da der Keramikbefund nicht weiterführe, will Faust einen neuen Weg beschreiten: Weil sich die Lage von Gehöften und kleinen Siedlungen (anders als von Städten) kaum nach festen landschaftlichen Bedingungen (etwa Bergkuppen) richte und damit variabel sei, erfolge eine Neuansiedlung allenfalls zufällig am Ort einer älteren Siedlung und deswegen müssten kleine Ortslagen, für die eine Besiedlung vor und nach der babylonischen Zeit nachgewiesen ist, auch während der babylonischen Zeit besiedelt gewesen sein (2012, 34-38). Eine Durchsicht der bislang bekannten, ca. 50 derartigen Ortslagen zeige, dass zwischen der späten Eisenzeit und der persischen Zeit in den einzelnen Gebieten Judas kaum Kontinuität (allenfalls sieben Ortslagen), sondern im Wesentlichen ein Bruch zu verzeichnen sei, während bei vergleichbaren, als Kontrollgruppe herangezogenen Ortslagen im Gebiet von Samaria durchaus Kontinuität nachzuweisen sei (2012, 38-72). Dass der Bruch in Juda innerhalb der genannten Zeitspanne am Anfang der neubabylonischen Zeit erfolgte und folglich mit der Eroberung von 587 zu verbinden ist, zeigt sich nach Faust daran, dass relativ exakt datierbarere griechische Keramik genau ab dieser Zeit fehlt – ein Indiz dafür, dass das internationale Handelsnetz zusammengebrochen sei (2012, 73-92). Außer den Städten seien also auch die ländlichen Ortschaften zerstört, vielleicht auch nur verlassen worden, weil die Bauern in die Städte geflohen, aber nicht zurückgekehrt seien.

4. Gedenktag der Zerstörung Jerusalems: der 9. Av

4.1. Terminierung auf den 9. Av

Juden gedenken der Zerstörung Jerusalems bis heute am 9. Av. Warum ausgerechnet am 9. Av? Nach dem normalen jüdischen Kalender beginnt das Jahr im Herbst mit dem Neujahrsfest am 1. Tischri, nach dem liturgischen jüdischen Kalender jedoch wie nach dem babylonischen im Frühjahr am 1. Nissan. Jerusalem wurde im 5. Monat zerstört, und das ist nach dem liturgischen Kalender der Monat Av (Juli / August). Sach 8,19 belegt, dass man schon in babylonischer Zeit in diesen 5. Monat einen Fastentag gelegt hat, an dem wohl der Zerstörung Jerusalems gedacht wurde. Nun ist Jerusalem nicht am 9., sondern nach 2Kön 25,8 am 7. und nach Jer 52,12 am 10. des 5. Monats zerstört worden. Einen Gedenktag beging man nach Bar 1,2–5 schon zu Beginn der babylonischen Zeit am 7. Tag dieses Monats. Der Talmud-Traktat Taanit (Text Talmud), der sich mit den Fastenvorschriften und deswegen auch mit dem 9. Av beschäftigt, möchte die Differenz zwischen den beiden Terminen und die Datierung des Fastens auf den 9. Tag erklären: Am 7. Av seien die Feinde in den Tempelbereich vorgedrungen, bis zum 9. hätten sie dort gewütet und am Abend des 9. ein Feuer gelegt, das noch den ganzen 10. Av brannte. Während Rabbi Jochanan das Fasten auf den 10. gelegt hätte, weil das meiste an diesem Tag verbrannt sei, hätten die Weisen damals den 9. bevorzugt, da die eigentliche Katastrophe an diesem Tag begonnen habe (Taanit 29a). Doch bei dieser Begründung für die Datierung des Gedenktags auf den 9. Av handelt es sich um eine sekundäre Erklärung, der der Termin schon vorgegeben war. Ab wann und warum ausgerechnet der 9. Av zum Gedenktag gemacht wurde, ist deswegen nicht sicher – vermutlich war die Datierung der Zerstörung des Zweiten Tempels auf den 9. Av des Jahres 70 n. Chr. ausschlaggebend. Nach Taanit 26b und 29a (vgl. Traktat Rosh HaShana 18b) gilt der 9. Av nämlich dem Gedenken an fünf Katastrophen der Geschichte Israels:

Erstens wurde der Wüstengeneration an diesem Tag verboten, das Heilige Land zu betreten (Num 14; so schon im Targum von Klgl 1,2, weil Klgl 1,2 und Num 14,1 vom „Weinen in dieser Nacht“ sprechen).

Zweitens haben die Babylonier an ihm im Jahr 587 v. Chr. den Ersten Tempel zerstört.

Drittens haben die Römer ausgerechnet am gleichen Tag im Jahr 70 n. Chr. den Zweiten Tempel zerstört (vgl. Josephus, Bellum Judaicum VI,4,5-8; Text gr. und lat. Autoren). Die Erinnerung an dieses Ereignis hat aktuell besonderes Gewicht, da mit ihm das bis heute andauernde Exil begann.

Viertens haben die Römer nach einer rabbinischen Schilderung, die sicher nicht als historischer Bericht zu lesen ist, am 9. Av des Jahres 135 n. Chr. den Ort Betar, eine 12 km südwestlich der Jerusalemer Altstadt gelegene Hochburg des Bar Kochba Aufstands, erobert und den Widerstand damit niedergeschlagen (vgl. Midrasch zu Klgl 2,2).

Aus: F.W. Madden, History of Jewish Coinage, and of Money in the Old and New Testament, London 1864, 212

Abb. 2 Eine Münze Kaiser Hadrians zeigt das „Bepflügen“ Jerusalems.

Fünftens wird mit dem 9. Av als letzte Katastrophe das „Bepflügen“ Jerusalems verbunden. Der Ausdruck meint, dass eine Stadt dem Erdboden gleichgemacht und das Land damit zugleich für eine neue Gründung vorbereitet wird. Eine Münze illustriert das sehr schön, indem sie neben der Aufschrift „COL(onia) AEL(ia) KAPIT(olina) COND(ita)“ zwei Rinder zeigt. Das „Bepflügen“ Jerusalems meint also die Umwandlung in eine heidnische Stadt unter dem Namen „Colonia Aelia Capitolina“ durch Hadrian im Jahr 135 n. Chr.

Das Gedenken kann weitere Ereignisse einschließen. 1492 n. Chr. wurden die seit Jahrhunderten in Spanien ansässigen Juden durch das sog. Alhambra-Edikt, das Isabella I. von Kastilien und Ferdinand II. von Aragon erlassen hatten, aus dem Land vertrieben. Sie mussten es bis zum 31. Juli des Jahres, dem Vortag des Beginns des 9. Av, verlassen oder sich zum Christentum bekehren. Der 1. Weltkrieg begann am 1. Aug. 1914 mit der Kriegserklärung Deutschlands an Russland. Es war der Tag des 9. Av, der allerdings, da es sich um einen Sabbat handelte, erst am folgenden Tag begangen wurde. Das messianische Judentum gedenkt am 9. Av auch des Todes Jesu.

4.2. Sitten und Bräuche

Der 9. Av ist neben dem Jom Kippur der wichtigste jüdische Fastentag. Schon für die drei vorangehenden Wochen gibt es unterschiedlich streng gehandhabte Bräuche: Man verzichtet auf Hochzeiten, Ausflüge, Musik und – außer am Sabbat – auf Wein und Fleisch. An dem Tag selbst beginnt das Fasten – anders als an anderen Fastentagen – nicht erst am Morgen, sondern schon am Vorabend, dauert also 24 Stunden. Es gelten die gleichen Verbote wie an Tagen, an denen man um einen Verstorbenen trauert. Man darf nicht essen, nicht trinken, sich nicht schminken und keinen Geschlechtsverkehr haben (Taanit 30a). Ferner gibt es die Sitte, sich nicht zu grüßen. Diskutiert wird, inwiefern es erlaubt ist, in der Woche des 9. Av Haare zu schneiden und Kleider zu waschen (Taanit 26b). Man soll auch nicht in der Bibel lesen, da dies ja ein Grund zur Freude ist. Ausgenommen werden von dem Leseverbot jedoch die Bücher → Hiob, → Threni und die traurigen Stellen des → Jeremiabuchs (Taanit 30a), da sie zu dem Gedenktag passen. Gebetsschal und Gebetsriemen werden nicht zum Morgen-, jedoch zum Nachmittagsgebet angelegt. Fällt der 9. Av auf einen Sabbat, wird er am folgenden Tag begangen (Taanit 12a). In Teilen des liberalen Judentums hat der 9. Av heute kaum noch Bedeutung.

Die synagogale Liturgie des 9. Av ist örtlich und zeitlich im Einzelnen sehr verschieden (Elbogen, 128-130.185f). Am Vorabend wird z.B. der Fußboden der Synagoge mit Asche bestreut und der Vorbeter rezitiert mit halblauter Stimme die Klagelieder Jeremias. Zur Liturgie gehört neben dem Verlesen der Threni der Vortrag von ebenfalls „Klagelieder“ genannten poetischen Elegien, die – sprachlich und motivlich stark vom Buch Threni sowie dessen Targum und Midrasch geprägt – diverse Notlagen von der Zerstörung des Tempels 587 v. Chr. bis zu jeweils aktuellen Katastrophen beklagen und zu lokal sehr unterschiedlichen Sammlungen zusammengestellt worden sind (Elbogen, 229-231).

Die Toralesung am Morgen des 9. Av bildet Dtn 4,25-40. Der Text handelt von der Macht und Gnade Gottes und soll Hoffnung auf ein Ende der bis heute anhaltenden Zerstreuung Israels schenken. Als Prophetentext (Haftara) wird anschließend Jer 8,13-9,23 verlesen. Der Prophet beklagt hier die Zustände seiner Zeit und gebraucht dabei Formulierungen, die enge Verbindungen zu Threni herstellen. Beim Nachmittagsgebet wird in der Synagoge aus der Tora Ex 32,11-14; Ex 33,1-10 verlesen und damit die Barmherzigkeit Gottes thematisiert. Die Haftara, Jes 55,6-56,8, wird als Aufruf zur Buße verstanden. Damit deutet sich schon die Wende an, die der liturgische Kalender weiterführt. Nachdem an den drei Sabbaten vor dem 9. Av als Prophetentexte Gerichtsworte verlesen worden waren (Jer 1,1-2,3; Jer 2,4-28; Jes 1,1-27), beginnt mit dem folgenden Sabbat, dem „Sabbat Nachamu“ („Tröstet!“) – benannt nach Jes 40,1: „Tröstet, tröstet mein Volk!“ – eine siebenwöchige Trostzeit, die bis zum Jahresende des jüdischen Kalenders andauert, und die Sabbate dieser Zeit, an denen alle Prophetenlesungen Jes 40-66 entnommen sind, werden als „die Sieben des Trostes“ bezeichnet. So will die Liturgie der Klage ein Ende bereiten und den Juden in aller Welt Heil zusichern. Im Messianischen Judentum beziehen sich die Lesungen dieser sieben Sabbat-Tage auf die Auferstehung Jesu.

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Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Karte: Juda im Grenzgebiet der Weltreiche Ägypten und Babylonien. © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
  • Abb. 2 Eine Münze Kaiser Hadrians zeigt das „Bepflügen“ Jerusalems. Aus: F.W. Madden, History of Jewish Coinage, and of Money in the Old and New Testament, London 1864, 212
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