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Lexikon

Zelt

Thomas Staubli

(erstellt: Okt. 2016)

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1. Allgemeines

1.1. Definition

Traditionelle Zelte sind leicht demontierbare und transportable Gehäuse, die durch das Ausspannen von textilen oder ledernen Planen mittels Stricken und Pflöcken über einem hölzernen Skelett gebildet werden.

1.2. Begriffe und Bedeutung

Wie der Bedeutungswandel von akkadisch ālu(m) „Ortschaft / Stadt“ zu ugaritisch ahl „Zelt“ (vgl. hebräisch אֹהֶל ’ohæl, arabisch ’ahl „Zelt“) illustriert, ersetzt das Zelt den Nomaden die Behausung. Das Wort kann auch für seine Bewohner stehen. Nach Gen 4,17-22 ist Jabal, ein Abkömmling des Städtebauers → Kain, der Ahnvater der Zeltbewohner. Das transportable Zelt wäre folglich eine Imitation des Hauses und die mit ihm verbundene Lebensform des Nomadentums eine gegenüber dem sesshaften Bauerntum und dem Städtertum sekundäre, rezentere Lebensweise. Diese priesterschriftliche, proto-wissenschaftliche Sichtweise wird für den Vorderen Orient durch die archäologischen Befunde – soweit solche möglich sind – gestützt.

Aus der landläufigen Perspektive der vorderasiatischen, eisenzeitlichen Stadtstaaten wurde das nomadische Leben in Zelten hingegen als ehrwürdige, aber archaische Lebensform wahrgenommen. Die Israeliten betrachteten ihre Ahnen als Nomaden, die in Zelten lebten (Gen 12,8; Gen 13,3; Gen 18,1.6.9; Gen 24,67; Gen 26,25; Gen 31,25.33; Gen 33,19; Gen 35,21). In der assyrischen Königsliste stehen am Anfang „siebzehn Könige, die in Zelten wohnten“ (Weippert 1974, 267).

Die Ägypter kannten das Zelt als temporäre Installation im kultischen, handwerklichen und städtischen Kontext. Beduinen, Soldaten oder auch Schiffer kannten das Zelt (ẖn). Weitere Begriffe sind jm(3)w, ‘‘nj, sḥ, ḥb und ṯnfyt. Manchmal ist vom Flechten des Zeltes die Rede, was auf lauben- oder hüttenartige Konstruktionen hindeutet. Die Begriffsvielfalt sagt etwas über den Variantenreichtum tensiler Gebäude in der ägyptischen Antike aus. Da, wo die ägyptischen Quellen die → Schasu, die levantinische Landbevölkerung des 2. Jt.s v. Chr., als Zeltbewohner charakterisieren (Papyrus Harris), verwenden sie das semitische Lehnwort *jhr, das hebr. אֹהֶל ’ohæl entspricht (Weippert 1974, 275).

Der hebräische Begriff אֹהֶל ’ohæl „Zelt“ kann sich — wo er nicht metaphorisch verwendet wird (vgl. 3.) — auf das archaische runde Zelt (2.1.), auf das beduinische Schwarze Zelt (2.2.), auf Heerlagerzelte (2.3.) oder auf ein Zeltheiligtum (2.4.) beziehen.

Das griechische Wort σκηνή skēnē wurde in der → Septuaginta nicht nur als Begriff für אֹהֶל ’ohæl „Zelt“, sondern aufgrund der ähnlichen Lautung wie hebräisch מִשְׁכָּן miškān „Wohnstätte“ auch dafür, und darüber hinaus zur Wiedergabe von סֻכָּה sukkah „Hütte“, סֹךְ sok „Laubdach“ und חָצֵר ḥāṣer „Hof / Hürde“ verwendet. Durch das Aneinanderreihen mehrerer Zelte im Kreis, Oval oder Viereck kann ein → Lager (מַחֲנֶה maḥǎnæh) gebildet werden, dessen Innenraum Schutz für Menschen und Herden bietet.

1.3. Archäologie

Archäologisch untersuchte Hinterlassenschaften von Viehzüchterstrukturen im → Negev von den Anfängen im 4. Jt. v. Chr. bis vor der Mittelbronzezeit – Steine, Gruben, improvisierte Säulen und die Verbindung von runden Strukturen mit weiteren Steinbauten – deuten auf Hütten (Rosen / Saidel, 70). Die ältesten, archäologisch bezeugten Zelthinterlassenschaften in Gestalt von Fundamenten, Rückwänden etc. im Negev aus römischer, byzantinischer und frühislamischer Zeit deuten auf eine geschwungene Zeltform. Erst im Mittelalter scheint sich die rechteckige Form des klassischen Beduinenzeltes (s.u. 2.2.) im Negev vollständig durchgesetzt zu haben (Rosen / Saidel, 69). Die archäologische Erschließung nomadischer Gesellschaften ist allerdings nur punktuell unter besonders günstigen Bedingungen möglich. Von den starken nomadischen Kulturen im Negev zur Zeit des britischen Mandats ist schon heute fast nichts mehr zu erkennen (Finkelstein).

1.4. Ethnographie

Aufgrund der Problematik einer Archäologie des Nomadentums ist die Ethnographie die wichtigste Quelle zum Verständnis von Viehzüchtergesellschaften im Vorderen Orient, die Zelte verwenden oder verwendet haben. Mit dem Verschwinden traditionell beduinischer Lebensweise gewinnen ethnographische Beschreibungen des beduinischen Zeltes durch Musil, de Boucheman, Hess, → Dalman, Oppenheim, Doughty und besonders Feilberg an Bedeutung.

2. Zelttypen

2.1. Qubba (archaisches Zelt)

Aus: E. Unger, Obelisk des Königs Assurnasirpal I. aus Ninive, MAOG 6/1-2, Leipzig 1932, Taf. VIII

Abb. 1 Zeltdorf mit Rundzelten (qubba). (Detail vom sog. Weißen Obelisken; Ninive; 11./10. Jh. v. Chr.).

Verschiedene biblische Texte setzen geschlossene Zelte mit einem speziellen Eingang (Gen 9,21; Gen 18,1-15; Ri 4,17-22; Ri 7,13) voraus. Vergleiche des Himmels mit einem Zelt scheinen eine runde, gewölbte Form vorauszusetzen (Ps 19,5; Ps 104,2; Jes 40,22). Diese Form findet sich auf der ältesten erhaltenen ikonographischen Darstellung einer Zeltsiedlung auf dem sog. „Weißen Obelisken“ (10. Jh. v. Chr.; Abb. 1). Eine solche Form haben auch noch die Zelte der Kedrener (→ Kedar) auf den Reliefs aus dem Palast Assurbanipals (Mitte 7. Jh. v. Chr.; Abb. 2), die von den Assyrern geplündert und in Brand gesetzt wurden. Das aus Matten und Tierhäuten bestehende Dach wird von der Zeltmitte aus mit einer Zentralstange und von ihr ausgehenden schrägstehenden Holzstangen gestützt und außen mit Stricken und Pflöcken in alle Richtungen verspannt und verankert. Dadurch entsteht eine rundliche, wenn auch keine perfekt runde Form. Im Gegensatz zur asiatischen Jurte werden keine Gitterkonstruktionen verwendet.

Aus: O. Keel / M. Küchler / Chr. Uehlinger, Orte und Landschaften der Bibel. Ein Handbuch und Studienreiseführer zum Heiligen Land, Bd. 1, Zürich u.a. 1984, Abb. 105 (© Stiftung BIBEL+ORIENT, Freiburg / Schweiz)

Abb. 2 Eisenzeitliche Siedlung in der Gegend von Tadmor / Palmyra mit Zelten des Qubba-Typs, die von der assyrischen Armee gestürmt und in Brand gesteckt wird (Relief; Palast Assurbanipals, 668-626 v. Chr.).

Zelttypen bei Kurden und Berbern, die im Gefolge der Arabisierung vom Schwarzen Zelt (s.u. 2.2.) überformt wurden (Drew, Fig. 71), weisen noch ähnliche Formen auf. Erinnerungen finden sich bei arabischen Gelehrten des 9./10. Jh.s (Feilberg 192-197), die den Begriff qubba ansonsten für die runde, mit Tierhäuten gedeckte Kibitka der Turkvölker weiterverwenden. Im zeremoniellen Bereich hat sich bei Hochzeitszelten, transportablen Heiligtümern auf Kamelrücken und bei Grabkuppeln die archaische Zeltform und auch deren Name (קֻבָּה qubbah; Num 25,8) teilweise halten können. Vielleicht verweisen auch die Form und die rötliche Farbe von Masseben, Bethylen und frühen Toraschreinen zurück auf die qubba (Lammens). Aus ihr entwickelte sich auch die typische Kuppelform für arabische Mausoleen und Gedächtnisstätten, da die vorislamischen Beduinen über frischen Gräbern eine qubba errichteten (https://de.wikipedia.org/wiki/Qubba).

2.2. „Schwarzes Zelt“ (Beduinenzelt)

2.2.1. Vorkommen

In Hhld 1,5 liegt die früheste ausdrückliche Erwähnung des Schwarzen Zeltes vor, das sich – ältere, lokale Zelttypen überformend oder verdrängend – ausgehend von den protobeduinischen ostjordanischen Stämmen (Knauf), wohl ab dem 7./6. Jh. v. Chr. (Staubli) zusammen mit dem domestizierten Dromedar und dem šadād-Sattel (→ reiten) und den schwarzen Ziegen bis nach Südmarokko im Westen und Afghanistan im Osten ausbreitete. Die Zeltbauweise fand sogar Eingang in Tibet (Feilberg; Drew; Faegre; vgl. den „Cycle islamoïde“ bei Bidault / Giraud). Sie ist anerkanntermaßen die Grundlage der zivilisatorischen Erschließung dieser ariden Zonen.

2.2.2. Aufbau und Funktion

a) © Primula Bosshard; b) © Thomas Staubli

Abb. 3 a) Auslegen des Zeltdaches mit den daran befestigten Stricken auf dem dafür vorbereiteten Terrain. b) Prüfen und Auslegen der Zeltstricke (arab. ḥabl; ṯnūb).

Die extrem holzarme Konstruktion kann von einem Kamel transportiert und innerhalb einer Stunde aufgebaut werden, indem Zelthaarplanen mit Seilen über drei Reihen von Holzstangen gespannt werden. Dabei sind im syro-palästinischen Raum 1-9 Stangen pro Reihe bezeugt. Am häufigsten ist das Zelt mit drei Stangen pro Reihe. Die Montage vollzieht sich wie folgt: Zunächst wird der Boden gereinigt, dann werden die Zeltplanen (Abb. 3a) mit den daran befestigten Zugseilen (Abb. 3b) ausgelegt. Die seitlichen Stricke, auf denen der Hauptzug liegt, sind an einem hölzernen Gabelholz (arab. ‘aqafe) befestigt, das seinerseits durch eine im Triangel geknüpfte Schnur an einem hölzernen Querstab befestigt ist, der wiederum in die über die Zeltbahn herauslugende Schlaufe eines Bandes (arab. riše) eingelassen ist, das auf das Zeltdach genäht wurde.

© Primula Bosshard

Abb. 4 a) Aufrichten der Zeltstangen. b) Einschlagen des Zeltpflocks (arab. watad) mit dem Hammer (arab. medaqqa).

Beim Aufrichten der Zeltstangen beginnt man mit der Mittelreihe (arab. ‘amūd), wobei zuerst die Mittlere aufgestellt wird (arab. el-wāsiṯ), gefolgt von den Äußeren (arab. ‘āmir). Zur Schonung der Zeltdecke kann über das obere Ende der Mittelstange ein kurzes Querholz (arab. qaṯb) gelegt werden. Dann folgen die Stangen der äußeren Reihen mit den etwas kürzeren Eckstangen, die gegabelt sein können (arab. ša‘be), am Schluss. Das Aufrichten bei gleichzeitigem Verspannen der Stricke ist Teamwork, bei dem die einen die Stangen halten und richten, während die anderen die Seile mit Pflöcken im Boden verspannen und dadurch Zug auf die Planen geben (Abb. 4b). Die Zeltstricke der Vorder- und der Rückseite des Zeltes, die über die Mittelstangen ziehen und nur der Stabilisierung dienen, sind an einem Gabelholz (arab. ‘aqafe) befestigt, das in eine Ziegenhaarkordel (arab. ṯerīqa) eingelassen ist, die ins Zeltdach vernäht wurde.

© Primula Bosshard

Abb. 5 a) Anbringen der Seitenbahnen (arab. rwāq). b) Befestigen der Seitenbahnen mit Holzstiften (arab. ḫille).

Anschließend werden die Seiten mit Holzstäbchen am Dach befestigt (Abb. 5a und b). Im Frauenteil wird die Seite mit einer zweiten, unteren Bahn, die mittels Schnüren mit der oberen verknüpft wird, bis zum Boden bedeckt (Abb. 6a). Der Innenraum wird mittels Schilfwänden unterteilt und zugleich dekoriert (Abb. 6b). Bei Hochzeiten wird die Zeltfront dekoriert (Abb. 7a) und für die Braut ein spezielles Brautgemach eingerichtet (Abb. 7b). Zuletzt werden die Einrichtungsgegenstände (u.a. Teppiche, Poster, Kissen, Gestelle) hineingestellt. In der nassen Jahreszeit wird in den Boden um das Zelt eine Rinne (arab. qanā; nāğ) gezogen, um das Regenwasser abzuleiten.

a) © Primula Bosshard; b) © Thomas Staubli

Abb. 6 a) Anbringen der unteren Seitenbahnen (arab. sfāle) aus minderer Wolle mit Schnüren. b) Anbringen der dekorierten Schilfwände (arab. zarb) im Inneren. Anstelle dieser edlen Ausstattung können auch Sacktücher (arab. sāḥa) treten.

Die dunklen, gewobenen Ziegenhaarplanen absorbieren das Licht. Sie sind bei trockenem Wetter locker und luftdurchlässig, bei Regen quellen sie auf und schützen vor Wind und Nässe. Das aerodynamische, mit langen Stricken an Pflöcken tief im Boden verankerte Dach trotzt jedem Sturm. Der Eingang geht nach der windärmsten Seite, in Palästina meist nach Osten. Der Innenraum wird durch vertikale Planen (aus Schilf oder Sacktuch oder Ziegenhaar) in einen Männer- bzw. Gäste- sowie einen Frauen- und Kinderbereich unterteilt (Abb. 8). In beiden Teilen gibt es eine Feuerstelle.

a) © Thomas Staubli; b) © Primula Bosshard

Abb. 7 a) Anbringen eines Quastenbandes (arab. safīfeh) als Dekoration am Brautzelt. b) Brautkammer (arab. mizraba) in Strohwebekunst im Brautzelt.

Wie die arabischen Begriffe „Haarhaus“ (bait aš-ša‘ar) oder „Hütte“ (šuqqa; speziell in Syrien und Palästina) für das Schwarze Zelt deutlich machen, orientiert sich diese Zeltform, beduinisch-aristokratischem Lebensideal entsprechend, an den Häusern der Sesshaften. Weder zeitlich noch ideell kommt es als Modell für das eisenzeitliche Vierraumhaus, dessen Säulen von den Zeltstangen inspiriert sein sollen (so u.a. Fritz / Kempinski), in Frage (Staubli).

Aus: E. Biasio, Beduinen im Negev. Vom Zelt ins Haus, Zürich 1998, 79; mit freundlicher Erlaubnis von © Elisabeth Biasio (Zeichnung: Peter R. Gerber, Zürich, Andreas Brodbeck, Forch)

Abb. 8 a) Schema des Schwarzen Zeltes. b) Prototypische Aufteilung und Inneneinrichtung des Schwarzen Zeltes im Gebiet des Negev (zur Illustration der Variantenvielfalt vgl. Dalman, Arbeit und Sitte, VI, 12-29).

Rezente Zeltsiedlungen werden so angeordnet, dass große, geschützte Höfe für das Vieh entstehen – eine Raumorganisation, die sesshaft werdende Beduinen beim Hausbau beibehalten (Daker). Auch das Zeltmobiliar wird teilweise ins Haus übernommen. Transhumierende Nomaden, die nur einen Teil des Jahres in Zelten verbringen, stellen diese in einem jährlichen „Spiel der Sesshaftwerdung“ (Jarno) am Rande ihrer Höfe auf. Bei Feierlichkeiten und an Festen können Zelte oder Hütten die alte (entbehrungsreich-heroische bzw. unverdorben-goldene; → Stamm) Zeit der Ahnen vergegenwärtigen (→ Laubhüttenfest).

2.2.3. In der Bibel

Für die Tradenten der biblischen Schriften war das (Schwarze) Zelt die Behausung der Urahnen → Noah (Gen 9,21), → Sem (Gen 9,27), → Abraham und → Sara (Gen 12,8 und öfter), → Isaak und → Rebekka (Gen 24,67), → Jakob und → Lea, bzw. Rahel (Gen 31,33), von Hirten (Jes 38,12; Jer 6,3) oder von benachbarten Stämmen und Völkern: der → Midianiter bzw. der Söhne des Ostens (Ri 8,11), der → Rechabiter (Jer 35,7-10), der Stämme im Negev (2Chr 14,14), der → Edomiter (Ps 83,7), der → Araber (Jes 13,20), der → Kedrener (Jer 49,29; Ps 120,5; Hhld 1,5), der → Kuschiter (Hab 3,7) und der Söhne Phasirons (1Makk 9,66). Unter den „Städten der Keniter“ (1Sam 30,29) sind vielleicht Zeltlager (vgl. die ālāni in den Briefen von → Mari) zu verstehen; so auch unter den חַוֹּת יָאִיר ḥawwot Jaîr „Dörfer Jairs“ (Ri 10,4). Für die parallel und östlich zur Königsstraße verlaufende Handelsroute, die durch beduinenreiche Gegenden führte, kannte man den Ausdruck Zeltbewohnerstraße (Ri 8,11). Im städtischen oder dörflichen Kontext Israels und Judas hatte das Wort „Zelt“ eine symbolische Bedeutung mit einer rustikalen oder archaischen Note (s.u. Abschnitte 3 und 4). Die architektonischen Bestandteile des Schwarzen Zeltes, Decke (יְרִיעָה jǝrî‘āh), Pflock (יָתֵד jāted) und Strick (מֵיתָר mêtār, חֶבֶל ḥævæl, יָתֵר jāter), bilden den Hintergrund für prophetische Fluch- und Bildworte. → Zion ist bei → Jesaja das Zelt, dessen Pflöcke nie herausgerissen werden (Jes 33,20), das seine Decken immer weiter ausspannt (Jes 54,2). Bei → Jeremia dagegen sind die Dörfer Judas Zelte, die verwüstet wurden (Jer 4,20; Jer 10,20). Das Losreißen des Zeltseils ist auch ein Bild für den Tod des Individuums (Hi 4,21).

2.3. Heerlagerzelt

Aus: Wikimedia Commons; © public domain (Zugriff 7.4.2015)

Abb. 9 Zelte im assyrischen Heerlager bei der Belagerung von Lachisch (Ninive, um 700 v. Chr.).

Zelte gehörten zur Ausstattung großer ägyptischer (Wreszinski, Atlas I, Taf. 386; II, Taf. 81f, 92, 177), assyrischer (ANEP 170f; 374; Liste bei Staubli 1991, Anm. 281; zu den assyrischen Zelten auf der Darstellung der Schlacht am Ulai im Palast Assurbanipals siehe Kaelin 1999), persischer (Jdt passim), griechischer (2Makk 13,15) und römischer (Jos.Bell. 3,79-83) Heerlager. Sie scheinen sich teilweise am Hüttenbau orientiert zu haben, aber auch an nomadischen Vorbildern. Die römischen Heereszelte wurden von Sklaven und Freigelassenen, den sog. tabernacularii, hergestellt.

2.4. Zeltheiligtum

© public domain (Foto: Klaus Koenen, 2015)

Abb. 10 Midinitisches Heiligtum, das ursprünglich von Zeltplanen überdeckt war (Timna; 12. Jh. v. Chr.).

Zeltheiligtümer sind aus einem hethitischen Ritual (Keilschriftliche Urkunden aus Boğazköy XXIX 4, Kronasser) und aus Karthago (Diodor Siculus XX,65,1) bekannt (vgl. auch Euripides, Ionier 806). Zelte spielten bei altägyptischen Festen zu Ehren Mins eine Rolle. Ein über einem ägyptischen Hathorheiligtum errichtetes, von einer Mauer eingefasstes, ursprünglich mit roten und gelben Zeltplanen überdecktes, midianitisches Heiligtum aus dem 12. Jh. v. Chr. wurde in Timna (Koordinaten: 1483.9085; N 29° 46' 04'', E 34° 57' 22'') ausgegraben (vgl. die Rekonstruktion bei Rothenberg, Abb. 44). Der Fund könnte die These, wonach die Israeliten das Zelt der Begegnung von den Midianitern übernommen haben (Schmitt), bestärken, sofern es sich dabei nicht um eine rein literarische Rückprojektion des Jerusalemer Tempels handelt. Im nomadischen (arab. ‘otfe) und kryptoislamischen (arab. maḥmal) Brauchtum (Morgenstern; Kriss / Kriss) lebt das transportable Zeltheiligtum (arab. qubba; s.o. 1.1.) fort, das zuvor bei palmyrenischen und nabatäischen (?) Frühbeduinen bezeugt ist (Staubli).

2.5. Stadtzelte

In der warmen Jahreszeit wurden im städtischen Milieu des mediterranen Raumes öffentliche Plätze, Theater, Marktstände, Strandpavillons und Höfe von Privathäusern mit teilweise bunt eingefärbten Zeltplanen aus Leinen oder Baumwolle überdeckt, die von freien Handwerkern hergestellt wurden. Zu ihnen gehörte nebst den pontischen Juden Priscilla und Aquila auch Paulus aus Tarsus (Apg 18,3; vgl. 1Kor 4,12), wo die Leinenproduktion und die weiterverarbeitende Manufaktur blühte (Lampe).

3. „Zelt“ als Archaismus

Nach Kriegen (Jos 22,4.6.8; 1Sam 4,10; 2Sam 19,9; 2Sam 20,1.22; 1Kön 8,66; 1Kön 12,16; 2Kön 8,21; 2Kön 13,5; 2Chr 7,10; 2Chr 10,16; 2Chr 25,22) und Versammlungen bzw. Festversammlungen (Dtn 16,7; Ri 7,8; Ri 19,9; Ri 20,8; 1Sam 13,2) wird das Volk mit stereotypen Formeln aufgefordert, „zu seinen Zelten“, das heißt „nach Hause“, zurückzukehren. In einigen Fällen könnten damit die Heerlagerzelte gemeint sein. Auch in Ägypten war der archaische Gebrauch von „Zelt“ für „Haus“ geläufig, etwa wenn es um das Vaterhaus oder um die häusliche Gastfreundschaft ging.

In der Weisheitsliteratur wird der Wohnraum der Gerechten (Ps 91,10; Hi 5,24; Hi 11,14; Hi 22,23) bzw. der Frevler (Ps 52,7; Ps 69,26; Ps 78,51 Zelte Hams / Ägyptens; Ps 84,11; Ps 106,25; Hi 8,22; Hi 12,6; Hi 15,34; Hi 18,6.14f; Hi 20,26; Hi 21,28) als „Zelt“ bezeichnet. In den Psalmen und bei den Propheten kann sich der Begriff auf einen Tempel (Ps 15,1; Ps 27,5f; Ps 61,5; Ps 78,60), das Allerheiligste (Ps 132,3) oder einen Stamm (Ps 78,67) bzw. dessen Siedlungen (Sach 12,7) beziehen. Der Tempel ist auch in den Kunstnamen אָהֳלָה Ohola „(die) ihr (eigenes) Kultzelt (hat)“ (Ez 23,4-5.36.44) für Samaria und אָהֳלִיבָה Oholiba „mein Kultzelt ist in ihr“ (Ez 23,4.11.22.36.44) für Jerusalem gemeint. Der Personenname אָהֳלִיאָב Oholiab „Zelt des Vaters“ (Ex 31,6; Ex 35,34; Ex 36,1f; Ex 38,23) ist wohl als Ehrentitel und der Personenname אָהֳלִיבָמָה Oholibama „Zelt des Kultorts“ (Gen 36,2.5.14.18.25.41; 1Chr 1,52) als Frauen- oder Männername bzw. Stammesname zu verstehen.

4. „Zelt“ als Metapher

Mehrfach wird das Firmament als Himmelszelt (vgl. Ps 19,5; Ps 104,2; Jes 40,22) bezeichnet. Singulär ist die Vorstellung von einem Zelt des Lebens (Hi 4,21). Davon inspiriert ist vielleicht das Bild von der Weisheit als Zelt, in dem der Weise wohnt, bei Philo (Legum allegoriae III,46). Im Neuen Testament ist das Zelt ein Sinnbild der christlichen Gemeinde (Apg 15,16, vgl. Jes 61,4), ein Symbol der Fremdlingsexistenz der Glaubenden (Hebr 11,9), eine eschatologische Wohnstätte für Menschen (Mk 9,5 par.; Lk 16,9), ja sogar für Gott (Apk 21,3) oder eine verblasste Metapher für den Leib (2Petr 1,13f).

5. Zelte und Zeltbewohner aus der Perspektive von Sesshaften

Den Assyrern gelten die Zeltbewohner als Repräsentanten der Steppe (akk. erṣetu) im Gegensatz zum bewässerten Kulturland (akk. mātu). Strukturell werden sie – zum Beispiel in den Szenen auf dem sog. „Weißen Obelisken“ – zwischen den Städtern und den wilden Tieren verortet. Gleichzeitig gelten die eigenen ersten Könige als Zeltbewohner. Eine ähnliche Ambivalenz findet sich auch in den biblischen Texten. Als Zeltbewohner gelten den Israeliten und Judäern urtümliche, südliche Nachbarn wie die Rechabiter (Jer 35,7-10) und Keniter (Ri 5,24) oder die Steppenbewohner / Araber generell (Jes 13,20), entfernte und negativ konnotierte wie die Amalekiter (vgl. Ri 7,12f) oder Nomadenstämme, die man ausbeutet (2Chr 14,13f). Berühmt für ihre schönen, schwarzen Zelte waren besonders die Kedrener (Jer 49,28f), die vermutlich mit den Protonabatäern identisch sind. Gleichzeitig wird von den Judäern ihr eigener Tempel in archaischer und ehrenvoller Weise als „Zelt“ bezeichnet oder idealisierend beschrieben (s.o. 2.4. und 3.).

Die in den Abb. 3-7 dokumentierte Zeltaufrichte ereignete sich am 3.7.2011 bei Deir Samit unter der Leitung des Beduinen Jusef Sa’īd Abū Iğeḥdib Ramadīn Abū Hajjel und des Sammlers Ishaq al-Hroub.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

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  • Theologisches Wörterbuch zum Alten Testament, Stuttgart u.a. 1973ff
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  • Biblisches Reallexikon, 2. Aufl., Tübingen 1977
  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991-2000 (Mutterartikel des vorliegenden, erweiterten Artikels)

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  • Oppenheim, M. Freiherr von, Die Beduinen. Bd. 1: Die Beduinenstämme in Palästina, Transjordanien, Sinai, Ḥedjāz, Leipzig 1943
  • Raswan, C.R., Im Land der schwarzen Zelte, Berlin 1934
  • Rosen, S.A. / Avni, G., The ’Oded Sites. Investigations of Two Early Islamic Pastoral Camps South of the Ramon Crater, Beersheva 1997
  • Rosen, S.A., Byzantine Nomadism in the Negev. Results from the Emergency Survey, Journal of Field Archeology 14 (1987), 29-42
  • Rosen, St.A. / Saidel, B.A., The Camel and the Tent. An Exploration of Technological Change among Early Pastoralists, JNES 69 (2010), 63-77
  • Rothenberg, B., Timna. Tal des biblischen Kupfers, Bochum 1973
  • Schmitt, R., Zelt und Lade als Thema alttestamentlicher Wissenschaft, Gütersloh 1972
  • Staubli, T., Das Image der Nomaden (OBO 107), Fribourg / Göttingen 1991, 126-132.207-218
  • Weippert, M., Semitische Nomaden des zweiten Jahrtausends. Über die Šśw der ägyptischen Quellen, Biblica 55 (1974), 265-280
  • Zwickel, W., Das Zelt Abrahams. Wohnform der Wüste, WUB 48 (2008), 68-71

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Zeltdorf mit Rundzelten (qubba). (Detail vom sog. Weißen Obelisken; Ninive; 11./10. Jh. v. Chr.). Aus: E. Unger, Obelisk des Königs Assurnasirpal I. aus Ninive, MAOG 6/1-2, Leipzig 1932, Taf. VIII
  • Abb. 2 Eisenzeitliche Siedlung in der Gegend von Tadmor / Palmyra mit Zelten des Qubba-Typs, die von der assyrischen Armee gestürmt und in Brand gesteckt wird (Relief; Palast Assurbanipals, 668-626 v. Chr.). Aus: O. Keel / M. Küchler / Chr. Uehlinger, Orte und Landschaften der Bibel. Ein Handbuch und Studienreiseführer zum Heiligen Land, Bd. 1, Zürich u.a. 1984, Abb. 105 (© Stiftung BIBEL+ORIENT, Freiburg / Schweiz)
  • Abb. 3 a) Auslegen des Zeltdaches mit den daran befestigten Stricken auf dem dafür vorbereiteten Terrain. b) Prüfen und Auslegen der Zeltstricke (arab. ḥabl; ṯnūb). a) © Primula Bosshard; b) © Thomas Staubli
  • Abb. 4 a) Aufrichten der Zeltstangen. b) Einschlagen des Zeltpflocks (arab. watad) mit dem Hammer (arab. medaqqa). © Primula Bosshard
  • Abb. 5 a) Anbringen der Seitenbahnen (arab. rwāq). b) Befestigen der Seitenbahnen mit Holzstiften (arab. ḫille). © Primula Bosshard
  • Abb. 6 a) Anbringen der unteren Seitenbahnen (arab. sfāle) aus minderer Wolle mit Schnüren. b) Anbringen der dekorierten Schilfwände (arab. zarb) im Inneren. Anstelle dieser edlen Ausstattung können auch Sacktücher (arab. sāḥa) treten. a) © Primula Bosshard; b) © Thomas Staubli
  • Abb. 7 a) Anbringen eines Quastenbandes (arab. safīfeh) als Dekoration am Brautzelt. b) Brautkammer (arab. mizraba) in Strohwebekunst im Brautzelt. a) © Thomas Staubli; b) © Primula Bosshard
  • Abb. 8 a) Schema des Schwarzen Zeltes. b) Prototypische Aufteilung und Inneneinrichtung des Schwarzen Zeltes im Gebiet des Negev (zur Illustration der Variantenvielfalt vgl. Dalman, Arbeit und Sitte, VI, 12-29). Aus: E. Biasio, Beduinen im Negev. Vom Zelt ins Haus, Zürich 1998, 79; mit freundlicher Erlaubnis von © Elisabeth Biasio (Zeichnung: Peter R. Gerber, Zürich, Andreas Brodbeck, Forch)
  • Abb. 9 Zelte im assyrischen Heerlager bei der Belagerung von Lachisch (Ninive, um 700 v. Chr.). Aus: Wikimedia Commons; © public domain (Zugriff 7.4.2015)
  • Abb. 10 Midinitisches Heiligtum, das ursprünglich von Zeltplanen überdeckt war (Timna; 12. Jh. v. Chr.). © public domain (Foto: Klaus Koenen, 2015)
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