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Lexikon

Zeichenhandlung

Jutta Krispenz

(erstellt: März 2014)

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1. Begriffklärung

Das wichtigste Medium alttestamentlicher Propheten ist die Sprache: Sie haben eine Botschaft, die sie in den meisten Fällen ihren Mitmenschen sprechend verkünden. Von dieser Botschaft behaupten die Propheten, sie hätten sie nicht selbst erdacht, sondern von Gott empfangen. Das Empfangen der Botschaft kann über das Auge (→ Vision) oder über das Ohr (→ Audition) geschehen. Weitergegeben wird die Botschaft in beiden Fällen durch die Sprache, das Reden des Propheten.

Manchmal allerdings bedienten sich die Propheten eines anderen Mittels der Mitteilung. Anstatt redend zu verkündigen, stellten sie die Botschaft in einer Handlung dar. Diese Handlungen werden in der Auslegung des Alten Testaments als prophetische Zeichenhandlungen oder auch als Symbolhandlungen bezeichnet.

Die Begriffe „Symbol“ und „Zeichen“ haben in der Semiotik durch C.S. Peirce deutlich definierte Bedeutungen bekommen: „Zeichen“ ist dabei der weitere Begriff, ein Oberbegriff, der in verschiedene Richtungen ausdifferenziert und der in verschiedenen Beziehungen innerhalb eines Kommunikationsaktes betrachtet werden kann. Wenn die Objektbeziehung (Relation Zeichen-Bezeichnetes) des Zeichens ins Auge gefasst wird und zugleich eine konventionelle Beziehung zwischen Zeichen und Objekt angenommen wird, dann ist das Zeichen ein Symbol im Unterschied zum Ikon (das Zeichen steht in einer Ähnlichkeitsbeziehung zum Bezeichnetem wie z.B. ein Piktogramm) oder zum Index (das Zeichen steht in einem ursächlichen Zusammenhang zum Objekt wie Rauch, der Zeichen für Feuer ist). Diese semiotische Differenzierung der Begriffe hat allerdings in der exegetischen Diskussion zu den prophetischen Zeichenhandlungen bisher leider keine erkennbare Rolle gespielt. „Symbolhandlung“ und „Zeichenhandlung“ werden dort als Synonyme verwendet.

Innerhalb der alttestamentlichen Diskussion dürfte die folgende Definition konsensfähig sein: Eine Zeichenhandlung ist eine Aktion, die einen Bedeutungsgehalt darstellt, der nicht mit dem Ziel der Handlung selbst identisch ist. So wird zum Beispiel von Jesaja berichtet, dass er 3 Jahre nackt in Jerusalem herumgelaufen sei (Jes 20,3). Dies tat er nicht, weil er das für eine sinnvolle oder vertretbare Weise der „Bekleidung“ hielt, sondern weil er augenfällig darstellen wollte, dass den Jerusalemern eine schwere militärische Niederlage bevorstehe, was für viele die Kriegsgefangenschaft bedeuten würde (Kriegsgefangene wurden häufig nackt dargestellt). In Zeichenhandlungen wird spielerisch inszeniert, was entweder zukünftig eintreten wird oder bereits Realität ist, aber in seiner wahren Bedeutung noch nicht erkannt wurde.

Handlungen dieser Art sind weder auf das Alte Testament noch auf Propheten beschränkt. Ein Bespiel für eine symbolische Handlungen in unserer Zeit ist der erste Spatenstich bei einem öffentlichen Bauvorhaben: Er signalisiert, dass man nun von der Planung zur Ausführung des Baus übergeht. Die für den Bau Verantwortlichen (politischen) Entscheidungsträger stellen sich bei dieser Gelegenheit in der Öffentlichkeit als die eigentlich Handelnden dar, indem sie eine für den Bau typische und wichtige Aktion in miniaturisierter Form vollziehen. Sie beginnen mit dem Ausheben der Baugrube. Dass dieser Teil der Bauarbeiten in unserer Zeit nicht mehr von Hand, sondern durch Baumaschinen erledigt wird, ist allen Beteiligten und allen Zuschauern klar. Für das physische Gelingen des Baus ist dieser eine Spatenstich völlig unerheblich, er hat rein symbolische Bedeutung.

In der Umwelt des Alten Testaments waren symbolische Handlungen sehr häufig. So nahm z.B. der ägyptische König bei seiner Thronbesteigung und beim Sedfest, das der Erneuerung seines Königtums diente (→ Königtum in Ägypten), seine Residenzstadt symbolisch in Besitz mit einem Lauf um die Mauern der Stadt. Auch die im Alten Testament berichtete Symbolhandlung der Königssalbung (→ Königtum in Israel), die bekanntlich weit über die Zeit des alten Israel hinaus praktiziert wurde, gehört in diese Kategorie. Das Salben mit Öl hat keine kosmetische oder therapeutische Funktion, sondern markiert die Übertragung des für die Führung des Königsamtes nötigen → Charismas auf den bis zu diesem Zeitpunkt noch gewöhnlichen Menschen (→ Salbung). Derartige Symbolhandlungen, die in den gleichen Situationen gleich ablaufen, gehören zu den Riten (s.u. 4 Bedeutung). Die prophetischen Zeichenhandlungen unterscheiden sich von den rituellen Handlungen darin, dass sie von den Propheten für die spezifische Situation konzipiert werden und darin, dass sie nur einmal durchgeführt werden, während für → Rituale gerade die Wiederholung ein wesentliches Merkmal ist.

2. Berichte von Zeichenhandlungen im Alten Testament

Berichte von Zeichenhandlungen finden sich im Alten Testament in prophetischen Kontexten. Als Textsorte oder Gattung sind die Berichte von Zeichenhandlungen nicht konsensfähig definiert (ein Versuch dazu unten unter 3. Form). Auch herrscht unter Exegeten im Einzelnen keine Einigkeit darüber, welche Handlungen als Zeichenhandlungen zu sehen sind.

Fohrer sieht Berichte von Zeichenhandlungen in folgenden Texten: 1Kön 11,29-31; 1Kön 19,19-21; 1Kön 22,1; 2Kön 13,14-19; Jes 7,3; Jes 8,1-4; Jes 20,1-6; Jer 13,1-11; Jer 16,2-4; Jer 16,5-7; Jer 16,8-9; Jer 19,1.2a.10-11; Jer 27,1-3.12b; Jer 28,10-11; Jer 32,1.7-25; Jer 43,8-13; Jer 51,59-64; Ez 3,22-27.

Stacey nennt folgende Texte: 1Sam 15,27f.; 1Kön 11,29-31; 1Kön 18,20-46; 1Kön 19,21; 1Kön 22,1-12 // 2Chr 18,1-11; 2Kön 2,12f.; 2Kön 13,14-17; 2Kön 13,18; Jes 7,3; Jes 7,10-17; Jes 8,1-4; Jes 20; Jer 13,1-11; Jer 16,1-4; Jer 5-7; Jer 8-9; Jer 18,1-12; Jer 19,1-13; Jer 25,15-29; Jer 27-28; Jer 32,1-15; Jer 35; Jer 36; Jer 43,8-13; Jer 51,59-64; Ez 2,8-3,3; Ez 3,22-27; Ez 24,25-27; Ez 33,21f.; Ez 4,1-3.7; Ez 4,4-6; Ez 4,9-17; Ez 5,1-4; Ez 6,11-14; Ez 12,1-16; Ez 12,17-20; Ez 21,11f.17; Ez 21,13-22; Ez 21,33-22,3; Ez 21,23-27; Ez 24,1f.; Ez 24,3-14; Ez 24,15-24; Ez 37,15-28; Hos 1,2f.; Hos 1,3-9; Hos 3,1-5; Mi 1,8; Sach 6,9-15; Sach 11,4-17.

Ott definiert eine Gruppe von „Analogiehandlungen“: Jes 20,2; Jer 19,10-11a; Jer 27,2; Jer 32,7-12; Ez 12,18; Ez 12,3.5.7.8.12; Ez 21,11; Ez 21,24; Ez 37,16f.; Ez 4,12-15; Ez 4,1-3.7; Ez 4,9-11.16f.; Ez 5,1-4.

Auf der Grundlage der von allen Autoren als Berichte von Zeichenhandlungen eingestuften Texte ist eine ungefähre Beschreibung der Textform möglich: Im Zentrum des Berichtes steht eine Handlung, die der Prophet durchführt und die sich nicht als sinnvolle, zweckorientierte Handlung in den situativen Kontext einfügt. Die Handlung weist vielmehr über sich hinaus und inszeniert eine Botschaft an die Zuschauer der Handlung oder an die Leser des Berichtes von der Zeichenhandlung. Leser sind insbesondere bei einigen der im Buch Ezechiel berichteten Zeichenhandlungen die primären Adressaten: Die Handlungen selbst finden in solchen Fällen unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt (z.B. Ez 4,4-8: Der Prophet soll symbolisch die Schuld Israels und Judas tragen und dafür 390 Tage auf der linken Seite liegen, anschließend 40 Tage auf der rechten).

Die Zeichenhandlungen der Propheten erscheinen modernen Lesern – und möglicherweise nicht nur diesen – häufig befremdlich: In Ez 5,1-4 wird der Prophet Ezechiel aufgefordert, seine Haare zu scheren und diese Haare in drei gleiche Teile zu teilen und mit jedem dieser drei Teile auf eine ganz bestimmte Weise zu verfahren: Ein Drittel soll er verbrennen, ein Drittel mit dem Schwert zerhauen, ein Drittel in den Wind streuen, einen kleinen Rest in sein Gewand binden, aber von diesem Rest wiederum einige Haare verbrennen. Das Scheren des Haupthaares wurde von den Beobachtern der Handlung und von den intendierten Lesern des Berichtes auf dem Hintergrund ihrer Kultur wahrgenommen als ein Gestus der Selbstminderung, eventuell speziell als Trauergestus. Die Umständlichkeit, mit der die abgeschnittenen Haare vernichtet werden, ruft die Frage nach dem Sinn der Handlung fast schon zwangsläufig hervor. Sofern die ursprünglichen Adressaten diese Handlung nicht als magische Handlung verstanden (→ Magie), wird sie bei Ihnen eine Fragehaltung hervorgerufen haben.

Der Bericht über die Zeichenhandlung erhebt selbstverständlich den Anspruch, dass diese dem Autor des Berichts als textexterne Realität abgeschlossen vorlag. Sie unterscheidet sich in diesem Realitätsbezug von einer Gleichniserzählung (Jes 5,1-7) oder einer Parabel (2Sam 12,1-14), die fiktiv Geschehenssequenzen sozusagen als Gedankenexperiment entwerfen (→ Bildworte). Die Zeichenhandlung ist selber ein intentionaler kommunikativer Akt, der Bericht über sie kann sich deshalb auf die Darstellung der Handlung beschränken. In der Regel fügt der Berichtsautor aber Elemente hinzu, die dem Leser klar machen, auf welchen Bedeutungsgehalt die Zeichenhandlung verweist. So wird die symbolische Benennung des Jesajasohnes mit dem Namen „Eilebeute-Raschgeraubt“ (→ Raubebald-Eilebeute) durch das angeführte Gotteswort erläutert, das den Namen als Hinweis auf die Eroberung von Damaskus und Samaria durch die → Assyrer deutet (Jes 8,1-4). Die Heirat → Hoseas mit der „Hure“ → Gomer (→ Ehe) soll die Treulosigkeit Israels gegenüber JHWH darstellen (Hos 1,2).

3. Parallelen in den Nachbarkulturen

Die Phänomene Prophetie und Prognostik im Alten Testament haben Parallelen in der Umwelt Israels (→ Prophetie im Alten Orient). Die Kulturen Mesopotamiens pflegten von alters her komplexe Techniken der Vorhersage (Maul, 2013). Wie etwa 50 Briefe aus dem antiken Mari am mittleren Euphrat zeigen, achteten die Regierenden sehr aufmerksam auch auf prophetische Hinweise. Die in den Briefen beschriebenen prophetischen Auftritte weisen an manchen Punkten Parallelen auf zu dem, was im Alten Testament über die Propheten und deren Auftreten überliefert ist. Auch das pharaonische Ägypten machte von der Möglichkeit, über Orakelbefragungen prognostische Einsichten zu erlangen, häufig Gebrauch. Einige prophetische Formen und auch Formeln sind in der Umwelt Israels wohl belegt. Die mimisch darstellende Präsentation dieses Gotteswillens in einer Handlung scheint dort dagegen nur am Rande zu begegnen.

Das folgende Beispiel ist bislang einzigartig. Es stammt aus Mari aus der Regierungszeit Zimri-Lims, des letzten Königs der Stadt Mari, die um 1760 v. Chr. zerstört wurde. Zeitlich ist dieser Beleg also weit vor die Geschichte des alttestamentlichen Israel einzuordnen. In einem Brief berichtet ein Gefolgsmann des Königs Zimri-Lim diesem ein Ereignis, das biblischen Zeichenhandlungen sehr nahe kommt:

„A prophe[t of Dagan] came to me [and spoke as foll]ows. This is what he said: ‘V[erily, what] shall I eat that belongs to Z[imri-Lim]? [Give me] one la[mb] and I shall eat it!’ [I gave] him a lamb and he devoured it raw [in fr]ont of the city gate. He assembled the elders in front of the gate of Saggaratum and said: ‘A devouring will take place! Give orders to the cities to return the taboo material. Whoever omits an act of violence shall be expelled from the city. And for the well-being of your lord Z[imri-Lim], clothe me in a garment.’ This is what he spoke to me. For the sake of the well-being of [my] lord I clothed him with a garment. Now, [I have recorded] the oracle that he spoke [to me] and sent it to [my lord]. He did not utter his oracle in private, but he delivered his oracle in the assembly of the elders.” (Nissinen, 38)

Das „Verschlingen“ des Lamms in rohem Zustand ist eine Zeichenhandlung, die auf eine Viehseuche („The ‚devouring‘ …corresponds to the symbolic act of eating, referring to an epidemic among the cattle or to an even greater catastrophe“, Nissinen 39) verweist, das „Verschlingen“ ist dabei der Vergleichspunkt: Der Prophet verschlingt das Lamm, so wie die Seuche das Vieh verschlingen wird. Bemerkenswert ist daneben, dass die Zeichenhandlung von einer Zukunftsansage und einer Mahnung begleitet wird, die Handlung also (anders als bei den Zeichenhandlungen im Alten Testament) mehr illustrierende, keine eigene kommunikative Funktion hat.

4. Form

Eine feste Form für die biblischen Berichte von Zeichenhandlungen gibt es nicht, in diesem Sinne sind die Berichte von Zeichenhandlungen keine feste Textsorte oder literarische Gattung, die von anderen Berichten unterschieden wäre. Auch wenn sich eine Reihe von Textelementen nennen lässt, die in Berichten von Zeichenhandlungen vorkommen, so variiert die Form doch so stark, dass man besser nicht von einer eigenen „Gattung“ oder „Textsorte“ sprechen sollte. Die Grenze zu den Prophetenerzählungen lässt sich nicht eindeutig ziehen, auch unterscheiden sich Berichte von göttlichen Aufträgen an Menschen (z.B. Ri 6,25-27) formal nicht von Berichten über Zeichenhandlungen, sofern der Zeichenhandlung keine explizite Deutung beigegegeben wird.

Folgende Elemente sind für die biblischen Berichte von Zeichenhandlungen typisch (unterscheiden sie jedoch nicht immer hinreichend von anderen Berichten): 1. Der Auftrag Gottes an den Propheten, eine bestimmte Handlung auszuführen, 2. der Ausführungsbericht und 3. die Deutung der Handlung. Alle drei Elemente finden sich beispielsweise in Hos 3,1-4, doch nicht alle Zeichenhandlungen weisen alle drei Elemente auf, insbesondere können das erste und zweite Element alternativ eingesetzt sein. Die Berichte von Zeichenhandlungen sind weniger durch ihre Form von anderen Berichten unterschieden als durch die Besonderheit der beschriebenen Handlungen und die Tatsache, dass diese von einem Propheten vollzogen werden.

5. Bedeutung

Die Bedeutung der prophetischen Zeichenhandlungen als solchen (über die einzelnen Berichte von Zeichenhandlungen informieren die Kommentare) wird verständlich aus der Rolle des Propheten, wie sie in den Texten des Alten Testaments entfaltet wird, besonders wenn man sie vor den Hintergrund allgemeiner Kulturtheorie stellt.

Der Prophet ist im Alten Testament Mittler zwischen Gott als dem numinosen Grund aller Wirklichkeit und den Menschen, die diese Wirklichkeit erleben und mit ihr umgehen; er ist zuständig für die Kommunikation zwischen Gott und Israel, zumindest für den Teil dieser Kommunikation, der nicht gewissermaßen „routinemäßig“ durch den Kult abgedeckt ist.

Die Vorstellung, dass Gott den alles bestimmenden Hintergrund der Wirklichkeit bildet, ist für die Texte des Alten Testamentes vorauszusetzen.

Aus: Schechner, 1988, XII

Abb. 1 Richard Schechner, das Netz.

Aus kulturanthropologischer Sicht lassen sich die Zeichenhandlungen in ein Geflecht ähnlicher oder verwandter Handlungen einordnen. Sie sind eine darstellende Handlung aus einer ganzen Reihe von darstellenden Handlungsmöglichkeiten, die in Kulturen begegnen. Der Ethnologe Richard Schechner ordnet solche bedeutungsvollen darstellenden Handlungen zu einem Netz, in dem → Riten ebenso einen Knotenpunkt bilden wie Theaterdarbietungen, magische Handlungen oder das Spiel. Prophetische Visionen würden für Schechner durch den Punkt „Historic shamanism and rites“ ebenso abgedeckt wie religiöse Riten (also z.B. der Lauf des ägyptischen Königs um die Mauern der Residenzstadt), situationsangemessene Handlungen, die darstellenden Charakter haben (etwa die Proskynese vor dem König oder einfachere Begrüßungsrituale), fielen unter „Performance in everyday life“. Literarische Formen, die keinen Handlungscharakter haben (wie Gleichnis oder Parabel), kommen in dieser Grafik nicht vor, sind aber auch ohnehin in ihrer Funktion weniger schwer einzuordnen.

Die Zeichenhandlung könnte wohl am ehesten unter „play and crisis behavior“ eingeordnet werden: Sie ist eine Weise, die erfahrene Wirklichkeit in spielerisch auslotender Weise zu deuten und damit erträglich zu machen. „Spiel“ meint dabei in keiner Weise einen unernsten Umgang mit der Wirklichkeit. Der Begriff sollte so verstanden werden, wie Johan Huizinga ihn gefasst hat, nämlich als eine Grundgegebenheit des Menschen, der sich seiner Welt eben in einer Weise nähert, die, mehrere Optionen erwägend, solche Optionen gedanklich oder vorläufig inszenierend erfahren kann, ohne sie schon ganz in die Wirklichkeit hineinkommen zu lassen:

„Die großen ursprünglichen Betätigungen des menschlichen Zusammenlebens sind bereits alle von Spiel durchwoben. Man nehme die Sprache, dieses erste und höchste Werkzeug, das der Mensch sich formt, um mitteilen, lehren, gebieten zu können, die Sprache, mit der er unterscheidet, bestimmt, feststellt, kurzum nennt, d.h. die Dinge in das Gebiet des Geistes emporhebt. Spielend springt der sprachschöpfende Geist immer wieder vom Stofflichen zum Gedachten hinüber. Hinter einem jeden Ausdruck für etwas Abstraktes steht eine Metapher, und in jeder Metapher steckt ein Wortspiel. So schafft sich die Menschheit immer wieder ihren Ausdruck für das Dasein, eine zweite erdichtete Welt neben der Welt der Natur. Oder man nehme den Mythus, der ebenfalls eine Verbildlichung des Daseins ist, nur weiter verarbeitet als das Wort: Durch den Mythus sucht der frühe Mensch das Irdische zu erklären, und durch ihn gründet er die Dinge im Göttlichen. In jeder dieser launenhaften Phantasien, mit denen der Mythus das Vorhandene bekleidet, spielt ein erfindungsreicher Geist am Rande von Scherz und Ernst. Und schließlich betrachte man den Kult: Die frühe Gemeinschaft vollzieht ihre heiligen Handlungen, die ihr dazu dienen, das Heil der Welt zu verbürgen, ihre Weihen, ihre Opfer und ihre Mysterien, in reinem Spielen im wahrsten Sinne des Wortes.“ (Huizinga, 12f).

Die Zeichenhandlungen sind keine eindeutig festgelegten und in das Bestehende eingeordneten Aktionen. Vielmehr sind sie Versuche, über das Offensichtliche hinauszugreifen, die Realität unter Bezugnahme auf ihren transzendenten Hintergrund zu deuten und ihre Zukunftsperspektive zu bestimmen. Weil und sofern sie sich auf Aussagen über die Zukunft einlässt, steht Prophetie, wie jede Prognostik, immer schon auf – rational und agnostisch betrachtet – unsicherem Grund. Sie muss sich darum zum einen für ihre Aussagen auf die höhere Realität Gottes berufen. Zum anderen aber ist sie, um mit ihrer religiösen Dimension nicht ins Ungewisse zu entgleiten, geneigt, Gewissheit über die realste aller Realitäten, den Körper, zu erzeugen: „Der eigentliche Schnittpunkt zwischen geistiger Welt und natürlicher Welt ist der Körper. … Wenn die geistige Welt es nötig hat, ihren Ernstcharakter zu betonen, muss sie auf den Körper übergreifen“ (Burkert, 201).

Die Zeichenhandlungen sind so verstehbar als Bemühungen um Kommunikation an einer Grenze des Vermittelbaren, die dazu nötigt, den Körper als Verständigungsmittel ins Spiel zu bringen.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991-2001
  • Handbuch theologischer Grundbegriffe zum Alten und Neuen Testament, Darmstadt 2006 (Art. „Zeichen“)

2. Weitere Literatur

  • Burkert, W., 1998, Kulte des Altertums. Biologische Grundlagen der Religion, München
  • Fohrer, G., 1968, Die symbolischen Handlungen der Propheten, Zürich / Stuttgart
  • Huizinga, J., 2001, Homo ludens. Vom Ursprung der Kultur im Spiel, Reinbek
  • Krispenz, J., 2004, Leben als Zeichen. Performancekunst als Deutungsmodell für prophetische Zeichenhandlungen im Alten Testament, EvTh 64, 51-64
  • Lang, B., 1997, Games Prophets Play. Street Theatre and Symbolic Acts in Biblical Israel, in: K.-P. Koepping (Hg.), The Plays of Gods and Men. Essays in Plax and Performance, Hamburg, 257-271
  • Maul, S.M., 2013, Die Wahrsagekunst im Alten Orient. Zeichen des Himmels und der Erde, München
  • Nissinen, M. (Hg.), 2003, Prophets and Prophecy in the Ancient near East (Writings from the Ancient World 12), Atlanta
  • Ott, K., 2009, Die prophetischen Analogiehandlungen im Alten Testament (BWANT 185), Stuttgart
  • Schechner, R., 1988, Performance Theory, New York / London
  • Stacy, D., 1990, Prophetic Drama in the Old Testament, Westminster / London

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Richard Schechner, das Netz. Aus: Schechner, 1988, XII
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