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Lexikon

Wüste (theologische Bedeutung)

Peter Riede

(erstellt: Juni 2012)

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Negev; → Sand

1. Altes Testament

1.1. Zur Terminologie

© public domain (Foto: Klaus Koenen, 2010)

Abb. 1 Negev bei Arad.

Das hebräische Nomen מִדְבָּר midbār „bezeichnet trockene oder halbtrockene Gebiete, die wegen ihrer Wasserarmut für Landwirtschaft und bäuerliche Ansiedlungen ungeeignet sind“ (Talmon 1982, 664). Der Begriff bezieht sich somit sowohl auf Wüsten- als auch auf Steppengebiete, die terminologisch nicht unterschieden werden. Ackerbau war in diesem Bereich nicht möglich; Weideflächen für die Herden der Halbnomaden gab es dagegen schon (vgl. Jer 9,9; Jer 23,10 u.ö.)

1.2. Die Wüste als gegenmenschlicher Raum

Die Wüste gehört im Weltbild des Alten Testaments ebenso wie das Meer zu den lebensfeindlichen, chaotischen Bereichen der Welt, die man, wo es ging, mied. Nicht nur die extremen Temperaturen, der Mangel an Wasser und der starke Ostwind, der die wenige Feuchtigkeit fast völlig reduzierte (vgl. Hos 13,15; Hi 1,19), trugen dazu bei. „Anschauung und Erfahrung lehren, daß in der Wüste alles Leben sterben muß. Fast alle Eigenschaften des Grabes: trostlose Ewigkeit, Gefangenschaft in der Nichtigkeit, Einsamkeit und Verlassenheit, Hunger, Durst, Ohnmacht, Zerstörung und Tod – sind zugleich Eigenschaften der Wüste. Wer sich in die Wüste hinausbegibt, der wird dort nicht nur an das Totenreich erinnert, sondern auch mit ihm konfrontiert“ (Barth 2. Aufl., 1987, 86, vgl. dazu Hi 6,18; Ex 14,3; 1Sam 30,1ff; Ps 55,8; Num 20,2-5; 2Sam 17,29; Ps 107,4f; Jes 14,17; Jes 17,9; Jer 22,6; Hi 12,24; Ps 107,40). Immer wieder wird daher der lebensbedrohliche Charakter der Wüste herausgestellt (vgl. z.B. Dtn 1,19). Und Untergangsdrohungen sind regelmäßig mit der Ankündigung verbunden, Kulturland oder eine Stadt werde zur Wüste (Jer 50,39; Zef 2,13-15).

Die Wüste war zudem der Lebensraum von Repräsentanten der gegenmenschlichen Welt: Dies sind einerseits wilde Tiere, wie → Strauße, → Schakale, → Wildesel, → Eulen, → Raben, → Skorpione, → Löwen, → Schlangen und → Heuschrecken, zum andern schreckenerregende, z.T. tiergestaltige → Dämonen (Jes 30,6; Jes 34,14) wie die bocksgestaltigen Satyre (Jes 13,21), die heulenden איים ʼijjîm und die ציים ṣijjîm („die zur Trockenlandschaft Gehörigen“; Jes 13,21; Jes 34,14; Jer 50,39; → Dämonen) sowie die nächtliche → Lilit (Jes 34,14). Ihre Laute und Verhaltensweisen trugen dazu bei, dass man in der Wüste einen Ort der Antiordnung und des Todes sah. Neben diesen Tieren hielten sich in der Wüste Menschen auf, die sich dem Zusammenleben in der Gemeinschaft entziehen mussten oder wollten: Sie war Zufluchtsort für Verfolgte und Flüchtlinge (Gen 16,7; Ex 3,1; 1Kön 19,4; 1Makk 2,29; vgl. Jer 9,1), Aufenthaltsort von Ausgestoßenen, Rebellen, Räubern (vgl. 1Sam 23,14f; Ps 68,7) und → Nomaden, denen man meist mit Misstrauen, Distanz und Verachtung begegnete. Die Wüste war aber auch der Ort, wohin man den → Sündenbock trieb, um sich – entsprechend dem „Konzept der rituellen Elimination von Unheil“ (Janowski 1993, 301) – der Sünden des Volkes zu entledigen (Lev 16,10.21f).

1.3. Die Wüste als Ort des Heils

Immer wieder werden mit der Wüste auch Hoffnungsperspektiven verbunden. Die Wüste ist Ort der Gottesbegegnung (Ex 3); in ihr war es Israel nach prophetischer Anschauung in idealer Weise möglich, seine Beziehung zu JHWH, seinem Gott, zu verwirklichen (Am 5,25; Hos 13,4f; Jer 2,2f). Daher wird sie auch zum Ort der → Läuterung des Volkes, an dem eine neue Hinwendung zu JHWH möglich wird (Hos 2,16f).

Der Exodusweg in die Freiheit (Ex 16Dtn 34) ist untrennbar mit dem Durchzug durch die Wüste verbunden. Nicht von ungefähr ist „in der Wüste“ (בְּמִדְבַּר bǝmidbār; Num 1,1) der hebräische Name des Buches → Numeri. In exilisch-nachexilischer Zeit wird an die Grunderfahrung des Wüstenzugs Israels angeknüpft, wenn für Israel im Exil über den Weg durch die Wüste die Rückkehr ins Land der Verheißung möglich werden soll (Jes 40,1-11). Diese Heilsperspektive wird dadurch noch erweitert, dass die Verwandlung der Wüste in fruchtbares, blühendes Land angekündigt wird (Jes 35; Jes 40,3; Jes 41,19; Jes 43,19f).

2. Neues Testament

2.1. Zur Terminologie

Ebenso wie midbār im Hebräischen bezeichnet das griech. ἔρημος erēmos als Zustandsbeschreibung „die wasserlose und (deswegen) unbewohnte Gegend, die Wüste (Mt 24,26), oder die karge, nur als Weideplatz brauchbare Steppe … (Lk 15,4 …)“ (Radl 1981, 128).

2.2. Die Wüste als Ort der Gefahr

Die menschenleere Wüste als Ort von Dämonen kennt Lk 8,29 (vgl. Mt 12,43). Von den Gefahren der Wüste spricht 2Kor 11,26; Hebr 11,38.

2.3. Johannes der Täufer und die Wüste

Dass → Johannes der Täufer in der Wüste auftritt, um „den Weg des Herrn“ zu bereiten, knüpft an alttestamentliche Traditionen (vgl. bes. Jes 40) an. Der „Rufer in der Wüste“ wird mit Johannes dem Täufer identifiziert, und die von ihm ausgehende Wegbereitung für Jesus besteht im Ruf zur Umkehr (Mk 1,1-4 par.; Joh 1,23). Auch andere messianische Gruppen sammelten sich in der Wüste (Apg 21,38; Josephus, Bellum Judaicum II 259.261 [Text gr. und lat. Autoren]; vgl. Mt 24,26). Die Wüste ist in diesen Zusammenhängen weniger geographische, denn theologische Größe.

2.4. Jesus und die Wüste

Im Neuen Testament erscheint die Wüste als Rückzugsort Jesu vor den Menschenmengen, die ihn zu treffen suchen (Mt 14,13; Mk 1,45), oder seiner Jünger, damit diese zur Ruhe kommen können (Mk 6,31ff). Die Einsamkeit des Ortes ermöglicht zudem die Konzentration auf das Gebet (Mk 1,35; Lk 5,16) und eine intensive Begegnung mit Gott, die der Versucher stören will (Mk 1,12f par.).

Das Zusammensein Jesu mit den „wilden Tieren“ der Wüste (Mk 1,12f) bildet einen Gegenpol zu Gen 2f. Während Adam den ursprünglichen Schöpfungsfrieden zerstörte, stellt Jesus ihn zu Beginn seines Wirkens wieder her und erneuert so die paradiesische Gemeinschaft (vgl. Riede 2001, 356f).

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament, Stuttgart 1933-1979
  • Biblisch-historisches Handwörterbuch, Göttingen 1962-1979
  • Theologisches Wörterbuch zum Alten Testament, Stuttgart u.a. 1973ff
  • Lexikon der Ägyptologie, Wiesbaden 1975-1992
  • Theologisches Handwörterbuch zum Alten Testament, München / Zürich 1978-1979
  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991-2001
  • Exegetisches Wörterbuch zum Neuen Testament, 2. Aufl., Stuttgart u.a. 1992
  • Calwer Bibellexikon, Stuttgart 2003
  • Handbuch theologischer Grundbegriffe zum Alten und Neuen Testament, Darmstadt 2006
  • Sozialgeschichtliches Wörterbuch zur Bibel, Gütersloh 2009

2. Weitere Literatur

  • Barth, Chr., Die Errettung vom Tode in den individuellen Klage- und Dankliedern des Alten Testaments. Mit zwei Anhängen, einer Bibliographie und Registern neu herausgegeben von B. Janowski, Zürich 2. Aufl. 1987
  • Berlejung, A., Art. Wüste / Steppe, HGANT (2006), 427f
  • Dupont, J., Die Versuchung Jesu in der Wüste (SBS 37), Stuttgart 1969
  • Ebach, J., Art. Wüste, in: F. Crüsemann u.a. (Hgg.), Sozialgeschichtliches Wörterbuch zur Bibel, Gütersloh 2009, 668f
  • Janowski, B., Azazel und der Sündenbock. Zur Religionsgeschichte von Lev 16,10.21f, in: ders., Gottes Gegenwart in Israel. Beiträge zur Theologie des Alten Testaments, Neukirchen-Vluyn 1993, 285-302
  • Keel, O., Die Welt der altorientalischen Bildsymbolik und das Alte Testament. Am Beispiel der Psalmen, Göttingen 5. Aufl. 1996
  • Keel, O. / Küchler, M. / Uehlinger, Chr., Orte und Landschaften der Bibel. Ein Handbuch und Studienreiseführer zum Heiligen Land, Bd. 1 Geographisch-geschichtliche Landeskunde, Zürich u.a. 1984
  • Meier, T.M., Wüste in der Bibel und der jüdischen Tradition, Entschluss 54 (1999), 6f
  • Neubrand, M., Die Wüste, in: B. Mayer (Hg.), Jericho und Qumran, Regensburg 2000, 89-110
  • Radl, W., Art. ἔρημος / ἐρημία, in: Exegetisches Wörterbuch zum Neuen Testament II, Stuttgart u.a. 1981, 128-130
  • Riede, P., Im Netz des Jägers. Studien zur Feindmetaphorik der Individualpsalmen (WMANT 85), Neukirchen-Vluyn 2000
  • Riede, P., Tierfrieden, rhs 44/6 (2001), 352-358
  • Riede, P., „Ich bin ein Bruder der Schakale“ (Hi 30,29). Tiere als Exponenten der gegenmenschlichen Welt in der Bildsprache der Hiobdialoge, in: ders., Im Spiegel der Tiere. Studien zum Verhältnis von Mensch und Tier im alten Israel, Freiburg (Schweiz) / Göttingen 2002, 120-132
  • Schwarzenbach, A., Die geographische Terminologie im Hebräischen des Alten Testaments, Leiden 1954, 93-112
  • Talmon S., Art. מִדְבָּר midbār, in: ThWAT IV, Stuttgart u.a. 1984, 660-695
  • Tilly, M., Was seid ihr hinausgegangen in die Wüste zu sehen?, rhs 35 (1992), 271-281

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Negev bei Arad. © public domain (Foto: Klaus Koenen, 2010)
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