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Lexikon

Wolf

Peter Riede

(erstellt: Aug. 2009)

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1. Altes Testament

Der Wolf (hebräisch zə’ev; griechisch lúkos) hat als einziger Fleischfresser (neben dem Leoparden) bis heute in Palästina überlebt. In der ägyptischen Fauna war er nie vertreten. Er bewohnt die Steppe (’ǎrāvāh Jer 5,6; in Hab 1,8; Zef 3,3 ist ’æræv „Abend“ in ’ǎrāvāh „Steppe“ zu ändern; vgl. Elliger 1950; Irsigler 2002, 330f). Dort geht er meist nachts auf Beute aus. Besonders in Dürrezeiten kamen die äußerst flinken (Hab 1,8) Tiere aus der syrischen Wüste und dem Ostjordanland ins Kulturland. Beutetiere sind vor allem die Tiere der Kleinviehherde (also → Schafe und → Ziegen), unter denen Wölfe beträchtlichen Schaden anrichten können. Sir 13,17 (Lutherbibel: Sir 13,21) bezieht sich auf diese Erfahrung und betont, dass die Verbindung von Frevler und Gerechtem ebenso unmöglich ist wie die von Wolf und Lamm.

In den biblischen Schriften kommt der Wolf meist in Bildworten vor: Führende Beamte oder Richter, die ihr Amt missbrauchen, gleichen wegen ihrer Habgier und Unersättlichkeit reißenden Wölfen (Ez 22,27; Zef 3,3). Der furchtbare und gewalttätige Charakter von Feindvölkern wird ebenfalls mit dem Bild des Wolfs unterstrichen (Hab 1,8; Jer 5,6). Dagegen ist der Vergleich Benjamins mit einem reißenden Wolf im Stammesspruch Gen 49,27 positiv konnotiert, da damit besondere Ideale des Stammes wie Mut, Angriffslust im Kampf (vgl. dazu Ri 20,3ff u.ö.), Erfolg im Machen von Beute und Großzügigkeit im Beuteverteilen herausgestellt werden sollen. Letzteres soll Benjamin möglicherweise als kriegerischen Führer ausweisen. Erst in der Heilszeit ist die Bedrohung durch Raubtiere aufgehoben, da diese zusammen mit den Haus- und Herdentieren weiden (Jes 11,6; Jes 65,25; vgl. Riede 2002). Als Name eines Midianiterfürsten ist Seeb (= zə’ev) „Wolf“ in Ri 7,25; Ri 8,3; Ps 83,12 belegt (→ Oreb und Seeb).

2. Neues Testament

Im Neuen Testament ist ebenfalls meist die von Wölfen ausgehende Bedrohung im Blick, so wenn Jesus die Jünger wie Schafe unter Wölfe und somit wehrlos mitten in die Situation der Verfolgung sendet (Mt 10,16 par.). Die von Wölfen gefährdete Herde aber findet im wahren Hirten Christus Schutz und Zuflucht, der – anders als der bezahlte Hirte – sein Leben für die Seinen gibt (Joh 10,11ff). Auch Irrlehrer und falsche Propheten werden mit Wölfen verglichen (Apg 20,29; Mt 7,15). Sie zerstören die Gemeinde, auch wenn sie sich den Anschein geben, friedlich und wehrlos zu sein (vgl. die Metapher vom Schafspelz Mt 7,15).

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Paulys Realencyclopädie, Stuttgart, 1893-1978
  • Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament, Stuttgart 1933-1979
  • Biblisch-historisches Handwörterbuch, Göttingen 1962-1979
  • Exegetisches Wörterbuch zum Neuen Testament, 2. Aufl., Stuttgart u.a. 1992
  • Der Kleine Pauly, Stuttgart 1964-1975 (Taschenbuchausgabe, München 1979)
  • Theologisches Wörterbuch zum Alten Testament, Stuttgart u.a. 1973ff
  • Lexikon der Ägyptologie, Wiesbaden 1975-1992
  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991-2001
  • Calwer Bibellexikon, Stuttgart 2003

2. Weitere Literatur

  • Böcher, O., Wölfe in Schafspelzen. Zum religionsgeschichtlichen Hintergrund von Mt 7,15, ThZ 24 (1968), 405-426
  • Brentjes, B., Die Haustierwerdung im Orient, Stuttgart 1965, 14-16
  • Cansdale, G., Animals of Bible Lands, Exeter 1970, 119-121
  • Dieter, J., Der ägyptische ‚dib‘. Wolf oder Ungeheuer, MDAIK 47 (1991), 187-188
  • Elliger, K., Das Ende der „Abendwölfe“ Zeph 3,3, Hab 1,8, in: W. Baumgartner u.a. (Hgg.), Festschrift Alfred Bertholet zum 80. Geburtstag, Tübingen 1950, 158-175
  • Feliks, J., The Animal World of the Bible, Tel Aviv 1962, 35
  • Grapow, H., Die bildlichen Ausdrücke des Ägyptischen, Darmstadt 1983, 74f
  • Heimpel, W., Die Tierbilder in der sumerischen Literatur (StP 2), Rom 1968, 345-349
  • Hieke, Th., „Dann wohnt der Wolf beim Lamm“ (Jes 11,6). Utopien in den prophetischen Schriften des Alten Testaments, LebZeug 54 (1999), 245-264
  • Irsigler, H., Zefanja (HThKAT), Freiburg 2002
  • Janowski, B. u.a. (Hg.), Gefährten und Feinde des Menschen. Das Tier in der Lebenswelt des alten Israel, Neukirchen-Vluyn 1993 (Register s.v. Wolf)
  • Keel, O. / Küchler, M. / Uehlinger, C., Orte und Landschaften der Bibel, Band 1, Zürich u.a. 1984, 146
  • Keller, O. Die antike Tierwelt I, Hildesheim 1963, 87f
  • Koenen, K., Wölfe wohnen bei den Lämmern. Bilder vom Frieden zwischen Völkern und Geschöpfen, BiKi 61 / 4 (2006), 212-217
  • Landsberger, B., Die Fauna des alten Mesopotamien nach der 14. Tafel der Serie CHARRA = CHUBULLU, Leipzig 1934, 78ff
  • Møller-Christensen, V. / Jordt Jørgensen, K.E., Biblisches Tierlexikon (Bibel – Kirche – Gemeinde 4), Konstanz 1969, 98-100
  • Pinney, R. The Animals of the Bible, Philadelphia / New York 1964, 117
  • Riede, P., Der Säugling am Loch der Kobra, Zum Tierfrieden im Alten Testament, in: ders., Im Spiegel der Tiere. Studien zum Verhältnis von Mensch und Tier im alten Israel (OBO 187), Freiburg (Schweiz) / Göttingen 2002, 153-164 (Literatur!)
  • Schott, A., Die Vergleiche in den akkadischen Königsinschriften (MVÄG 30), Leipzig 1926, 75
  • Schouten van der Velden, A., Tierwelt der Bibel, Stuttgart 1992, 40f
  • Toynbee, J.M.C., Tierwelt der Antike, Mainz 1973, 92f
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