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Lexikon

Witter, Henning Bernhard

(1683-1715)

Martin Mulzer

(erstellt: Dez. 2015)

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1. Leben

Henning Bernhard Witter wurde am 7.4.1683 in Hildesheim als Sohn des Predigers an der Paulskirche, Justus Witter (1655-1711), und seiner zweiten Ehefrau Catharina Elisabeth Behrens, der Tochter eines Hildesheimer Advokaten und Ratsherrn, geboren. Nach dem Besuch des städtischen Gymnasiums Andreanum studierte er orientalische Philologie und Theologie in Jena (1701-1704) und Helmstedt, wo er 1704 zum Doktor der Philosophie promovierte und bis 1706 als Adjunkt der Philosophischen Fakultät tätig war. Seine akademischen Lehrer waren u.a. in Jena Johann Andreas Danz (1654-1727) und in Helmstedt Hermann von der Hardt (1660-1746). Nach einem Studienaufenthalt in den Niederlanden wurde er 1707 in seiner Heimatstadt Prediger an der Georgskirche und 1712 als Nachfolger seines Vaters an der Paulskirche. Er heiratete 1708 die Rittmeisterstochter Franziska Barbara Köhler (gest. 1716), mit der er einen jung verstorbenen Sohn und zwei Töchter hatte. Witter selbst starb erst 32-jährig am 8.5.1715 in Hildesheim.

2. Bedeutung und Rezeption

Witter ist einer der Wegbereiter der modernen Pentateuchkritik (→ Pentateuchforschung). Seine Überlegungen konzentrieren sich auf die ersten drei Kapitel des Buches → Genesis. Eine Entstehungshypothese für weitere Textbereiche legte er noch nicht vor. Der heftige Widerspruch seines Zeitgenossen Johann Hermann von Elswich (1684-1721; vgl. Bardtke 1954, 172-175) führte dazu, dass der Forschungsbeitrag Witters erst im 20. Jh. eine angemessene Würdigung fand (vgl. Lods 1924.1925). Die Ausprägung der „Älteren Urkundenhypothese“ bei → Jean Astruc (1684-1766), → Johann Gottfried Eichhorn (1752-1827) und → Karl David Ilgen (1763-1834) erfolgte unabhängig von Witter.

3. Der erste Schöpfungstext als vormosaisches Gedicht

Die unterschiedlichen Gottesbezeichnungen, die inhaltlichen Überschneidungen und die stilistischen Differenzen veranlassen Witter, Gen 1,1-2,3 als vormosaisches Gedicht vom Folgenden abzutrennen. Mit dieser literarischen Bestimmung nimmt Witter ein zentrales Element der „Älteren Urkundenhypothese“ voraus: „Creationis vero historiam non tam suis, quam antiqvi alicujus Poëtae verbis videtur tradere Moses.“ (Die Schöpfungsgeschichte aber scheint Mose nicht so sehr mit seinen eigenen, als mit den Worten eines anderen alten Dichters zu überliefern; Jura Israelitarum 1711, 21). Auch bei den übrigen von Mose aufgenommen älteren Texten (z.B. Gen 4,6-7; Gen 4,23-24; Gen 5,29; Gen 7,11; Ex 15,1) handele es sich um mündlich überlieferte Gedichte (vgl. Bardtke 1954, 171f.; Gibert 2007, 179f.). Daneben nimmt Witter als Quelle des Buches Genesis auch hieroglyphische, d.h. bildliche Aufzeichnungen an (vgl. Metzger 1959, 33f.). „E quibus monumentis patraparadotois & orali traditione propagatis, Deo adminiculante, Pentateuchum collegit Moses.“ (Aus diesen von den Vätern überlieferten und durch die mündliche Tradition erweiterten Denkmälern stellte Mose, unter dem Beistand Gottes, den Pentateuch zusammen; Jura Israelitarum 1711, 22).

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Religion in Geschichte und Gegenwart, 4. Aufl., Tübingen 1998-2007
  • Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (im Internet: http://www.bautz.de/bbkl/)

2. Werke (in Auswahl)

(vgl. die vollständige Bibliographie bei Lauenstein 1735, IV, 62-68)

  • Qiddusch hachodesch seu novilunii initiatio, quam … e R. Mose Maimonide … transtulit …, Jena (Bielcke) 1703
  • De purgatorio Judaeorum, Helmstedt (G.W. Hamm) 1704
  • Jura Israelitarum in Palaestinam terram Chananaeam commentatione in Genesin perpetua … demonstrata …, Hildesheim (L. Schröder) 1711
  • S. D. P. Joh. Hermanno ab Elswich, commentationis suae in Genesin censori proletario et faceto, Hildesheim (Geismar) 1712
  • Secundum S. D. P. Joh. Hermanno ab Elswich, censurae suae superae et proletariae et facetae apologetae denuo faceto!, Hildesheim (Geismar) 1703 [sic! recte 1713]

3. Sekundärliteratur

  • Bardtke, H., Henning Bernhard Witter. Zur 250. Wiederkehr seiner Promotion zum Philosophiae Doctor am 6. November 1704 zu Helmstedt, ZAW 66 (1954), 153-181
  • Bardtke, H., Henning Bernhard Witter, Pfarrer zu Hildesheim 1683-1715, Alt-Hildesheim 26 (1955), 1-10
  • Elswich, J.H., Oberservationes philologicae super clarissimi viri Bernh. Henningi Witteri commentatione in Genesin …, Wittenberg 1712
  • Elswich, J.H., Epistola apologetica ad Henning. Bernhardum Witterum Pastorem Hildesiensem …, Wittenberg 1713
  • Gibert, P., De l’intuition a l’évidence: La multiplicité documentaire dans la Genèse chez H.B. Witter et Jean Astruc, in: J. Jarick (Hg.), Sacred Conjectures. The Context and Legacy of Robert Lowth and Jean Astruc (LHB.OTS 457), New York / London 2007, 174-189
  • Houtman, C., Der Pentateuch. Die Geschichte seiner Erforschung neben einer Auswertung (CBET 9), Kampen 1994
  • Kraus, H.-J., Geschichte der historisch-kritischen Erforschung des Alten Testaments, 2. Aufl. Neukirchen-Vluyn 1969
  • Lauenstein, J.B., Hildesheimische Kirchen- und Reformations-Historie, 4. Theil, Hildesheim 1735; 7. Theil, Braunschweig 1736
  • Lods, A., Jean Astruc et la critique biblique au XVIIIe siècle (RHPhR Cahiers 11), Strasbourg / Paris 1924 (= Sonderdruck aus RHPhR 4 [1924], 109-139.201-227)
  • Lods, A., Un précurseur allemand de Jean Astruc: Henning Bernhard Witter, ZAW 43 (1925), 134f.
  • Metzger, M., Die Paradieserzählung: Die Geschichte ihrer Auslegung von J. Clericus bis W.M.L. de Wette (Abhandlungen zur Philosophie, Psychologie und Pädagogik 16), Bonn 1959
  • Niekamp, J., Der göttliche Liebes-Zug als … Herr M. Henning Bernhard Witter … nachdem er den 8 Maji 1715 … im Herrn entschlaffen war an dem nachfolgenden Sonntage Jubilate in seiner Kirchen … zur Erden bestattet wurde …, Hildesheim 1715
  • Niemeier, J.B., Dissertatio de ecclesiasticis ordinibus, Helmstedt 1704
  • Roth, F., Restlose Auswertungen von Leichenpredigten und Personalschriften für genealogische und kulturhistorische Zwecke, Bd. 8, Boppard 1974 (zu Justus Witter)

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