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Lexikon

Wermut

Martin Lang

(erstellt: Sept. 2014)

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1. Begriff

Aus: Wikimedia Commons; © Abalg, Wikimedia Commons, lizensiert unter CreativeCommons-Lizenz cc-by-sa 3.0; Zugriff 23.9.2014

Abb. 1 Weißer Wermut.

Wermut ist ein krautartig wachsender Korbblütler (artemisium absithium), der in Palästina wohl als Weißer Wermut (artemisia herba alba, vgl. Zohary 1986, 194) vorkam. Die wild wachsende Pflanze mit ihren grau behaarten Blättern und ihren kleinen Blütenköpfen verströmt einen starken, aromatischen Duft und verursacht bei Genuss einen lange nachwirkenden, äußerst bitteren Geschmack. In der Regel wird angenommen, dass das hebräische Wort לַעֲנָה la‘ănāh diese Pflanze bezeichnet, doch ist dies keineswegs sicher. לַעֲנָה la‘ănāh dürfte mit arabisch la‘ana „verfluchen“ sowie mit nabatäisch l‘n / l‘nh „verfluchen / Fluch“ (vgl. DNWSI 579) verwandt sein, ohne dass die Etymologie klar wäre. לַעֲנָה la‘ănāh entspricht in der → Septuaginta entweder πικρία pikria „Bitterkeit“ (Dtn 29,18; Am 6,12) oder χολή cholē „Galle“ (Spr 9,4; Klgl 3,15), in der Vulgata absinthium.

In den biblischen Belegen ist mit לַעֲנָה la‘ănāh „Wermut“ weniger die Pflanze materialiter gemeint, sondern eher, übertragen, ihre Bitterkeit, zuweilen aber auch oszillierend ihre „Giftigkeit“. Man kann drei Verwendungszusammenhänge unterscheiden: Erstens kann Wermut wie Gift Verderben bringen, zweitens kann Recht und Gerechtigkeit in Wermut umgestürzt werden und drittens kann Wermut in der Klage einen psychischen Zustand charakterisieren.

2. Verwendungszusammenhänge

2.1. In der Parallele mit „Gift“ – Verderben durch Abkehr von der göttlichen Weisung

Mehrere Male steht לַעֲנָה la‘ănāh in Parallele zu רֹאשׁ rô’š „Gift“. In diesen Fällen ist offenkundig, dass der Begriff Verderben impliziert. Das Verderben kann dabei entweder vom Menschen (Dtn 29,17) oder von Gott als Strafaktion (Jer 9,14; Jer 23,15) ausgehen.

Dtn 29,17 sieht einen Menschen, der sich von Jahwe ab- und fremden Göttern zuwendet, innerhalb der idealen Volksgemeinschaft, die das → Deuteronomium ins Auge fasst, wie eine Wurzel, aus der Gift und Wermut sprießen. Schon kleine Mengen der Pflanze verderben den Geschmack und können große Organismen vergiften.

Jer 9,14 und Jer 23,15 verwenden die Doppelung „Wermut (לַעֲנָה la‘ănāh) zu essen geben“ und „Giftwasser (מֵי־רֹאשׁ mê ro’š) zu trinken geben“. In beiden Fällen ist Jahwe das Subjekt. In Jer 9 empfängt das Volk Wermut und „Giftwasser“, in Jer 23 die Propheten, weil sie ihrer ureigenen Aufgabe nicht nachgekommen sind, sondern „verworrene Gottlosigkeit“ (חֲנֻפָּה ḥănuppāh), die ins Verderben führt, verbreitet haben.

Die Septuaginta weicht im → Jeremiabuch von den übrigen Belegen von לַעֲנָה la‘ănāh von der Übertragung durch πικρία pikra „Bitterkeit“ oder χολή cholē „Galle“ ab, indem sie לַעֲנָה la‘ănāh mit mentalen Zuständen wiedergibt: ὀδύνη odynē „Trauer“ in Jer 23,15 sowie ἀνάγκη anagkē „Not“ in Jer 9,14. Am 5,7 lässt den Begriff unübersetzt.

Zweimal erscheint in den → Klageliedern Jeremias לַעֲנָה la‘ănāh (Klgl 3,15.19), jeweils in der Klage eines Einzelnen, der den Zorn Gottes auf sich gezogen hat. In Klgl 3,15 erscheint „Wermut“ in Parallele zu מְרוֹרִים mərôrîm „bitter / Bitterkräuter“ (Septuaginta: πικρία pikria), in Klgl 3,19, im selben Zusammenhang, in Parallele zu „Gift“: Allein der Gedanke an die eigene Rastlosigkeit und Not sind Wermut und Gift.

2.2. Wermut als Gegenteil von Recht und Gerechtigkeit

Die metaphorische Bedeutung von Wermut in der Bibel kommt gut zum Ausdruck, wenn sie die Umkehrung von מִשְׁפָּט mišpāṭ „Recht“ und צְדָקָה ṣədāqāh „Gerechtigkeit“ in לַעֲנָה la‘ănāh „Wermut“ und רֹאשׁ rô’š „Gift“ thematisiert. Am 5,7 und Am 6,12 sind eingebettet in scharfe → Sozialkritik, die im Modus und Stil von Wehe-Rufen und Klage präsentiert wird (→ Totenklage; → Amos). Die Passagen nehmen in unüberhörbarer Deutlichkeit Stellung gegen jene aus der Volksgemeinschaft Israels, die Recht beugen und ihren Reichtum dadurch vermehren, dass sie denen, die wenig haben, auch das noch wegnehmen. Das Schlimmste aber daran ist – und dies geht mehrmals aus der Amosschrift hervor –, dass dieses Handeln auch noch religiös legitimiert wird. Auf diese Weise erscheint der Inbegriff der (metaphysisch begründeten) Rechtsordnung und des sozialen Gleichgewichts in der Gestalt von מִשְׁפָּט mišpāṭ „Recht“ und צְדָקָה ṣədāqāh „Gerechtigkeit“ menschlicherseits auf schlimmste Weise korrumpiert. Dieses durch menschliches Unrecht erwirkte Umwenden und Verdrehen (הפך hpk) von „Recht“ (מִשְׁפָּט mišpāṭ) und „Gerechtigkeit“ (צְדָקָה ṣədāqāh) in Wermut und Gift ist deutlich terminologisch gekennzeichnet: Es bewirkt einen von Gott herbeigeführten Umsturz (הפך hpk „umwenden / [gewaltsam] umstürzen“; Lang 2004, 124-125).

3. ἄψινθος – „Wermut“ in Apk 8,11

„Wermut“ begegnet auch in Apk 8,11 als ἄψινθος apsinthos (ein Wort, das die Seputaginta nicht benutzt), und zwar als Name eines Sterns, der beim Schall der dritten Posaune vom Himmel stürzt. Da dieser Stern es ist, der die Bitterkeit des Wassers auf der Erde verursacht, ist anzunehmen, dass die → Johannesoffenbarung die prophetischen Passagen aus Jeremia (s.o.) mit ihren Verbindungen von Wermut und „Giftwasser“ fortschreibt. Sind mit dem Stern die christlichen Apostaten gemeint, die viele andere vergiften (vgl. Giesen 1997, 214), und wird damit das alttestamentliche Motiv des Wermuts als Chiffre für Apostasie und Götzendienst und dem daraus folgenden Gericht umgemünzt und auf die sich verbreitende christliche Gemeinde angewandt (vgl. Beale 1999, 479)? Jedenfalls weitet Apk 8,11 die Perspektive hin zu einer Astralisierung und Universalisierung des Themas.

4. Zusammenfassung

Es ist nicht sicher, dass לַעֲנָה la‘ănāh wirklich „Wermut“ bedeutet, es muss sich jedoch um eine bittere, und auch als giftig oder gesundheitsschädlich erachtete Pflanze handeln. An keiner der acht Belegstellen meint לַעֲנָה la‘ănāh materialiter die Pflanze selbst, sondern viel eher metaphorisch „Bitterkeit“ (Fischer 2005, 358). An vier von diesen acht Stellen erscheint es in der Parallele mit רֹאשׁ rô’š „Gift“. Das Wort ist durchgängig negativ konnotiert, steht es doch ständig im Kontext von Rechtsverletzung, Klage und Gericht durch göttlichen Zorn. Als solches findet dieses Element auch Eingang ins Neue Testament und wird Bestandteil einer eschatologisch-universalen Gerichtsvision.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

  • Beale, G. K., 1999, The Book of Revelation (NIGTC), Grand Rapids
  • Fischer, G., 2005, Jeremia 1-25 (HThKAT), Freiburg
  • Giesen, H., 1997, Die Offenbarung des Johannes (RNT), Regensburg
  • Lang, M., 2004, Gott und Gewalt in der Amosschrift (FzB 102), Würzburg
  • Zohary, M., 2. Aufl. 1986, Pflanzen der Bibel: vollständiges Handbuch, Stuttgart

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Weißer Wermut. Aus: Wikimedia Commons; © Abalg, Wikimedia Commons, lizensiert unter CreativeCommons-Lizenz cc-by-sa 3.0; Zugriff 23.9.2014
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