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Lexikon

Werke Gottes

Walter Bührer

(erstellt: Nov. 2014)

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Wunder

1. „Werke Gottes“

Mit dem Begriff der „Werke Gottes“ o.ä. bezeichnen die alttestamentlichen Texte bestimmte Taten Gottes in Schöpfung und Geschichte (s.u. 2.). Nicht jedes Handeln Gottes wird aber explizit so bezeichnet. Auffällig ist insbesondere, dass etwa das Sprechen Gottes nicht als „Werk Gottes“ bezeichnet wird (zur Sinaioffenbarung s.u. 2.2.3.).

1.1. Hebräische Begriffe

Zur Bezeichnung der „Werke Gottes“ verwendet das Alte Testament verschiedene Lexeme, wovon מַעֲשֶׂה ma‘ǎśæh und פֹּעַל po‘al die geläufigsten sind (beide abgeleitet von Verben, die handwerkliches Tun bezeichnen: עשׂה ‘śh und פעל p‘l). Wird das Außergewöhnliche dieser Werke betont, werden sie als „Wunder Gottes“ bezeichnet. Auch hierfür sind verschiedene Lexeme belegt, am häufigsten begegnen נִפְלָאוֹת niflā’ôt (Partizip Plural Feminin der Verbalwurzel פלא pl’ „zu schwer / ungewöhnlich / wunderbar sein“) und פֶּלֶא pælæ’ (ebenso abgeleitet von פלא pl’). Für das Geschehen in Ägypten, die Plagen wie den Exodus, wird besonders in deuteronomistischen Texten (→ Deuteronomismus) auch die Bezeichnung „Zeichen und Wunder“ (אוֹתוֹת וּמוֹפְתִים ’ôtôt ûmôftîm o.ä.) verwendet (z.B. Dtn 4,34; Dtn 6,22; Dtn 7,19; Dtn 26,8; Dtn 29,2 sowie auch etwa Ex 7,3; Ps 78,43; Ps 135,9; Jer 32,20-21).

Die einzelnen Taten Gottes können dabei mit mehreren dieser und weiterer Begriffe zusammengefasst werden. Der Exodus etwa ist gleichermaßen „Werk Gottes“ (z.B. Ps 106,13) wie „Wunder Gottes“ (z.B. Ri 6,13) – oder eben „Zeichen und Wunder“. Verschiedentlich finden sich auch in einem Textzusammenhang unterschiedliche Bezeichnungen für die Werke Gottes: So denkt etwa der Beter von Ps 77 in Zeiten der Not an die Taten (מַעֲלָלִים ma‘ǎlālîm; abgeleitet von der Verbalwurzel עלל ‘ll) JH(WH)s, an sein früheres Wunderwirken (פֶּלֶא pælæ’; Ps 77,12), sinnt über das Tun (פֹּעַל po‘al) und die Taten (עֲלִילוֹת ‘ǎlîlôt; abgeleitet von ‘ll) Gottes nach (Ps 77,13; vgl. noch V.15); der Geschichtspsalm Ps 105, der die Geschichte Israels von der Landverheißung an Abraham bis zur Landgabe nacherzählt, beginnt mit einem Aufruf zum Dank an JHWH und zur Kundgabe seiner Taten (עֲלִילוֹת ‘ǎlîlôt) an die Völker (Ps 105,1 = 1Chr 16,8), zur Kontemplation über seine Wunder (נִפְלָאוֹת niflā’ôt; Ps 105,2 = 1Chr 16,9) und zum Gedenken an seine Wunder (נִפְלָאוֹת niflā’ôt) und Wundertaten (מוֹפֵת môfet; Ps 105,5 = 1Chr 16,12), ehe diese Taten erzählt werden (in ähnlicher Weise operieren z.B. auch Ps 78; Ps 106; Ps 111; Ps 145 mit mehreren Umschreibungen für die Werke Gottes). Die Wahl des einzelnen Lexems für die Zusammenfassung der Taten Gottes ist damit nicht bedingt durch die anvisierte Tat, sondern vielmehr durch den Kontext des Textes, der auf eine oder mehrere spezifische Taten Gottes blickt, oder die (schul-)sprachliche Prägung der Schreiber. Das gleiche gilt für die Wahl der jeweiligen Gottesbezeichnung („Werke Gottes / JHWHs / Adonajs“ etc.).

1.2. Verwendungsweisen

1.2.1. Vergangene Geschichtstaten. Von den „Werken“ und „Wundern Gottes“ wird besonders in (oft poetischen) Texten gesprochen, welche die im → Pentateuch (sowie ansatzweise in den vorderen Propheten, Jos – 2Kön) bereits narrativ entfaltete Geschichte Israels von der Erschaffung der Welt an rekapitulieren, also auf bereits vollbrachte Werke zurückblicken (etwa in den sog. Geschichtspsalmen Ps 78; Ps 105; Ps 106; Ps 135; Ps 136, dem Geschichtssummarium in Neh 9, aber auch in rekapitulierenden Texten innerhalb des Penta- und Enneateuch wie etwa Dtn 3,24; Dtn 11,1-7; Jos 24,31 // Ri 2,7.10 oder den oben genannten Belegen von „Zeichen und Wunder“). Diese Identität stiftenden Werke der Heilsgeschichte Israels können mehr oder weniger ausführlich nacherzählt (wie etwa in den genannten Geschichtspsalmen oder in Dtn 11,1-7) oder schlicht summarisch in Erinnerung gerufen werden (wie etwa in Dtn 3,24; Jos 24,31 // Ri 2,7.10; Ps 92,5.6). Dabei wird freilich stets eine Auswahl an zu rekapitulierenden Taten Gottes gewählt. So wird kaum an die Gesetzgebung am Sinai erinnert (s.u. 2.2.3.); während die Plagen in Ägypten und der Exodus verschiedentlich rekapituliert werden, erinnert nur Ps 105,16-23 an den Eisodus nach Ägypten im Rahmen der → Josefsgeschichte.

1.2.2. Aktuelle Heilstaten. Dieser schlichte Hinweis auf die „Werke Gottes“ leitet zu einer zweiten Verwendungsweise über: Werden die Taten Gottes nicht konkretisiert, ist der Übergang zwischen spezifischen, bereits vollbrachten Taten Gottes einerseits und dem fortdauernden Handeln Gottes andererseits fließend. Auch dieses je gegenwärtige Wirken Gottes kann mehr oder weniger konkret benannt werden. Zu diesen Belegen für das Handeln Gottes gehört sein Eintreten für einzelne Individuen oder für Gruppen von Menschen oder aber die Schöpfung (als Werk) insgesamt im Sinne der creatio continua. So bezieht sich das „Werk Gottes“ in Ps 104,13.24.31 gleichermaßen auf die Erschaffung des Kosmos wie auf seine Erhaltung, und in Ps 19 künden die Himmel und die Himmelskörper durch ihr beständiges Funktionieren wortlos, quasi als Sphärenmusik, von der Herrlichkeit Gottes und seiner Hände Werk (Ps 19,2). In Ps 107 erleben Menschen in unterschiedlichen Notsituationen Gottes Hilfe als Wunder (Ps 107,8.15.21.31), für die sie danken sollen. „Werk Gottes“ ist auch die Errettung vor Feinden o.ä. (z.B. Ps 9,12; Ps 64,10; Ps 118,17).

1.2.3. Künftige Heilstaten. Schließlich findet sich eine dritte, seltener belegte Verwendungsweise der „Werke Gottes“: An einzelnen Stellen wird, zumindest im vorausgesetzten Erzählablauf, auf „Werke Gottes“ vorausgeblickt, die er tun wird. So kündigt Gott etwa in Ex 3,20 Mose „Wunder“ an, mit denen er Ägypten schlagen wird (vgl. auch Ex 7,3; Ex 8,19; Ex 10,1-2; Ex 11,9). In Ex 34,10 sagt Gott im Zusammenhang der Erneuerung des Bundes bisher nicht geschehene „Wunder“ an, und in Jos 3,5 kündigt Josua dem Volk „Wunder“ an, die JHWH am folgenden Tag tun wird, womit dem Kontext entsprechend der Durchzug durch den Jordan gemeint ist. In diese Kategorie gehören auch die prophetischen Stellen, die von noch ausstehenden Geschichtstaten Gottes sprechen wie Jes 5,19; Jes 10,12; Jes 28,21 (מַעֲשֶׂה ma‘ǎśæh in Parallele zu עֲבוֹדָה ‘ǎvôdāh); Jes 29,14; Dan 12,6; Hab 1,5.

Bei allen drei Verwendungsweisen findet sich die Aufforderung, von den erlebten oder erhofften Werken und Wundern zu erzählen (meist eine Form von ספר spr). Wie die Himmelskörper aus Ps 19 das vergangene und anhaltende Wirken Gottes verkünden (Ps 19,2), so erzählen die Eltern ihren Kindern von den früheren Wundern (z.B. Ri 6,13; Ps 44,2). Ps 78,1-8 spricht dabei die Weitergabe der Geschichtstaten Gottes von Generation zu Generation an: Was der Generation des Beters von ihren Vätern an Ruhmestaten, Macht und Wundern JHWHs erzählt wurde, will sie dem kommenden Geschlecht weitererzählen. Die nachfolgenden Generationen sollen die Taten Gottes nicht vergessen (Ps 78,1-8) wie ihre Vorfahren, die die Taten und Wunder Gottes in Ägypten, beim Exodus, beim Zug durch die Wüste und bei der Landgabe gesehen haben, sie aber je und je vergaßen (vgl. Ps 78,11.32.42-43) und immerfort gegen Gott sündigten. Die Verkündigung der Werke Gottes geht mit dem Dank an ihn und seinem Lobpreis einher (vgl. etwa Ps 92,2-6; Ps 103; Ps 105,1-7; Ps 145; Ps 150; Dan 4,34; Sir 42,15-43,33 [Lutherbibel: Sir 42,15-43,37]). Und so danken und loben Beter Gott für erfahrene oder erbetene Hilfe, indem sie seine Wunder erzählen (z.B. Ps 9,2; Ps 26,7; Ps 40,6; Ps 71,14-24; Ps 75,2; Ps 107,22; Ps 118,17; Ps 145; vgl. auch Ps 73,28). Verschiedentlich wird auch betont, dass die Wunder Gottes aufgrund ihrer Vielzahl und Größe nicht gezählt und beschrieben werden können (z.B. Ps 40,6; Hi 5,9 = Hi 9,10; vgl. auch Hab 1,5). Das Tun Gottes soll freilich nicht nur den Kindern erzählt, sondern auch den Völkern bekannt gemacht werden (vgl. Ps 9,12; Ps 96,3; Ps 105,1 = 1Chr 16,8; Jes 12,4 [ohne Zitateinleitung entspricht V.4a auch Ps 105,1]; Dan 3,31-33).

2. „Werke Gottes“ in Schöpfung und Geschichte

Orientiert an der Erzählabfolge des Pentateuchs bzw. Enneateuchs werden im Folgenden die wichtigsten Belegstellen für Werke Gottes aufgeführt, die das entsprechende Handeln Gottes explizit als „Werke“ oder „Wunder Gottes“ titulieren oder eine Aufzählung von Handlungen Gottes als Bericht über seine „Werke“ einleiten. So ruft etwa der Geschichtspsalm Ps 105 in seinen einleitenden Versen zur Verkündigung der Taten und Wunder Gottes auf (Ps 105,1.2.5) und erinnert danach an die Verheißung des Landes an → Abraham und → Isaak (Ps 105,8-15), die → Josefsgeschichte (Ps 105,16-23), den Aufenthalt Israels in Ägypten einschließlich der → Plagen (Ps 105,24-36), den → Exodus (Ps 105,37-38; ohne Erwähnung des → Schilfmeeres), die → Wüstenwanderung (Ps 105,39-41) sowie die Erfüllung der Verheißung an Abraham (Ps 105,42-45), ohne dass diese einzelnen Taten nochmals explizit als „Werke“ oder „Wunder“ bezeichnet werden (nur in Ps 105,27 wird überschriftartig die anschließende Schilderung der Plagen in Ägypten durch die häufige Zusammenstellung „Zeichen und Wunder“ eingeleitet).

2.1. Prima creatio

Das erste in der Bibel berichtete Wirken Gottes ist die Erschaffung des Kosmos. Bereits der priesterschriftliche (→ Priesterschrift) Schöpfungsbericht (→ Schöpfung) Gen 1,1-2,3, der die Erschaffung von „Himmel und Erde“ als Lebensraum und von Lebewesen als Bewohner dieses Lebensraumes in der Abfolge von sechs Schöpfungstagen berichtet (Gen 1,3-31), blickt am siebten Tag auf das vollendete Werk Gottes zurück (Gen 2,2-3: dreimal מְלָאכָה məlâkhāh mit anschließendem Relativsatz „das er gemacht (עשׂה ‘śh) / geschaffen (ברא br’) hatte“).

Als „Werk Gottes“ begegnet die Schöpfung sodann in Ps 8: Die Himmel werden als Werk der Finger Gottes bezeichnet, der den → Mond und die → Sterne gegründet (Ps 8,4; vgl. auch Ps 19,2; Ps 96,3-5 = 1Chr 16,24-26; Ps 102,26), die Menschen gemacht und sie zur Herrschaft über die Tiere eingesetzt hat, die als Werk der Hände Gottes bezeichnet werden (Ps 8,7-9). Ps 33, der die Zuverlässigkeit des Wirkens Gottes betont (Ps 33,4), reflektiert die Erschaffung der Himmelskörper durch das gebietende Wort Gottes (Ps 33,6.9; vgl. Gen 1,3). Der Geschichtspsalm Ps 136, der das Wirken Gottes von der Schöpfung über den Exodus und das Schilfmeerwunder hin zur Führung durch die Wüste und der ostjordanischen Landgabe berichtet und schließlich als Fürsorge im weiteren Sinne versteht (Ps 136,1-3.23-25), beginnt seine Aufzählung der Wunder Gottes (Ps 136,4) mit der deutlich an Gen 1 orientierten Nacherzählung der Erschaffung der Himmelskörper (Ps 136,5-9). Weitere Hinweise auf die Schöpfung als Werk Gottes finden sich etwa in Pred 3,11; Spr 8,22; Ps 103,22; Ps 139,14; Jes 45,11-12. In Hi 14,15; Hi 34,19; Ps 86,8-10; Jes 19,25; Jes 64,7 sind es speziell die Menschen oder Völker, die als Schöpfungswerk Gottes bezeichnet werden.

Eine subtile Anspielung auf die Schöpfung bzw. genauer auf die Schöpfungserzählung in Gen 1,1-2,3 bietet Ps 105,28-36: Hier wird die Reihenfolge der Plagen in und an Ägypten in etwa dem Ablauf des Schöpfungshandelns Gottes aus Gen 1 angeglichen (vgl. Lee; Gärtner 170-176). Dadurch erinnert der Geschichtspsalm nicht nur explizit an die Erzväter (inklusive Josef), den Aufenthalt Israels in Ägypten einschließlich der Plagen, den Exodus, die Wüstenwanderung sowie die Erfüllung der Verheißung an Abraham (s.o.), sondern deckt implizit die Erzählung des gesamten Pentateuch ab.

2.2. Geschichtshandeln Gottes

2.2.1. Erzväter

An die Erzählungen über die Erzeltern aus Gen 12-50 wird im Kontext der Erinnerung an Werke Gottes eher selten gedacht.

In den Geschichtsrückblicken in Jos 24,2-13 und Neh 9,6-31 wird zwar an Abraham, Isaak, Jakob und Esau (Jos 24,2-4) bzw. an die Landverheißung an Abraham (Neh 9,7-8) erinnert. Allerdings beziehen sich die „Zeichen und Wunder“ in Neh 9,10 auf die Taten JHWHs in Ägypten, die „Wunder“ in Neh 9,17 auf die Führung und Versorgung in der Wüste, und „das ganze Werk JHWHs“ in Jos 24,31 bezieht sich wegen der vorausgesetzten Zeugenschaft auf die Zeit der Wüstenwanderung und der Landnahme.

Der Geschichtspsalm Ps 105 und der in Teilen parallele Geschichtsrückblick in 1Chr 16 fassen dagegen auch Gottes Wirken an den Erzvätern als Wunderwirken JHWHs auf, zu dessen Verkündigung sie aufrufen (Ps 105,1-6; 1Chr 16,8-13): Sie erinnern an die Verheißung der Landgabe an Abraham, Isaak und Jakob-Israel sowie an ihr behütetes Umherziehen unter den Völkern (Ps 105,8-15; 1Chr 16,15-22). Ps 105 lässt entsprechend dem Erzählablauf der Genesis die Josefsgeschichte und den Eisodus Israels nach Ägypten folgen (Ps 105,16-23), ehe von der Ereignissen in Ägypten berichtet wird.

2.2.2. Plagen, Exodus und Schilfmeerwunder

Das Geschehen in Ägypten, die Beauftragung → Moses und → Aarons, die → Plagen, die Herausführung und die wundersame Führung durch das → Schilfmeer aus Ex 1-15, kann als das Identität stiftende Ereignis der Heilsgeschichte Israels schlechthin gelten. Entsprechend zahlreich sind Verweise auf Gottes Werk in und an Ägypten – angefangen mit der Ankündigung Gottes in Ex 3,20 (Berufung des Mose), Ägypten durch Wunder zu schlagen und so den Pharao zu zwingen, die Israeliten ziehen zu lassen (vgl. auch die Ankündigungen in Ex 7,3; Ex 8,19; Ex 10,1-2; Ex 11,9).

Der bereits mehrfach genannte Geschichtspsalm Ps 105 fährt nach dem Bericht über den Eisodus im Rahmen der Josefsgeschichte fort mit dem Anwachsen Israels in Ägypten, der Feindschaft zwischen den Israeliten und den Ägyptern, der Sendung Moses und Aarons und den Zeichen und Wundern Gottes, die sie in Ägypten taten (Ps 105,24-27). Es folgt die Aufzählung von sieben oder acht Plagen (vgl. zur Zählung in V.31 die unterschiedlichen Positionen etwa bei Gärtner 172.174-175 oder bei Hossfeld in: Hossfeld / Zenger 2008, 99.101.106; Ex 7-12 beschreibt zehn Plagen, die Nacherzählung in Ps 78,43-51 sieben, die dort in V.12.43 ebenfalls als „Wunder“ und „Zeichen und Wundertaten“ bezeichnet werden), deren Abfolge von der Finsternis bis zur Tötung der Erstgeburt in etwa der Abfolge des Schöpfungshandelns Gottes in Gen 1,3-31 angeglichen ist und so „eine regional auf Ägypten begrenzte Rücknahme der Schöpfung“ darstellt (Hossfeld in: Hossfeld / Zenger 2008, 107; s.o. 2.1.). Ps 105,37-38 erinnert sodann an die erfolgreiche Herausführung und die Erleichterung („Freude“) Ägyptens über den Exodus der Israeliten, ehe unter Auslassung des Schilfmeerwunders von der Führung in der Wüste berichtet wird (Ps 105,39-41).

Der Geschichtspsalm Ps 136, der JHWH als den allein Wunder vollbringenden Gott bezeichnet (Ps 136,4), erwähnt – im unmittelbaren Anschluss an die Schöpfungserinnerung – von den Plagen nur die Tötung der Erstgeburt (Ps 136,10). Danach berichtet er von der Herausführung Israels (Ps 136,11-12) und dem Wunder am Schilfmeer (Ps 136,13-15). An das Schilfmeerwunder erinnern auch Ex 15,1-18.19; Dtn 11,4; Ps 66,5-6; Ps 77,12-21; Ps 78,13.53; Ps 106,7-12; Neh 9,11.

An das Exodusereignis insgesamt erinnern mit der summarischen Bezeichnung „Zeichen und Wunder“ (אוֹתוֹת וּמוֹפְתִים ’ôtôt ûmôfətîm o.ä.; vgl. dazu Childs) auch etwa Dtn 4,34; Dtn 6,22; Dtn 7,19; Dtn 26,8; Dtn 29,1-2; Jer 32,20-21; Ps 135,8-9; Neh 9,9-11 (vgl. auch, z.T. mit anderer Terminologie, Ex 11,10; Num 14,22; Dtn 11,3; Ri 6,13; Mi 7,15).

2.2.3. Wüstenzeit

Die Erzählung von Israels Aufenthalt in der Wüste aus Ex 15 – Jos 2 wird oft unter dem Aspekt des Unglaubens der Israeliten aufgenommen (anders Ps 105,39-41 und Ps 136,16-22). Dabei werden in meist ausführlichen Nacherzählungen über die Geschichtstaten Gottes einzelne Stationen aus der Wüstenwanderung herausgehoben, wobei die Reihenfolge zuweilen von der Pentateucherzählung abweicht: Die Führung durch die Wolken- und Feuersäule (→ Epiphanie; Neh 9,12; Ps 78,14; Ps 105,39; vgl. Ex 13,21-22 u.ö.), die Speisung mit → Manna und → Wachteln (Neh 9,15.20; Ps 78,17-29; Ps 105,40; Ps 106,13-15; vgl. Ex 16; Num 11), die Forderung des → murrenden Volkes nach Wasser und das Wasserwunder bei Massa und Meriba (Neh 9,15; Ps 78,15-16; Ps 95,8-9; Ps 105,41 [ohne Verweis auf das Murren des Volkes]; Ps 106,32-33; vgl. Ex 17; Num 20), die Anfertigung und Anbetung des → Goldenen Kalbes (Neh 9,18-19; Ps 106,19-23 [am Horeb lokalisiert]; vgl. Ex 32), der Hinweis auf die 40-jährige Wüstenzeit bzw. die Kundschafterepisode aus Num 13-14 (Neh 9,21; Ps 95,10-11; Ps 106,24-27; vgl. auch Jos 24,7), die Auflehnung gegen Mose und Aaron durch → Datan und Abiram sowie deren Bestrafung (Dtn 11,6; Ps 106,16-18; vgl. Num 16), die Eroberung der ostjordanischen Königreiche von → Sihon und → Og (Neh 9,22; Jos 24,8; Ps 136,17-22; vgl. Num 21), die Bileam-Erzählung (Jos 24,9-10 mit einem anderen Bileambild als Num 22-24; → Bileam) und der Abfall des Volkes an den Baal-Peor (Ps 106,28-31; vgl. Num 25).

Auffallend ist, dass die Gesetzgebung am Sinai nicht als „Wunder“ oder „Werk“ Gottes bezeichnet wird. Im Rahmen von Geschichtsrückblicken wird explizit nur in Neh 9,13-14 an die Gabe der Tora am Sinai erinnert – jedoch ohne Bezeichnung als „Wunder“ (vgl. V.17 mit Bezug allgemein auf das Wirken Gottes in der Wüste). In Neh 9,18-19 und Ps 106,19-23 wird aber an den Bundesbruch Israels durch die Anbetung des Goldenen Kalbes und die Vergebungsbereitschaft Gottes am Sinai erinnert. Letztere steht auch im Zentrum von Ps 103, der durch das Zitat aus der sog. → Gnadenformel Ex 34,6-7 in Ps 103,8 (nach der Nennung Moses und der Israeliten in V.7) ebenfalls auf das Sinaigeschehen verweist (vgl. Spieckermann). Schließlich weist auch Ps 78,5 Anspielungen an die Gabe der Sinaitora auf (vgl. Witte 123-125; Hartenstein 336 mit Anm. 6). Darüber hinaus spricht die Sinai-Perikope selbst zweimal vom „Werk“ Gottes: In Ex 32,16 sind damit die zwei von Gott beschriebenen steinernen Tafeln des Zeugnisses gemeint, in Ex 34,10 – im Zusammenhang der Erneuerung des Bundes und der Tafeln – bisher nicht geschehene „Wunder“ vor den Israeliten.

2.2.4. Geschichte Israels von der Landnahme bis zur jeweiligen Gegenwart

Während die innerhalb des Pentateuch berichteten Ereignisse im Alten Testament wiederholt als „Werke Gottes“ o.ä. bezeichnet und nacherzählt werden, finden sich nur sporadische und meist wenig konkrete Erinnerungen an die in den vorderen Propheten erzählte Geschichte Israels im verheißenen Land bis zum Exil, beginnend mit der Landnahme bzw. Landgabe. Auf diese verweist allerdings bereits die Konkretisierung der in Ex 34,10 angekündigten Wunder Gottes in Ex 34,11. Und die in Jos 3,5 vorausgesagten Wunder beziehen sich auf den Jordandurchzug, die Voraussetzung der westjordanischen Landnahme (vgl. auch Jos 24,11).

Die Hineinführung ins verheißene Land und die Vertreibung der dort bisher lebenden Bevölkerung bezeichnen Jos 24,11-13; Neh 9,23-25; Ps 44,2-4; Ps 78,54-55; Ps 105,44-45 als „Werke“ und „Wunder Gottes“. Ps 106 dagegen übergeht die eigentliche Landgabe und springt von den frevelhaften Taten des Volkes in der Wüste direkt zu den Unterlassungen der Israeliten im Lande: Entgegen Gottes Gebot vertilgten sie die Völker nicht, sondern vermischten sich mit ihnen, lernten ihre Werke und taten ihre Sünden (Ps 106,34-39), was den Zorn und die Bestrafung Gottes durch andere Völker nach sich zog (Ps 106,40-46). Die Richter- und die Königszeit klingen dabei an, doch lassen sich die Verse darin kaum näher verorten (vgl. Römer 485). Gleiches gilt für Neh 9,26-31. Etwas eindeutiger formuliert Ps 78,56-72: Wegen der Sünden Israels verwirft Gott seine Wohnung in → Silo (Ps 78,60) und liefert seine Macht und Pracht (die Bundeslade, das Volk oder die Hypostase JHWHs im Heiligtum?) in die Hand des Feindes (Ps 78,61-64; vgl. die Diskussion bei Hossfeld in: Hossfeld / Zenger, 2007, 438-439; Gärtner 93). Doch wieder tritt Gott für sein Volk ein (Ps 78,65-66), verwirft aber schließlich das Nordreich („Josef und Ephraim“) und erwählt das Südreich („Juda“) und den Zion, baut sein Heiligtum und erwählt David (Ps 78,67-72).

Die weiteren Erwähnungen der „Werke“ und „Wunder Gottes“ beziehen sich auf das je gegenwärtige Handeln Gottes an Einzelnen, an Gruppen (in der Regel Israel) oder der Schöpfung oder aber auf erhoffte zukünftige Wunder (s.o. 1.2.3.).

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Theologisches Wörterbuch zum Alten Testament, Stuttgart u.a. 1973ff
  • Theologisches Handwörterbuch zum Alten Testament, 5. Aufl., München / Zürich 1994-1995

2. Weitere Literatur

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  • Gärtner, J., Die Geschichtspsalmen. Eine Studie zu den Psalmen 78, 105, 106, 135 und 136 als hermeneutische Schlüsseltexte im Psalter (FAT 84), Tübingen 2012
  • Hartenstein, F., Zur Bedeutung der Schöpfung in den Geschichtspsalmen, in: R. Achenbach / M. Arneth (Hgg.), „Gerechtigkeit und Recht zu üben“ (Gen 18,19). Studien zur altorientalischen und biblischen Rechtsgeschichte, zur Religionsgeschichte Israels und zur Religionssoziologie (FS E. Otto; BZAR 13), Wiesbaden 2009, 335-349
  • Hossfeld, F.-L. / Zenger, E., Psalmen 51-100 (HThK.AT), Freiburg / Basel / Wien 3. Aufl. 2007
  • Hossfeld, F.-L. / Zenger, E., Psalmen 101-150 (HThK.AT), Freiburg / Basel / Wien 2008
  • Lee, A.C.C., Genesis I and the Plagues Tradition in Psalm CV, VT 40 (1990), 257-263
  • Rad, G. von, Das Werk Jahwes, in: Studia Biblica et Semitica Theodoro Christiano Vriezen qui munere professoris theologiae per XXV annos functus est, ab amicis, collegis, discipulis dedicata, Wageningen 1966, 290-298
  • Rendtorff, R., Sihon, Og und das israelitische „Credo“, in: M. Weippert / S. Timm (Hgg.), Meilenstein (FS H. Donner; ÄAT 30), Wiesbaden 1995, 198-203
  • Riesener, I., Der Stamm עבד im Alten Testament. Eine Wortuntersuchung unter Berücksichtigung neuerer sprachwissenschaftlicher Methoden (BZAW 149), Berlin / New York 1979, 89-106
  • Römer, T., Extra-Pentateuchal Biblical Evidence for the Existence of a Pentateuch? The Case of the „Historical Summaries,“ Especially in the Psalms, in: T.B. Dozeman / K. Schmid / B.J. Schwartz (Hgg.), The Pentateuch. International Perspectives on Current Research (FAT 78), Tübingen 2011, 471-488
  • Spieckermann, H., Lob Gottes aus dem Staube. Psalm 103 als Quintessenz der Theologie des Gotteslobes (2005), in: ders., Lebenskunst und Gotteslob in Israel. Anregungen aus Psalter und Weisheit für die Theologie (FAT 91), Tübingen 2014, 270-285
  • Witte, M., Vom Exodus zu David – Geschichte und Geschichtsschreibung in Psalm 78 (2006), in: ders., Von Ewigkeit zu Ewigkeit. Weisheit und Geschichte in den Psalmen (BThSt 146), Neukirchen-Vluyn 2014, 117-149
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