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Lexikon

Walfisch

Rainer Neu

(erstellt: Nov. 2009)

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1. Wale im Mittelmeer

Einundzwanzig verschiedene Arten von Walen (dazu gehören als eine Familie auch die Delfine) und damit fast ein Viertel aller auf der Welt bekannten Waltierspezies konnten bis heute im Mittelmeer nachgewiesen werden. Unter diesen gehören der bis zu 25 m lange und 50 t schwere Finnwal und der bis zu 18 m lange und 45 t schwere Pottwal zu den häufig vorkommenden Arten. Manche Walpopulationen leben dauerhaft im Mittelmeer, Individuen anderer Arten (z.B. Schwertwal und Zwergwal) gelangen gelegentlich vom Atlantik her dorthin. Wegen des Nahrungsreichtums bilden einige Teile dieses interkontinentalen Meeres besonders während der Sommermonate einen idealen Lebensraum für diese Spezies (www.oceancare.org).

Da Wale sehr empfindlich auf Störungen ihrer natürlichen Lebensbedingungen durch moderne Umwelteinflüsse reagieren, gelten ihre Bestände in neuerer Zeit als bedroht. Es darf davon ausgegangen werden, dass ihr Vorkommen im Altertum wesentlich häufiger war und die Völker des Mittelmeerraumes mit Walen bzw. Geschichten über Wale vertraut waren.

Das Wissen um Wale im Mittelmeer lässt sich historisch erstmals im antiken Griechenland bei Homer nachweisen. Homer nannte ihn κῆτος (kētos), ein Begriff, der zunächst alle großen Meerestiere beinhaltete. Von diesem leitete sich auch die lateinische Bezeichnung der Römer für Wal, cetus, ab. Ketos galt in der griechischen Mythologie als Tochter des Meeresgottes Pontos und der Erdgöttin Gaia, der Mutter zahlreicher Schreckgestalten und Ungeheuer.

Die mythologischen Motive wurden von Sophokles und Euripides zu Dramen verarbeitet und seit dem 5. Jh. v. Chr. auf griechischen Vasen und Reliefs und später auch auf römischen Denkmälern abgebildet. Während der κῆτος (kētos) auf frühen Darstellungen als ein Ungeheuer erscheint, wird er später gern als Wal dargestellt.

Hinweise auf Wale finden sich zudem in den Schriften von Aristoteles, Plinius und Ambrosius. Diesen war bereits sowohl die Lebendgeburt (Viviparie) als auch die Säugung der Jungtiere bekannt.

2. Symbolik des Wals

2.1. Symbol des Jagdglücks

Die ältesten erhalten gebliebenen Darstellungen von Walen, die in Skandinavien nachzuweisen sind und aus dem 5. oder 4. Jahrtausend v. Chr. stammen, gehen in die Steinzeit zurück und haben einen symbolischen Charakter. Solche Steingravuren waren eng mit Kult und Ritus verbunden. Mit der bildlichen Darstellung wollte man vermutlich Gewalt über das Dargestellte gewinnen. Die Tiere, deren Bilder steinzeitliche Jäger in die Felsen ritzten, sollten zur Jagdbeute werden. Auf das Motiv des Jagderfolgs verweist besonders ein Felsbild aus dem Trondheimsfjord in Norwegen etwa aus dem 4. Jahrtausend v. Chr., das Fischer in kleinen Jagdbooten mit Harpunenleinen bei der Waljagd zeigt. Die Aktion des Zeichnens von erwünschtem Jagdwild galt wahrscheinlich als gleichbedeutend mit der „Bannung“ des Tieres, das sich daraufhin leichter fangen und töten ließ.

Die „Seele“ des erlegten Tieres wurde als mögliche Gefährdung für die menschliche Gemeinschaft betrachtet, die sich deshalb um seine erneute Geburt sorgte, nicht zuletzt, um auch zukünftigen Jagderfolg sicher zu stellen. Eine Felszeichnung aus Bossekop in Norwegen aus dem 4. Jahrtausend v. Chr. zeigt ein kopulierendes Menschenpaar neben einem gefangenen Riesenfisch. Mit diesem Akt dürfte sich die magische Vorstellung verbunden haben, dass erlegte Tiere bei korrekter ritueller Behandlung dem Kreislauf von Geburt und Tod nicht verloren gehen und erneut geboren werden und damit wiederum der Jagd und Nahrung zur Verfügung stehen. So wie aus der menschlichen Vereinigung neues Leben hervorgeht, soll in dieser Zeremonie die Wiederbelebung des getöteten Tieres erfolgen.

2.2. Symbol von Gefährdung und Tod

Für die altorientalischen Mythen ist das urzeitliche → Chaos in den Fluten und Ungeheuern des → Meeres weiterhin gegenwärtig. → Jam (Jammu), die personifizierte Gestalt des Meeres, die häufig in Gestalt eines Seemonsters dargestellt wird, gilt in → Ugarit als der große Gegenspieler → Baals und als Feind der Menschen und ihrer Kultur. Zwar können die Kräfte des Meeres den Menschen durchaus von Nutzen sein, wirken aber zerstörerisch, wenn sie nicht gebändigt werden. Dem Kampf gegen diese Mächte widmet sich besonders der Gott Baal. Die Überlieferungen berichten, dass er mehrere Seeungeheuer, darunter die Seeschlange Lotan ltn (biblisch: → Leviatan), besiegt hat. Baal habe dem siebenköpfigen Lotan gemeinsam mit seiner Schwester → Anat im → Chaoskampf die Köpfe zerschlagen und ihn so überwunden.

Abb. 1 Ungeheuer der jüdischen Mythologie: Leviatan, Behemoth, Ziz (Bibelillustration, Ulm 1238).

Abb. 1 Ungeheuer der jüdischen Mythologie: Leviatan, Behemoth, Ziz (Bibelillustration, Ulm 1238).

Auch Ps 74,13 und Ps 89,10 stellen Jam („das Meer“) an die Spitze der Chaosungetüme. Das Chaos beherrschte einst die Erde, bevor es von Gott gebändigt wurde (Ps 104,6-8.26; Hi 7,12). Ihm werden verschiedene Namen (Jam, Leviatan, Rahab; vgl. Ps 74,13f., Ps 89,10f.) und verschiedene Eigenschaften (mehrere Köpfe Ps 74,13f.; geringelte Schlange, Jes 27,1; Krokodilgestalt Hi 40,25) zugeordnet. Der Gedanke, dass sich der grauenerregende Chaosdrache noch einmal losreißen könnte, ist die unausgesprochene Voraussetzung für die Vertrauensaussage des Alten Testaments, wonach Gott so etwas nicht zulassen wird: „Du (Gott) hast eine Grenze gesetzt, darüber kommen sie (die Chaosmächte) nicht und dürfen nicht wieder das Erdreich bedecken“ (Ps 104,9). Nur in dem schwer zu deutenden Vers Hi 3,8 wünscht sich der völlig verzweifelte Hiob die Zeit vor der Schöpfung zurück, in der Leviatan noch nicht gebändigt war.

Aus: Wikimedia Commons; © BishkekRocks, Wikimedia Commons, lizensiert unter CreativeCommons-Lizenz cc-by-3.0; Zugriff 24.11.2009

Abb. 2 Antike korinthische Vase mit Darstellung des Meerungeheuers, Perseus’ und Andromedas.

Auch die griechische Mythologie erzählt von lebensbedrohlichen Seeungeheuern. Kassiopeia, die griechische Gattin des Äthiopierkönigs Kepheus, rühmte sich einst schöner als die Nereiden, die Nymphen des Mittelmeeres, zu sein. Damit zog sie den Zorn des Meeresgottes Poseidon auf sich, der das Meeresungeheuer Ketos entsandte, um die Küstengebiete des Landes zu verwüsten. Ein Orakel weissagte, dass das Land von diesen Plagen nur befreit werden könnte, wenn die Königstochter Andromeda an einen Felsen am Meer geschmiedet und so dem Ungeheuer geopfert würde. Der Held Perseus jedoch, ein Sohn des Zeus, besiegte das Monster, befreite Andromeda, nahm sie zur Frau und erbte das Königreich.

Der Physiologus, ein frühchristliches Kompendium der Tiersymbolik, „entmythologisiert“ die Gestalt des Seeungeheuers und berichtet in „rationalisierter“ Form von der Gefährlichkeit des Wals: „Das Ungeheuer ist sehr groß ähnlich einer Insel. Die Schiffer nun binden aus Unkenntnis ihre Fahrzeuge an ihn an, wie an einer Insel. Sie machen darauf ein Feuer an, um sich ihr Mahl zu kochen. Und wenn das Ungeheuer warm geworden ist, so taucht es unter in die Tiefe und versenkt das Fahrzeug mit Mann und Maus“ (Physiologus).

In mittelalterlichen Darstellungen wird der Walrachen als Höllentor dargestellt.

2.3. Symbolik der Hilfe und Errettung

Aus: Wikimedia Commons; © public domain; Zugriff 24.11.2009

Abb. 3 Eine Nereide reitet auf dem Seeungeheuer Ketos (2. Jh. v. Chr.).

Im Nihongi, der Chronik Japans, die bis in die mythische Zeit zurückgreift, können die Gottheiten „Seeungeheuer“ als Reittiere benutzen (Nihongi 1985) und auch die Nereiden, Nymphen der griechischen Mythologie, die Schiffbrüchige beschützen und Seeleute mit Spielen unterhalten, reiten auf dem Seeungeheuer Ketos.

Ein Eskimomythos aus Alaska erzählt von einem dummen Raben, der zu weit aufs Meer hinaus fliegt und vor Erschöpfung den Rückflug nicht bewältigen kann. Als plötzlich ein großer Wal vor ihm auftaucht, fliegt er diesem in den Schlund und findet im Inneren des Wals einen Platz zum Überleben. Als der Wal stirbt, kann sich der Rabe – wenn auch mit zerbrochenen Flügeln – wieder aus dem Walleib befreien und der Wind bläst den Kadaver an Land (Rasmussen 1996).

Aus: Wikimedia Commons; © public domain; Zugriff 24.11.2009

Abb. 4 Vishnu als Fisch-Mensch Matsya.

Von der rettenden Funktion des Riesenfisches berichtet auch der indische Mythos im Zusammenhang der Überlieferungen von dem Gott Vishnu. Bei seinen Inkarnationen auf Erden nimmt Vishnu die Gestalt von Tier oder Mensch an, um eine Katastrophe abzuwenden oder ein Unrecht aus der Welt zu schaffen. Als die jetzige Weltperiode begann, inkarnierte sich Vishnu als Fisch-Mensch Matsya. Er kam, um während einer großen Sintflut Manu Vaivasvata, den Urvater des heutigen Menschengeschlechts, in seiner Arche mitsamt den heiligen Weisen, seiner Familie, Tiere und Pflanzensamen zu retten. Anschließend tötete er den Dämon Hayagriva, der dem schlafenden Brahma die Veden gestohlen hatte, und erstattete diesem die geraubten heiligen Schriften zurück.

In Polynesien und Afrika steht der Wal in Zusammenhang mit Initiationserfahrungen. In Südostasien finden sich Erzählungen von bedeutsamen religiösen Persönlichkeiten, die von Walen geboren wurden.

3. Wale in der Bibel und im frühen Christentum

Die „Walfische“ im Alten Testament verdanken sich der Bibelübersetzung Martin Luthers. Sechsmal tauchen sie in der Ausgabe aus dem Jahre 1545 auf: in Gen 1,21; Ps 74,14; Ps 104,26; Ps 148,7; Hi 7,12 und in den apokryphen Zusätzen zum → Danielbuch in Dan 3,79. Heute sind sie vom Aussterben bedroht. Während ihr Vorkommen in der Lutherbibel-Ausgabe von 1912 nur in Hi 7,12 getilgt wurde, erscheinen sie in der Ausgabe von 1964 nur noch in Gen 1,21 und Dan 3,79. Seitdem ist ihr Bestand konstant geblieben.

Da das Alt-Hebräisch keinen gesonderten Begriff für „Wal“ kennt, lässt sich diese Tiergattung nicht unmittelbar in den alttestamentlichen Schriften nachweisen. Sie kann nur als ein Bestandteil von Sammelbezeichnungen vermutet werden. Luther hat drei verschiedene hebräische Begriffe mit „Walfische“ wiedergegeben:

3.1. Seeungeheuer (תַּנִּין)

Der Schöpfungsbericht in Gen 1,21 unterscheidet bei den Wassertieren keine Gattungen (vgl. Ps 104,25-26), sondern nur „große“ (tannîn; → Tannin) und „alle anderen“ Wassertiere. Damit dürften unter tannîn Wale, Delfine, → Krokodile u.ä. zu verstehen sein. An anderen Belegstellen werden mit tannîn auch → Schlangen bezeichnet. Bei allen diesen Tieren kann es sich entweder um in der Natur zu beobachtende Lebewesen oder um Fabelwesen handeln. tannîn im Sinne von Seeungeheuern finden sich in der Bibel in Jes 27,1; Jes 51,9; Ps 74,13; Hi 7,12. Um in der Natur vorkommende Tiere geht es dagegen in Gen 1,21; Ex 7,9.12; Dtn 32,33; Jer 51,34; Ez 29,3; Ez 32,2; Ps 91,13. Luther gibt tannîn in Gen 1,21 und Ps 148,7 mit „Walfische“ wieder.

3.2. Leviatan (לִוְיָתָן)

In Ps 74,14 und Ps 104,26 übersetzt Luther den Namen → Leviatan (לִוְיָתָן liwjātān) mit „Walfische“. „Leviatan“ leitet sich von der hebräischen Wurzel lwj ab und bedeutet wörtlich „der sich Windende“ oder „der sich Zusammenrollende“. Er bezeichnet ein im Meer lebendes, schlangen- oder drachengestaltiges Wesen, das ähnliche Eigenschaften wie der tannîn hat. Religionsgeschichtlich liegen hier Parallelen zu Mythen des Zweistromlandes vor.

3.3. „Großer Fisch“ (דָּג גָּדֹול)

Abb. 5 Jona wird vom Wal verschlungen (links im Bild) und nach drei Tagen an Land ausgespieen (Melantrichova-Bibel 1570).

Abb. 5 Jona wird vom Wal verschlungen (links im Bild) und nach drei Tagen an Land ausgespieen (Melantrichova-Bibel 1570).

Der große Fisch (דָּג גָּדֹול dāg gādôl) in Jon 2,1 beschreibt ein im Wasser lebendes Fabeltier, das einen Menschen zu verschlingen vermag. Die Septuaginta übersetzt diese Stelle mit κῆτος (kētos), worunter sowohl ein Wal als auch ein Seeungeheuer verstanden werden kann. Im Zusammenhang betrachtet erscheint dieser „große Fisch“ als eine Version der ursprünglich mythischen Seeungeheuer, die an verschiedenen Stellen des Alten Testaments erwähnt werden, um die uneingeschränkte Verfügung Jahwes über die gesamte Schöpfung einschließlich der Bewohner der Meerestiefen zu illustrieren (Gen 1,21). Sie sind zu einem Werkzeug Gottes geworden; er hat sie gemacht, um mit ihnen „zu spielen“ (Ps 104,26). Vor diesem Hintergrund erscheint das ganz von Jahwe bestimmte Verschlingen und Ausspeien des Propheten → Jona (Jon 2,1; Jon 2,11) als Ausdruck göttlicher Herrschaft über alle Bereiche der Welt.

Auch das Neue Testament bezeichnet in Mt 12,40 den Fisch des Jona als κῆτος (kētos). Der Verfasser des Matthäus-Evangeliums versteht die Errettung des Jona aus dem Bauch des Fisches – darin jüdischer Tradition folgend (vgl. Luz, zur Stelle) – als das zentrale Thema der Jona-Geschichte und interpretiert das Verschlingen und Ausspeien des Propheten durch einen Fisch als einen Hinweis auf Jesus’ Schicksal, der ebenfalls drei Tage im Grab lag. Da bereits der Psalm in Jon 2 mythische Todesbilder anklingen lässt, bot es sich an, Jonas Geschick im Bauch des Fisches typologisch auf den Tod und die Auferstehung Jesu zu beziehen (Luz 1997).

Abb. 6 Seeleute werfen Jona über Bord (Marcellino-Katakombe; 3. Jh.).

Abb. 6 Seeleute werfen Jona über Bord (Marcellino-Katakombe; 3. Jh.).

In der frühchristlichen Kunst wurde das Fisch-Motiv zu einem der beliebtesten Symbole, häufig in Gestalt eines Delfins. Solche Zeichnungen oder Ritzungen finden sich auf Sarkophagen, Schmuckanhängern, Weihwasser- und Taufbecken oder auf den Wänden von Häusern, Kirchen und Katakomben. In manchen dieser Darstellungen mag dem Delfin eine rein dekorative Funktion zukommen. Andere Darstellungen jedoch präsentieren ihn mit eindeutigen Christussymbolen, mit einem Kreuz oder dem Alpha-Omega-Zeichen, und verweisen auf religiöse Bedeutungen.

Abb. 7 Der Fisch spuckt Jona an Land (Stuttgarter Psalter; 9. Jh.).

Abb. 7 Der Fisch spuckt Jona an Land (Stuttgarter Psalter; 9. Jh.).

Da der Delfin über den Wellen spielt, war sein Bild besonders geeignet, die Vorstellung eines aus den Tiefen des Wassers zur lichten Höhe Aufsteigenden auszudrücken. Auch in der frühchristlichen Literatur finden sich immer wieder Anspielungen auf die Jona-Geschichte, die als prophetischer Hinweis auf die Überwindung von Übel, Schuld und Tod durch Christi Menschwerdung, Passion und Auferstehung gedeutet wird. Beim symbolischen Untertauchen während der Taufzeremonie durchläuft der Gläubige das Ersterben des alten Menschen und die Wiedergeburt eines neuen Menschen.

4. Der Wal im Koran und im Islam

Abb. 8 Jona und der Fisch (Bagdad; 1600).

Abb. 8 Jona und der Fisch (Bagdad; 1600).

Auf die Geschichte von Jona, der in arabisierter Namensform Yunus jûnus (= griech. ’Ιωνᾶς jōnâs) heißt, wird im Koran in sechs Suren verwiesen. Die 10. Sure (Yunus) wurde nach Jonas benannt. Von einem „Wal“ wird – wie in der Bibel – in expliziter Form nicht gesprochen, sondern von einem „(großen) Fisch“, und Jona kann als „der (Mann) des Fisches“ bzw. „der mit dem Fisch“ (sāhib al-hūt) bezeichnet werden. Auch Muslime denken bei diesen Stellen an einen Wal. Die koranischen Anspielungen auf die Jona-Erzählung lassen konkrete Übereinstimmungen mit dem biblischen Erzählstoff erkennen, dazu gehören besonders seine Flucht, seine Verschlingung und das Ausspeien. Auch in der islamischen Ikonographie erfreut sich das Jona-Wal-Motiv großer Beliebtheit.

Nach verschiedenen islamischen Überlieferungen soll der Fisch den Jona an einem 10. Muharram (am Aschura-Gedenktag) ausgespieen haben. Dabei wird seine Befreiung mit der Rettung der islamischen Umma („Gemeinschaft“) am Tage Aschura verglichen. Schiitische Kommentatoren vergleichen die Errettung des Jona auch mit der erwarteten Rückkehr des Imam Mahdi, der erst dann wiederkehren soll, wenn das Volk Buße tut und sich intensiv nach seiner Rückkehr sehnt.

5. Wale in der Esoterik

Die moderne Esoterik schätzt den Wal als Krafttier. Das Leben dieses großen, intelligenten und verspielten Säugers in Harmonie mit seiner Umwelt gilt als vorbildlich und inspirierend. Esoteriker erkennen in ihm die Symbole der Eingeschlossenheit, des Verborgenseins und der Auferstehung. Die Jona-Geschichte wird in diesem Zusammenhang gerne als eine „zweite“ Geburt, als ein Initiationserlebnis gedeutet. Die Erweckung der Kreativität in den Tiefen des eigenen Selbst gilt als ein Akt der Auferstehung. Geschätzt werden am Wal die differenzierten Atemtechniken, der schonende Umgang mit den eigenen schöpferischen Energien und die Isolierung gegen äußere Kälte. Der Gesang der Wale dient als eine Meditationshilfe und wird als Ausdruck der Verbundenheit mit den eigenen schöpferischen Instinkten verstanden.

6. Zur Geschichte der Erforschung des Wal-Motivs

Abb. 9 Die Vernichtung des Leviatan (Gustave Doré, 1864).

Abb. 9 Die Vernichtung des Leviatan (Gustave Doré, 1864).

Geschichten von bedrohlichen, verschlingenden oder auch rettenden Seeungeheuern und Walen sind weltweit nachzuweisen. In Alaska und Grönland sind sie ebenso bekannt wie im antiken Griechenland und Rom, in Mesopotamien und Ägypten, in Syrien und Israel oder im Fernen Osten, in Polynesien und Südostasien sowie in Afrika. Es wird wenig sinnvoll sein den Ursprung solcher (im Einzelnen recht unterschiedlichen) Erzählungen auf einen gemeinsamen geographischen Ausgangspunkt zurückführen zu wollen, wie es Hans Schmidt mit seinem Werk Jona (1907), der bisher umfangreichsten Untersuchung über „die Entstehung des mythischen Motivs vom verschlingenden Ungeheuer“ (Schmidt 1907), versucht hat. Schmidt stand unter dem Einfluss des Diffusionismus (Theorie zur Ähnlichkeit entfernter Kulturen) der Kulturhistorischen und der Heliolithischen Schule. Er vertrat die These, dass das Motiv des Verschlingens und Wiederausspeiens auf einen im Indischen Ozean beheimateten Sonnenmythos zurückgehe, der sich über Syrien bis nach Israel und Griechenland verbreitet habe.

Wenn auch die Idee eines zugrundeliegenden Sonnenmythos in der Folgezeit fallengelassen wurde, so blieb doch die Tendenz bestehen, die Überlieferungen von bedrohlichen oder rettenden Seeungeheuern und Walen als Wandererzählungen zu betrachten, also von einer chronologischen und geographischen Weiterentwicklung dieses Motivs auszugehen. So sah Hermann Opgen-Rhein die griechische Perseus-Andromeda-Sage als Quelle für den im Jonabuch verarbeiteten Stoff und erklärte die Übernahme dieses Stoffes „vor dem Hintergrund der hellenistischen Mischkultur …, wie sie seit dem 3. Jh. v. Chr. den östlichen Mittelmeerraum beherrschte“ (Opgen-Rhein 1997).

Für Meik Gerhards (→ Jona) gelangte das Wal-Verschlingungs-Motiv durch den Indienfeldzug Alexander des Großen nach Griechenland und wanderte von dort in hellenistischer Zeit etwa zwischen 320 und 190 v. Chr. nach Israel weiter.

Solche Beeinflussungen sind zwar denkbar und können nicht grundsätzlich ausgeschlossen werden, sie bleiben allerdings aufgrund der Unterschiedlichkeit des tatsächlichen Erzählstoffes und des Fehlens jeglicher Beweise einer „Wanderung“ der indischen Erzählungen über Griechenland nach Israel hypothetisch. Das Verschlingungsmotiv scheint mit sehr tiefsitzenden existenziellen Ängsten und Erfahrungen des Menschen verbunden zu sein und sich in unterschiedlichen Kulturen unabhängig voneinander seine eigene mythische Form geschaffen zu haben.

Für das Alte Testament bleibt festzuhalten, dass die Namen Leviatan, Jam und Rahab mit Vorstellungen verknüpft sind, die Übereinstimmungen zu Überlieferungen aus dem Zweistromland beinhalten und besonders in ugaritischen Quellen bis in den Wortlaut hinein Entsprechungen aufweisen. Israel hat diese Mythologeme aus seiner kanaanäischen Umwelt empfangen und monotheistisch verarbeitet. Von dort gelangten Anklänge an das Motiv des Chaosdrachens auch ins Neue Testament. Besonders das apokalyptische Bild von dem in der Endzeit zu besiegenden siebenköpfigen Drachen in Apk 12 setzt das Leviatan-Motiv in christlicher Perspektive fort.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

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  • Biblisches Tierlexikon (Bibel – Kirche – Gemeinde 4), Konstanz 1969
  • Theologisches Wörterbuch zum Alten Testament, Stuttgart u.a. 1973ff
  • Biblisches Reallexikon, 2. Aufl., Tübingen 1977
  • Religion in Geschichte und Gegenwart, 4. Aufl., Tübingen 1998-2007
  • Dictionary of Deities and Demons in the Bible, 2. Aufl., Leiden 1999
  • Knaurs Lexikon der Symbole, Augsburg 2000
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2. Weitere Literatur

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  • Der Physiologus. Tiere und ihre Symbolik, Köln 2005
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  • Gerhards, M., 2006, Studien zum Jonabuch (BThSt 78), Neukirchen-Vluyn
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  • Jeremias, Jörg, 2007, Die Propheten Joel, Obadja, Jona, Micha (ATD 24,3), Göttingen
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  • Keller, O., 1909-1913 / 1963, Die antike Tierwelt II, Leipzig / Hildesheim
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  • Steffen, U., 1963, Das Mysterium von Tod und Auferstehung. Formen und Wandlungen des Jona-Motivs, Göttingen
  • Steffen, U., 1994, Die Jonageschichte. Ihre Auslegung und Darstellung im Judentum, Christentum und Islam, Neukirchen-Vluyn
  • Struppe, U., 1996, Die Bücher Obadja, Jona (NSK.AT 24,1), Stuttgart
  • Thyen, J.-D., 1989, Bibel und Koran. Eine Synopse gemeinsamer Überlieferungen, Köln / Wien
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  • Westermann, C., 4. Aufl. 1999, Genesis 1-11 (BK I/1), Neukirchen-Vluyn
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Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Ungeheuer der jüdischen Mythologie: Leviatan, Behemoth, Ziz (Bibelillustration, Ulm 1238).
  • Abb. 2 Antike korinthische Vase mit Darstellung des Meerungeheuers, Perseus’ und Andromedas. Aus: Wikimedia Commons; © BishkekRocks, Wikimedia Commons, lizensiert unter CreativeCommons-Lizenz cc-by-3.0; Zugriff 24.11.2009
  • Abb. 3 Eine Nereide reitet auf dem Seeungeheuer Ketos (2. Jh. v. Chr.). Aus: Wikimedia Commons; © public domain; Zugriff 24.11.2009
  • Abb. 4 Vishnu als Fisch-Mensch Matsya. Aus: Wikimedia Commons; © public domain; Zugriff 24.11.2009
  • Abb. 5 Jona wird vom Wal verschlungen (links im Bild) und nach drei Tagen an Land ausgespieen (Melantrichova-Bibel 1570).
  • Abb. 6 Seeleute werfen Jona über Bord (Marcellino-Katakombe; 3. Jh.).
  • Abb. 7 Der Fisch spuckt Jona an Land (Stuttgarter Psalter; 9. Jh.).
  • Abb. 8 Jona und der Fisch (Bagdad; 1600).
  • Abb. 9 Die Vernichtung des Leviatan (Gustave Doré, 1864).

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