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Lexikon

Totenkult (Ägypten)

Louise Gestermann

(erstellt: Nov. 2007)

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1. Allgemeine Bemerkungen zum Totenkult

Unter dem Begriff Totenkult werden im Folgenden Handlungen im weitesten Sinn verstanden, in deren Mittelpunkt der Verstorbene steht und die dem Verstorbenen in unterschiedlicher Weise zugutekommen sollen, z.B. Behandlung des Leichnams, Beisetzung oder Versorgung über die Grablegung hinaus. Davon zu trennen sind der Glaube und die Vorstellungen, die diesen Handlungen zugrunde liegen und von denen sie geleitet werden (→ Unterweltvorstellungen und Jenseitsliteratur; → Jenseitsvorstellungen; s. Kees 1956, Assmann 2001). Sie werden entsprechend hier nicht berücksichtigt. Ebenso bleiben die Trauerriten, die der Bewältigung des Todes durch die Hinterbliebenen dienten, unbeachtet (Kucharek, in: Assmann 2007, 342-358). Gleichwohl besteht ein enger Zusammenhalt zwischen den genannten Gesichtspunkten, denn verständlich wird der Totenkult nur vor dem Glauben an eine Überwindbarkeit des Todes: Der Kult um und für den Verstorbenen soll den Übergang in die jenseitige Welt gewährleisten und soll seine Wirksamkeit auch für das Leben des Verstorbenen im Jenseits entfalten. Begleitet werden die einzelnen Handgriffe und Vorgänge dabei von Rezitationen („Verklärungen“, „Liturgien“). Mit diesen Sprechhandlungen werden die realen Geschehnisse im Kult mythologisch ausgedeutet und in die Götterwelt transponiert: Alle Handlungen, die im Kult vollzogen werden, sind zugleich Ereignisse in der Götterwelt.

Im Totenkult sind zwei Phasen unterschiedlicher Ausrichtung und Intensität zu unterscheiden, und zwar die Zeit bis zur abschließenden Grablegung, die in mehrere Etappen unterteilt ist und von diversen (Ritual-)Handlungen begleitet wird (s. 2.), und der Totenkult, der nach der Beisetzung für den Verstorbenen gepflegt wird (s. 3.). Bei beidem steht der Dienst für die (jenseitigen) Bedürfnisse des Verstorbenen im Mittelpunkt. Während jedoch die Zeit bis zur Beisetzung dazu dient, den Verstorbenen in eine neue Erscheinungs- und Daseinsform zu überführen und ihm den gelungenen Übergang in seine jenseitige Existenz zu ermöglichen, ist der spätere Totenkult am Grab vornehmlich durch den Wunsch gekennzeichnet, dem Verstorbenen leibliche Versorgung und Erinnerung zukommen zu lassen und mit ihm in Kontakt zu treten.

Die Quellen, die über den Totenkult im Allgemeinen und auch über spezielle Gesichtspunkte informieren können, sind zeitlich recht ungleich verteilt und zugleich von sehr unterschiedlicher Art. Beobachtungen zum Totenkult stützen sich gemeinhin auf private Grabanlagen vornehmlich des → Neuen Reiches, da diese umfangreiches Bild- und teilweise auch Textmaterial zu den unterschiedlichen Kulthandlungen wie auch zu den sie begleitenden Rezitationen überliefern. Abgesehen vom Bildmaterial aus anderen Epochen sind aus allen Zeiten Texte und Textsammlungen bekannt, die über einzelne Gesichtspunkte des Totenkultes informieren oder zumindest mit dem Totenkult in Verbindung gebracht werden können (dazu noch im Folgenden). Mitunter ist ein Zugang zu der Thematik auch über die Vielzahl einfacherer Bestattungen möglich (Seidlmayer, in: Willems 2001), ebenso wie die Grabanlagen selbst und die über die Zeiten hinweg festzuhaltenden Veränderungen in ihrer Architektur Aussagen zu den in ihnen vorgenommenen Riten machen können, im besten Fall unter Hinzunahme der Darstellungen (Assmann 1984, Alexanian 2003).

Träger aller Handlungen im Totenkult ist der älteste Sohn und damit Nachfolger des Verstorbenen. Diese Vorgabe ist indes als ein Ideal zu werten. Einige Aufgaben wurden von vornherein von speziell dafür ausgebildetem Personal übernommen, und auch die Versorgung der Grabstätte nach der Beisetzung des Verstorbenen wurde in der Regel an Totenpriester delegiert, die dafür eine Entlohnung erhielten (zur Versorgung s.u. 3.).

2. Die Zeit bis zur Beisetzung: Das Bestattungsritual

Idealerweise vergingen zwischen Tod und Beisetzung 70 Tage. Dies entspricht der Zeitspanne, während derer ein Dekanstern – über die 36 Dekansterne erfolgt die Einteilung des Jahres – am Morgenhimmel unsichtbar bleibt, und wurde als Phase der Regenerierung aufgefasst. In dieser Zeit wurde der Leichnam des Verstorbenen für die Beisetzung vorbereitet und anschließend bestattet. Dieser Weg, den der Leichnam bis zur Grablegung nimmt, ist eine Abfolge zahlreicher einzelner Handlungen, die jeweils rituell unterstützt und begründet werden („Bestattungsritual“, Altenmüller 1975c, Assmann 2001, 39-53, Meyer-Dietrich 2006, 40-72; → Mumie / Mumifizierung).

Bilder zum Geschehen im Vorfeld der Bestattung und direkt bei der Grablegung sowie die zugehörigen Riten sind in unterschiedlichem Umfang in Gräbern vom Alten Reich bis zur Spätzeit belegt, ferner auf Papyri und Särgen (Settgast 1963, Barthelmess 1992). Diese Bilder halten mitunter allerdings ein offensichtlich bereits in frühester Zeit geformtes Geschehen fest und zeichnen es in idealer Weise nach, so dass nicht zwingend ein real vollzogener Hergang dargestellt sein muss. Zugleich fehlt die Wiedergabe einzelner Etappen des Bestattungsrituals gänzlich, so die Balsamierung (s. 2.1). Insbesondere aus dem sehr reichen Bildmaterial der Privatgräber des Neuen Reiches lassen sich die einzelnen Abschnitte des Balsamierungsrituals aber dennoch recht gut erfassen. In textlicher Form sind die Vorgänge bis zur Bestattung zudem in Rezitationen unterschiedlicher Art umgesetzt worden, des weiteren in Wünschen für den Verstorbenen.

Schon für die (späteren) Pyramiden des Alten Reiches wird diskutiert, inwieweit die in ihnen niedergeschriebenen Texte (→ Pyramidentexte) als Rezitationen aufzufassen sind, die während der Kulthandlungen u.a. anlässlich der Beisetzung des jeweils verstorbenen Königs gesprochen wurden (Altenmüller 1972). Wenn auch die konkrete Anwendung bei einer Beisetzung umstritten ist, so ist aber dennoch in einer Vielzahl der Texte dieses Corpus eine Rezitationsliteratur zu erkennen, die eine Bestattung hätte begleiten können. Ebensolche Wiedergaben von Liturgien zum Totenkult oder Relikte davon finden sich auch in nachfolgender Zeit in den Gräbern selbst, und zwar an den Wänden, auf Särgen und Papyri (→ Sargtexte, → Totenbuch), aber auch außerhalb dieses Kontextes (Assmann 2002, 2005 und 2008). Speziell für das Balsamierungsritual informativ sind einige Papyri der Spätzeit wie auch der griechisch-römischen Epoche, in denen Handlungen und die begleitenden Rezitationen niedergeschrieben sind. Einzelne Informationen zum Totenkult stammen zudem von Reisenden, die bereits in der Antike aus Ägypten berichteten. Ihre Schilderungen betreffen zwar schon die nachpharaonische Zeit, sind bisweilen aber dennoch von einer gewissen Aussagekraft.

Aus den überlieferten Bilderzyklen sowie den genannten textlichen Quellen, gleich welcher Art, lässt sich ein Ablauf der Feierlichkeiten während des Bestattungsrituals rekonstruieren, das in mehreren Etappen vollzogen wurde (s. Abb. 1)

Aus: N. de Garis Davies, Paintings from the tomb of Rekh-mi-Rē‘ at Thebes (Publications of the Metropolitan Museum of Art: Egyptian expedition 10), New York 1935, Tf. XXIV

Abb. 1 Bilderzyklus zum Bestattungsritual (Grab des Rechmire / TT 100, 18. Dynastie).

1. Zunächst wird der Leichnam des Verstorbenen aus dem Sterbehaus gebracht und über den Nil auf das Westufer zum Reinigungszelt und danach zur Balsamierungsstätte („Gotteszelt des Anubis“) transportiert. Nach Abgabe des Leichnams wird ein Opferritual begangen. Die genaue Lage von Reinigungszelt und Balsamierungsstätte auf dem Westufer ist unbekannt, ihr Aussehen nur in Grundzügen zu erfassen. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass es sich dabei um temporäre Bauten handelte.

2. Es folgen Balsamierung (→ Mumie / Mumifizierung) und Nachtwache (zu beidem 2.1), die in den bildlichen Darstellungen zur Bestattung nur sehr selten aufgenommen werden und dann auch nur in Andeutungen erkennbar sind.

3. In den sich anschließenden Kultspielen werden symbolisch Schiffsfahrten zu heiligen Stätten z.B. in Sais, Buto und → Heliopolis nachgespielt, entweder in einem dafür vorgesehenen abgeschlossenen Bezirk als Prozession auf einem See o.ä. oder auch nur in Form von entsprechenden Rezitationen.

4. Die Prozession vom Bereich der Balsamierungsstätte zum Grab erfolgt mit Schlitten, auf denen der Sarkophag und die Kanopen transportiert und die von Rindern gezogen werden. In dem Zug wird zudem eine Tekenu genannte Gestalt mitgeführt, bei der es sich um ein Relikt ältester Bestattungstraditionen handeln dürfte. Dieser Zug zum Grab findet entgegen dem bisherigen Geschehen unter Beteiligung der Öffentlichkeit statt.

5. Die Riten am Grab umfassen zunächst das Ritual der Mundöffnung, das an der Mumie vollzogen und mit einem Schlachtopfer abgeschlossen wird (dazu 2.2). Am Grab werden außerdem Totenklagen vorgetragen und Liturgien („Verklärungen“) rezitiert, und es findet der sogenannte Tanz der Muu statt, die den Zug auch zuvor schon begleitet haben und in denen ebenfalls alte Gebräuche zum Ausdruck kommen dürften, wenngleich die genauen Inhalte bislang nicht geklärt sind. Im Anschluss an diese Feierlichkeiten werden Grabausstattung und Sarg in das Grab gebracht, und es wird die Sargkammer verschlossen.

6. Im Kontext einer Bestattung findet immer auch die sogenannte Abydosfahrt des Verstorbenen statt, deren Einbindung möglicherweise unterschiedlich erfolgen konnte. Auch bei ihr handelt es sich um eine symbolische Schiffsreise (dazu 2.3).

Die einzelnen Etappen des Bestattungsrituals sind unterschiedlich lang angelegt. Die Ankunft in der Balsamierungsstätte konnte durchaus einige Tage nach dem Tod erfolgen, die Überführung von der Balsamierungsstätte bis zur abschließenden Beisetzung fand an einem einzigen Tag statt. Das 70 Tage währende Bestattungsritual wurde demzufolge nahezu vollständig von dem Aufenthalt in der Balsamierungsstätte eingenommen und geprägt. Die Hälfte der dort verbrachten Zeit diente der eigentlichen Balsamierung, danach wurde die Bandagierung besorgt.

Ziel des Bestattungsrituals ist es, den Verstorbenen für seine ewig andauernde jenseitige Existenz vorzubereiten und den Übergang in das Jenseits erfolgreich zu gestalten. Dazu erfährt der Leichnam eine spezielle Behandlung, real wie auch symbolisch, die ihm beides garantiert. Innerhalb der Vorgänge des Bestattungsrituals machen die Balsamierung und die sie begleitenden Riten nicht nur zeitlich, sondern auch inhaltlich einen Schwerpunkt aus (2.1). Ebenso fällt das Mundöffnungsritual durch seine Umfänglichkeit heraus, in der sich auch seine Bedeutung widerspiegelt (2.2). Unter den übrigen Zeremonien hat es insbesondere das Ritual der Abydosfahrt zu einer gewissen Prominenz gebracht (2.3).

2.1. Das Balsamierungsritual

Eine Balsamierung (→ Mumie / Mumifizierung) menschlicher Körper ist in Ägypten seit frühdynastischer Zeit (ca. 3600 v.Chr.) nachweisbar, doch sind keine ägyptischen Texte bekannt, in denen die technischen Vorgänge im Detail beschrieben würden, desgleichen keine Darstellungen. Lediglich in Zusammenhang mit dem parallel laufenden Ritualgeschehen sind wir über einzelne Handlungen während der Balsamierung informiert. Erst die Berichte antiker Autoren (Herodot, Historien II 85-88, Diodorus Siculus I 91 u.a.) unterrichten zusammenhängend über die rein praktische Vorgehensweise bei der Behandlung des Leichnams und der Herstellung der Mumie. Neuere Untersuchungsmethoden ermöglichen zusätzliche Einblicke. Sie geben auch Auskunft darüber, in welcher Weise über die Zeiten hinweg Veränderungen bei der Behandlung vorgenommen wurden (Drenkhahn / Germer 2003, von Recklinghausen, in: Landesmuseum Württemberg 2007).

Auf der Grundlage dieser Quellen lassen sich mehrere Arbeitsschritte bei der Balsamierung ausmachen, die sich an die Überführung des Leichnams vom Sterbehaus zum Reinigungszelt und zur Balsamierungsstätte anschließt. Dabei werden dem Leichnam zunächst die inneren Organe entnommen, die später entweder wieder in den Körper gegeben oder in Kanopen getrennt beigesetzt wurden, und es wird der Körper mit Hilfe von Natron ausgetrocknet. Nach Reinigung und Salbung erfolgt der Aufbau zur Mumie, bei dem der Körper ausgepolstert und mit Binden umwickelt wird. Die Sarglegung beendet den Aufenthalt in der Balsamierungsstätte. Wie aufwendig die Behandlung jeweils ausfiel, hängt von der Epoche ab, in der sie stattfand, in erster Linie aber von den finanziellen Mitteln, die eingesetzt wurden oder werden konnten (Quack, in: Landesmuseum Württemberg 2007).

Ausgeführt wurden die einzelnen Arbeitsschritte von speziellem Personal („Ut-Priester“), mit denen Verträge abgeschlossen werden konnten. Ihnen steht der Sem-Priester zur Seite, der im Ritual die Rolle des Sohnes übernimmt. Seine spezielle Tracht ist ein Leopardenfell, das er umgelegt hat. Begleitet werden die Feierlichkeiten des Bestattungsrituals außerdem vom Vorlesepriester. Er ist für die Rezitationen zuständig, die er auf einer Papyrusrolle mit sich führt. Er ist mit Strähnenperücke und einer Schärpe über der Brust dargestellt.

Es sind vor allem Papyri späterer Epochen, in denen die Vorgänge während der Balsamierung – zumindest grob – beschrieben werden und auf Grund derer sich zugleich der rituelle Rahmen und die Deutungen der einzelnen Arbeitsschritte erschließen lassen („Balsamierungsritual“, Altenmüller 1975b, Assmann 2001, 39-53, Leitz, in: Landesmuseum Württemberg 2007, Meyer-Dietrich 2006, 65-72). Zwei (unvollständige) Abschriften eines Balsamierungsrituals mit insgesamt elf Kapiteln sind aus Pap.Boulaq 3 und Pap.Louvre 5158, beide römerzeitlich, bekannt (Sauneron 1952, Goyon 1972, Sternberg 1986-1991). Weitere Erkenntnisse lassen sich aus Pap.Vindob. 3873 gewinnen, der aus spätptolemäischer Zeit stammt und das Balsamierungsritual für einen der heiligen Apisstiere wiedergibt (Voss 1993). Nur einige wenige Abschnitte des Balsamierungsrituals sind in Gräbern oder auf Särgen bildlich dargestellt (Janot 2000, 27-29, Quack, in: Landesmuseum Württemberg).

Die erhaltenen Kapitel des Balsamierungsrituals geben kurze Anweisungen an den Balsamierer, was er zu tun hat („Danach werde sein Kopf mit feinstem Myrrhenöl gesalbt“), daran schließen sich liturgische Sprüche an, die zu den jeweiligen Handlungen rezitiert werden sollen. Sie bestehen aus Anrufungen an den Verstorbenen sowie aus Wünschen für ihn und der Versicherung, dass jegliches Handeln an ihm seinem Wohl dient.

„O Osiris, Myrrhe, die aus (dem Land des Weihrauchs) Punt gekommen ist, ist für Dich bestimmt, um Deinen Duft durch den Gottesduft angenehm zu machen, Ausfluss, der aus (dem Sonnengott) Re gekommen ist, ist für Dich bestimmt, um Dich wohlriechend zu machen …“.

Rein technisch gesprochen wird mit der Balsamierung der Prozess des Verfalls und der Zerstörung aufgehoben, dem der Körper des Verstorbenen ansonsten ausgesetzt wäre, und es wird der Körper in eine neue und unvergängliche Form gebracht. Dieser neuen, dauerhaften Erscheinungsform entspricht aber eine neue und dauerhafte Daseinsform, nämlich die als ehrwürdiger Verstorbener oder Ach („Verklärter“). Bildlicher Ausdruck dieser Daseinsform ist die Existenz als Osiris. Diese Überführung geschieht nun durch die Handgriffe und Vorgänge während der Balsamierung, zunächst durch die handwerklich-technische Aufbereitung des Leichnams, darüber hinaus aber auch durch die Rezitationen, die als eine Art sprachliche Behandlung aufgefasst werden können. Mit den „Verklärungen“ oder „Liturgien“ wird die Symbolik der einzelnen Handlungen verdeutlicht, indem die am Leichnam vollzogenen Tätigkeiten der irdischen Sphäre entzogen und in eine göttliche Welt transponiert werden, denn es wird in den rezitierten Texten auf Personen, Orte und Ereignisse zurückgegriffen, die in der Götterwelt angesiedelt sind und in der Welt der Mythen. Es werden also die realweltlichen Vorgänge, im Übrigen auch die benutzten Utensilien, mythologisch gedeutet und bewertet.

Schon bei der Überführung vom Sterbehaus zum Reinigungszelt und weiter zur Balsamierungsstätte wird der Leichnam des Verstorbenen von zwei Frauen begleitet, die als Isis und Nephthys auftreten, als Schwestern des Gottes → Osiris. Dies setzt sich fort. So ist zwar speziell ausgebildetes Personal an der Balsamierung beteiligt bzw. für deren korrekte Durchführung verantwortlich, doch werden diese wie auch weitere Personen nicht allein in ihrer jeweiligen Funktion gesehen, sondern nehmen die Rolle von Göttern wahr. Der Balsamierer selbst ist als → Anubis gedacht, der von Thot begleitet wird, Letzterer repräsentiert durch den Vorlesepriester, also den Zeremonienmeister.

Aus: Wikimedia Commons; © public domain; Zugriff 2.9.2008

Abb. 2 Anubis an der Mumie des Verstorbenen (Grab des Sennedjem; Theben, 19. Dynastie).

Die Witwe wird Isis gleichgestellt, der Nephthys zur Seite steht. Die Klagelieder der beiden begleiten die Balsamierung. Der Sohn, Beistand und Erbe wird als → Horus bezeichnet und erhält das Geleit der vier Horussöhne. Grundlage dieser Identifizierungen sind die im Osirismythos (→ Osiris) mitgeteilten Ereignisse: Die Tötung des Osiris und die Zerstörung des Leichnams durch seinen Bruder → Seth, der sich mit Osiris um die irdische Herrschaft streitet, die Klage der beiden Schwestern → Isis und → Nephthys und die Suche nach den Körperteilen des Osiris sowie deren Zusammenfügung, die Empfängnis von Horus, der späterhin als Beistand („Rächer“) seines Vaters auftreten wird, und die darauf begründete Rechtfertigung des Osiris: Er wird als Herrscher der Unterwelt eingesetzt, während Horus als Erbe und Nachfolger seine Herrschaft in der diesseitigen Welt antreten wird (zu Letzterem noch im Folgenden). Die einzelnen Stationen und vor allem auch Konstellationen des Osirismythos sind nun in die Vorgänge während des Balsamierungsrituals aufgenommen, wobei die erhaltenen Quellen sogar weit besser über die Ausdeutungen der Balsamierung informieren als über die technische Vorgehensweise.

Einen Höhepunkt während des Aufenthaltes in der Balsamierungsstätte bildet eine Stundenwache, die vermutlich in der Nacht direkt vor dem Tag der Beisetzung begangen wurde (Assmann 2001, 349-393). Diese Nacht steht in engem Zusammenhang bzw. entspricht dem Haker-Fest (Nachtwache des Osiris in → Abydos) bzw. dem Netjerit-Fest (Nachtwache für Sokar aus → Memphis). Die Texte zu diesen Feierlichkeiten können Auskünfte auch über den Inhalt dieser Nacht geben, insbesondere lässt sich eine genauere Kenntnis vom Ablauf der Nachtwache sowie der in ihr vollzogenen Riten und Rezitationen den ptolemäischen Tempeln entnehmen, in denen diese Zeremonie ebenfalls in Zusammenhang mit dem Osiriskult begangen wurde (Junker 1910). Die Totenliturgie zur Stundenwache ist zudem auf späten Papyri überliefert, doch findet sich bereits in den Sargtexten aus dem Beginn des Mittleren Reiches (ca. 2000 v.Chr.) die Erwähnung von drei Spruchfolgen („Totenliturgien“), für die eine Rezitation im Verlauf der Nachtwache angenommen werden kann (Assmann 2002 und 2008).

Zu den Riten dieser Nacht gehören Räucherung, Salben und Libationen, die stündlich vollzogen werden. Dazu werden von Isis und Nephthys bzw. entsprechenden Darstellerinnen Totenklagen vorgetragen, von dem Vorlesepriester Rezitationen. Sie richten sich an Schutzgottheiten der einzelnen Stunden, die das Eindringen des Seth in die Ruhestätte des Osiris verhindern sollen. Die Darstellung dieser Gottheiten kann auf Särge / Sarkophage oder auch die Wände der Sargkammer übernommen sein.

Hinter dem Geschehen in der Nacht vor der Beisetzung verbirgt sich die bereits angesprochene rituelle Rechtfertigung des Verstorbenen (= Osiris) gegenüber möglichen Feinden (= Seth). Osiris erhält in dieser Nacht seinen Herrschaftsanspruch zugesprochen, doch muss er vor seinen Feinden und ihrem Eindringen in seine Ruhestätte geschützt werden, da er dies auf Grund seines passiven Daseins selbst nicht vermag. Mit der Stundenwache wird so ein weiteres Mal der Übergang vorbereitet und gewährleistet, der real am folgenden Tag vorgenommen wird, und es wird der endgültige Tod, der dies unmöglich machen würde, verhindert. Der Beistand des Horus besteht darin, dass er seinen Vater Osiris in seinem Anspruch unterstützt, so dass dieser anerkannt wird und Osiris in seiner neuen Existenz und sogar als Herrscher der Unterwelt bestätigt wird. Der Verstorbene (als Osiris) wird in dieser Nacht ins Recht gesetzt, was (auch) mittels der Durchführung einer Gerichtsverhandlung geschieht. Späterhin wird diese Vorstellung der von dem Verstorbenen erworbenen moralischen Reinheit zusätzlich in der Idee des → Totengerichts umgesetzt (Seeber 1976).

Im Kontext der Nachtwache sind auch die Texte der Gliedervergottung angesiedelt, in denen einzelne Körperteile des Verstorbenen mit Gottheiten identifiziert werden (Beinlich 1984). Diese Texte bzw. ihre Inhalte sollen ebenfalls eine gewisse Schutzfunktion für den Verstorbenen ausüben und belegen zugleich die Funktionsfähigkeit der einzelnen Körperteile und damit des gesamten Körpers. Sie tragen darüber hinaus aber auch der neuen Seinsform als Gott Rechnung und symbolisieren die Vereinigung der Götterwelt in einem einzigen Körper, dem des Verstorbenen, der auf diese Weise auch als soziale Person wiederhergestellt wird.

Die Verwandlung in der Balsamierungsstätte und während der Balsamierung findet demzufolge auf zwei Ebenen statt, auf einer körperlichen, indem ein Leichnam zur Mumie und zum Abbild des Osiris gestaltet wird, und auf einer sozialen Ebene, indem aus einem Verstorbenen Amenophis ein „Osiris Amenophis“ wird und damit die Eigenschaften erhält, die (einst) auch Osiris erhalten hat. Beides aber, die Wiederherstellung der Unversehrtheit des Körpers (in Form der Mumie) und sein dauerhafter Erhalt wie auch die rituelle Verwandlung in Osiris, ist eine wichtige Voraussetzung dafür, wohlbehalten in die jenseitige Welt gelangen zu können und dort ewige Lebensfähigkeit zu besitzen. Diese Vorbereitung für den Übergang in die jenseitige Existenz zielt auf die Vereinigung mit der Götterwelt und insbesondere mit dem Toten- und Vegetationsgott Osiris sowie dem Sonnengott Re, um so deren Schicksal und Eigenschaften zu teilen, u.a. Mitfahrt in der Sonnenbarke, Abwehr feindlicher Kräfte sowie Bewegungs- und Handlungsfreiheit. Die Rezitationen verhelfen dem „normalen Sterblichen“, der wehrlos in die jenseitige Welt gelangt, zu diesem neuen Dasein als Herrschender. Damit kann die Behandlung in der Balsamierungsstätte nicht nur zeitlich als die längste Episode während der Bestattung angesehen werden, sondern inhaltlich auch als die bedeutsamste. Sie bildet die Grundlage für die noch folgenden rituellen Vorgänge und Verwandlungen.

Die Sarglegung schließt die Handlungen in der Balsamierungsstätte ab. Sie ist – das deutet die bildliche und textliche Ausstattung des Sarges an – (auch) als Rückkehr in den Mutterschoß gedacht, indem z.B. das Bild der Nut, der Mutter des Osiris, auf dem Deckel angebracht sein kann.

2.2. Das Mundöffnungsritual

Aus: Wikimedia Commons; © public domain; Zugriff 2.9.2008

Abb. 3 Mundöffnungsritual an der vor dem Grab aufgerichteten Mumie (Vignette aus dem Totenbuch des Hunefer; 19. Dynastie).

Nach Verlassen der Balsamierungsstätte und dem Begehen der diversen rituellen Schiffsfahrten des Verstorbenen und nachdem der Bestattungszug vor dem Grab angelangt ist, wird dort das sogenannte Mundöffnungsritual begangen (Otto 1960, Fischer-Elfert 1998, Assmann 2001, 409-431). Das in seinem Kern bereits sehr alte Ritual, das sich bis in das frühe Alte Reich zurückverfolgen lässt, wurde ursprünglich an einer Statue (also dem Abbild) des Verstorbenen vollzogen, späterhin dann auch an dessen Mumie (s. Abb. 3). Zweck des Rituals ist die Belebung von Statue bzw. Mumie.

Das umfangreichste Material, um sich die Vorgänge während der Mundöffnung zu vergegenwärtigen, liefern die thebanischen Privatgräber des Neuen Reiches, in denen die Abfolge von 75 Szenen oder Episoden in unterschiedlichem Umfang und in wechselnder Auswahl überliefert ist. Dabei sind die Szenen aus Elementen anderer Rituale zusammengefügt, wobei eine klare Zuweisung allerdings nicht möglich ist.

Aus: A.H. Gardiner / N.M. Davies, La peinture égyptienne ancienne (Art et archéologie), Paris III, 1953, o.S.

Abb. 4 Mumie des Verstorbenen vor seinem Grab (Grab des Nebamun und Ipuki / TT 181, 18. Dynastie).

Durchgeführt wird das Ritual wiederum von Vorlesepriester und Sem-Priester, der die Rolle des Sohnes einnimmt. Auch treten erneut Klagefrauen als Verkörperungen von Isis und Nephthys auf, des weiteren Handwerker. Zudem kommt eine Reihe von Werkzeugen zum Einsatz, u.a. um die Mundöffnung durchzuführen. In den Texten zum Mundöffnungsritual werden zudem verschiedene Schauplätze des Geschehens erwähnt (Goldhaus, Natronhaus, Opferhof und Kapelle), doch ist das Ritual wohl nur vor dem Grab vollzogen worden. Dort wurde – folgt man den Bilderzyklen – die Mumie zunächst mit dem Gesicht nach Süden und damit der Sonne und dem Sonnengott → Re zugewandt aufgestellt, und es wurden diverse Reinigungen und Räucherungen zelebriert (s. Abb. 4).

In einer Art Rückschau schließt sich dann die Schilderung der Statuenfertigung an, bevor die zentrale Handlung des Rituals, die Öffnung des Mundes, mit diversen Gerätschaften vorgenommen und noch ein weiteres Mal wiederholt wird. Begleitet wird die Mundöffnung von einem Schlachtopfer, das aus Schenkel und Herz eines Kalbes besteht. Nach Salbung, Reinigung sowie Ausstattung der Statue mit verschiedenen Insignien wird abschließend eine weitere Opferung vollzogen und eine Räucherung für Re.

Das Ritual hat zum Inhalt, dem Verstorbenen durch das Öffnen seines Mundes Lebensfähigkeit und wesentliche Grundvoraussetzungen wie Sprechen und Essen zu geben. Dazu hat man sich vor Augen zu führen, dass der Verstorbene durch die vorausgehende Balsamierung zwar eine körperliche Wiederherstellung erfahren hat, dass diese aber von einer Art ist, die ihm keinerlei Bewegungs- und Handlungsfreiheit erlaubt. Er ist zwar durch die Riten, die in der Balsamierungsstätte an ihm vollzogen wurden, nicht wehrlos, ganz im Gegenteil, durch die Binden, in die er gewickelt wurde, ist er aber auf ein passives Dasein reduziert. Dies hat bereits in der Balsamierungsstätte dazu geführt, dass er besonderen Schutz benötigte, nun geht es darum, seine eingeschränkten Bewegungs- und Handlungsmöglichkeiten aufzuheben. Dies geschieht u.a. durch die Trennung von → Ba („Seele“) und Körper. Während der Körper bzw. die Mumie, zu der er geworden ist, in das Grab gebracht wird, soll der Ba zum Himmel aufsteigen. Doch wird es ihm möglich sein, jederzeit zum Körper zurückkehren zu können. Die körperliche Vollständigkeit bleibt also gewahrt.

2.3. Das Ritual der Abydosfahrt

Aus: A. Mekhitarian, Ägyptische Malerei, Genf / Paris / New York 1954, 80

Abb. 5 Abydosfahrt des Verstorbenen (Grab des Menena / TT 69, 18. Dynastie).

Eine Fahrt nach → Abydos und von dort wieder zurück macht einen Teil der Feierlichkeiten aus, die während des Bestattungsrituals zelebriert wurden (Altenmüller 1975a, Assmann 2001, 402-405). Die Fahrt steht neben weiteren Schiffsreisen, die den Verstorbenen nach Sais, Buto und → Heliopolis führen sollen (s. zuvor), nimmt aber weit prominenteren Raum ein. Zumindest seit dem Ende des Alten Reiches (die Anfänge mögen abweichend motiviert gewesen sein) ist dies auf die Person des Gottes Osiris zurückzuführen, mit dessen Schicksal diese Schiffsreise verbunden wird: Hinter der Fahrt steht der Wunsch, an den Feierlichkeiten um den Gott Osiris teilzunehmen. Der Ort seiner Bestattung befindet sich in Abydos, und dort werden auch alljährlich Festspiele zu seinen Ehren abgehalten, die Tod und Wiederauferstehung des Gottes zum Thema haben.

Man wird davon ausgehen können, dass diese Abydosfahrt ursprünglich tatsächlich stattfand, und zwar für die vor- und frühdynastischen Herrscher vollzogen wurde, die aus dem dortigen Gebiet stammen. Auch in den Grabszenen vom Mittleren Reich bis in die Spätzeit hinein wird sie als real durchgeführte Schiffsreise dargestellt, doch muss man wohl annehmen, dass sie als Teil der Bestattungsfeierlichkeiten nur noch symbolisch begangen, eventuell auch nur in Form von Rezitationen dem Verstorbenen zugedacht wurde.

Der genaue Zeitpunkt, zu dem die Abydosfahrt innerhalb der Feierlichkeiten zur Bestattung unternommen wurde, und sei es auch nur symbolisch, ist schwierig auszumachen. Sie steht in engem Zusammenhang mit der Rechtfertigung des Verstorbenen (s. zuvor), wird aber in den Darstellungen in der Regel neben der Beisetzung abgebildet. Zudem scheint das Fest regelmäßig, d.h. einmal jährlich wiederholt worden zu sein.

3. Die Zeit nach der Beisetzung: Der Totenkult am Grab

Mit der Beisetzung ruht und „wohnt“ der Verstorbene in seinem Grab. Begründet in Totenglauben und Jenseitsvorstellungen erfordert aber auch die Zeit nach dem Tod eine umfassende Fürsorge für den Verstorbenen. Sie ist mit der Bestattung also keineswegs beendet, tritt aber in eine neue Phase.

Größe und Ausstattung ägyptischer Gräber sind bekanntermaßen ausgesprochen vielfältig. Während die einfachsten Beisetzungen (z.B. in Erdkuhlen) ohne weitere Vorbereitung geschehen sein dürften und für die Herstellung anderer Gräber die Zeit der Balsamierung ausgereicht haben sollte, erfolgte die Errichtung größerer Grabanlagen vor dem Tod und auf Veranlassung des späteren Grabbesitzers, konnte sich die Fertigstellung sogar noch weiter hinauszögern und Aufgabe der Nachkommen werden. Egal, in welcher Weise die Idee einer Ruhestätte des Verstorbenen nach seinem Tod ausgestaltet war, bleibt der Begräbnisplatz der Ort, an dem der Totenkult für den Verstorbenen vorgenommen wurde. Gleichwohl lassen sich die Anliegen der Nachwelt wie auch die Bedürfnisse des Verstorbenen in größeren Grabanlagen weitaus besser nachvollziehen. Sie halten in ihren Bildern und Inschriften die Erinnerung an den Verstorbenen wach und geben damit den Hinterbliebenen und den nachkommenden Generationen die Möglichkeit, sich seiner zu erinnern und ihn im Gedächtnis zu behalten.

Aus: A.H. Gardiner / N.M. Davies, La peinture égyptienne ancienne (Art et archéologie), Paris III, 1953, o.S.

Abb. 6 Versorgung des Verstorbenen durch die Baumgöttin (Grab des Userhat / Theben, 19. Dynastie).

Des weiteren verdeutlicht das Dekorationsprogramm in den Gräbern das Anliegen des Verstorbenen nach ewig währender Versorgung. Dies kommt z.B. in den Opferlisten zum Ausdruck, in denen die Gaben für den Verstorbenen (listenartig) aufgeführt sind, oder in den Szenen, in denen die Versorgung des Grabherrn vor einem reich beladenen Speisetisch sitzt (s. Abb. 7, daneben aber auch in den beigefügten Texten).

Aus: A.H. Gardiner / N.M. Davies, La peinture égyptienne ancienne (Art et archéologie), Paris III, 1953, o.S.

Abb. 7 Der Verstorbene mit seiner Frau vor dem Opfertisch (Grab des Djehuti, 18. Dynastie).

Beide dem Grab bereits innewohnenden Gesichtspunkte, das Gedenken an den Verstorbenen wie auch seine Versorgung im Jenseits, werden nun durch realweltliche Vorgänge unterstützt und im Totenkult ausgelebt. Das Grab bewahrt also nicht nur den Leichnam des Verstorbenen, sondern ist darüber hinaus auch ein Ort, dessen vordere Bereiche betreten werden können und als Kulisse für bestimmte Kulthandlungen dienten – der eigentliche Bestattungstrakt bleibt unzugänglich. Der Wunsch des Verstorbenen, seiner zu gedenken und für ihn eine Opfergabe zu deponieren, kann auch an alle Besucher des Grabes gerichtet sein („Anruf an die Lebenden“), doch ist davon abgesehen der Totenkult eine Angelegenheit der Familie (dazu noch im Folgenden). Dabei geschieht der Kult, der am Grab betrieben wird und in dessen Mittelpunkt der Verstorbene steht, auf zweierlei Weise, nämlich zum einen durch einen täglichen Opferkult (3.1) sowie zum anderen durch einen Festkult, der im Rahmen von Totenfesten begangen wurde (3.2). Beides ist Totenritus und Trauerritus gleichermaßen, d.h. es kommt zwar der Verstorbene in den Genuss bestimmter Zuwendungen, der Kult gibt aber auch den Nachkommen die Gelegenheit, ihre Trauer auszuleben.

3.1. Der tägliche Totenkult

Der täglich am Grab und für den Verstorbenen vollzogene Totenkult (Assmann 2001, 285ff.) umfasst das Niederlegen von Nahrung und Getränken sowie das Rezitieren von Gebeten mit Wünschen für den Verstorbenen. Es wird also der bildlichen und textlichen Ausstattung des Grabes eine reale Ausstattung zur Seite gestellt, indem mit diesen Ritualen am Grab nach der Beisetzung zum einen die leibliche Versorgung des Verstorbenen gewährleistet wird, zum anderen aber auch das Andenken der Nachkommen an den Verstorbenen, der mit diesem Gedenken weiter im Gedächtnis seines sozialen Umfeldes eingebunden bleiben soll.

Für die Zwecke des Totenkultes existiert im Grab ein zugänglicher (oberer) Bereich, denn es setzt dieser am Grab vollzogene Totenkult eine gewisse Form der Kommunikation zwischen Lebenden und Verstorbenen voraus. Wie bereits zuvor angedeutet (s. 2.2), ist dem Verstorbenen nach altägyptischem Totenglauben ein Leben im Jenseits in uneingeschränkter Beweglichkeit und Handlungsfähigkeit ganz nach seinen Wünschen gegeben, ermöglicht durch die Vorstellung eines Ba („Seele“), der die im Grab ruhende Mumie jederzeit verlassen, aber stets auch wieder zu ihr zurückkehren kann. Dieses Dasein im Jenseits beinhaltet auch die Vorstellung eines Kontaktes zwischen Lebenden und Verstorbenen. Eine äußere Form findet diese Vorstellung z.B. in der schon früh belegten „Scheintür“. Auch durch sie vermag der Verstorbene (als Ka „Seele“) seine Ruhestatt zu verlassen. Er schreitet heraus, um die vor der Scheintür abgelegten Opfergaben in Empfang zu nehmen.

An sich ist es Aufgabe der Familienangehörige und insbesondere des (ältesten) Sohnes, diesen täglichen Kult am Grab und damit einen Opferkult bis in alle Ewigkeit zu garantieren. Er tritt als Erbe des Verstorbenen an. Es bleiben also die bereits im Vorfeld der Beisetzung tragenden Konstanten im rituellen Geschehen auch beim späteren Totenkult von Bedeutung. In der Regel werden die Verpflichtungen des täglichen Totenkultes indes an Priester delegiert, die für das Ablegen der Opfergaben und das Rezitieren von Gebeten für den Verstorbenen von der Familie bezahlt werden. Allerdings ist der Totenkult für den Einzelnen ohnehin nicht als reine Familienangelegenheit aufzufassen, sondern muss (auch) als Bestandteil der offiziellen Religion gesehen werden. Dies ist in der Auffassung begründet, dass grundsätzlich Pharao als oberster Herr der Opfer zu gelten hat, was in der regelmäßig verwendeten „Opferformel“ zum Ausdruck gebracht wird („Ein Opfer, das der König gibt, …“). Entsprechend wird das Opfer an den Grabanlagen in einen sogenannten Opferumlauf eingebunden: Die täglichen Opfergaben werden zunächst zu den Tempeln gebracht und wandern dann durch die einzelnen Grabanlagen. Die rituelle Niederlegung von Opfergaben in den einzelnen Gräbern ist demzufolge in einen Kultablauf eingebunden, der offiziellen Charakter besitzt. In diesen Abläufen begründet traf der Totenkult daher auch auf eine mit der Zeit immer ausgefeiltere Organisation des Nekropolenwesens (Quack, in: Landesmuseum Württemberg 2007). Weniger deutlich wird der offizielle Charakter bei den Rezitationen, die zu jedem Totenkult dazugehören, indem sie die abgelegten Gaben ausdeuten. Von diesen beim Kultvollzug zu rezitierenden Sprüchen sind durch die präventive Niederschrift in den Gräbern und auf Stelen eine Vielzahl von Texten erhalten.

3.2. Der Totenkult im Fest

Die Vorstellung, im Grab eine Stätte der Begegnung zu sehen, wird in weiteren Kulthandlungen, die für den Verstorbenen nach seinem Tod zelebriert wurden, umgesetzt. Sie fanden im Rahmen von Festen statt, anlässlich derer die Nachkommen zur Nekropole zogen und das Grab des Verstorbenen besuchten (Assmann 2001, 285-318, Assmann 2005, 36-48). Ob es bei der großen Zahl von Festen, die während sämtlicher Epochen gefeiert wurden, tatsächlich solche gab, die allein für die Verstorbenen gefeiert wurden, darf bezweifelt werden. Gleichzeitig muss aber nicht jedes Fest zwingend auch ein Fest für den Verstorbenen gewesen sein, vielmehr scheinen Besuche am Grab des Verstorbenen in solche Feierlichkeiten eingebunden worden zu sein, die mit Speisungen einhergingen. So hatte der Verstorbene sicher am Fest des jeweiligen Stadtgottes teil und an den Hauptfesten, die in den religiösen Zentren des Landes gefeiert wurden. Darüber hinaus existierten Feste, die nur in bestimmten Epochen oder in lokaler Ausprägung begangen wurden.

Anlässe, des Verstorbenen zu gedenken, boten insbesondere Osirismysterien oder Sokarfest mit ihren Prozessionen, bei denen der Gott dem Menschen „erscheint“. Eine besondere Gelegenheit zur Begegnung zwischen Lebenden und Verstorbenen stellte in Theben das „Schöne Fest vom (Wüsten-)Tal“ dar, das spätestens seit dem Mittleren Reich einmal jährlich als Totenfest stattfand. In seinem Ursprung handelt es sich dabei um ein Fest für den Gott → Amun von Karnak, der einmal im Jahr zu Land und zu Wasser auszog, um die Götter der thebanischen Westseite zu besuchen. Die Feierlichkeiten während dieses Festes erfuhren über die Zeiten hinweg eine Ausweitung, u.a. durch die Einbeziehung der königlichen Totentempel als Haltepunkte und durch die Aufnahme weiterer Gottheiten wie → Mut und → Chons in die Prozession. Inhalt dieses Festes ist es, Amun zu sehen, ihm zu folgen und an seinen Opfern teilzunehmen. Die Bilder und Inschriften in Privatgräbern des Neuen Reiches zeigen, dass auch im Rahmen dieses Festes die Gräber der Vorfahren besucht wurden und dass im Grab ein Gastmahl von Lebenden in Gemeinschaft mit den Verstorbenen veranstaltet wurde.

© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 8 Musikantinnen und Tänzerinnen (Grab des Rechmire / Theben, 18. Dynastie).

Auch bei diesen Besuchen am Grab anlässlich von Festen und bei dem damit einhergehenden Totenkult steht die Versorgung des Verstorbenen mit Opfergaben einerseits und Liturgien andererseits im Vordergrund. Es nimmt mit der Zeit aber der Gedanke der Begegnung und des Beieinanderseins einen immer größer werdenden Raum ein, und es wird der Gedanke der „Rückkehr“ des Verstorbenen immer mehr in den Vordergrund gestellt. In der zweiten Hälfte der 18. Dynastie wird diese Verschiebung deutlich wahrnehmbar, da sie in zahlreichen Szenen von Privatgräbern der Zeit umgesetzt wurde. Es geht nun nicht mehr darum, dem Verstorbenen eine Mahlzeit im Jenseits zu zelebrieren, sondern es findet nun ein Gastmahl im Diesseits statt, an dem der Verstorbene zusammen mit seinen Angehörigen und der Dienerschaft teilnimmt. Es wird getanzt und Musik gemacht, und es wird ausgiebig getafelt („Sakralisierung des Diesseits“ – s. Abb.8). Für die Dauer dieses Gastmahls und des Festes sind die Grenzen und die Gegensätze zwischen Diesseits und Jenseits, zwischen Lebenden und den bereits Verstorbenen aufgehoben bzw. sie werden durchlässig, der Verstorbene wird in das Festgeschehen mit einbezogen. Da diese Feste als Gelegenheit zur Begegnung gedacht sind, sind die Feierlichkeiten nicht allein Totenriten, also für den Verstorbenen vollzogener Kult, sondern bieten zugleich auch wieder den Hinterbliebenen die Möglichkeit, mit ihrer Trauer umzugehen, sind zugleich also Trauerriten (Kucharek, in: Assmann 2007).

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

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Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Bilderzyklus zum Bestattungsritual (Grab des Rechmire / TT 100, 18. Dynastie). Aus: N. de Garis Davies, Paintings from the tomb of Rekh-mi-Rē‘ at Thebes (Publications of the Metropolitan Museum of Art: Egyptian expedition 10), New York 1935, Tf. XXIV
  • Abb. 2 Anubis an der Mumie des Verstorbenen (Grab des Sennedjem; Theben, 19. Dynastie). Aus: Wikimedia Commons; © public domain; Zugriff 2.9.2008
  • Abb. 3 Mundöffnungsritual an der vor dem Grab aufgerichteten Mumie (Vignette aus dem Totenbuch des Hunefer; 19. Dynastie). Aus: Wikimedia Commons; © public domain; Zugriff 2.9.2008
  • Abb. 4 Mumie des Verstorbenen vor seinem Grab (Grab des Nebamun und Ipuki / TT 181, 18. Dynastie). Aus: A.H. Gardiner / N.M. Davies, La peinture égyptienne ancienne (Art et archéologie), Paris III, 1953, o.S.
  • Abb. 5 Abydosfahrt des Verstorbenen (Grab des Menena / TT 69, 18. Dynastie). Aus: A. Mekhitarian, Ägyptische Malerei, Genf / Paris / New York 1954, 80
  • Abb. 6 Versorgung des Verstorbenen durch die Baumgöttin (Grab des Userhat / Theben, 19. Dynastie). Aus: A.H. Gardiner / N.M. Davies, La peinture égyptienne ancienne (Art et archéologie), Paris III, 1953, o.S.
  • Abb. 7 Der Verstorbene mit seiner Frau vor dem Opfertisch (Grab des Djehuti, 18. Dynastie). Aus: A.H. Gardiner / N.M. Davies, La peinture égyptienne ancienne (Art et archéologie), Paris III, 1953, o.S.
  • Abb. 8 Musikantinnen und Tänzerinnen (Grab des Rechmire / Theben, 18. Dynastie). © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

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