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Lexikon

Todesschatten

Stefan Fischer

(erstellt: April 2013)

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Der traditionell mit Todesschatten übersetzte Begriff צַלְמָוֶת ṣalmāwæt sollte mit Begriffen des Wortfeldes „Finsternis / Dunkelheit / Düsternis / Stockfinsteres“ wiedergegeben werden. Nur gelegentlich klingen Vorstellungen des Todes bzw. des Totenreiches an.

1. Belege

צַלְמָוֶת ṣalmāwæt findet sich in der Hebräischen Bibel 18-mal und zwar stets im Singular. Alle Belege haben einen weisheitlichen Kontext und gehören zur poetischen (Ps 23,4; Ps 44,20; Ps 107,10.14; Hi 3,5, Hi 10,21. 22; Hi 12,22; Hi 16,16; Hi 24,17 (2x); Hi 28,3; Hi 34,22; Hi 38,17) oder prophetischen Literatur (Jes 9,1; Jer 2,6; Jer 13,16; Am 5,8).

2. Etymologie

Bei צלמות ṣlmwt handelt es sich wohl um ein Abstraktnomen, das eigentlich צַלְמוּת ṣalmût zu vokalisieren ist und „Dunkelheit / Finsternis“ bedeutet. Es kommt von der Wurzel צלם ṣlm II, die zwar im Hebräischen nicht belegt ist, aber in anderen semitischen Sprachen (vgl. z.B. ugaritisch ẓlmt und arabisch ẓulma „Dunkelheit“). Demgegenüber deuten die → Septuaginta (σκιὰ θανάτου skia thanatou), der Targum (טולא דמותא ṭwl’ dmwt’) und die masoretische Vokalisierung (צַלְמָוֶת ṣalmāwæt) צלמות ṣlmwt als ein Kompositum aus צֵל ṣel „Schatten“ und מָוֶת māwæt „Tod“, so dass sich die Bedeutung „Schatten des Todes“ ergibt. Dem entspricht die deutsche Übersetzung „Todesschatten“. Angesichts ihres Alters ist diese Deutung in der Interpretationsgeschichte zu berücksichtigen, auch wenn sie etymologisch falsch ist.

In einzelnen Texten (2Sam 22,5.6; Ps 18,5.6) kann hinter dem Wort מָוֶת māwæt, das synonym zur Scheol verwendet werden konnte, der kananääisch-ugaritische Gott Mot angenommen werden (Winton Thomas, 123), so dass es sich um eine Personifikation des Todes handelt (vgl. Hos 13,14; 1Kor 15,55) und dessen Herrschaftsbereich anklingt (vgl. Jes 16,8 שַׁדְמוֹת šadmōt als Verschreibung von „Felder des Mot“). Eine räumliche Vorstellung von מָוֶת māwæt scheint dort bewahrt worden zu sein, wo von den „Toren des Todesschattens“ (Hi 38,17) die Rede ist.

3. Semantische Felder

3.1. Finsternis. צַלְמָוֶת ṣalmāwæt ist stets negativ konnotiert und tritt oft mit anderen Begriffen aus dem Wortfeld Licht und Dunkelheit auf, häufig mit חֹשֶׁךְ ḥošækh „Finsternis“. Die beiden Begriffe werden im Parallelismus verwendet (Hi 12,22; Hi 34,22; Jes 9,1) oder drücken als Hendiadyoin „Finsternis und Dunkel“ verstärkend „tiefste Finsternis“ (Hi 3,5; Hi 10,21; Ps 107,10.14) und als Gegensatz von „Licht“ starke „Dunkelheit“ (Hi 24,17; Jer 13,16; Jes 9,1; Am 5,8) aus. Dabei ist צַלְמָוֶת ṣalmāwæt dem Begriff חֹשֶׁךְ ḥošækh „Finsternis“ ebenso nachgeordnet wie andere Wörter für das Dunkel (עֲרָפֶל ‘ărāfæl; אֹפֶל ’ofæl), denen צַלְמָוֶת ṣalmāwæt jedoch voranstehen kann (Jer 13,16).

3.2. Lava. צַלְמָוֶת ṣalmāwæt kann für die „Lava“ stehen (Wolfers, 275), die durch einen Vulkanausbruch aus dem dunklen Erdinneren an die Oberfläche gebracht wurde (Hi 28,3). Der Begriff charakterisiert eine lebensbedrohende undurchdringbare, wüste, dunkle (vgl. Jer 2,31) Steppe. Er wird alliterierend in einem Atemzug mit „Dürre“ (צִיָּה ṣijjāh) genannt (Jer 2,6). Diese Charakterisierung lässt auch den Ort der Schakale (Ps 44,20) als Ort der Wüste und damit auch des Todes erfassen.

3.3. Augenfärbung. In einem vom Weinen geröteten Gesicht beschreibt es die dunkle Färbung der Augenpartie (Hi 16,16).

3.4. Ort der Bedrohung. Das „finstere Tal“ in Ps 23,4 ( גֵּיא צַלְמָוֶת gê’ ṣalmāwæt) ist nicht nur ein stockfinsterer und einsamer Ort, sondern vor allem ein Ort der Bedrohung durch das Böse. Ein direkter Bezug zum individuellen Sterben liegt im masoretischen Text von Ps 23,4 nicht vor, kommt aber in der Septuaginta durch die Deutung von צַלְמָוֶת ṣalmāwæt als „Schatten des Todes“ ins Spiel. Entsprechendes gilt für die Finsternis bzw. die tödliche Bedrohung, der Gefangene ausgesetzt sind (vgl. Ps 107,10.14.16; Jes 45,2b). Der finstere Ort kann auch das Land ohne Wiederkehr und Ordnung, das Totenreich sein (Hi 10,21.22). Bildlich beschreibt Hi 38,17 den Eingang zum Totenreich als „Tore des Todes und Tore der Finsternis (צַלְמָוֶת ṣalmāwæt)“. Hierbei handelt es sich um eine Kompositmetapher, in der Tod und Finsternis so miteinander verbunden werden, dass צַלְמָוֶת ṣalmāwæt als Dunkelheit des Abgrunds zum Bildspender für den Bildempfänger Tod wird. Insofern klingt hier die Vorstellung von einem Totenreich unter der Erdoberfläche an (Jes 38,10), die sich auch im Neuen Testament findet (Mt 16,18; vgl. Apk 1,18).

4. Septuaginta

Die → Septuaginta übersetzt צלמות ṣlmwt zwölfmal mit σκιὰ θανάτου skia thanatou „Todesschatten“ (Ps 23,4; Ps 44,20; Ps 107,10.14; Hi 3,5; Hi 12,22; Hi 24,17 (2x); Hi 28,3; Jes 9,1; Jer 13,16; Am 5,8). Zusätzlich verwendet sie diesen Ausdruck in Ps 88,7, wo sie statt מצולה mṣlh „Tiefe“ צלמות ṣlmwt gelesen oder dazu korrigiert hat.

In den anderen Belegstellen von צלמות ṣlmwt konkretisiert die LXX jeweils auf den Kontext hin und löst die Metapher auf. Die Dunkelheit der Augenlieder (Hi 16,16) beschreibt sie mit σκιὰ skia „Schatten“. Das Totenreich, das der hebräische Text mit der „Dunkelheit der Finsternis“ (אפל צלמות ’pl ṣlmwt) vergleicht, bezeichnet die LXX als „Land ewiger Finsternis“ Hi 10,22). Die Metapher von Finsternis und Dunkelheit als Zufluchtsort vor dem Sterben wird in Hi 34,22 aufgelöst zu „und es gibt keinen Ort des Verbergens“ (οὐδὲ ἔσται τόπος τοῦ κρυβῆναι oude estai topos krubēnai). In der Wüstenbeschreibung (Jer 2,6) wird die Metapher der Dunkelheit des Landes zu „unfruchtbares Land“ (γῇ ἀκάρπῳ γē akarpō) aufgelöst. „Tore der Finsternis“ (שׁערי צלמות š‘rj ṣlmwt), ein paralleles Pendant zu „Tore des Todes“ wird in Hi 38,17 durch Torhüter des Hades / des Totenreichs (πυλωροὶ δὲ ᾅδου pulōroi de adou) konkretisiert.

Die Rede von den „Bewohnern der Finsternis ( צלמות ṣlmwt)“ in Jes 9,1 ist über die neutestamentliche Adaption im Lobgesang des Zacharias „um denen zu leuchten, die in Finsternis und Todesschatten sitzen“ (ἐπιφᾶναι τοῖς ἐν σκότει καὶ σκιᾷ θανάτου καθημένοις epiphanai tois en skotei kai skia thanatou katēmenois; Lk 1,79) auch in Oden 9,79 gelangt (→ Oden).

5. Qumran

Drei Belege von צלמות ṣlmwt finden sich in Bibeltexten von Qumran (Jes 9,1: 1QIsaa VIII,19; Ps 23,4: 5/6Hev1b 10-12,3; Ps 107,14: 4Q88 II,18). In einem nicht-biblischen Text schließen sich die Gegner des Beters mit „Finsternis“ ein (1QH 5,33). 4Q 509, 183,3 ist so fragmentarisch, dass hier nur das Wort belegt ist. Ferner kann 4Q521 frgs. 5+7 col.2 herangezogen werden. Dort heißt es, dass er (Gott) „das Tal der Toten und die Brücke der Tiefe“ öffnen wird (Elledge, 112.127). Hier klingen frühjüdische apokalyptisch-messianische Erwartungen und Unterweltsvorstellungen an. Da vom Tal des Todes gesprochen wird, könnte Ps 23,4 aufgenommen worden sein.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Theologisches Wörterbuch zum Alten Testament, Stuttgart u.a. 1973ff

2. Weitere Literatur

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  • Winton Thomas, D.,1968, Some Further Remarks on Unusual Ways of Expressing the Superlative in Hebrew, VT 18, 120-124.
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