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Lexikon

Tigris

1. Name

© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 1 Mesopotamien, das Gebiet des heutigen Iraks, liegt zwischen den großen Flüssen Euphrat und Tigris.

Der Tigris wird in der hebräischen Bibel Ḥiddeqel (חִדֶּקֶל Ḥiddæqæl) genannt. Der sumerische Name lautete IDIGNA (vielleicht „Lazuli Fluss“ nach Heimpel 1987, 51 Anm. 92) und der akkadische Idiqlat bzw. Diqlat, worauf der hebräische Name zurückzuführen ist. In der griechischen Überlieferung ist der Fluss als Τίγρης Tigrēs, später Τίγρις Tigris bezeugt, was aus der altpersischen Form Tigrâ abgeleitet ist. Die geläufige lateinische Bezeichnung war Tigris.

2. Biblische Überlieferung

Der Fluss Ḥiddeqel ist zusammen mit dem Gihon dem → Pischon und dem → Euphrat einer der vier Flüsse des Stromes, der aus dem Garten → Eden herausfloss (→ Paradieserzählung). Er wird an dritter Stelle vor dem Euphrat genannt und als derjenige bezeichnet, der östlich von Assur fließt (Gen 2,14). Die zweite Erwähnung des Ḥiddeqel in der hebräischen Bibel kommt im Buch → Daniel vor, als dieser nach drei Wochen Kasteiung am 24. Tag des ersten Monats am Ufer des Tigris weilt, der als eine große Strömung beschrieben wird (Dan 10,4). Am Fluss hat er die Vision von einem mit Leinen bekleideten Mann (Dan 10,5-7).

Darüber hinaus wird der Tigris im Buch → Jesus Sirach in einem Vergleich erwähnt: Der Herr sei so voll von Weisheit, wie der Tigris im Frühlingshochwasser (Sir 24,25-26 [Lutherbibel: Sir 24,34-35]). In derselben Passage werden weitere metaphorische Vergleiche mit den Flüssen Pischon, Euphrat, Jordan und Gihon gemacht (Sir 24,25-27). Im Buch → Tobit verbringen Tobia und der Engel Rafael, der ihn auf der Reise nach Ekbatana begleitet, die Nacht am Ufer des Tigris (Tob 6,2). Als Tobia in ihm seine Füße in badet, versucht ein Fisch, diese zu verschlingen, doch kann der Junge ihn an Land werfen (Tob 6,3-6). Im Buch → Judit werden die Leute am Tigris, Euphrat und Hydaspes zu denen gezählt, die → Nebukadnezar Heeresfolge im Kampf gegen die Meder leisten (Jud 1,6).

Im → Jubiläenbuch wird der Tigris zwei Mal erwähnt: Ham, einer der Söhne von Sem, erhält das Gebiet östlich des Tigris (Jub 9,2), während ein anderer Sohn, Aram, die Region zwischen Tigris und Euphrat bekommt (Jub 9,5).

3. Verlauf und Gefälle

Der Tigris ist zusammen mit dem Euphrat Wesensmerkmal einer Region, die in der Literatur nach der griechischen Bezeichnung Mesopotamien („zwischen den Flüssen“) genannt wird, nämlich das Zweistromland, das die heutigen Länder Irak, Kuwait, Syrien sowie die südöstliche Türkei und den Westiran umfasst. Der Tigris entsteht im türkischen Hochplateau etwa 2000 m über dem Meeresspiegel durch die Vereinigung zweier Flüsse, des westlichen Ergani-Su und des östlichen Dibni-çay. Die Assyrer hielten den Letztgenannten – eigentlich die Stelle, an der dieser Fluss aus einem Berg ca. 25 km nördlich von Lice herausströmt – für die Tigrisquelle (Schachner). Heute wird dagegen der Ergani-Su als eigentlicher Quellfluss betrachtet. In seinem ca. 1950 km langen Weg in südöstliche Richtung, von den südlichen Taurusketten bis zum Arabischen Golf, fließt der Tigris durch sehr unterschiedliche Regionen, die sein Gefälle – und dadurch seine Macht – stark beeinflussen. In der Türkei fließt er durch tiefe Täler mit einem durchschnittlichen Gefälle von 1:500. Im nördlichen Irak läuft der Tigris durch das Vorland des Zagrosgebirges mit einem sanfteren Gefälle von 1:1500 und erreicht Mosul auf einer Höhe von 210 m. Südlich von Samarra erreicht der Fluss die Alluvialebene und mäandriert mit einem äußerst flachen Gefälle von 1:15000 (südlich von Bagdad), wodurch auch Marschlandschaften entstehen. In seiner letzten Strecke bildet der Tigris zusammen mit dem Euphrat den Šaṭṭ al-ʽArab, der in den Arabischen Golf mündet. Kurz vor der Vereinigung beider Ströme beträgt das Gefälle nur 1:30000. Das extrem flache Gefälle, die Überschwemmungen und die Ablagerung von Sedimenten verursachten in der Antike häufige Veränderungen des Flussbetts sowie die Entstehung von Nebenarmen. Trotz einiger Rekonstruktionsversuche bleibt der Verlauf des antiken Flussbetts für die jeweiligen Epochen noch unklar (Cole / Gasche; Gasche; Steinkeller; Heimpel 1990). Die meisten Nebenflüsse strömen von Osten aus den kurdischen Bergen und dem Zagrosgebirge herab und sind von Norden nach Süden der Ḫābūr, der Ḫōṣar, der Obere und Untere Zab, der Nahr al-ʻUẓaim und der Diyālā. Unter den westlichen Nebenflüssen ist der Sufan-çay zu nennen. Gefälle und Nebenflüsse bestimmen einen extrem variablen Wasserfluss, sowohl in unterschiedlichen Strecken, wie auch von Jahr zu Jahr. In Mosul zum Beispiel ergeben sich durchschnittliche jährliche Wassermengen von 200 qm/sec bis 900 qm/sec. Bei Bagdad beträgt der durchschnittliche Durchfluss etwa 1236 qm/sec, aber zur Zeit des Frühlingshochwassers (März / April) kann sich die Wassermenge verzehnfachen. Der Tigris war der wichtigste Fluss im Kernland Assyriens, an dessen Ufer die meisten assyrischen Hauptstädte lagen: Ninive, Kalhu und Kār-Tukultī-Ninurta am linken Ufer und Assur am rechten Ufer.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Paulys Real-Encyclopädie der classischen Alterthumswissenschaft, Stuttgart 1894-1972
  • Reallexikon der Assyriologie und vorderasiatischen Archäologie, Berlin 1928ff
  • The Anchor Bible Dictionary, New York 1992
  • The Oxford Encyclopedia of Archaeology in the Near East, Oxford / New York 1997

2. Weitere Literatur

  • Cole, S. / Gasche, H., 1998, Second- and First-Millennium Rivers in Northern Babylonia, in: H. Gasche / M. Tanret (Hgg.), Changing Watercourses in Babylonia, Ghent-Chicago, 1-64.
  • Gasche, H. u.a., 2002, Fleuves du temps et de la vie: permanence et instabilité du réseau fluviatile babylonien entre 2500 et 1500 avant notre ère, Annales 57, 531-544.
  • Heimpel, W., 1987, Das Untere Meer, ZA 77, 22-91.
  • Heimpel, W., 1990, Ein zweiter Schritt zur Rehabilitierung der Rolle des Tigris in Sumer, ZA 80, 204-213.
  • Schachner, A., 2009, Assyriens Könige an einer der Quellen des Tigris. Archäologische Forschungen im Höhlensystem von Bırkleyn und am sogenannten Tigris-Tunnel, Tübingen.
  • Steinkeller, P., 2001, New Light on the Hydrology and Topography of Southern Babylonia in the Third Millennium, ZA 91, 22-84.

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Mesopotamien, das Gebiet des heutigen Iraks, liegt zwischen den großen Flüssen Euphrat und Tigris. © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
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