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Lexikon

Tell

Andere Schreibweise: Tel

Dieter Vieweger

(erstellt: Febr. 2006)

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1. Der Begriff „Tell“

© Dieter Vieweger

Abb. 1 Luftaufnahme von Tell Zerā‛a (von West nach Ost im Frühjahr 2005 aus einem Ballon).

Tell (arabisch Tell; hebräisch Tel) ist ein semitisches Wort, das ‚Ruinenhügel’ bedeutet. Der Begriff ist im Nahen Osten die gebräuchliche Bezeichnung für einen Siedlungshügel, der aus übereinander geschichteten Resten vergangener Ansiedlungen besteht. Der Begriff Chirbe steht dagegen für eine Ortslage mit nur einer oder wenigen Kulturschichten (Strata). Doch wird diese Unterscheidung weder in der heutigen Archäologie konsequent durchgeführt noch in aktuellen arabischen und israelischen Ortsnamen, die vielfach mit Tell (arab.) / Tel (hebr.) oder Chirbet (arab.) / Chorbat (hebr.) beginnen. In Anatolien werden die Begriffe „Tepe“ oder „Hüyük“ für das gleiche Phänomen verwendet.

2. Das Aufkommen befestigter Städte

Nicht immer wohnten die Menschen in Palästina dort, wo wir heute Tells im Landschaftsbild sehen oder diese in historischen Atlanten eingezeichnet sind. Die Menschen haben sich in diesem Gebiet ihren unmittelbaren Lebensraum nie völlig frei auswählen können. Siedlungen und Lagerplätze brauchten stets ausreichend Wasser, Weideland für die Tiere, landwirtschaftliche Nutzflächen und eine mehr oder weniger gute Anbindung an die Verkehrswege ihrer Zeit. So entstanden viele Siedlungen in den fruchtbaren Ebenen oder an den Ufern von Wadis. Doch seit der Frühen Bronzezeit (Ende des 4. Jahrtausends) mussten die palästinischen Siedlungsplätze neben ihrer vorteilhaften Lage und ihrem mehr oder weniger vorhandenen natürlichen Schutz auch eine Ummauerung oder eine ähnliche Sicherung bieten. Palästina war angesichts der aufblühenden wirtschaftlich-kulturellen Gunsträume Mesopotamien und Ägypten zu einem ‚Durchgangsgebiet’ mit wechselnden Macht- und Herrschaftsansprüchen geworden. Daher entwickelten sich in Palästina während der Frühen Bronzezeit zwangsläufig viele geopolitisch privilegierte Ortslagen zu ummauerten städtischen Ansiedlungen. Auf einige von ihnen wurden bis in die zweite Hälfte des 1. Jahrtausends v. Chr. so viele Nachfolgesiedlungen gebaut, dass daraus Tells entstanden.

3. Die Entstehung eines Tells

Aus: D. Vieweger, Archäologie der Biblischen Welt (UTB 2394), 2. Auflage, Göttingen 2006, 97 Abb. 72; © BAI, Zeichnung: Ernst Brückelmann

Abb. 2 Die Entstehung eines Tells; Strata sind in der Reihenfolge der Bebauung nummeriert, werden bei Ausgrabungen jedoch umgekehrt in der Reihenfolge des Auffindens gezählt.

Ein Tell, dessen Entstehung Abb. 2 stark schematisiert aufzeigt, wird aus Schuttschichten zerstörter Ansiedlungen (Strata) gebildet, die sich in Form von mehr oder weniger ausgedehnten dünnen und dicken Schuttschichten über einem auf gewachsenen Fels oder in einer Ebene gegründeten Ort ablagern.

In Palästina hat man Häuser, deren Überreste heute in einer dieser Schuttschichten aufzufinden sind, ursprünglich zumeist auf Steinfundamenten gegründet und mit luftgetrockneten Lehmziegeln gebaut. Wurden solche Gebäude bei Katastrophen (Brand, Krieg, Erdbeben o.ä.) zerstört, stürzten die Lehmmassen der Decken und Wände über den Grundmauern zusammen. Wenn die nachfolgenden Siedler dann unmittelbar nach der Katastrophe neue Häuser bauten, ebneten sie die Zerstörungsschicht ein und nutzten als Baumaterial, was an der Oberfläche verfügbar war. Folgte der Neuaufbau nicht unmittelbar, so bildete sich spätestens während der nächsten Regenzeit eine feste Schicht mit harter Oberfläche. Auf dieser harten Erdkruste gründeten spätere Generationen wieder neue Steinfundamente für neue Häuser, die sie in aller Regel wiederum mit Lehm bzw. Lehmziegeln aufmauerten.

Mächtige steinerne Fundamente von Stadtmauern wurden bei einer Zerstörung ebenso von den in aller Regel aus luftgetrockneten Lehmziegeln gemauerten oberen Schichten der Stadtmauern überschüttet. In einem solchen Fall kommt es zu steil abfallenden Hängen der Tells, die – bedingt durch die steinernen Stadtmauerfundamente – gut gegen Erosion geschützt sind.

Warum wurden nach einer Zerstörung neue Siedlungen nicht an anderen, ähnlich privilegierten Orten angelegt? Natürlich war die Anzahl geeigneter Siedlungsplätze in Palästina – die all die oben genannten Eigenschaften aufwiesen – stark limitiert. Die zerfallenen alten Ansiedlungen mit ihren großen Mengen an Steinfundamenten und ihrer verdichteten Oberfläche konnten auch nicht mehr problemlos für den Feldbau verwendet werden. Deshalb war das ,horizontale Wandern’ der Siedlungen innerhalb landwirtschaftlich nutzbarer Gebiete nicht sinnvoll. Beim Aufbau des neuen Ortes an alter Stelle konnten meist die Schuttmassen der verfallenen Vorgängersiedlungen als Baumaterial wiederverwendet werden. Das vertikale Wachsen der Tells kam dem zunehmenden Sicherungsbedürfnis der Bevölkerung entgegen, da ein Tell mit seinen zum Teil steil abfallenden Hängen einen natürlichen Schutz gegen potentielle Angreifer bot. An Siedlungsplätzen in guter klimatischer und strategischer Lage können Tells in Palästina durchaus Höhen von 20 m erreichen.

Viele Ortslagen waren nicht durchgängig zu allen Zeiten bewohnt, manche nur wenige Male. Daher hat sich nicht jede potentielle Siedlungsstätte im Laufe der Zeit zu einem Tell entwickeln können. Manche Stätten – meist Chirben genannt – bergen daher nur wenige Besiedlungsschichten oder auch nur eine.

4. Das Ende der Siedlungstätigkeit auf einem Tell

Das ‚Ende’ der Blütezeit vorderasiatischer Tells kam mit der hellenistisch-römischen Epoche. Spätestens zur Zeit der Pax Romana war die Sicherheit einer Siedlung nicht mehr durch eine Hügellage gewährleistet. Städte waren nunmehr Teil einer komplexen strategisch-geografischen Situation innerhalb eines von einer Großmacht beherrschten Großraumes. Außerdem wuchs in dieser Epoche der angestrebte Lebensstandard und das Repräsentationsbedürfnis der städtischen Bevölkerung deutlich an (vgl. die hellenistisch-römische Baukultur; ‚hippodamischer Stadtplan’). Die dicht gedrängte Lebensweise auf den kleinflächigen Tells und besonders deren zum Teil problematische → Wasserversorgung standen dazu im krassen Gegensatz.

Die in den Ebenen und auf flachem Gelände großzügig angelegten repräsentativen Städte aus hellenistischer, römischer oder byzantinischer Zeit können noch heute aufgrund ihres qualitativ beständigeren und gut verarbeiteten Baumaterials (behauener Naturstein statt Lehmarchitektur) als weiträumige Ruinenplätze aufgefunden oder freigelegt werden. Als Teil der hellenistisch-römischen und byzantinischen Kultur sind sie den klassischen Ruinenstätten im Mittelmeerraum in ihrer Entstehung, Baugeschichte und Anlage ähnlich.

Nur ganz wenige Tells wurden von der Frühen Bronzezeit über die römische Epoche bis in die arabische, ja sogar bis in die Neuzeit besiedelt. Dazu gehört u. a. der Tell Zerā‛a im heutigen Dreiländereck Jordanien, Syrien und Israel, der von einem deutschen Team in einem archäologischen Langzeitprojekt ausgegraben wird (www.bainst.de; www.deiahl.de). Dieser Tell kann aufgrund seiner ausgezeichneten geo- wie handelspolitischen Lage und seiner artesischen Quelle auf 5000 Jahre städtischer Besiedlung zurückschauen.

5. Das Ausgraben eines Tells

Aufgrund der mehrfachen Schichtung von Ortslagen übereinander kann man auf einem Tell im Idealfall die erhaltenen Siedlungsreste entsprechend ihrer zeitlichen Reihenfolge getrennt abheben und in jeder Schicht auch das zu ihr gehörende materielle Erbe entdecken (Gebäude, Tore, Straßen, Keramiken, Metallgegenstände, Steinwerkzeuge, Haushaltsgeräte, Schmuck u.a.). Bei Ausgrabungen werden die Siedlungsschichten von Tells umgekehrt zu ihrer Entstehung nummeriert, also in der Reihenfolge des Auffindens, d.h. vom jüngsten Stratum an.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

  • Homès-Fredericq, D. / Hennessy, J.B. (Hgg.), Archaeology of Jordan I-II/1.2, Akkadica Supplementum 3.7-8, Leuven 1986 / 1989
  • Kossack, G., Tellstratigraphie, BaghMitt 25, 1994, 1-18
  • Kuhnen, H.-P., Palästina in griechischer-römischer Zeit (HAV 2/2), München 1990
  • Petrie, W.M.F., Sequences in Prehistoric Remains, Journal of the Anthropological Institute 29, 1899, 295-301
  • Vieweger, D., Biblische Archäologie, in: Kreuzer / Vieweger: Proseminar Altes Testament. Ein Arbeitsbuch, Stuttgart 2. Aufl. 2005, 124-146
  • Vieweger, D., Archäologie der biblischen Welt (UTB 2394), Göttingen 2003
  • Vieweger, D., Wenn Steine reden. Archäologie in Palästina, Göttingen 2004
  • Weippert, H., Palästina in vorhellenistischer Zeit (HAV 2/1), München 1988
  • Zwickel, W., Einführung in die biblische Landes- und Altertumskunde, Darmstadt 2002

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Luftaufnahme von Tell Zerā‛a (von West nach Ost im Frühjahr 2005 aus einem Ballon). © Dieter Vieweger
  • Abb. 2 Die Entstehung eines Tells; Strata sind in der Reihenfolge der Bebauung nummeriert, werden bei Ausgrabungen jedoch umgekehrt in der Reihenfolge des Auffindens gezählt. Aus: D. Vieweger, Archäologie der Biblischen Welt (UTB 2394), 2. Auflage, Göttingen 2006, 97 Abb. 72; © BAI, Zeichnung: Ernst Brückelmann
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