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Lexikon

Tell el-Ḥamme

Andere Schreibweise: Tell el-Ḥammah ; Tell el-Hammah ; Tell Hamma

Klaus Koenen

(erstellt: Dez. 2015)

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1. Lage und Name

© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 1 Karte zur Lage von Tell el-Ḥamme.

Tell el-Ḥamme liegt im Jordantal (→ Jordan) knapp 15km Luftlinie südlich von → Bet-Schean am Südende der fruchtbaren Bucht von Bet-Schean (Koordinaten: 1974.1977; N 32° 22' 25.1'', E 35° 30' 01.6''). Der Tell ragt in der Ebene 30m hoch auf, so dass man von ihm das Jordantal und auch die ersten transjordanischen Höhenzüge gut überblicken und kontrollieren kann.

© public domain (Foto: Klaus Koenen, 2001)

Abb. 2 Blick von Tell el-Ḥamme nach Süden.

Südlich des Tells befinden sich zwei Quellen, die Beduinen für eine kleine Landwirtschaft nutzen. Der Name des Ortes erklärt sich daraus, dass eine der beiden Quellen warmes Wasser führt, denn sowohl die antike Bezeichnung Ḥamat (s.u. 2.) als auch arabisch ḥamme bedeuten „Thermalquelle“. Tell el-Ḥamme meint also „Hügel der Thermalquelle“.

2. Literarische Belege

Aus: O. Keel / C. Uehlinger, Götter, Göttinnen und Gottessymbole (QD 134), Freiburg u.a. 5. Aufl. 2001, 111; © Stiftung BIBEL+ORIENT, Freiburg / Schweiz

Abb. 3 Siegesstele Sethos’ I. aus Bet-Schean (13. Jh.).

Ägyptische Quellen belegen für die Spätbronzezeit einen Ort Ḥamat (ḥmt). An der südlichen Außenwand der großen Säulenhalle von Karnak befindet sich über einem Bild Ramses’ II. eine Ortsliste Sethos’ I., die sich wohl auf einen Feldzug seines ersten Herrschaftsjahres (1290 v. Chr.) bezieht. In ihr steht unmittelbar vor Bet-Schean (btšr) der Ort Ḥamat (ḥmt). Eine große, in Bet-Schean gefundene Siegesstele Sethos’ I. berichtet aus dem ersten Jahr des Pharao, dass der König von Ḥamat (ḥmt), „der elende Feind“, gemeinsam mit dem König von Pella Verbündete gesammelt, Rechov belagert und Bet-Schean angegriffen habe; der Pharao habe die Aufständischen jedoch unterworfen und die ägyptische Herrschaft wiederhergestellt (Z. 15ff; TUAT.NF 2, 221-227; Context of Scripture II, 25f; Texte aus Ägypten). Auch Papyrus Anastasi I (13. Jh. v. Chr.), der einen Wettstreit zwischen zwei Freunden abbildet, die mit ihrem Wissen prahlen und den anderen durch schwierige Fragen blamieren wollen, nennt im Rahmen landeskundlicher Fragen Ḥamat (21,7; Context of Scripture III,12; Texte aus Ägypten). Aufgrund der Namensübereinstimmung und der Nähe zu Bet-Schean ist Tell el-Ḥamme wohl mit diesem Ḥamat zu identifizieren (vgl. Zertal, 98f.).

3. Geschichte

© public domain (Foto: Klaus Koenen, 2001)

Abb. 4 Blick von Tell el-Ḥamme nach Norden.

Nach dem Keramikbefund war Tell el-Ḥamme in fast allen Epochen von der Frühbronzezeit bis in osmanische Zeit besiedelt (Kochavi, 214; The West Bank and East Jerusalem Searchable Map; vgl. Zertal, 98f.). Die von 1985-1988 vor allem im südöstlichen Bereich des Tells von J.M. Cahill, G. Lipton und D. Tarler durchgeführten, allerdings kaum publizierten Grabungen – die Areale sind am Hang noch gut zu erkennen – lassen über 20 Schichten unterscheiden, von denen mindestens 11 in die → Eisenzeit I und die → Eisenzeit II gehören.

Mittelbronzezeit II. In diese Zeit wird eine massive, mindestens 2,6m dicke Lehmziegelmauer mit Glacis datiert. Sie wurde 15m unterhalb des Gipfelplateaus angeschnitten und war an dieser Stelle durch einen Vorsprung von mindestens 1,75m verstärkt. Geht man davon aus, dass sie rundum auf der gleichen Höhe verlief – dieser Verlauf ist an der Oberfläche stellenweise noch erkennbar –, umschloss sie ein Gebiet von etwa 1,5 Hektar.

© Stiftung BIBEL+ORIENT, Freiburg / Schweiz

Abb. 5 Skarabäus von Tell el-Ḥamme (10. Jh.; BIBEL+ORIENT Datenbank Online).

Eisenzeit. Der Eisenzeit I schreiben die Ausgräber mindestens drei Siedlungsphasen zu, die jeweils durch mehr oder weniger gut erhaltene Bauten vertreten sind. Aus einem Raum der mittleren Phase (11. Jh.) stammen 5 Vorratskrüge. Die meisten Funde der Grabung gehören jedoch der Eisenzeit II an. In das 10./9. Jh. werden zwei Gebäudekomplexe in Areal A datiert, die Cahill 2006 (445) zwei verschiedenen Siedlungsphasen zuschreibt. Auf 15-30cm hohen Sockelmauern aus Stein erhoben sich Lehmziegelmauern, die früher verputzt waren und noch bis zu 1m hoch standen. Die Zerstörung dieser Siedlung durch Feuer (Eroberung → Scheschonqs?) führte zum Zusammenbruch der Lehmziegelmauern. Die Fußböden wurden dabei von einer 60-70cm dicken Lehmziegelschicht bedeckt, die viele Objekte in gutem Zustand erhielt, nämlich verschiedenste Gefäße (Vorratsgefäße mit verkohltem Inhalt; Importkeramik), viele Astragali (für Spiele verwendete Knochenstücke), einen Dreizack aus Eisen, ein Katzenamulett aus Fayence, eine kleine, runde Elfenbeindose, drei Siegel und vier Siegelabdrücke. Eines der → Siegel, ein grob geschnittener Steinskaraboid, zeigt in der Mitte zwei menschengestaltige Wesen und an einem Rand einen → Strauß, am anderen einen → Skorpion. Vermutlich haben wir es mit der Dominanzsymbolik des Herrn der Tiere zu tun, die sich hier im Herrn der Strauße und Herrn der Skorpione entfaltet (vgl. Keel / Uehlinger, § 85).

© Stiftung BIBEL+ORIENT, Freiburg / Schweiz

Abb. 6 Stempelsiegel von Tell el-Ḥamme (10. Jh.; BIBEL+ORIENT Datenbank Online).

Ein Stempelsiegel aus Stein mit einem pyramidenförmigen Oberteil zeigt einen von zwei Tieren flankierten Menschen mit erhobenen Armen. In einem Versteck lagen über 100 Perlen unterschiedlicher Form und Größe aus verschiedenen Materialien. Besondere Beachtung verdienen drei unversehrt erhaltene kultische Objekte: ein zoomorphes Gefäß, ein Kranz mit 5 Applikationen (z.B. Widderkopf und Granatapfel) und ein Krater, an dem 8 Griffe sowie mehrere gehörnte Tiere angebracht sind.

Israel-Museum, Jerusalem, © public domain (Foto: Klaus Koenen, 2014)

Abb. 7 Kernos mit 5 Applikationen: Widderkopf, zwei Granatäpfel und zwei Gefäße ( Tell el-Ḥamme; 10. Jh.).

Einer späteren Schicht des 9.-8. Jh.s werden mehrere Räume eines großen Gebäudes zugewiesen, dessen ursprünglich verputzte, auf einen Steinsockel gesetzte Lehmziegelmauern noch bis zu 1,2m hoch erhalten waren. Auch hier hatte die Zerstörung durch Feuer zum Zusammenbruch der Mauern und zu einer dicken Lehmziegelschicht geführt. Ein an der Oberfläche gefundener, paläographisch ins 9. Jh. datierter Henkel ist vielleicht dieser Schicht zuzuordnen. Er trägt die Ritzinschrift: לאהאב l’h’b „dem Ahab (gehörend)“ (Renz / Röllig 47).

Aus dem 8. Jh. stammen Bauten mit offenen Höfen, die über Öfen (ṭābūn) und Kochstellen verfügten. Dem 8.-7. Jh. wird ein Stratum mit sechs Siedlungsphasen zugewiesen. Aus dieser Zeit stammt ein beachtliches Gebäude aus Stein- und Lehmziegelmauern. In mehreren Schichten fanden sich Spindelsteine sowie verkohlte hölzerne Spindeln, an denen zum Teil noch der Faden erhalten war (→ Garn). Sie zeugen ebenso wie die vielen Webgewichte aus ungebranntem Ton davon, dass die für die talmudische Zeit belegte Textilindustrie der Bucht von Bet-Schean bis in die Eisenzeit I zurückreicht (→ Weben; → Kleidung).

Östlich des Tells kann man einige Schachtgräber und eine Zisterne erkennen.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • The New Encyclopedia of Archaeological Excavations in the Holy Land, Jerusalem 1993

2. Weitere Literatur

  • Cahill, J.M., The Excavations at Tell el-Ḥammah: A Prelude to Amihai Mazar’s Beth-Shean Valley Regional Project, in: A.M. Maeir / P. de Miroschedji (Hgg.), „I Will Speak the Riddles of Ancient Times“. Archaeological and Historical Studies (FS A. Mazar), Bd. 2, Winona Lake 2006, 429-459
  • Cahill, J.M. / Lipovitz, G. / Tarler, D., Tell el-Ḥammah – 1985, ESI 4 (1985), 41-42
  • Cahill, J.M. / Lipton (Lipovitch), G. / Tarler, D., Tell el-Ḥammah – 1987, ESI 6 (1987-1988), 58-60
  • Cahill, J.M. / Lipovitch, G. / Tarler, D., Tell el-Ḥammah – 1988, ESI 9 (1989-1990), 134-135
  • Cahill, J.M. / Lipton (Lipovitch), G. / Tarler, D., Tell el-Ḥammah – 1985-1987, IEJ 37 (1987), 280-283
  • Cahill, J.M. / Lipton (Lipovitch), G. / Tarler, D., Tell el-Ḥammah – 1988, IEJ 38 (1988), 191-194
  • Keel, O. / Uehlinger, Chr., Göttinnen, Götter und Gottessymbole. Neue Erkenntnisse zur Religionsgeschichte Kanaans und Israels aufgrund bislang unerschlossener ikonographischer Quellen (QD 134), Freiburg / Basel / Wien 1992
  • Kochavi, M. (Hg.), Judaea, Samaria and the Golan. Archaeological Survey 1967-1968 (Publications of the Archaeological Survey of Israel 1), Jerusalem 1972 (hebr.)
  • Renz, J. / Röllig, W., Handbuch der althebräischen Epigraphik, Bd. II/1, Darmstadt 1995
  • Schreiber, N., The Cypro-Phoenician Pottery of the Iron Age, Leiden / Boston 2003, 154-157
  • Zertal, A., The Manasseh Hill Country Survey. Bd. 4: From Nahal Bezek to the Sartaba Massif, Tel Aviv 2005 (Hebr.)

Abbildungsverzeichnis

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