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Lexikon

Taube

Peter Riede

(erstellt: Sept. 2010)

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1. Bezeichnungen

Das Alte Testament nennt zwei verschiedene Taubenarten: Das hebräische Wort יוֹנָה jônāh, das auch als Eigenname belegt ist (→ Jona), bezeichnet die grau-blaue Felsentaube (Columbia livia; griech. περιστερά peristera), von der die Haustaube abstammt. Sie ist im Alten Testament sowohl als wildlebendes als auch als domestiziertes Tier belegt. Hebräisch תּוֹר tôr dagegen meint die Turteltaube (Columbia turtur – anders Staubli 2001, der unter Verweis auf akkadisch tarru für tôr die Bedeutung Wildhuhn annimmt), einen vor allem im Frühling zahlreich auftretenden Zugvogel (Jer 8,7; Hhld 2,12) mit rötlicher Brust und seitlichen Halsflecken. גּוֹזָל gôzāl, die Bezeichnung für das Jungtier eines Vogels, kann für die junge Taube stehen (Gen 15,9). Die älteste Tochter Hiobs (Hi 42,14) trägt den nur einmal belegten Namen יְמִימָה jәmîmāh „Taube“.

2. Verhalten und Verwendung

Aus: Wikimedia Commons; © Amos Gil, Wikimedia Commons, lizensiert unter CreativeCommons-Lizenz cc-by-2.5 + US-amerikanisch

Abb. 1 Unterirdisches Columbarium mit Reihen von Nischen, in denen Tauben nisteten (Tel Marescha).

Tauben nisten in unzugänglichen Felswänden (Jer 48,28; Hhld 2,14), konnten aber leicht gefangen werden (Hos 7,11). Auf ihren schnellen Flug spielt Hos 11,11 an (vgl. Ps 55,7; Jes 60,8). Vermutlich seit dem 6. Jh. v. Chr. gab es für die domestizierten Vögel entsprechende Taubenschläge (Jes 60,8). Seit hellenistischer Zeit belegen viele, zum Teil riesige Taubenschläge (Columbarien), die unterirdisch in den Fels geschlagen oder überirdisch gebaut worden sind und in denen in Reihen angeordnete Nischen als Nistplätze dienten (z.B. in → Marescha), die Massenhaltung von Tauben, die wohl zum Verzehr bestimmt waren. Die Flutüberlieferungen (Gen 8,8-12; vgl. schon Gilgamesch XI, 145-148) setzen Tauben als Orientierungshilfe der Seefahrer voraus (vgl. Keel, 1977, 79-91). Taubenmist ist vermutlich wegen der in ihm enthaltenen organischen Salze beim Brotbacken verwendet worden. Die Belagerung von Samaria zieht eine Verknappung der lebensnotwendigsten Güter nach sich, was daran deutlich wird, dass ein Viertelkab (ca. 1,2-2,5 l) Taubenmist 5 Schekel (ca. 57 g) Silber kostet (2Kön 6,25).

3. Tauben als Opfertiere

Dass unter den Vögeln allein Tauben als Opfertiere (→ Opfer) Verwendung fanden, könnte mit ihrer frühen Domestizierung zusammenhängen. Tauben werden im Zusammenhang folgender Opferarten erwähnt: Beim Geflügelbrandopfer (Lev 1,14ff), das vermutlich in nachexilischer Zeit aufgrund der Folge des starken wirtschaftlichen Drucks entstanden ist, als Sündopfer von Armen anstelle von Kleinvieh (Lev 5,7-10), beim Reinigungsopfer von Armen (Lev 14,21-32: 2 Turtel- oder Felsentauben anstelle von 2 Lämmern), beim Reinigungsopfer von Männern (Lev 15,13-15) und Frauen (Lev 15,28-30) nach erfolgter Heilung (jeweils eine Taube), beim Reinigungsopfer von → Nasiräern (Num 6,6-12), die versehentlich mit Toten in Berührung gekommen waren (2 Turtel- oder Felsentauben). Zu den Opfern der Wöchnerin gehören ein einjähriges Schaf und eine Taube (Lev 12,6), doch konnte das → Schaf im Falle von Bedürftigkeit durch eine zweite Taube ersetzt werden (Lev 12,8; vgl. Lk 2,24). Im äußeren Tempelvorhof gab es Stände von Taubenhändlern, die die zum Opfer bestimmten Vögel feilboten (Mt 21,12; Mk 11,15; Joh 2,14.16).

4. Tauben als Attributtiere von Göttinnen

Aus: U. Winter, Frau und Göttin. Exegetische und ikonographische Studien zum weiblichen Gottesbild im Alten Israel und in dessen Umwelt (OBO 53), Freiburg (Schweiz) / Göttingen 2. Aufl. 1987, Abb. 289; © Stiftung BIBEL+ORIENT, Freiburg / Schweiz

Abb. 2 Tauben als Symboltiere und Botinnen der Liebesgöttin, die sich entschleiert, signalisieren Liebe und Empfängnisbereitschaft; Altsyrisches Rollsiegel (um 1750 v. Chr.; BIBEL+ORIENT Datenbank Online).

Seit dem 3. Jt. gilt die Taube im Alten Orient (aber nicht in Ägypten) als Begleittier der Liebesgöttin → Ischtar / → Astarte und wurde als Attribut später auch von Aphrodite und Venus übernommen. Im Hintergrund dürfte das auffällige Paarungsverhalten der Tiere stehen. Das Schnäbeln der Tauben wurde zudem als Küssen gedeutet. Die Verbindung von Göttin bzw. Liebesgöttin und Taube ist in der altorientalischen Bildkunst breit belegt.

5. Metaphorik

Aus: Keel, 1984, 145 Abb. 21; © Stiftung BIBEL+ORIENT, Freiburg / Schweiz

Abb. 3 Taube im Giebel eines Tempelmodells als Begleittier einer Gottheit (Palästina / Israel; 9./8. Jh. v. Chr.).

Aufgrund der Beziehung zur Liebesgöttin erklärt sich das Vorkommen der Taube in der Bildsprache des Alten Testaments, vor allem im → Hohenlied (vgl. dazu Keel 1984 und 1986): Dort wird die Geliebte mit einer in Felsklüften lebenden, wilden Taube gleichgesetzt (Hhld 2,14), d.h. sie ist unerreichbar und immer nur für kurze Zeit sichtbar, ja sie hat für den Geliebten, wie die Anrede „meine Taube“ (Hhld 5,2; Hhld 6,9) zeigt, göttinnengleichen Status. Auch die Augen des (Hhld 5,12) oder der Geliebten (Hhld 1,15; Hhld 4,1) werden mit Tauben verglichen. Mit Augen sind die Blicke gemeint, und die Tauben haben die Bedeutung von Liebesboten, so dass man den Satz: „Deine Augen sind Tauben“ entschlüsselt so verstehen kann: „Deine Blicke sind Liebesbotinnen“. Die häufige Nennung der Taube als Liebesbotin steht auch im Hintergrund des Taufberichts Mk 1,10f par., wo der „wie eine Taube“ herabschwebende Geist die Liebe des Vaters zum Sohn offenbart, was durch die deutende Himmelsstimme (Mk 1,11) unterstrichen wird, die von Jesus als „dem geliebten Sohn“ spricht (vgl. dazu Schroer 1996).

Aus: O. Keel / M. Küchler / C. Uehlinger, Orte und Landschaften der Bibel. Ein Handbuch und Studienreiseführer zum Heiligen Land, Bd. 1, Zürich u.a. 1984, 140 Abb. 69; © Stiftung BIBEL+ORIENT, Freiburg / Schweiz

Abb. 4 Schnäbelnde Tauben (zyprische Steinplastik; 6./5. Jh. v. Chr.).

Die Melodieangabe in Ps 56,1 gibt nur einen Sinn, wenn man statt ’elæm „stumm“, das auch die Lutherübersetzung voraussetzt („Die stumme Taube unter den Fremden“, 1984), ’elim „Götter“ liest: „Nach (der Weise): Taube der fernen Götter“. Auch dieser Ausdruck setzt die enge Beziehung der kanaanäisch-syrischen Göttin → Anat / → Astarte zu ihrem Symboltier voraus. Dagegen kann die Taube, deren Flügel mit Flitter von Gold und Silber geschmückt werden (Ps 68,14), als festlich geschmückte Botentaube gedeutet werden, die die frohe Nachricht vom Sieg JHWHs und der Flucht der feindlichen Könige in aller Welt verbreitet (Keel 1977).

Für Griechen und Juden war die Taube Vorbild der Lauterkeit, Wehrlosigkeit und Reinheit: Daher wird die Aufforderung Jesu Mt 10,16, ohne Falsch wie die Taube zu sein, verständlich. Mit dem Gurren von Tauben wurde die Klage von Leidenden verglichen (Jes 38,14; Jes 59,11; Ez 7,16; Nah 2,8, vgl. Riede 2000). Und der Beter von Ps 55 wünscht sich Taubenflügel, um vor der in der Stadt herrschenden chaotischen Bedrohung in die Wüste fliehen zu können (Ps 55,7, vgl. Riede 2000).

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

Bild-Recherche BIBEL+ORIENT Datenbank Online

1. Lexikonartikel

  • Paulys Real-Encyclopädie der classischen Alterthumswissenschaft, Stuttgart 1894-1972
  • Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament, Stuttgart 1933-1979
  • Biblisch-historisches Handwörterbuch, Göttingen 1962-1979
  • Der Kleine Pauly, Stuttgart 1964-1975 (Taschenbuchausgabe, München 1979)
  • Theologisches Wörterbuch zum Alten Testament, Stuttgart u.a. 1973ff
  • Lexikon der Ägyptologie, Wiesbaden 1975-1992
  • Biblisches Reallexikon, 2. Aufl., Tübingen 1977
  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991-2001
  • Exegetisches Wörterbuch zum Neuen Testament, 2. Aufl., Stuttgart u.a. 1992
  • Dictionary of Deities and Demons in the Bible, 2. Aufl., Leiden 1999
  • Calwer Bibellexikon, Stuttgart 2003

2. Weitere Literatur

  • Ådna, J., Jerusalemer Tempel und Tempelmarkt im 1. Jahrhundert n. Chr (ADPV 25), Wiesbaden 1999
  • Greßmann, H., Die Sage von der Taufe Jesu und die vorderasiatische Taubengöttin, ARW 20 (1917), 1-40.323-359
  • Keel, O., Vögel als Boten. Studien zu Ps 68,12-14, Gen 8,6-12, Pred 10,20 und dem Aussenden von Botenvögeln in Ägypten. Mit einem Beitrag von Urs Winter zu Ps 56,1 und zur Ikonographie der Göttin mit der Taube (OBO 14), Freiburg (Schweiz) / Göttingen 1977
  • Keel, O., Deine Blicke sind Tauben. Zur Metaphorik des Hohenlieds (SBS 114/115), Stuttgart 1984, 53-62
  • Keel, O., Das Hohelied (ZBK.AT 18), Zürich 1986
  • Keel, O., Das Recht der Bilder gesehen zu werden: Drei Fallstudien zur Methode der Interpretation altorientalischer Bilder (OBO 122), Freiburg (Schweiz) / Göttingen 1992, 143-168
  • Keel, O., Wie Tiere zu Symbolen wurden, in: ders. / Th. Staubli, „Im Schatten deiner Flügel“, 58-74, 61-63.71-74
  • Keel, O. / Küchler, M. / Uehlinger, Chr., Orte und Landschaften der Bibel. Ein Handbuch und Studienreiseführer zum Heiligen Land, Bd. 1, Zürich u.a. 1984, 137-140
  • Keel, O. / Staubli, Th., „Im Schatten deiner Flügel“. Tiere in der Bibel und im Alten Orient, Freiburg (Schweiz) 2001
  • Riede, P., Im Netz des Jägers. Studien zur Feindmetaphorik der Individualpsalmen (WMANT 85), Neukirchen-Vluyn 2000, 279-292.305-307
  • Riede, P., Im Spiegel der Tiere. Studien zum Verhältnis von Mensch und Tier im alten Israel (OBO 187), Freiburg ( Schweiz) / Göttingen 2002, s. Register
  • Schouten van der Velden, A., Tierwelt der Bibel, Stuttgart 1992, 54f.136f
  • Schroer, S., Der Geist, die Weisheit und die Taube. Feministisch-kritische Exegese eines zweittestamentlichen Symbols auf dem Hintergrund seiner altorientalischen und hellenistisch-frühjüdischen Religionsgeschichte, in: dies., Die Weisheit hat ihr Haus gebaut. Studien zur Gestalt der Sophia in den biblischen Schriften, Mainz 1996, 144-175
  • Schroer, S., Die Tiere in der Bibel. Eine kulturgeschichtliche Reise, Freiburg 2010, 75-79
  • Staubli, Th., Tiere als Teil menschlicher Nahrung in der Bibel und im Alten Orient, in: ders. / O. Keel, „Im Schatten deiner Flügel“, 46-57, 48
  • Ziffer, I., O my Dove, that art in the clefts of the rock. The Dove-allegory in Antiquity, Tel Aviv 1998

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Unterirdisches Columbarium mit Reihen von Nischen, in denen Tauben nisteten (Tel Marescha). Aus: Wikimedia Commons; © Amos Gil, Wikimedia Commons, lizensiert unter CreativeCommons-Lizenz cc-by-2.5 + US-amerikanisch
  • Abb. 2 Tauben als Symboltiere und Botinnen der Liebesgöttin, die sich entschleiert, signalisieren Liebe und Empfängnisbereitschaft; Altsyrisches Rollsiegel (um 1750 v. Chr.; BIBEL+ORIENT Datenbank Online). Aus: U. Winter, Frau und Göttin. Exegetische und ikonographische Studien zum weiblichen Gottesbild im Alten Israel und in dessen Umwelt (OBO 53), Freiburg (Schweiz) / Göttingen 2. Aufl. 1987, Abb. 289; © Stiftung BIBEL+ORIENT, Freiburg / Schweiz
  • Abb. 3 Taube im Giebel eines Tempelmodells als Begleittier einer Gottheit (Palästina / Israel; 9./8. Jh. v. Chr.). Aus: Keel, 1984, 145 Abb. 21; © Stiftung BIBEL+ORIENT, Freiburg / Schweiz
  • Abb. 4 Schnäbelnde Tauben (zyprische Steinplastik; 6./5. Jh. v. Chr.). Aus: O. Keel / M. Küchler / C. Uehlinger, Orte und Landschaften der Bibel. Ein Handbuch und Studienreiseführer zum Heiligen Land, Bd. 1, Zürich u.a. 1984, 140 Abb. 69; © Stiftung BIBEL+ORIENT, Freiburg / Schweiz

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