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Lexikon

Tag / Tageszeiten (AT)

Jörg Lanckau

(erstellt: Nov. 2008)

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Nacht

1. Sprachlicher Befund

1.1. Belege

jôm „Tag“ ist in der Hebräischen Bibel 2304-mal hebräisch und 16-mal aramäisch belegt (1452- bzw. 5-mal im Singular, 847- bzw. 11-mal im Plural, ferner 5-mal hebr. im Dual; Bergman / Sæbø / von Soden, 567; Jenni, 708). Die Verdoppelung jôm jôm bedeutet „täglich“. Häufig wird jôm mit Zahlwörtern verbunden, um kalendarische Angaben zu machen. Mit Ausnahme des Sabbats sind alle Wochentage in der Hebräischen Bibel namenlos und nur durch Nummerierung unterschieden.

1.2. Semantik

1.2.1. Singular

Der Singular jôm kann immer mit „Tag“ übersetzt werden, doch können unterschiedliche Größen gemeint sein:

Erstens wird die Zeitspanne zwischen Morgengrauen und Abenddämmerung bezeichnet, die von der Dauer des Sonnenlichtes bestimmt ist. „Tag“ bildet daher den komplementären Begriff zu lajlāhNacht.

Zweitens bezeichnet das Substantiv die Zeit von Morgen zu Morgen oder Abend zu Abend (bei uns 24 Stunden). In diesem Sinne ist der Tag für die Hebräische Bibel die Grundeinheit der Zeit. Mit ihr kann ein bestimmter Zeitabschnitt quantitativ bestimmt werden. Man kann sowohl die Tage einer Periode zählen, als auch einen bestimmten Zeitpunkt innerhalb einer größeren Zeiteinheit markieren.

Drittens kann „Tag“ im Singular einen Zeitpunkt bezeichnen, der von einem Substantiv, einem Infinitiv oder einem Nebensatz qualitativ bestimmt wird. Eine besondere (eschatologische) Qualität erhält der jôm im Singular, der durch den Gottesnamen definiert ist (→ Tag JHWHs).

In der Qumranliteratur finden sich keine anderen semantischen Bestimmungen. In der Septuaginta wird jôm fast ausschließlich mit hēméra wiedergegeben, neben 12-mal bíos und 3-mal kairós (Bergman / Sæbø / von Soden, 586; Jenni, 726; Delling / v. Rad, 950). hēméra bezeichnet dabei wie hebräisch jôm die Grundeinheit der Zeit.

1.2.2. Plural

Der Plural jāmîm wird mit Personennamen verbunden, um wichtige Perioden wie die Lebenszeit eines Menschen (Gen 5,5), Regierungszeiten von Herrschern (1Kön 2,11 u.ö.) oder geschichtliche Zeitabschnitte (Jes 7,17) zu markieren. In der Bedeutung „Lebenszeit“ bestimmt jāmîm Adjektive bzw. Partizipien in Ausdrücken näher, die meist ein hohes Lebensalter bezeichnen (z.B. məle’ jāmîm „hochbetagt“ in Jer 6,11; Jenni, 719). Der Plural jāmîm bezeichnet also eine bestimmte Zeitdauer (vgl. die „Tage der sieben Sabbatjahre“ Lev 25,8) und kann daher auch den im Hebräischen fehlenden Terminus „Zeit“ umschreiben, wie z.B. in dem Ausdruck mispar hajjāmîm „Anzahl der Tage“ (1Sam 27,7). Der determinierte Plural hajjāmîm hat meist die allgemeine Bedeutung „Zeit“, wenn er mit inhaltlich passenden Verben wie z.B. rbh „viel werden“ oder ’rk „lang werden“ verbunden wird (Gen 26,8; Gen 38,12; 1Sam 7,2; weitere Beispiele bei Jenni, 721). Abstrakte Aussagen über die Zeit liegen den altorientalischen Kulturen jedoch eher fern (Jenni, 722).

In den prophetischen Büchern werden mit jāmîm futurische Aussagen über Zeitabschnitte gemacht, die in der ferneren oder näheren Zukunft liegen und als Heils- oder Unheilszeiten qualifiziert werden (Am 4,2; Am 8,11; Jer 3,16; Jer 3,18; Jer 5,18). So kann der Plural jāmîm auch die Begriffe „Vergangenheit“ und „Zukunft“ umschreiben, z.B. in den Ausdrücken jəmê qædæm „Tage der Vorzeit“ (2Kön 19,25 par. Jes 37,7) und hajjāmîm habbā’îm „kommende Tage“ (Pred 2,16; weitere Belege bei Jenni, 721).

1.3. „heute“ und verwandte Ausdrücke

Der 350-mal belegte Ausdruck hajjôm „der Tag“ bezeichnet zunächst einen bestimmten Tag. In Erzähltexten wird auf diesen Tag fokussiert. hajjôm kann daher das „heute“ umschreiben. Im Zusammenhang von Fest und Kult impliziert die Rede von „heute“ die Erinnerung an Vergangenes und dessen Aktualisierung.

Die Formel bajjôm hahû’ „an jenem Tag“ kann einen Zeitabschnitt unbestimmten Umfangs in der Vergangenheit oder Zukunft meinen. Die Formel ist nicht nur zeitadverbiell zu verstehen, sondern erhält auch den Charakter eines „eschatologischen Terminus“ (Bergman / Sæbø / von Soden, 570).

2. Tageszeiten

Ohne Zeitmessungsinstrumente wurde zwischen Morgen, Mittag und Abend unterschieden (Gen 43,16.25; Ex 18,13; 1Kön 18,26-27.29). Auch während die Oberschicht bereits einfache Sonnen- oder Wasseruhren besaß (2Kön 20,9ff), wurden in der Bevölkerung die Naturerscheinungen wie Morgenröte und Abenddämmerung (Gen 15,12; Gen 19,15; Jos 6,15), der Wind an bestimmten Zeiten des Tages (Gen 3,8; Hhld 2,17) sowie die Hitze am Mittag (Gen 18,1; 1Sam 11,11; 2Sam 4,5) zur Zeitbestimmung gebraucht.

Am Morgen (hebräisch bôqær) kann der helle Planet Venus sichtbar sein. In den altorientalischen Kulturen wurde der „Morgenstern“ als Astralisierung der entsprechenden Göttin verstanden (Ischtar = Astarte, von astar „Stern“, davon der Name „Ester“). Die Morgenröte (hebräisch šachar, griechisch héōs) ist die Zeit der letzten → Nachtwache, die Zeit des Aufbruchs für die Arbeit oder die Reise (1Sam 9,26 u.ö.), und wurde daher auch als die Zeit des Eingreifens einer Gottheit in einer schwierigen Situation verstanden (Janowski). Der Morgen ist auch die Zeit des Kampfes (Gen 32,25ff; Jos 6,15; Jos 8,10; 1Sam 11,11); die mit dem Morgenstern konnotierte Göttin besaß in der Umwelt der Hebräischen Bibel die Eigenschaften einer kämpferischen Gottheit (Keel, 138).

Der Mittag (hebräisch ṣohårajîm oder machăṣît hajjôm „Hälfte des Tages“) ist in der Regel eine Zeit der Ruhe, weil er durch Hitze und fehlenden Schatten gekennzeichnet ist (hebräisch chôm hajjôm „Hitze des Tages“). Der Mittag als Zeit des Lichtes wird explizit positiv gewertet (Jes 58,10; vorausgesetzt in Jes 59,10).

Der Abend (hebräisch ‘æræb) umfasst die Zeit der niedergehenden Sonne, in der es noch hell ist, damit auch den späten Nachmittag. Vor Einbruch der Dämmerung (bên hā‘arbajîm Ex 12,6) wird die Arbeit niedergelegt. Der Abend beinhaltet wie der Morgen das Essen, ein Opfer und das Gebet. Die → Nacht beginnt, wenn die Sonne untergegangen ist (bw’ hašæmæš Gen 15,17; Gen 28,11; Lev 22,7) und mindestens drei Sterne sichtbar sind (Belzer 2001c, 772).

3. Quantität und Qualität der Tage

3.1. Antike Zeitmessung

Sonnenuhren sind in Ägypten seit Thutmosis III. (1479-1425 v.Chr.) bekannt (Brown, 970). Die Sonnenuhr des Ahas (2Kön 20,9-11; Jes 38,8) zeigte den Sonnenstand mittels des Schattens an Stufen an. Ob die Stufen linear konstruiert waren oder sich innerhalb einer Halbkugel befanden, geht aus dem Text nicht hervor, da er sich auf das außergewöhnliche Ereignis konzentriert, dass JHWH den Schatten zurückgehen lässt.

Die älteste bekannte Wasseruhr stammt ebenfalls aus Ägypten (Amenophis III. 1392-1355 v.Chr.). Die Zeit wurde mittels der Messung des ausfließenden Wasserstandes gemessen, wobei die Form sicherstellen sollte, dass die gleiche Wasserpegeldifferenz die gleiche Zeit misst. Ähnliche Geräte sind aus Mesopotamien bekannt (ausführlich Brown, 969).

Der Tag wird in der Antike in 12 temporäre Stunden eingeteilt (Belzer 2001c, 772), d.h. Stunden, die in ihrer Länge nach dem unterschiedlich langen Tageslicht zwischen Sonnenauf- und Sonnenuntergang differieren. Die komplementären 12 Nachtstunden wurden in Ägypten den 12 Abschnitten der Unterwelt, die die Sonne nachts durchfährt, zugeordnet (v. Beckerath, 1371f und s.u.). Aus Mesopotamien sind sechs Doppelstunden belegt (Bergman / Sæbø / von Soden, 562). Nach Herodot (Historien 2, 109,3; Text gr. und lat. Autoren) übernahmen die Griechen die Sonnenuhr und die temporäre Stunde (griechisch hōra, lateinisch hora) von den Babyloniern (Sontheimer, 2017). Nach Dohrn-van Rossum (972) kann die Übermittlung auch über Ägypten erfolgt sein. Biblisch ist eine temporäre Stundenzählung erst in hellenistischer Zeit belegt (vgl. die Angabe von 12 [temporären] Stunden in Joh 11,9). Im Hebräischen existiert kein Begriff für „Stunde“ im Sinne einer messbaren Zeitgröße. Zur Bezeichnung des Zeitpunkts oder einer abgegrenzten Zeitdauer werden verschiedene, nicht scharf abgegrenzte Bezeichnungen benutzt: allgemein ‘et „Zeit“ (Gen 8,11 u.ö.), mô‘ed „Zeitpunkt / Festzeit“ (1Sam 9,24), aramäisch ‘iddān (Dan 7,12); zǝmān „Frist“ (Pred 3,1), zәman (Dan 7,12). Aramäisch šā‘āh „Stunde“ begegnet biblisch nur in den Verbindungen bach-ša’ătā’ „in diesem Moment / sofort“ (Dan 3,6.15; Dan 4,30; Dan 5,5) und kәšā‘āh „eine Zeit lang“ (Dan 4,16).

3.2. Der Kalendertag und seine Abgrenzung

Prinzipiell existieren vier Möglichkeiten, den Kalendertag abzugrenzen: Aufgang, Untergang sowie obere und untere Kulmination der Sonne, also Morgen, Abend, Mittag und Mitternacht (Letzteres seit der römischen Zeit, Diskussion bei Sontheimer, 2012). Biblisch wird in Ex 13,21; Jes 38,12; Jer 6,4; Ps 1,2; Ps 32,4; Ps 104,22f; Pred 11,6 der Tag vor der Nacht genannt, was allerdings nicht in jedem Fall etwas über eine exakte Abgrenzung aussagt. Die Liturgie mancher Feste lässt den Festtag bekanntlich bereits am Abend zuvor beginnen (Ex 12,5f; Ex 12,18; Lev 23,5; Lev 23,32; Num 9,3-11; Neh 13,19). Es gibt daher in der Forschung mehrere Antworten auf die Fragen, ob und auf welchen Termin der Tagesbeginn im vor- bzw. nachexilischen Israel einheitlich geregelt war.

Wenn der Tag wesentlich als lichtvolle Zeitspanne zwischen Morgengrauen und Abenddämmerung verstanden wird, beginnt er am Morgen. In Ägypten wechselt das Datum am Morgen (v. Beckerath, 1371). Ein Tagesbeginn am Morgen korreliert mit einem solaren Kalender bzw. dem bestimmenden Einfluss des solaren Elements auf den Kalender. Nach Dillmann, Cassuto u.a. begann der Tag auch in Israel am Morgen: Nach Gen 1,3-5 konstituiere die Erschaffung des Lichts den Tag. Tagelöhner bekommen am Abend den Lohn für die Arbeit eines Tages (Lev 19,13; Dtn 24,15). Opfergaben sollen nicht bis zum Morgen übrig gelassen werden (Ex 23,18; Ex 34,25; Lev 7,15; Dtn 16,4; Dtn 21,23). Der Tagesbeginn am Abend sei allein der Festliturgie vorbehalten (Lev 23,32).

Ein Tagesbeginn am Abend korreliert dagegen gut mit einem lunaren Kalender bzw. dem bestimmenden Einfluss des lunaren Elements auf den (lunisolaren) Kalender. Schmid u.a. nehmen an, dass die in Griechenland gültige Abgrenzung (Sontheimer 2012) auch in Israel generelle Gültigkeit besaß: Die Tagzählung des Schöpfungstextes Gen 1 spiegelt gemäß dieser Theorie die Wirklichkeit in Israel (siehe auch Ex 12,18; Lev 23,32; Neh 13,19; Dan 8,14).

Nach einer vermittelnden These begann der Tag in vorexilischer Zeit noch am Morgen, nachexilisch dagegen am Abend (de Vaux I, 290-294; Stiglmaier, 554). Die These korrespondiert mit der entsprechenden Datierung der einschlägigen Textstellen (vorexilisch: Dtn 28,66; 1Sam 30,12; Jes 28,19; Jer 33,20; nachexilisch: Gen 1; Jes 27,3; Jes 34,10; Ps 55,18; Est 4,16; Dan 8,14; Dan 8,26). Da vorexilisch unter ägyptischem Einfluss der solare Kalender maßgeblich war, setzte man den Tagesbeginn mit dem Erscheinen des Sonnenlichtes am Morgen an. Die unter mesopotamischen Einfluss stehende, nachexilische Einführung des lunisolaren Kalenders bedingte die Umstellung des Tagesbeginns auf den Abend. Dies belegt die meristische Formel jôm wālajlāh „Tag und Nacht“ (Num 9,21; 1Kön 8,59; Ps 1,2 u.a.), die ebenfalls vorexilisch angesetzt wird (Stiglmair, 554). Exilisch-nachexilisch wurden die Glieder der Formel dagegen oft umgekehrt (1Kön 8,29; Jes 27,3; Jes 34,10; Ps 55,18; Est 4,16; Dan 8,14; Jdt 11,17 [nicht in Lutherbibel]; Sir 38,27 [Lutherbibel: Sir 38,28, mit Umstellung in der Übersetzung]) – das geschieht jedoch nicht immer, wie die eindeutig nachexilischen Belege Neh 1,6; 2Makk 13,10 zeigen. Daher kann lediglich eine nachexilische Tendenz zur Festsetzung des Tagesbeginns am Abend ausgemacht werden (Belzer 2001b, 771).

3.3. Die Ordnung der Zeit im Spiegel des Kultes

Die vorexilischen israelitischen Kulte kannten „heilige“ Tage wie die „Tage der Baalim“ (Hos 2,15; → Baal). Nachexilisch gehörten Gott besondere Tage als „heilig“ (Neh 8,9), so v.a. der jôm haššabat „Sabbat“, der „den kleinsten kultischen Zeitrhythmus ausmacht“ (Sæbo, 582). Der Mond hatte entsprechend dem mesopotamischen Einfluss hervorragende kalendarische Bedeutung für die Feste (Gen 1; Ps 104,19). Die biblischen Kultkalender (Ex 23,14-17; Ex 34,18-23; Dtn 16,1-17; Lev 23; Num 28-29) benennen nicht nur explizit den ersten Tag des Monats jôm hachodæš „Neumondstag“, sondern erwähnen auch implizit den 15. eines Monats, nämlich den jôm hakkesæ’ „Vollmondstag“ (explizit nur in Spr 7,20; vgl. Ps 81,4).

In exilisch-nachexilischen Texten werden die Tage näher bezeichnet, indem man sie zählt (z.B. Gen 1,5 jôm ’æchad, wörtlich „Tag Eins“). Nur der → Sabbat hat einen eigenen Namen. Die nächstgrößere Zeiteinheit ist die siebentägige Woche (šāvû‘a). Der Monat (jærach „Mond“) wird durch die Beobachtung der Mondphasen bestimmt und beginnt mit dem Neumond (chodæš). Die Tage des Monats werden ebenfalls nummeriert. Das Jahr (šānāh) kann prinzipiell solar (ca. 365 1/4 Tage) oder lunar (ca. 354 Tage) berechnet werden. Nachexilisch wurden beide Berechnungen zum lunisolaren → Kalender kombiniert.

3.4. Persönliche Ereignisse

Der Ausdruck jômô „sein Tag“ kann sowohl den Geburtstag (Hi 3,1) als auch den Todestag (1Sam 26,10; Ps 37,13; Hi 15,32; Hi 18,20) bezeichnen (Jenni, 712). Es ist der Tag, an dem sich das Schicksal des Einzelnen wendet. Ein Geburtstag (hebräisch jôm hûllædæt) wird explizit in Ez 16,4f und Gen 40,20 benannt. Von einer Feier des Tages ist für Israel nichts bekannt – Gen 40,20 bezieht sich auf den ägyptischen Pharao.

Wo vom Todestag (jôm hammāwæt Pred 7,1; Pred 8,8, mit Suffixen Gen 27,2; Ri 13,7 u.ö.) die Rede ist, wird im Kontext meist das ganze Leben überblickt. Zusammenfassend kann mit jôm auch vom „Lebtag“ des Einzelnen insgesamt gesprochen werden (Hi 14,6; Hi 30,25; Jenni, 714).

3.5. Die Praxis der „Tagewählerei“

„Der Begriff ‚Tagewählerei‘ bezeichnet die kulturelle Praxis, das Gelingen oder Mißlingen von Handlungen mit kalendarisch … definierten günstigen oder ungünstigen Tagen in Verbindung zu bringen. Die Annahme, daß Tage nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ bestimmt sind, war allen antiken Kulturen geläufig und führte zu einem eigenen Genre, den Hemerologien“ (von Stuckrad, 1220). Hemerologien legten für kultische und profane Tätigkeiten jeweils geeignete Tage und Monate fest bzw. schlossen ungeeignete Zeiträume aus (ausführlich Labat 1939). Die Praxis der Tagewählerei gehört zur → Mantik, die „auf der weltanschaulichen Vorstellung [beruht], dass die Gesamtwirklichkeit aus einem Organismus besteht, in dem alle Elemente im Bezug zum Ganzen zusammenhängen“ (Lanckau, 30). Prinzipiell ist es daher mittels divinatorischer Techniken möglich, aus allem Sichtbaren den Ratschluss der Götter zu erkennen, dessen Auswirkungen die Wirklichkeit der Menschen betreffen. Diese grundlegende Vorstellung entsprach in Mesopotamien exakt der Gesellschaftsordnung. Die Könige verfügten über ihre Untertanen und behielten sich ihre Entscheidungen über sie vor. So stellte man sich analog zu den Dekreten der Herrscher den Ratschluss der Götter auf den „Schicksalstafeln“ (ṭuppi šīmāti) geschrieben vor (Bottéro, 239). Eine reiche Ominaliteratur gibt nun darüber Auskunft, dass die Mondphasentage 7, 15 (šapattu), 22 und 29 generell als ungünstig galten. Auch die Planetenbahnen wurden in die Qualifizierung von Tagen einbezogen (Labat 1965; von Stuckrad, 1222). In Ägypten spielten mehr mythologische Vorstellungen in die divinatorische Praxis hinein (Brunner-Traut, 153). Seit dem Mittleren Reich existierten neun Dokumente, die für jeden Tag eines Monats (ab dem → Neuen Reich für jeden Tag eines Jahres) Angaben machen, ob ein bestimmter Tag für eine bestimmte Tätigkeiten als „gut“ oder „schlecht“ angesehen werden muss. Die Epagomenen, die fünf Schalttage des ägyptischen Jahres, galten als generell ungeeignet, um an ihnen Arbeiten zu beginnen oder auszuführen, und waren daher arbeitsfrei (Bonnet, Tagewählerei, 763f; Brunner-Traut, 153f).

Biblische Texte wie z.B. Dtn 18,9-11 und Lev 19,26 verurteilen bestimmte mantische Praktiken, was im Umkehrschluss nahelegt, dass diese Praktiken im Leben der Menschen eine wichtige Rolle gespielt haben. Nachexilisch werden aus deuteronomistischer Perspektive bestimmte Praktiken negativ bewertet, die vorexilisch noch positiv konnotiert sind.

Die Henoch-Astronomie (→ Henoch) entwickelt in hellenistischer Zeit ein kompliziertes System von Jahreszyklen von 7-mal 7 Jahren, bestimmten Jubiläen und Rotationen des Jerusalemer Priesterdienstes, welches jedem Tag eine bestimmte Bedeutung in der Heilsgeschichte Gottes zuschreiben konnte. Damit war eine wichtige Grundlage für apokalyptische Berechnungen geschaffen, wie sie z.B. in Qumrantexten vorgenommen wurden (von Stuckrad, 1221; zur Rezeption in Qumran vgl. Albani, 24.160-222.316-365).

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Lexikon der Ägyptologie, Wiesbaden 1975-1992
  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991-2001
  • Religion in Geschichte und Gegenwart, 4. Aufl., Tübingen 1998-2005
  • Theologisches Handwörterbuch zum Alten Testament, 6. Aufl., München / Zürich 2004
  • Theologische Realenzyklopädie, Berlin / New York 1977-2004
  • Theologisches Wörterbuch zum Alten Testament, Stuttgart u.a. 1973ff

2. Weitere Literatur

  • Albani, M., 1994, Astronomie und Schöpfungsglaube. Untersuchungen zum astronomischen Henochbuch (Wissenschaftliche Monographien zum Alten und Neuen Testament 68) Neukirchen-Vluyn
  • v. Beckerath, J., 1986, Art. Zeiteinteilung, -messung, Lexikon der Ägyptologie VI, 1371f.
  • Belzer, J., 2001a, Art. Tag, Neues Bibel-Lexikon III, 769f.
  • Belzer, J., 2001b, Art. Tagesbeginn, Neues Bibel-Lexikon III, 770f.
  • Belzer, J., 2001c, Art. Tageseinteilung, Neues Bibel-Lexikon III, 771f.
  • Bergman, J. / Sæbø, M. / von Soden, W., 1982, Art. jôm, Theologisches Wörterbuch zum Alten Testament III, 559-586
  • Bonnet, H., 1952, Art. Tagewählerei, Reallexikon der ägyptischen Religionsgeschichte, 763f.
  • Bottéro, J., 1991, Religion, in: Hrouda, B., Der alte Orient. Geschichte und Kultur des alten Vorderasien, München, 217-245
  • Brown, D. / Dohrn-van Rossum, G., 2001, Art. Uhr, Der Neue Pauly XI, 969-976
  • Delling, G. / v. Rad, G., 1935, Art. hēméra, Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament II, 945-956
  • Janowski, B., 1989, Rettungsgewissheit und Epiphanie des Heils. Das Motiv der Hilfe Gottes „am Morgen“ im alten Orient und im Alten Testament (Wissenschaftliche Monographien zum Alten und Neuen Testament 59), Neukirchen-Vluyn
  • Jenni, E., 1994, Art. jôm, Theologisches Handwörterbuch zum Alten Testament I, 707-726.
  • Keel, O., 2006, Spätbronze- und Eisenzeit I, in: Keel, O. / Schroer, S., Eva – Mutter alles Lebendigen. Frauen- und Göttinnenidole aus dem Alten Orient, Fribourg, 130-163
  • Labat, R., 1939, Hemerologies et Menologies d’Assur, Paris
  • Labat, R., 1965, Un calendrier babylonien des travaux des signes et des mois, Paris
  • Lanckau, J., 2006, Der Herr der Träume. Eine Studie zur Funktion des Traumes in der Josefsgeschichte der Hebräischen Bibel (Abhandlungen zur Theologie des Alten und Neuen Testaments 85), Zürich
  • Pack, R.A. (Hg.), 1963, Artemidori Daldiani onirocriticon libri V, Leipzig
  • Sontheimer, W., 1932, Art. Tageszeiten, Paulys Real-Encyclopädie der classischen Alterthumswissenschaft, Zweite Reihe, IV A,2, Stuttgart, 2011-2023.
  • Stiglmair, A., 1984, Art. lajil / lajlāh, Theologisches Wörterbuch zum Alten Testament IV, 552-562
  • Stuckrad, K. von, 2001, Art. Tagewählerei, Der Neue Pauly XI, 1220-1223
  • de Vaux, R., 1960, Das Alte Testament und seine Lebensordnungen I, Freiburg

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