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Lexikon

Tabor

Monika Müller

(erstellt: Aug. 2008)

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1. Name

© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 1 Karte zur Lage des Tabor.

Herkunft und Bedeutung des Ortsnamens Tabor (תָּבוֹר tāvôr) sind unklar. Nicht durchgesetzt hat sich die These von Otto → Eißfeldt, der Name sei angesichts der griechischen Wiedergabe mit Itabyrion auf den Gott Zeus Atabyrios / Itabyrios zurückzuführen, der auf Rhodos bezeugt ist, aber semitische Wurzeln habe. Gaß (251) hält eine Ableitung von dem postulierten Begriff tadbôr (Präfix ta + dbr „sprechen“), der „Orakelstätte“ bedeuten soll, für das wahrscheinlichste.

Die hellenistische Namensform Itabyrion (’Ιταβύριον) belegen Josephus und die → Septuaginta in Hos 5,1; Jer 26,18 (= Jer 46,18 in der Hebräischen Bibel), die den Namen sonst Thabor (Θαβωρ) wiedergibt (vgl. Möller / Schmitt 111f).

2. Der Berg und der Ort Tabor

2.1. Lage

© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 2 Blick von Süden auf den Berg Tabor.

Der 588 m hohe, schon von Weitem gut sichtbare Berg Tabor (arabisch Ǧebel eṭ-Ṭōr) liegt in Israel am Nordostrand der Jesreel-Ebene (Koordinaten: 1870.2324; N 32° 41' 12'', E 35° 23' 25''). Seine markante, kegelartige Form und seine Lage in der Ebene weisen ihn als eine augenfällige Landmarke aus. Von seinem Gipfel, einem 1200 x 400 m großen Plateau, kann man bei guten Wetterverhältnissen den → Hermon, den → Karmel und die → Gilboa-Berge sehen. Alle Verkehrsrouten, die die Jesreel-Ebene durchziehen, sind von hier gut zu kontrollieren, vor allem die wichtige Via Maris, die auf dem Weg von → Megiddo nach → Kinneret an seinem Fuß vorbeigeht. Früher war der Berg bewaldet, heute ist er es nur zum Teil.

Außer dem Berg Tabor gibt es den in 1Chr 6,62 sicher belegten Ort Tabor. Er ist wohl mit dem heutigen Dorf Dabūrje am Westhang des Berges zu identifizieren, wo es nach dem Keramikbefund schon in der Eisenzeit I/II eine Siedlung gab.

2.2. Biblische Überlieferung

© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 3 Blick vom Tabor auf die Jesreel-Ebene.

Im Buch → Josua wird der Berg Tabor in den Grenzbeschreibungen der → Stämme Sebulon, Naftali und Issachar genannt (Jos 19,12.22.34) und bietet demnach eine Grenzmarke zwischen deren Gebieten. Dabei ist in Jos 19,22 – wie in Ri 8,18 – vielleicht nicht der Berg, sondern der Ort gemeint. Die Ortsnamen Kislot und Asnot werden durch die Erweiterung zu Kislot-Tabor (Jos 19,12) und Asnot-Tabor (Jos 19,34) in der Umgebung des Berges bzw. des Ortes Tabor lokalisiert und vielleicht sollen sie auch von anderen Orten mit dem gleichen Namen unterschieden werden.

Durch seine für militärische Zwecke günstige Lage wird der Tabor in Ri 4 zum Truppenversammlungsort der israelitischen Stämme unter → Baraks Führung vor der Schlacht mit den → Kanaanäern unter → Sisera (Ri 4,6.12.14). Die Richterin → Debora gibt dazu im Namen Gottes den Auftrag. Als Ort der eigentlichen Schlacht wird in ihrem Lied „Taanach, an den Wassern Megiddos“ (Ri 5,19) angegeben, während Ri 4 vom Kampf am Fuß des Tabor berichtet.

Ps 89,13 nennt ihn in einem Atemzug mit dem Berg Hermon. Jer 46,18 spielt auf die herausragende Größe des Tabors an, um die Größe des ägyptischen Pharaos zu veranschaulichen.

Hos 5,1 wird, teilweise in Kombination mit Dtn 33,18-19 (wo der Tabor aber nicht ausdrücklich genannt wird), als Beleg dafür gesehen, dass auf dem Tabor eine Kultstätte war (vgl. HALAT), doch ist diese These sehr fragwürdig.

1Chr 6,62 lokalisiert den Ort Tabor im Gebiet Sebulon und zählt ihn zu den Levitenstädten (LXX: Θαχχια, außer Alexandrinus: Θαβωρ), doch wird er in der Parallelüberlieferung in Jos 21 nicht genannt.

2.3. Geschichte

Ob der Ortsname dpr, der in Theben in einer topographischen Liste aus der Zeit → Ramses’ II. belegt ist, den Berg Tabor meint, ist äußerst fraglich. Nach dem Keramikbefund gab es auf dem Berg in der Eisenzeit II eine erste Besiedlung, später auch in persischer, hellenistischer, römischer und byzantinischer Zeit. Grabungen belegen für die hellenistische Zeit eine Umfassungsmauer.

In hellenistischer Zeit lag auf dem Tabor der Ort Atabyrion (Josephus: Itabyrion; s.o. 1.). Er wurde 218 v. Chr. von dem → Seleukiden Antiochus III. erobert und befestigt (Polybios, Historiai V, 70,6-12; Text gr. und lat. Autoren). Um 100 v. Chr. wurde er von Alexander Jannäus (→ Hasmonäer) erobert (Josephus, Antiquitates Judaicae XIII, 396 Text gr. und lat. Autoren). Um das Jahr 65 n. Chr. hat Josephus als Oberbefehlshaber judäischer Truppen die Kuppe des Berges mit einer Mauer befestigt, von der noch Reste zu sehen sind. Doch schon im Jahr 67 wurde die Festung von Placidus erobert (Josephus, De bello Judaico II,573 und IV,61).

Seit frühchristlicher Zeit wird der im Neuen Testament nicht lokalisierte Berg der Verklärung Christi (Mt 17,1-9 // Mk 9,2-10 // Lk 9,28-36; 2Petr 1,18) mit dem Berg Tabor identifiziert. Erstmals belegt ist diese Tradition bei → Origenes. → Eusebius gibt den Berg Hermon als Alternative an. Seit Cyrill von Jerusalem hat sich die Lokalisierung am Tabor verfestigt.

© public domain (Foto: Gudrun Liedtke, 1999)

Abb. 4 Die Verklärungskirche auf dem Berg Tabor.

In byzantinischer Zeit sind auf dem Tabor nach dem Bericht des Pilgers von Piacenza, der 570 n. Chr. dort war, drei Kirchen gebaut worden, und zwar in Analogie zu den drei Hütten, die Petrus nach Mk 9,5 für Jesus, Mose und Elia errichten wollte. In der Kreuzfahrerzeit hatten von ca. 1100 bis zur Schlacht von Hattim (1187) die Benediktiner auf dem Berg ein Kloster, ab 1631 die Franziskaner. Ihre in den Jahren von 1921-1924 gebaute Kirche ist bis heute der markante Punkt auf der östlichen Seite des Plateaus, der Nordteil wird von einer Elias-Kirche und einem griechisch-orthodoxen Kloster eingenommen.

3. Tabor bei Bethel

1Sam 10,3 erwähnt einen markanten Baum bei Tabor, einer Lokalität, die dem Kontext nach in der Umgebung von → Bethel zu suchen ist.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Der Kleine Pauly, Stuttgart 1964-1975 (Taschenbuchausgabe, München 1979)
  • Encyclopaedia Judaica, Jerusalem 1971-1996
  • Theologische Realenzyklopädie, Berlin / New York 1977-2004
  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991-2001
  • The Anchor Bible Dictionary, New York 1992
  • Lexikon für Theologie und Kirche, 3. Aufl., Freiburg i.Br. 1993-2001
  • Religion in Geschichte und Gegenwart, 4. Aufl., Tübingen 1998-2007
  • Archaeological Encyclopedia of the Holy Land, New York / London 2001
  • Calwer Bibellexikon, Stuttgart 2003

2. Weitere Literatur

  • Gal, Z., 1992, Lower Galilee during the Iron Age, Winona Lake
  • Gaß, E., 2005, Die Ortsnamen des Richterbuches in historischer und redaktioneller Perspektive (ADPV 35), Wiesbaden
  • Hasel, M.G., 1998, Domination and resistance: Egyptian military activity on the Southern Levant, ca. 1330 – 1185 B.C. (Probleme der Ägyptiologie 11), Leiden, Boston, Köln
  • Eißfeld, O., 1934, Der Gott des Tabor und seine Verbreitung, ARW 31, 14-41
  • Lewy, J., 1950/51, Tabor, Tibar, Atabyros, HUCA 23 / 1, 357-386
  • Manns, F., 2006, Mount Tabor; in: J.H. Charlesworth (Hg.), Jesus and Archaeology. Cambridge, 167-177
  • Möller, C. / Schmitt, G., 1976, Siedlungen Palästinas nach Flavius Josephus (B.TAVO B 14), Wiesbaden
  • Thomas, D.W., Mount Tabor. The Meaning of the Name, VT 1, 1951, 229f
  • Wellmann, B., 2006, Die galiläischen Jesus-Berge. Der Berg Tabor und der Berg der Seligpreisungen, WUB 42, 28-29

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Karte zur Lage des Tabor. © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
  • Abb. 2 Blick von Süden auf den Berg Tabor. © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
  • Abb. 3 Blick vom Tabor auf die Jesreel-Ebene. © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
  • Abb. 4 Die Verklärungskirche auf dem Berg Tabor. © public domain (Foto: Gudrun Liedtke, 1999)
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