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Lexikon

Syrisch-ephraimitischer Krieg

Thomas Wagner

(erstellt: Jan. 2007)

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© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 1 Das assyrische Weltreich.

Im Jahr 734 v. Chr. belagerten der aramäische (syrische) König → Rezin und der israelitische (ephraimitische) König → Pekach die Stadt Jerusalem, um den dortigen König → Ahas zu stürzen und einen Herrscher einzusetzen, der sie im Kampf gegen die Eroberungspolitik des assyrischen Großreichs unterstützen würde.

Die Belagerung Jerusalems durch die syrisch-ephraimitische Koalition musste jedoch aufgegeben werden, da der assyrische König → Tiglat-Pileser III. mit seinen Truppen → Damaskus, die Hauptstadt der Aramäer, belagerte und damit die aramäischen Truppen zur Rückkehr zwang. Der assyrische Feldzug endete 732 v. Chr. damit, dass Damaskus zerstört und Israel auf einen Rumpfstaat rund um die Stadt → Samaria beschränkt wurde. Zudem wurde Israels König Pekach gestürzt und durch König → Hosea ersetzt, der dem assyrischen König zunächst ergeben war. Juda unter Ahas wurde zu einem assyrischen Vasallen und musste fortan hohe Tributleistungen erbringen.

1. Die Bezeichnung „syrisch-ephraimitischer Krieg“

Der Begriff „syrisch-ephraimitischer Krieg bzw. Bruderkrieg“ ist irreführend. Üblicherweise wird ein Krieg durch seine Dauer, seine Ausbreitung oder durch die sich im Krieg gegenüberstehenden Gruppen bzw. Länder benannt. Letzteres wäre auch beim Begriff syrisch-ephraimitischer Krieg zu erwarten. Es handelt sich jedoch nicht um einen Krieg zwischen den beiden genannten Gebieten / Ländern. Vielmehr bezieht sich die Nennung der beiden Gebiete Syrien (mit den Königreichen der → Aramäer) und Ephraim auf die Koalitionspartner, die zusammen Kampfhandlungen gegen ein weiteres Gebiet, das vom Haus David beherrschte → Juda, planten. Angeführt wurde diese aus syrischen Fürstentümern und dem israelitischen Königshaus bestehende Koalition von Rezin von Damaskus. Datiert wird der syrisch-ephraimitische Krieg in den Zeitraum zwischen 734 und 732 v. Chr. Terminus ad quem ist die Eroberung von Damaskus durch Tiglat-Pileser III. 732 v. Chr.

2. Die Quellen

Im Alten Testament wird in drei Büchern auf den syrisch-ephraimitischen Krieg Bezug genommen (2Kön 15,37; 2Kön 16,5.7-9; Jes 7,1-17; Jes 8,1-4; Jes 17,1-11; Hos 5,8-6,6). An assyrischen Quellen stehen die Annalen Tiglat-Pilesers III. (Zeile 195-240) sowie die Inschriften ND 4301 und 4305, ferner III R 10, Nr. 2 zur Verfügung.

2.1. Die Königsbücher

Nach der Überlieferung der → Königsbücher (2Kön 15,37; 2Kön 16,5.7-9) griffen Rezin von Damaskus und → Pekach von Israel gemeinsam Juda an und belagerten → Jerusalem (2Kön 16,5). Zwar konnte Rezin nordjudäisches Gebiet unter seine Kontrolle bringen, die Eroberung Jerusalems blieb jedoch aus. Nach 2Kön 16,7 hatte Ahas von Juda den neuassyrischen Großkönig nämlich um militärische Hilfe ersucht. Da der Großkönig anrückte, mussten die aramäisch-israelitischen Truppen die Belagerung Jerusalems aufgeben, um ihr eigenes Gebiet zu verteidigen. Dieses Unternehmen scheiterte, und Tiglat-Pileser III. nahm Damaskus ein (2Kön 16,9).

2.2. Das Jesajabuch

Die Jesaja-Denkschrift. Die Ereignisse des syrisch-ephraimitischen Krieges spielen beim Propheten → Jesaja zunächst in der sog. → Denkschrift eine Rolle (Jes 7,1-17; Jes 8,1-4), deren Alter und Herkunft umstritten sind. Neuere Untersuchungen zeigen, dass die Kapitel im Grundbestand in die Zeit des Propheten Jesaja und damit in die Zeit der Krise zurückgehen.

Jes 7,1 berichtet vergleichbar mit 2Kön 16,5 vom Aufmarsch aramäisch-israelitischer Truppen vor Jerusalem. Der anschließende Text Jes 7,2-17 zeigt jedoch deutlich, dass dieses Ereignis dem folgenden Text nicht zugrunde liegt. Nach Jes 7,2 trifft der judäische König → Ahas Maßnahmen zur Verteidigung der Stadt, nachdem ihm der Einfall damaszenischer Truppen in das Nordreich → Israel gemeldet worden war. In dieser Situation deckt Jesaja vor Ahas den Plan der aramäisch-israelitischen Koalition auf, Ahas zu stürzen und an seiner Stelle einen gewissen Ben Tabeal („Sohn Tabeals“) zu inthronisieren. Jesaja erinnert Ahas an JHWHs Inthronisationszusagen (vgl. 2Sam 7,1-17) und sagt den Untergang der aramäisch-israelitischen Koalition an. Ahas selber wird dazu aufgefordert, nicht aktiv in das Geschehen einzugreifen. Jesaja spricht sich gegen jegliche Bündnispolitik aus, da Juda durch sie in Abhängigkeit eines anderen Staates bzw. Königs geraten würde.

Nach Jes 7,10 scheint Ahas trotz der göttlichen Zusagen nicht auf die Vorbereitung zur Verteidigung der Stadt verzichtet zu haben. So tritt Jesaja ein zweites Mal auf und gibt dem König zur Bestätigung, dass seine Botschaft von JHWH stammt, ein Bestätigungszeichen (→ Immanuel), das ebenfalls den Untergang der Koalition thematisiert und ihn mit einem erwarteten Zeitpunkt verbindet. Das dritte Auftreten Jesajas in Jes 8,1-4 ist wiederum mit einem Zeichen verbunden. Auch dieses Zeichen soll den Untergang der aramäisch-israelitischen Koalition innerhalb eines Zeitraums ansagen.

Gerichtswort gegen Damaskus und Samaria. Jes 17,1-11 bietet in der Form des Fremdvölkerspruches (→ prophetische Redeformen) ein Gerichtswort gegen Damaskus und Samaria, die Hauptstädte der syrisch-ephraimitischen Koalitionspartner: Damaskus wird die Verheerung und Samaria eine drastische Verkleinerung des Landesterritoriums angesagt (Jes 17,2f.). Der Geschichtsablauf, wie er aus 2Kön 15f. und Jes 7,1 bekannt ist, wird in diesem Wort noch nicht vorausgesetzt, und eine Belagerung Jerusalems durch das Koalitionsheer (in 2Kön 16,6; Jes 7,1) wird nicht erwähnt.

Jes 10,27b-33. Nach Donner (1995, 337) bezieht sich auch Jes 10,27b-33 auf den syrisch-ephraimitischen Krieg. Dagegen spricht zwar, dass der im Kontext vorgegebene Bezug auf die Assyrer (Jes 10,5.12.24) kaum erst redaktionell hergestellt wurde, doch kann weder der Feldzug → Sargons II. von 720 v. Chr. (Wildberger, 1971, 429-432; Beuken, 2003, 280f.) im Blick sein, da er sich nicht gegen Jerusalem richtete, noch der → Sanheribs 701 v. Chr., da er nicht von Norden, sondern über Lachisch von Westen erfolgte. Deswegen bezieht sich der Text möglicherweise doch auf die Anmarschroute des syrisch-ephraimitischen Koalitionsheeres (s.u. Abb. 2).

2.3. Das Hoseabuch

Auch Hos 5,8-6,6 ist als Unheilsansage gestaltet, allerdings wendet sich das göttliche Gericht in diesem Fall gegen Israel und Juda (→ Hosea). Nach Hos 5,10 hat Juda seine Nordgrenze nach Norden verschoben und damit Teile des Nordreichs annektiert. In dieser Situation bat das Nordreich den neuassyrischen Großkönig um Hilfe, doch wird zu dessen Reaktion nichts gesagt. Vielmehr wird die Sinnlosigkeit des Unternehmens aufgezeigt, da auch dieser Großkönig gegen das göttliche Strafgericht nichts ausrichten kann.

2.4. Die Annalen Tiglat-Pilesers III.

Der rekonstruierbare Textbestand der Annalen → Tiglat-Pilesers III. ist kaum als zusammenhängender Text lesbar (TUAT I/4, 370-373). Zeile 150 berichtet über Tributgaben von Rezin von Damaskus und Menachem von Samaria, die im Zusammenhang mit dem Feldzug 738 v. Chr. stehen. Zu dieser Zeit – das kann man dem Text entnehmen – haben beide Königreiche als eigenständige Territorien weiterexistiert.

Anderes berichten die Zeilen 227-230; Zeile 236. In Zeile 227-230 wird von einem Feldzug Tiglat-Pilesers III. berichtet, bei dem er viele Städte okkupierte, Samaria jedoch verschont blieb (Zeile 228). Zeile 236 berichtet dann vom Tod Rezins von Damaskus und der Eroberung der Stadt durch Tiglat-Pileser III.

2.5. Die Inschriften ND 4301 und 4305

Die Inschriften ND 4301 und 4305 (TUAT I/4, 376-378) berichten vom Feldzug Tiglat-Pilesers III. gegen die Koalitionspartner im Jahre 732 v. Chr. In Zeile 3f. wird die Annexion des damaszenischen Territoriums und großer Teile des israelitischen Territoriums beschrieben (die Ortsangaben sind nicht mehr vollständig lesbar), in Zeile 9 die → Exilierung großer Bevölkerungsteile Israels und in Zeile 10 die Inthronisation eines neuen Königs in Samaria, bei dem es sich wohl um → Hosea von Israel handeln muss.

2.6. Die Inschrift III R 10, Nr. 2

Auch die Inschrift III R 10, Nr. 2 (= kleine Inschrift Nr. 1; TUAT I/4, 373f.) stellt die Annexion von israelitischem Gebiet und die Eingliederung von Damaskus in das assyrische Staatsterritorium dar (Zeile 6f.). Im Unterschied zu den Inschriften ND 4301 und 4305 berichtet Tiglat-Pileser III. allerdings nicht davon, dass er den Herrscher in Samaria entmachtete und Hosea als seinen Nachfolger inthronisierte, sondern davon, dass die samarische Bevölkerung Pekach tötete und Hosea als neuen König wählte (Zeile 17f.). Mit dem Sturz Pekachs erneuerte Samaria seine Stellung als tributpflichtiger Vasall, was die erwähnten jährlichen Zahlungen in Höhe von 10 Talenten Gold und 1000 Talenten Silber zeigen (Zeile 18).

3. Die Rekonstruktion des historischen Verlaufs

Der Verlauf des syrisch-ephraimitischen Kriegs kann aufgrund der guten Quellenlage relativ sicher rekonstruiert werden. Er lässt sich – nach der Vorgeschichte – in drei Phasen einteilen: 1. die Sammlung der Koalition, 2. der Angriff auf Jerusalem und 3. der 3. Syrienfeldzug Tiglat-Pilesers III.

3.1. Die Vorgeschichte

Der syrisch-ephraimitische Krieg steht historisch im Kontext der Koalitionen, die sich mit jeder Ausbreitung des neuassyrischen Reiches bildeten, um mit militärischen Mitteln zu versuchen, der Expansion der neuassyrischen Großkönige Einhalt zu gebieten. Nachdem im Jahr 853 v. Chr. eine erste Expansionswelle des neuassyrischen Reiches unter → Salmanassar III. mit der → Schlacht von Qarqar am → Orontes unter der Führung von → Hadad-Ezer von Aram, Irchuleni von Hamat und → Ahab von Israel für ein Jahrhundert gestoppt werden konnte, eroberte Tiglat-Pileser III. 743 v. Chr. das nordsyrische → Arpad (Tell Refād). Damit griff das neuassyrische Reich wieder auf syrisches Gebiet über.

738 v. Chr. erfolgte ein Angriff auf Mittelsyrien, bei dem große Teile des Aramäerstaates von → Hamat erobert werden konnten, nämlich die Landesteile, die zum früheren Reich Nuchašša gehört hatten, nicht jedoch Hamat selbst. Die Mehrzahl der nord- und mittelsyrischen Staaten leisteten Tributzahlungen an den neuassyrischen Großkönig und blieben so von einer militärischen Eroberung verschont. Nach den Annalen Tiglat-Pilesers III. (Kol. III, Zeile 150) gehörten zu den Tributpflichtigen auch → Menachem von Samaria und Rezin von Damaskus. Dieses bedeutete für Damaskus und Samaria, dass sie zum einen finanziell von → Assyrien ausgebeutet wurden, und dass sie zum anderen unmittelbar an der Grenze des neuassyrischen Reiches existieren mussten und so zum potentiellen Expansionsgebiet Tiglat-Pilesers III. gehörten. Um einer weiteren Expansion des neuassyrischen Reiches entgegenzutreten, versuchte Rezin von Damaskus eine Koalition Gleichgesinnter zu sammeln, die sich mit militärischen Mitteln der assyrischen Expansion in den Weg stellen würde.

3.2. Die Sammlung der Koalition

Die Sammlung der Koalition erfolgte in mehreren Schritten. Nach Jes 7,2 ging die Initiative zur Gründung einer antiassyrischen Koalition von Rezin von Damaskus aus. Dieser zwang Israel mit militärischen Mitteln in die Koalition, indem er in Samaria für den Sturz des Königs → Pekachjas sorgte und an seiner Stelle Pekach inthronisieren ließ. Pekach stellte wohl die Tributleistungen an den neuassyrischen Großkönig ein, wie sie spätestens seit 738 v. Chr. jährlich entrichtet wurden.

Nachdem Ahas von Juda sich weigerte, der sich gründenden Koalition beizutreten, versuchten Rezin von Damaskus und Pekach von Israel in Juda einen ähnlichen Staatsstreich durchzuführen und eine Person Namens Sohn Tabeals auf den Thron in Jerusalem zu setzen.

Exkurs: Der Sohn Tabeals

Die Herkunft des Sohnes Tabeals (בן טבאל) ist umstritten. Der Vorschlag, ihn mit dem auf einer Stele Tiglat-Pilesers III. erwähnten Tubail von Tyrus zu identifizieren, ist nicht haltbar, da es sich hier um die phönizische Form des hebräischen Namens ’Iṭṭoba‘al bzw. Ṭoba‘l handelt, die sich mit ע schreibt. Außer in Jes 7,6 ist der Name Tabeal auch in Esr 4,7 und auf zwei hebräischen Siegelabdrücken belegt (WSS, Abb. 171 und Deutsch, 2003, 184 Abb. 176), was den Namen für Israel bzw. Juda belegt. Er setzt sich – wie für hebräische Namen üblich – aus einer Prädikation und einem theophoren Element zusammen. Über die Herkunft Tabaels schweigen die Quellen. Deutlich ist nur, dass er nicht der davidischen Dynastie angehörte, deren Bestand durch seine Inthronisation gefährdet war.

Exkurs: Die Erzwingung antiassyrischer Koalitionen

Eine dem syrisch-ephraimitischen Krieg vergleichbare Situation, in der ebenfalls ein König in eine antiassyrische Koalition gezwungen werden sollte, wird in der Inschrift des Zakkur von Hamat überliefert. Dieser hat sich geweigert, einer von Bar-Hadad von Damaskus (→ Ben-Hadad) im Jahr 797 v. Chr. gegründete Koalition beizutreten. Daraufhin wurde seine Stadt von Koalitionstruppen belagert, wie die Zeilen 13-15 der genannten Inschrift berichten: [wj’mr 13lj] b‘lšmjn ’l tzchl kj ’nh hml[ktk w’nh] 14[’q]m ‘mk w’nh ’chṣlk mn kl [mlkj’ ’l zj] 15mch’w ‘ljk mṣr (KAI 5. Aufl., Nr. 202) „und es sprach 13zu mir Beelschamajn: Fürchte Dich nicht, denn ich habe dich zum König gemacht und ich 14werde bei dir stehen und ich werde dich erretten von allen diesen Königen, die 15einen Belagerungswall gegen dich errichtet haben“ (vgl. TUAT I/3, 626). Gemäß der Inschrift wurde Zakkur von Hamat von den Belagerern befreit, wobei unklar bleibt, aus welchen Gründen diese wieder abzogen. Das Mittel, Koalitionspartner durch militärische Intervention und Inthronisation eines neuen Herrschers zu gewinnen, war – das zeigt diese Inschrift – ein gängiges Mittel.

Die Weigerung des Ahas von Juda, an einer antiassyrischen Koalition teilzunehmen, führte zur zweiten Phase des syrisch-ephraimitischen Krieges, dem Angriff auf Jerusalem.

3.3. Der Angriff auf Jerusalem

© public domain (angefertigt von Klaus Koenen)

Abb. 2 Die Straßen nördlich von Jerusalem mit der Anmarschroute der Feinde nach Jes 10,28-32.

Die Maßnahmen, die Ahas zum Schutz Jerusalems traf (Jes 7,2-17), erwiesen sich als notwendig, da die aramäisch-israelitische Koalition zum Sturm auf Jerusalem ansetzte (2Kön 15,37; 2Kön 16,5; Jes 7,1). Über die Dauer der Belagerung und die von den Belagerern unternommenen Aktionen geben die Quellen keine Auskunft. Die Belagerung führte schließlich dazu, dass Ahas von Juda Boten zum neuassyrischen Großkönig sandte und diesen um militärische Unterstützung bat. Mit den Boten schickte Ahas Geschenke für den Großkönig, die diesen wohlgesonnen stimmen sollten. Um diese Geschenke aufbringen zu können, leerte Ahas von Juda sowohl den Tempel- als auch den Palastschatz.

Diese Form der Verpflichtung gegenüber dem neuassyrischen König mit der Bitte um militärische Hilfe ist außer in 2Kön 16,5.7-9 in einer Inschrift aus Samal belegt. Die in Zincirli gefundene Inschrift des Königs → Kilamuwa (Alter der Inschrift: ca. 830-820 v. Chr.) verweist in Zeile 7f. auf ein vergleichbares Ereignis: 7w’dr ‘lj mlk d[n]njm wškr 8‘nk ‘lj mlk ’šr (KAI 5. Aufl., Nr. 24) „7Und der König von D[an]una hatte Macht über mich, 8ich aber 7verpflichtete 8gegen ihn den König von Assur“. Es war also nicht unüblich, eine Großmacht um militärische Hilfe zu bitten und dafür Gegenleistungen zu erbringen. Die Assyrer konnten die Gelegenheit dann nutzten, ihr eigenes Staatsgebiet zu vergrößern, indem sie Territorien okkupierten, gegen die sie zur Hilfe gerufen worden waren (vgl. 2Kön 16,9f.).

Die Bitte um Hilfe an den neuassyrischen Großkönig leitete die dritte Phase des syrisch-ephraimitischen Krieges, den 3. Syrienfeldzug Tiglat-Pilesers III., ein.

3.4. Der 3. Syrienfeldzug Tiglat-Pilesers III.

Nachdem Tiglat-Pileser III. sich mit dem 1. Syrienfeldzug im Jahr 743 v. Chr. gegen das nordsyrische Arpad und mit dem 2. Syrienfeldzug im Jahr 738 v. Chr. gegen die mittelsyrischen Gebiete und vor allem gegen den Aramäerstaat von Hamat gewandt hatte, richtete sich der 3. Syrienfeldzug in den Jahren 734-732 v. Chr. vor allem gegen zentral- und südsyrische Gebiete, an deren Rändern die Staaten Israel und Juda lagen.

Auf das Hilfegesuch des Ahas von Juda hin belagerte Tiglat-Pileser III. Damaskus und konnte es im Jahr 732 v. Chr. einnehmen. Dass Ahas’ Bitte um militärische Hilfe der Anlass für diese Belagerung war, ist eher unwahrscheinlich. Die Einnahme von Damaskus, das als Stützpunkt und Warenumschlagsplatz, der auf direktem Weg von Ninive nach Ägypten lag, sowie als wichtigstes machtpolitisches Zentrum der Aramäer galt, wird eines der entscheidenden Ziele dieses Feldzugs gewesen sein. So wird das Hilfegesuch Ahas’ von Juda nicht mehr als ein passender Auslöser für die Belagerung von Damaskus gewesen sein.

Die Tatsache, dass Ahas den neuassyrischen Großkönig um militärische Hilfe bat, wird im → Deuteronomistischen Geschichtswerk in 2Kön 16,5.7-9 nicht negativ bewertet. Vielmehr bietet diese Erzählung den historischen Hintergrund für die anschließende Verfehlung des Ahas. Nach 2Kön 16,10-20 besucht er Tiglat-Pileser III. in Damaskus und lässt dann am Jerusalemer Tempel in assyrischem Stil einen neuen Altar errichten. Dies interpretiert der Deuteronomist als Verfehlung vergleichbar der Häresie der Könige Israels (2Kön 16,1-4). Die Erzählung vom Hilfegesuch dient nur der historischen Verortung dieser Erzählung. Das und die oben erwähnte Parallele in der Kilamuwa-Inschrift legen es nahe, das Hilfegesuch des Ahas als historisches Ereignis zu werten.

Der Angriff Tiglat-Pilesers III. und das Abrücken der aramäisch-israelitischen Koalition gaben Ahas von Juda die Möglichkeit, eine eigene Offensive gegen Israel zu starten. Mit ihr gelang es ihm, Gebiete des südlichen Israel zu erobern und so die Grenze Judas nach Norden zu verschieben (vgl. Hos 5,8-6,6).

In Samaria revoltierte das Volk unter dem Druck des von Norden her heranrückenden neuassyrischen Heeres gegen seinen König Pekach, tötete ihn und inthronisierte einen → Assur ergebenen Herrscher: Hosea von Israel, der hohe Tributzahlungen an Tiglat-Pileser III. leistete (III R 10, Nr.2, Zeile 18).

Das Gebiet des Nordreichs Israel wurde von den assyrischen Truppen auf den Rumpfstaat Ephraim, das Gebiet rund um die Hauptstadt Samaria, reduziert. In den annektierten Gebieten errichteten die Assyrer die drei Provinzen Magiddū, Gal’ad[a] und Dū’ru.

Der 3. Syrienfeldzug Tiglat-Pilesers III. erwirkte verschiedene machtpolitische Veränderungen in der Levante. Während mit Damaskus der letzte für den aramäischen Widerstand gegen das neuassyrische Reich wichtige Ort unter assyrische Oberherrschaft kam, erkauften sich mehrere Könige, unter ihnen auch Ahas von Juda und Hosea von Israel, den Fortbestand ihrer Herrschaft mit hohen Tributleistungen. Während Juda durch den syrisch-ephraimitischen Krieg Land im Norden hinzugewinnen konnte, wurde Israel auf das Kernland Ephraim beschränkt und damit militärisch und wirtschaftlich entscheidend geschwächt.

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Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Das assyrische Weltreich. © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
  • Abb. 2 Die Straßen nördlich von Jerusalem mit der Anmarschroute der Feinde nach Jes 10,28-32. © public domain (angefertigt von Klaus Koenen)

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