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Lexikon

Sukkot (Ort)

Andere Schreibweise: Suchoth ; Socoth ; Succoth (engl.)

Detlef Jericke

(erstellt: Nov. 2013)

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© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 1 Karte zur Lage von Sukkot.

Das Alte Testament kennt zwei Orte namens Sukkot. Der eine liegt in Ägypten im östlichen Nildelta am Rande der Wüste Sinai (Ex 12,37; Ex 13,20; Num 33,5f.), der andere in Palästina im Jordantal (Gen 33,17 [2x]; Jos 13,27; Ri 8,5f.8 [2x]; Ri 8,14-16 [4x]; 1Kön 7,46; 2Chr 4,17; Ps 60,8; Ps 108,8). Der folgende Artikel beschäftigt sich nur mit dem zweitgenannten Ort im Jordantal.

1. Name

Der Name Sukkot (סֻכּוֹת sukkôt) ist der Plural des Substantivs סֻכָּה sukkāh „Hütte“ (vgl. Jes 1,8). Die zugrunde liegende Wurzel סכך skk heißt „bedecken / beschirmen“ (Ex 25,20 u.ö.). Demzufolge sind mit סֻכּוֹת sukkôt überdachte Hütten gemeint (Gaß 2005, 439; vgl. חַג הַסֻּכּוֹת hag hassukkôt → „Laubhüttenfest“, Lev 23,34 u.ö.). Entsprechend übersetzt die → Septuaginta in Gen 33,17 sowie in Ps 60,8 und Ps 108,8 den Ortsnamen Sukkot mit σκηνή „Hütte / Zelt“, an den anderen Belegstellen gibt die Septuaginta den Namen transkribierend als Σοκχωθ wieder.

Vielfach wird angenommen, dass der auf der Palästina-Liste des Pharao → Scheschonq aus Theben (Karnak; zweite Hälfte 10. Jh. v. Chr.) unter Nr. 55 angebrachte Name das biblische Sukkot im Jordantal meint. Die Schreibung des Namens (p3nskt, p3[x]ktṯ) und damit die Gleichsetzung mit dem alttestamentlichen Ort ist jedoch umstritten (Gaß 2005, 440; HTAT, 235). Der Jerusalemer Talmud (Traktat Shevi‘it 9,2) setzt Sukkot mit einem Ort namens dr‘lh bzw. tr‘lh (D/Tar‘allāh) gleich (Reeg 1989, 218-219.451-452.629; Gaß 2005, 440).

2. Biblische Überlieferung

2.1. Genesis

Sukkot ist auf dem Weg → Jakobs von seinem Aufenthalt bei → Laban in Nordsyrien (Gen 29-32) zurück nach Kanaan die letzte ostjordanische Station (Gen 33,17) vor der Ankunft im westjordanischen → Sichem (Gen 33,18-20). Zuvor hält sich Jakob im nördlichen Ostjordanland (Gilead) und in → Pnuel / Pniel am → Jabbok auf (Gen 32). Diese Aufenthalte sind jedoch als vorläufig bzw. gefährlich (sog. Gotteskampf am Jabbok; Gen 32,23-33) geschildert, während Sukkot als ein Ort erscheint, an dem sich Jakob dauerhaft niederlassen will. Er baut dort für sich ein Haus und Hütten (hebr. סֻכּוֹת sukkôt) für sein Vieh. Daher nennt er den Platz Sukkot (Gen 33,17). Der Vers nimmt demnach eine volkstümliche → Ätiologie des Ortsnamens auf. Im Leseablauf von Gen 33 verwundert es, dass Jakob nicht länger am Ort bleibt und später auch nicht mehr dorthin zurückkehrt, vielmehr gleich nach Sichem zieht und dort ein Stück Land erwirbt (Gen 33,18-20), ein Vorgang, der ebenfalls die Absicht ausdrückt, sich dauerhaft niederzulassen. Die Spannungen im Erzählablauf werden darauf zurückgeführt, dass Jakob in einer älteren Fassung der Jakobgeschichte als Vorgänger der Könige Israels dargestellt werden soll, der gleichzeitig das nördliche Ostjordanland (Gilead; Gen 32), das Westjordanland (Sichem Gen 33,18-20) sowie den Jordangraben (Sukkot; Gen 33,17), der beide Landschaften verbindet, kontrolliert (Blum 2012). Daraus ließe sich das Nebeneinander der Notizen vom Wohnen in Sukkot und in Sichem erklären. Daneben könnte man die Abfolge der Ortsangaben in Gen 32 und Gen 33 auch so deuten, dass Jakob als Repräsentant der ab neubabylonischer und persischer Zeit (6./5. Jh. v. Chr.) im Ostjordanland nachweisbaren judäisch-israelitischen Diaspora dargestellt wird (Jericke 2013, 212-227).

2.2. Vordere Propheten

Die Erwähnung von Sukkot (Jos 13,27) in der Ortsliste des ostjordanischen Stammes Gad (Jos 13,24-28) lässt erkennen, dass der Ort als israelitisch betrachtet wurde, obwohl er östlich des Jordans lag.

Eine wichtige Rolle spielt Sukkot in der → Gideonerzählung Ri 8. Bei der Verfolgung der → Midianiter kommt Gideon zunächst an den Jordan (Ri 8,4) und dann nach Sukkot (Ri 8,5-7). Von Sukkot zieht er nach Pnuel / Pniel (Ri 8,8-9) und auf das ostjordanische Hochland (Ri 8,10-11). Aus den genannten Textzeugnissen lässt sich die Lage von Sukkot am östlichen Jordanufer in der Nähe der Jabbokmündung westlich von Pnuel / Pniel erschließen. Dem scheint allerdings die Schilderung des Rückwegs entgegenzustehen, da hier wiederum die Reihenfolge Sukkot (Ri 8,14-16) – Pnuel / Pniel (Ri 8,17) eingehalten ist. Möglicherweise handelt es sich um ein literarisches Stilmittel, um die Härte der an den Bewohnern Pnuels vorgenommenen Strafaktion gegenüber der vergleichsweise weniger drastischen Bestrafung der Einwohner Sukkots, die nicht getötet, sondern lediglich schwer verprügelt werden, zu betonen.

Auf die Lage im Jordantal weist auch die Notiz, dass an einem Platz zwischen Sukkot und Zaretan Formen aus Lehmerde für die Herstellung von Geräten für den Salomonischen Tempel angefertigt werden (1Kön 7,46; 2Chr 4,17).

2.3. Psalmen

Die beiden Erwähnungen von Sukkot im Buch der Psalmen sprechen jeweils vom „Tal von Sukkot“ (Ps 60,8; Ps 108,8) und setzen den Ortsnamen parallel zu Sichem. Vermutlich in Anspielung auf Gen 33,17-20 wollen die Psalmverse somit darauf hinweisen, dass Sukkot ein zentraler Ort östlich des Jordans und somit das Gegenstück zum westjordanischen Sichem war.

3. Lage und Lokalisierung

3.1. Tell Dēr ‘Allā

© Erasmus Gaß

Abb. 2 Tell Dēr ‘Allā.

Meist wird eine Gleichsetzung von Sukkot mit Tell Dēr ‘Allā ([Tell Der Alla]; Koordinaten: 2088.1782; N 32° 11' 46'', E 35° 37' 15'') vorgeschlagen (Jericke 2013, 200-201; weitere Vorschläge bei Gaß 2005, 440-444). Der ca. 250 x 200 m große Siedlungshügel liegt im mittleren Jordantal östlich des Jordans, etwa auf halber Strecke zwischen dem See Gennesaret im Norden und dem Toten Meer im Süden. Bei Tell Dēr ‘Allā mündet das vom ostjordanischen Bergland kommende → Jabboktal (Nahr ez-Zerqā) in das Jordantal. Auf westjordanischer Seite beginnt auf der Höhe von Tell Dēr ‘Allā das Wādī Far‘ā, das den besten Zugang vom Jordantal auf das westjordanische Bergland in die Region von Sichem (Tell Balaṭā bei Nāblus; Koordinaten: 1768.1800; N 32° 12' 49'', E 35° 16' 55'' ) ermöglicht. Daher entspricht Tell Dēr ‘Allā der nach den alttestamentlichen Texten zu erwartenden Lage von Sukkot. Auch in der Namensform gibt es Übereinstimmungen, wenn Dēr ‘Allā („hohes Kloster“) als eine korrupte Aufnahme des rabbinischen d/tr‘lh verstanden wird. Dazu kommt, dass sich durch die Anschwemmungen des Jabbok bei Tell Dēr ‘Allā Ablagerungen von Lehmerde gebildet haben, so dass die Notiz von der Anfertigung entsprechender Formen für die Gefäße des Tempels erklärbar wäre (1Kön 7,46; 2Chr 4,17).

Die Besiedlungsgeschichte von Tell Dēr ‘Allā beginnt in der Mittelbronzezeit II (18.-16. Jh. v. Chr.). Aus dieser Zeit sind jedoch nur wenige Reste erhalten, die als Teile einer Umwallung (Glacis) mit Durchgängen interpretiert werden. In der Spätbronzezeit (15.-13. Jh. v. Chr.) wurde eine Plattform errichtet, auf der ein Heiligtum stand. Die Funde deuten darauf hin, dass der Platz in dieser Zeit eine überregionale Anziehungskraft hatte, weil er an einer wichtigen Wegverbindung von Ägypten in Richtung Syrien lag. Bemerkenswert sind ein Gefäß aus Fayence mit dem Namen der ägyptischen Königin Tausret, der Frau des Pharao Sethos II. (um 1200 v. Chr.), und zwölf Tontäfelchen, von denen drei mit einer bislang nicht vollständig entzifferten Schrift beschrieben sind.

Die Befunde aus der Eisenzeit I (12.-10. Jh. v. Chr.; → Eisenzeit I) lassen erkennen, dass am Ort Objekte aus Bronze hergestellt wurden. Die Bewohner scheinen zunächst (12./11. Jh. v. Chr.) in Zelten oder Hütten gewohnt und den Platz nur saisonal genutzt zu haben. Erst aus einer späteren Phase (11./10. Jh. v. Chr.) sind feste Gebäude bezeugt.

In der Eisenzeit II entstand um 800 v. Chr. eine Siedlung, die aus mehreren Ansammlungen von Räumen mit zwischenliegenden Wegen bestand, ohne dass einzelne Gebäude abgrenzbar wären. Die Wände der Räume waren teilweise mit weißem Kalk verputzt. Dabei fanden sich in einem Raum auf abgebrochenen Verputzstücken Reste einer oder mehrerer Inschriften, die mit schwarzer und roter Tinte geschrieben waren. Sie handeln vom Seher → Bileam (vgl. Num 22-24), der in einer Vision eine Götterversammlung schildert (Näheres zur Inschrift → Bileam 3.). Die Sprache der Inschrift ist vermutlich ein aramäischer Dialekt. Außer den Inschriftenresten weist der Raum keine Spezifika eines Heiligtums auf. Auch die Frage der territorialen Zugehörigkeit ist offen. Tell Dēr ‘Allā könnte im 9./8. Jh. v. Chr. zum Königtum Israel gehört haben, wie dies die alttestamentlichen Texte zu Sukkot mehrheitlich voraussetzen. Möglicherweise handelte es sich jedoch – analog zu aramäischen Kleinherrschaften im nördlichen Ostjordanland (→ Geschur, Maacha) – um den Vorort einer teilautonomen Region. Sofern Tell Dēr ‘Allā mit Sukkot identisch ist, könnten die architektonischen Befunde der Eisenzeit, d.h. die Hinweise auf ein Leben in Zelten (Eisenzeit I) bzw. der Siedlungsaufbau aus einfachen Räumen (Eisenzeit II), den biblischen Ortsnamen veranlasst haben, der in Gen 33,17 dann volksetymologisch erklärt wird. Aus der Zeit zwischen 700 und 400 v. Chr. sind archäologische Reste nachgewiesen, ohne dass die Art der jeweiligen Siedlung genauer bestimmt werden kann. Danach endet die antike Besiedlung von Tell Dēr ‘Allā.

3.2. Tell el-Eḫṣaṣ

Einer der Ausgräber von Tell Dēr ‘Allā widerspricht der Gleichsetzung mit Sukkot und schlägt vor, den biblischen Ort mit Tell el-Eḫṣaṣ ([Tell el-Ehsas]; Koordinaten 2063.1777; N 32° 11' 23'', E 35° 35' 38'') gleichzusetzen (Franken 1979; vgl. Abel 1938, 470). Tell el-Eḫṣaṣ liegt ca. 2,5 km westlich von Tell Dēr ‘Allā und entspricht somit ebenfalls der von den biblischen Texten her zu erwartenden Lage von Sukkot. Zugunsten von Tell el-Eḫṣaṣ spricht das Argument, dass der arabische Ortsname Eḫṣaṣ die Übersetzung des hebr. Namens סֻכּוֹת sukkôt „Hütten“ ist. Nach Oberflächenbefunden war der Siedlungshügel in der Bronze- und in der Eisenzeit besiedelt. Da bisher keine Ausgrabungen durchgeführt wurden, kann über die Art der jeweiligen Siedlungen nichts gesagt werden. Gegen die Gleichsetzung von Sukkot mit Tell el-Eḫṣaṣ spricht insbesondere, dass der Siedlungshügel wesentlich kleiner als Tell Dēr ‘Allā ist und daher nicht zur Funktion eines Zentralorts passt, die aus den Belegen in den Psalmen erschlossen werden kann.

3.3. Tell es-Sa‘īdīje

In der älteren Forschungsliteratur wurde vereinzelt eine Gleichsetzung von Sukkot mit Tell es-Sa‘īdīje ([Tell es-Saidije]; Koordinaten 2045.1861; N 32° 16' 05'', E 35° 34' 36'') vorgeschlagen (vgl. Gaß 2005, 441-442). Der große Siedlungshügel liegt ca. 10 km nördlich von Tell Dēr ‘Allā, etwa 1 km östlich des Jordans. Er entspricht somit ebenfalls den vorauszusetzenden Lagebedingungen, obgleich die Entfernung zu den für die Lokalisierung von Pnuel / Pniel vorgeschlagenen Plätzen etwas weiter ist als im Fall von Tell Dēr ‘Allā. Die Hauptbesiedlungsphasen von Tell es-Sa‘īdīje lagen in der Frühbronzezeit (3. Jt. v. Chr.) und in der Eisenzeit I (12./11. Jh. v. Chr.). Zu Beginn des 1. Jahrtausends (10.-8. Jh. v. Chr.), in persischer (5./4. Jh. v. Chr.) und in römischer Zeit war der Hügel nochmals phasenweise besiedelt. Die Gleichsetzung von Tell es-Sa‘īdīje mit Sukkot scheint jedoch von der heute kaum mehr vertretenen Ansicht geleitet zu sein, dass der historische Hintergrund der Erzeltern- und der Richtererzählungen in der Bronzezeit bzw. im ausgehenden 2. Jt. v. Chr. zu suchen ist.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Biblisch-historisches Handwörterbuch, Göttingen 1962-1979
  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991-2001
  • The Anchor Bible Dictionary, New York 1992
  • The New Encyclopedia of Archaeological Excavations in the Holy Land, Jerusalem 1993
  • Calwer Bibellexikon, Stuttgart 2003

2. Weitere Literatur

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  • Blum, E., 2008, Die Kombination I der Wandinschrift vom Tell Deir ‘Alla. Vorschläge zur Rekonstruktion mit historisch-kritischen Anmerkungen, in I. Kottsieper u.a. (Hgg.), Berührungspunkte. Studien zur Sozial- und Religionsgeschichte Israels und seiner Umwelt (FS R. Albertz), Münster, 573-601
  • Blum, E., 2012, The Jacob Tradition, in: C.A. Evans / J.N. Lohr / D.L. Petersen (Hgg.), The Book of Genesis. Composition, Reception, and Interpretation (Supplements to Vetus Testamentum 152), Leiden / Boston, MA, 181-211
  • Franken, H.J., 1979, The Identity of Tell Deir ‘Alla, Jordan, Akkadica 14, 11-15
  • Franken, H.J., 1992, The Late Bronze Age Sanctuary (Excavations at Tell Deir ‘Alla 2), Leuven
  • Gaß, E., 2005, Die Ortsnamen des Richterbuchs in historischer und redaktioneller Perspektive (ADPV 35), Wiesbaden
  • Hoftijzer, J. / van der Kooij, G., (Hgg.), 1991, The Balaam Text from Deir ‘Alla Re-evaluated. Proceedings of the International Symposium Held at Leiden, 21-24 August 1989, Leiden
  • Ibrahim, M. / van der Kooij, G., 1997, Excavations at Tell Deir ‘Alla. Seasons 1987 and 1994, ADAJ 41, 95-114
  • Jericke, D., 2010, Regionaler Kult und lokaler Kult. Studien zur Kult- und Religionsgeschichte Israels und Judas im 9. und 8. Jahrhundert v.Chr. (ADPV 39), Wiesbaden
  • Jericke, D., 2013, Die Ortsangaben im Buch Genesis. Ein historisch-topographischer und literarisch-topographischer Kommentar (FRLANT 248), Göttingen
  • Reeg, G., 1989, Die Ortsnamen Israels nach der rabbinischen Literatur (BTAVO B 51), Wiesbaden
  • Wenning, R. / Zenger, E., 1991, Heiligtum ohne Stadt – Stadt ohne Heiligtum. Anmerkungen zum archäologischen Befund von Tell Dêr ‘Allā, Zeitschrift für Althebraistik 4, 171-193

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Karte zur Lage von Sukkot. © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
  • Abb. 2 Tell Dēr ‘Allā. © Erasmus Gaß

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