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Lexikon

Suizid

Joachim Lauer

(erstellt: Aug. 2012)

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1. Einleitung

Suizid kommt in allen Zeiten und Kulturen vor und ist eine nur dem Menschen bewusste Möglichkeit. Es gibt so genannte offizielle Formen wie z.B. Erschießen, Erhängen oder Vergiften. Andere heute existierende, hinter sozial anerkannten Handlungsweisen verborgene Formen (z.B. Arbeitswut oder Süchte) sind der Bibel nicht bekannt.

Bei der Durchsicht der einschlägigen Lexika fällt auf, dass das Stichwort oft äußerst knapp abgehandelt wird. Viele bibeltheologische Wörterbücher übergehen es ganz. Obwohl es nur wenige biblische Belege gibt, sind die Angaben zur Anzahl der Vorkommen sehr unterschiedlich. Das hängt einerseits mit der Zusammenstellung des Kanons zusammen, die dem jeweiligen Werk zugrunde liegt; andererseits ist die Beurteilung, wer Suizid begangen hat, nicht immer scharf. Weiterhin unterscheiden sich die Bewertungen der biblischen Suizide teilweise erheblich voneinander.

2. Begriffsfeld

Mit Suizid ist im weitesten Sinn jedweder Akt gemeint, mit welchem jemand seinen eigenen Tod herbeiführt. Er ist die gewaltsame Vernichtung des eigenen Lebens durch eigene Hand. Daher muss der Suizid gegenüber dem Tod auf Wunsch (direkte Euthanasie), umgangssprachlich als „Sterbehilfe“ bekannt, unterschieden werden.

Die Begriffswahl an sich impliziert schon eine Vorentscheidung. „Suicidium“ (aus caedes „Tötung“ und sui „seiner selbst“, also sui caedes „Tötung seiner selbst“) hat J. Donne in seinem Biothanatos von 1608 geprägt, um eine neutrale Formulierung gegenüber den bis dato vorherrschenden und wertenden Begriffen wie „Selbstmord“ oder „Freitod“ zu finden. Diese gelten heute als veraltet.

Abzulehnen ist der Ausdruck „Selbstmord“ in einer vorurteilslosen und wertneutralen Diskussion, weil er sich nach heutiger Sprachlogik selbst widerspricht und damit falsch sowie zudem diskriminierend ist. Bei einem Suizid kann nicht von Mord gesprochen werden, weil „Mord“ sowohl rechtlich als auch im allgemeinen Bewusstsein die Heimtücke voraussetzt. Diese kann man gegen sich selbst nicht anwenden. Zudem ist die Bezeichnung als Überbleibsel eines religiösen Vorurteils und einer überkommenen Rechtsauffassung zurückzuweisen.

Auch der Begriff „Freitod“, der die Umgebung des Suizidanten von einer Mitverantwortung losspricht, ist wertend und selten zutreffend. Zu finden ist er vor allem bei der Behandlung des Themas unter philosophischen Gesichtspunkten.

Generell ist eine kategorische Festschreibung der Begrifflichkeit jedoch eher hinderlich als hilfreich, weswegen die verschiedenen Termini immer in ihrem (geschichtlichen) Zusammenhang gesehen werden sollten. V. Lenzen plädiert neben dem Gebrauch des neutralen Begriffs „Suizid“ ersatzweise für das Wort „Selbsttötung“, welches die ethische Komponente der Tat mit einschließt. Auffallend ist, dass „Selbsttötung“ im kirchlichen Sprachgebrauch gegenüber „Suizid“ bevorzugt wird. Neuere Verlautbarungen vernachlässigen zudem den Suizid- zugunsten des Euthanasiebegriffs.

3. Vorkommen

In der Bibel werden je nach Zählung bis zu zehn Suizide erwähnt: Abimelech (Ri 9,50-56), Simson (Ri 16,28-31), Saul und sein Waffenträger (1Sam 31,4-13), Ahitofel (2Sam 17,23), Simri (1Kön 16,18-20), Eleasar (1Makk 6,43-46), Ptolemäus Makron (2Makk 10,12-13), Rasi (2Makk 14,41-46), Judas (Mt 27,5). Abgesehen von der einzigen neutestamentlichen Stelle kommen alle genannten Suizidfälle in den geschichtlichen Büchern des Alten Testaments vor. Neben den Suizidanten gibt es biblische Gestalten, die zumindest suizidale Gedanken haben.

3.1. Alttestamentlich

3.1.1. Abimelech (Ri 9,50-56)

Als → Abimelech zur vollständigen Eroberung der von ihm belagerten und eingenommenen Stadt → Tebez die Burg stürmen will, wirft eine Frau ihm am Burgtor einen Mühlstein auf den Kopf. Trotz zerschmetterten Schädels gibt Abimelech seinem Waffenträger einen letzten Befehl: er solle ihn mit seinem Schwert töten, damit niemand sagen könne, eine Frau habe ihn umgebracht. Daraufhin durchbohrt der Gehilfe ihn und beschleunigt damit seinen Tod.

Diesen Fall eindeutig zu klassifizieren ist schwierig, da drei Aspekte hier zusammenspielen: Der Mordanschlag auf Abimelech, sein sich anschließender Todeswunsch und die ausführende Mitwirkung seines Waffenträgers. Hilfreich ist die Übersetzung M. Bubers für den letzten Königbefehl Abimelechs an seinen Diener: „und töte mich vollends“. Im Gedächtnis blieb seine Ermordung als König (2Sam 11,21), die durch die Hand einer Frau erfolgte, wodurch Abimelechs Ableben als unehrenhaft galt (Ri 4,21-24, Ri 5,26.31; Jdt 16,5-9 [Lutherbibel: Jdt 16,7-11]). Der Brudermörder, der seine 70 Brüder auf „ein und demselben Stein“ (Ri 9,5.18) tötete, wurde selbst durch einen Stein erschlagen. Moralisch werden sein Suizidgedanke und die Hilfe seines Dieners im Alten Testament nicht kommentiert.

3.1.2. Simson (Ri 16,28-31)

Der → NasiräerSimson gerät in die Gefangenschaft der → Philister, nachdem ihm die von den Philistern beauftragte → Delila die Haare abgeschnitten und er dadurch seine göttlichen Kräfte verloren hat. Er wird geblendet und ins Gefängnis geworfen, wo seine Haare wieder nachwachsen. Seinetwegen feiern die Philister ein Freudenfest zum Ausdruck des Triumphes über die Feinde. Als sie ihren Spott mit ihm treiben wollen und ihn dafür zu sich rufen, stemmt Simson sich mit aller Kraft gegen die tragenden Mittelsäulen des Hauses, worauf es mit allen 3000 Frauen und Männern zusammenstürzt.

Tatmotiv Simsons ist Rache (Ri 16,28) für die ihm widerfahrenen Demütigungen. Vor seiner Tat bittet er Gott um Kraft für diesen letzten Akt. Seine Worte „So mag ich denn zusammen mit den Philistern sterben“ (Ri 16,30) erklären sein Tun sowohl als Selbstvernichtung als auch Vernichtung der Feinde. Insgesamt wird die Simson-Gestalt im Alten Testament positiv beurteilt, was auch in der Schilderung eines ehrenvollen Begräbnisses im Grab des Vaters zum Ausdruck kommt und den biblischen Respekt vor seiner Tat beweist.

3.1.3. Saul und sein Waffenträger (1Sam 31,4-13 par 1Chr 10,4-14)

Im Kampf Israels gegen die Philister müssen die Israeliten fliehen. Nachdem die drei Söhne → Sauls bereits erschlagen worden sind, wird auch er durch Bogenschützen schwer verwundet. Seinem Waffenträger befiehlt er daraufhin, ihn mit dem Schwert zu töten. Als dieser aus Angst verweigert, stürzt Saul sich selbst ins Schwert. Der Waffenträger tut es ihm gleich und stirbt mit ihm.

Saul gilt als bekanntester Suizidant im Alten Testament; sein Ableben wird oft mit der konkreten militärstrategischen Situation der Gilboa-Schlacht (→ Gilboa) begründet. Unterschiedliche Bewertungen für Sauls Ende finden sich in den beiden anderen Stellen, die von seinem Tod berichten. 2Sam 1 spricht von einem Schwächeanfall Sauls (2Sam 1,9); das erste Chronikbuch fügt der ansonsten identischen Schilderung von Sauls Ende eine Begründung hinzu und bewertet seine Tat dadurch negativ: „So starb Saul wegen der Treulosigkeit, die er gegen den Herrn begangen hatte. Er hatte das Wort des Herrn nicht befolgt und den Totengeist befragt, um Auskunft zu suchen; an den Herrn aber hatte er sich nicht gewandt. Darum ließ er ihn sterben und übergab das Königtum David, dem Sohn Isais“ (1Chr 10,13-14).

3.1.4. Ahitofel (2Sam 17,23)

Das Wort des königlichen Beraters → Ahitofel am Hofe Davids gilt nahezu so viel wie ein Gotteswort. Als er sich am Aufstand → Absaloms gegen dessen Vater → David beteiligt und Absalom einen guten Rat Ahitofels zugunsten eines weiteren Ratgebers verwirft, kehrt Ahitofel in seine Heimatstadt zurück, bestellt sein Haus und erhängt sich. Er wird im Grab seines Vaters beigesetzt. Ahitofels Ableben ist ohne weiteres als Suizid aufzufassen. Mit einer für viele Suizidanten charakteristischen, letzen gewissenhaften Sorgfalt bestellt er noch sein Haus, bevor er sich tötet.

Ein Urteil über Ahitofels Person und Tod enthält das zweite Samuelbuch nicht. In der biblischen Erwähnung von seiner ehrenvollen Beisetzung im väterlichen Grab kommt eine gewisse Ehrerbietung für den Selbstgetöteten zum Tragen; sie kann als wertschätzender Kommentar zu Ahitofels Suizid gedeutet werden.

Verschiedene Bibelkommentare vergleichen seinen Tod mit dem von Judas Iskariot im Neuen Testament. Eine Rückübertragung vom negativen Bild der Judas-Gestalt im Matthäusevangelium und ihres Endes auf Ahitofel und seine Selbsttötung bleibt hypothetisch.

3.1.5. Simri (1Kön 16,18-20)

→ Simri, Knecht und Befehlshaber über das Heer des Königs Ela, zettelt eine Verschwörung gegen diesen an, erschlägt ihn und wird statt seiner König. Als die Israeliten daraufhin die Stadt → Tirza einschließen, zieht sich Simri in den königlichen Palast zurück, steckt ihn über sich in Brand und findet den Tod.

Der Vorgang wird als Strafe für die Sünden gedeutet, die Simri begangen hatte (1Kön 16,19). Damit wird sein gewaltsames Lebensende als frühzeitiger Tod, als verdienter Niedergang eines Verschwörers und Königsmörders negativ gewertet. Diese moralische Verurteilung seiner Lebensführung ist dem redaktionellen Rahmenwerk zuzuschreiben, das das Verhalten eines jeden Königs im Nachhinein bewertet.

3.1.6. Eleasar (1Makk 6,43-46)

Eleasar beteiligt sich unter dem → MakkabäerJudas am Kampf gegen das königliche Heer von Antiochus Eupator, dessen Übermacht durch 32 Kriegselefanten begründet ist. Auf dem Schlachtfeld entdeckt er bei einem Elefanten, der alle anderen überragt, königlichen Schmuck. In einer Fehlannahme vermutet er Eupator darauf. Eleasar schlägt sich eine Bresche durch die feindlichen Reihen bis zum Elefanten, stellt sich unter ihn und durchbohrt das Tier, worauf es über ihm zusammenbricht und ihn erdrückt.

Eleasars Kriegstod wird nur von wenigen Exegeten als Selbsttötung gewertet. Dennoch verrät er insofern eine suizidale Neigung, als Eleasar bereit ist, sich im Krieg töten zu lassen. Die biblische Begründung, er opfere sich, „um sein Volk zu retten und sich ewigen Ruhm zu erwerben“ (1Makk 6,44), erscheint als spontane Erfüllung einer soldatischen Pflicht, die grundsätzlich einen Sterbewillen bekundet. Allerdings ist dieser nicht frei von persönlicher Ruhmsucht. Der selbstlose Aspekt wird also mit einem egoistischen verbunden. Aufgrund von Eleasars tragischem Irrtum verfehlt der angezielte Heldentod die intendierte nationale Ehrung. Jedoch finden sich im ersten Makkabäerbuch weder eine Geringschätzung noch eine Verurteilung von Eleasars Selbstopfer.

3.1.7. Ptolemäus Makron (2Makk 10,12-13)

Als der unter Antiochus Eupator dienende, nicht-jüdische Statthalter Ptolemäus versucht, den andauernden Streit mit den Juden friedlich beizulegen, verraten ihn seine Vertrauten bei seinem Herrn. Weil er schon früher als Verräter galt und zu Eupators Vater übergelaufen war, sieht Ptolemäus seine ehrenvolle Stellung gefährdet und setzt seinem Leben durch Gift ein Ende.

Der Hof intrigiert gegen Eupators Günstling von fremder Herkunft und judenfreundlicher Gesinnung und treibt ihn in die Enge. Als letzten Ausweg erscheint Ptolemäus der Suizid, um sich dem kollektiven Urteilsspruch zu entziehen und seine Ehre zu bewahren. 2Makk 10,13 lässt dabei im Wortlaut die Sympathie der Redaktoren für die Person des Ptolemäus und eine einfühlsame Anerkennung seines psychologischen Dilemmas erkennen.

3.1.8. Rasi (2Makk 14,41-46)

Als Mitglied des Ältestenrats von Jerusalem genießt Rasi hohes Ansehen und wird wegen seiner Güte „Vater der Juden“ genannt. Aufgrund einer Anzeige bei Nikanor, General des Königs Demetrius über Judäa, will dieser ihn verhaften lassen, um den Juden einen schweren Schlag zu versetzen. Umzingelt von allen Seiten sieht Rasi keinen Ausweg mehr und stürzt sich in das Schwert. Die Verletzung trifft jedoch nicht tödlich, so dass er auf die Mauer läuft und sich in die Menge hinabstürzt, wiederum ohne zu sterben. Schließlich stellt er sich auf einen Felsen, reißt sich die Eingeweide aus dem Leib und schleudert sie auf die Leute hinunter, verbunden mit dem Anruf Gottes, des „Herrn über Leben und Tod“, sie ihm wiederzugeben. So stirbt er.

Der Suizid Rasis ist die mit Abstand breitest ausgefaltete Schilderung einer Selbsttötung in der Bibel. Die überaus detaillierte und bildreiche Beschreibung ist an Dramatik kaum zu überbieten und schwer auszuhalten.

Im Motiv Rasis, lieber in Ehren zu sterben „als den Verruchten in die Hände zu fallen“, zeigt sich, wie er sich der Auslieferung und der unwürdigen Behandlung durch Feindeshand entziehen will. 2Makk 14,46 enthält dabei einen wichtigen Hinweis auf die psychologische Komplexität von Suizidhandlungen und den mehrdeutigen Charakter der Selbsttötung: der Tod braucht nicht ihr primäres und einziges Ziel zu sein. Rasis Verzweiflungstat wird in der Bibel nicht als Fluchtversuch getadelt, sondern mit erkennbarer Empathie und einer gewissen Hochachtung beschrieben.

3.2. Neutestamentlich

Judas Iskariot (Mt 27,5)

Nachdem er Jesus an die jüdische Obrigkeit verraten hat, bereut der Jesusjünger Judas seine Tat, wirft die dafür erhaltenen Silberstücke in den Tempel und erhängt sich.

Judas wurde zu einer tragischen Ursprungsgestalt in der Geschichte der Judenverfolgung und der Ächtung von Suizidanten. Die christliche Polemik gegen Judas setzte schon früh ein, seine Selbstvernichtung wurde als verdientes, schändliches Ende ausgelegt. Nicht selten wird sein Suizid noch entschiedener verworfen als sein Verrat.

Matthäus erzählt als einziger Evangelist vom Suizid des enttäuschten Jüngers. Nach Mt 27,5 erhängt er sich wie Ahitofel. Dagegen stirbt Judas im ersten Kapitel der Apostelgeschichte ganz anders, wie durch ein Gottesgericht: „Mit dem Lohn für seine Untaten kaufte er sich ein Grundstück. Dann aber stürzte er vornüber zu Boden, sein Leib barst auseinander, und alle Eingeweide fielen heraus“ (Apg 1,18). Beiden Stellen ist gemein, dass sie mit großer Ruhe und Sachlichkeit von Judas berichten. Eine moralische Verurteilung erfolgt nicht.

3.3. Menschen mit suizidalen Gedanken in der Bibel

Neben den aufgeführten Stellen gibt es weitere biblische Personen, die Suizidgedanken in sich tragen. Drei Beispiele seien hier aufgeführt.

Jona bietet im gleichnamigen Buch den mit ihm Reisenden seinen Suizid an, um eine Rettung des Schiffes aus Seenot zu bewirken („Nehmt mich und werft mich ins Meer“). Er entkommt aber auf wundersame Weise dem Tod (Jon 1,12).

Nachdem → Sara, die Tochter Raguels, im → Tobitbuch von den Mägden ihres Vaters verhöhnt wurde, ist sie so traurig, dass sie sich erhängen will. Sie unterlässt es, um ihrem Vater Schande zu ersparen, was eine negative Sicht auf den Suizid offenbart (Tob 3,10 [nicht in Lutherbibel]).

Als der Kerkermeister von Philippi nach einem Erdbeben erwacht und alle Gefängnistüren offen sieht, will er sich aus Verzweiflung in sein eigenes Schwert stürzen. Paulus’ Eingreifen verhindert dies (Apg 16,27-33).

4. Biblische Motive

Allgemeine Motive für Suizid sind:

Zentrales Motiv ist in allen dargestellten Fällen die → Ehre als kollektives Ideal und Grundwert alttestamentlichen Ethos. Die Suizidhandlung ist meist Verzweiflungstat, was sich besonders in der Gottverlassenheit von Saul und Judas widerspiegelt. Schon der Fall Saul zeigt, dass Suizid als angemessene Reaktion auf tödliche Bedrohung galt. Dieses Motiv tritt in frühjüdischer Zeit besonders deutlich hervor, etwa bei Rasi. Simsons Suizid dagegen ist ein Racheakt, der den Helden der Simsonsage am Ende doch als Sieger erscheinen lässt.

Ein Mensch kann vom Drang zum Suizid überfallen werden und dann als Opfer erscheinen. Ein unerträglicher plötzlicher Schmerz über einen großen Verlust, eine ungeheure Kränkung oder die eigene Schulderkenntnis können ihn wie ein Schwert töten.

5. Bewertung

Im strikt moralischen Sinn meint Suizid einen ungesetzlichen moralischen Akt, durch den jemand seinen eigenen Tod direkt herbeiführt. Historisch erfolgt seine Beurteilung gegensätzlich. Auch die Bibel urteilt nicht einhellig. Weder Altes noch Neues Testament verbieten oder verurteilen den Suizid ausdrücklich und eindeutig.

Die biblischen Schriften berichten von den unterschiedlichsten Möglichkeiten der Selbsttötung. Die Akte werden in allen Stellen meist einfach zur Kenntnis genommen. Neben der Verherrlichung finden sich auch negative Urteile, insgesamt jedoch werten Altes und Neues Testament suizidales Handeln kaum. Entscheidend sind Umstände und Intention. Insofern scheint das biblische Ethos den Suizid als tragisches Lebensschicksal zu tolerieren, vor allem in der Form des uneigennützigen Selbstopfers.

Eine Wertung bleibt insbesondere dann aus, wenn die Motive als berechtigt anerkannt werden. Die biblische Begründung, Simris Suizid sei eine göttliche Strafe, gehört zum Rahmenwerk der Königsbewertungen. Möglicherweise kannte der Ausgangstext eine solch moralisierende Bewertung noch nicht. Der Talmud tadelt Suizidanten wie Simson, Saul und seinen Waffenträger, Ahitofel, Simri und Rasi nicht, weil sie sich nach einem verlorenen Krieg oder, um der Schändung von Feindeshand zu entgehen, das Leben nahmen.

Bemerkenswert ist, dass das jüdische Recht des rabbinischen Judentums keine Anstiftung zu einem Verbrechen kennt. Wo es keine Vertretung oder Rechtfertigung für ein Verbrechen gibt, befreit das Recht den Täter nicht von seiner ausschließlichen Verantwortlichkeit. Selbst bei Zustimmung des Verletzten ist der Täter somit der Tötung schuldig. Darin unterscheidet sich das rabbinische vom biblischen Verständnis. Während Ersteres eine fremd vollführte Tötung als Gnadentod oder Euthanasie erachtet, versteht die Bibel Abimelechs Tod trotz Vollstreckung durch einen Dritten als Suizidgeschehen. Die Selbsttötungen von Simson und Eleasar werden mitunter auch als „indirekte Suizide“ klassifiziert, weil ihr eigener Tod nicht primäres Ziel ihrer Handlung war.

Das heutige Judentum lehnt Suizid streng ab. Er gilt der Tradition nach als Sünde, die vom künftigen Leben ausschließt. Obwohl die Hebräische Bibel und der Talmud kein ausdrückliches Verbot kennen, untersagt ein seit alter Zeit fortdauernder Konsens Suizid implizit durch das göttliche Gebot zur Bewahrung des Lebens. Abgeleitet wird die Verpflichtung zur Lebenserhaltung aus Dtn 4,14: „Nehmt euch um eures Lebens willen gut in acht!“ Im Allgemeinen wird Suizid deshalb im traditionellen Judentum als Frevel gegen Gott angesehen und ist deswegen verpönt. Als Quelle gilt auch das fünfte Gebot im → Dekalog „Du sollst nicht morden“ (Ex 20,13; Dtn 5,17) sowie Gen 9,5 („Wenn aber euer Blut vergossen wird, fordere ich Rechenschaft, und zwar für das Blut eines jeden von euch“). Ist der Vorsatz und die Zurechnungsfähigkeit erwiesen, sollen die üblichen Ehrungen versagt bleiben. Dies gilt vor allem vor und beim Begräbnis eines Suizidanten. Ausnahmen gibt es beim Glaubenszeugnis oder Martyrium. Hier kann Suizid unter Umständen als geboten erscheinen, wenn ein Jude zu den drei Todsünden Götzendienst, Unzucht und Mord gezwungen wird und sich dem nur durch Suizid entziehen kann. Im Talmud wird vom Suizid mancher Märtyrer berichtet.

Die christliche Tradition ist dagegen prinzipiell der Auffassung, dass keine individuelle Mangelsituation den Suizid unmittelbar rechtfertigt. Eine Ausnahme besteht, wenn es sich um ein heroisches Selbstopfer im Hinblick auf die Rettung anderer handelt (z.B. Maximilian Kolbe). Zwar finden sich im Neuen Testament keine expliziten Aussagen zu Suizid, im Subtext überwiegt aber das Souveränitätsargument: Gott als Schöpfer des Menschen bleibt Herr über Leben und Tod; Selbsttötung erscheint daher als selbstherrliche Auflehnung des Geschöpfes gegen seinen Schöpfer. Die ethische Weisung Gottes, das Leben zu achten, rechtfertigt eine Negativsicht der Selbsttötung. Unter dieser Voraussetzung lässt das Ja Gottes zum Leben den Suizid ethisch-theologisch nicht zu.

6. Suizid im Umfeld der Bibel

Die biblischen Berichte über Selbsttötungen differieren nicht grundlegend von denen des Alten Orients und Alten Ägyptens. So gründet die Selbsttötung Kleopatras im Scheitern sämtlicher Lebensziele nach der Niederlage gegen Oktavian, durch die sowohl ihr als auch ihren Kindern die Herrschaft über Ägypten verwehrt bleibt. Josephus berichtet in der Legende Manethos, wie der weise Amenophis am Hofe Amenophis III. ein kollektives Scheitern vorhersieht, sich der persönlichen Überbringung dieser Botschaft durch Selbsttötung entzieht und statt dessen das Orakel auf Papier hinterlässt. (Flav. Jos. Apion I 26 §§ 232-236). Die wesentlichen Unterschiede betreffen die Perspektive der biblischen Sinndeutungen suizidaler Handlungen in militärisch aussichtsloser Lage. J. Dietrich spricht in dem Zusammenhang von „eskapistischen Selbsttötungen“, wenn jemand Suizid aus Fluchttendenzen begeht, meist um seine Ehre oder Würde nicht zu verlieren; „aggressive Selbsttötungen“ liegen vor, wenn ein Selbstopfer um des Lebens oder Heils Dritter willen geschieht. Dabei hat der Suizidant ein neues, meist besseres Leben vor Augen.

Das umfangreiche religionsgeschichtliche Material ist systematisch kaum aufgearbeitet. Häufig begegnet Suizid im klassischen Altertum. Unter den Führern des Römischen Reiches sind 315 Suizidanten bekannt. Durch die Zeiten hindurch scheinen Gesetze, philosophische Erwägungen oder angedrohte harte Strafen nicht sonderlich abschreckend gewirkt zu haben.

Die jüdische Literatur des hellenistischen und römischen Zeitalters portraitiert Juden oft in der Weise, dass sie sich lieber freiwillig das Leben nehmen, als ihre religiösen Überzeugungen zu verleugnen. Berühmtes Beispiel von einem jüdischen Massen-Suizid ist der Bericht von Flavius Josephus über die jüdischen Aufständischen auf der Festung Masada 73 n. Chr. (Josephus, Bellum Judaicum 7,389-406; Text gr. und lat. Autoren).

7. Zusammenfassung

Es gibt keinen biblischen Text, der das Phänomen des Suizids an sich grundsätzlich reflektiert und in bestimmten Situationen den Suizid als beste oder schlechtest mögliche Wahl vorschreibt. Es gibt lediglich Fallbeschreibungen von Ausnahmesituationen, in denen der Suizid gewählt wird. Es sind durchweg individuelle Entscheidungen. So nehmen Simson und Eleasar ihren Tod in Kauf, während sie eine Heldentat vollbringen. Abimelech und Saul sind schon tödlich getroffen und wollen ihren Tod nur beschleunigen. Bei Sauls Waffenträger, Ahitofel, Simri, Ptolemäus, Rasi und Judas kann man noch am ehesten von Suizid sprechen.

Dominierend ist bei der Bewertung in allen Fällen der stille und einfühlsame Respekt vor dem Suizid als einem letzten ehrenvollen Ausweg in alternativloser Konfrontation. Wo die Zumutbarkeit an sichtbare menschliche Grenzen stößt, erfordert die Achtung menschlicher Tragik die Aufhebung des moralischen Urteils. Insofern lehren die biblischen Darstellungen, dass Suizid ein menschlicher Grenzfall ist, der sich allen einseitigen Bewertungen widersetzt.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

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  • Neues Bibellexikon, Zürich 1991-2001
  • The Anchor Bible Dictionary, New York 1992
  • Lexikon für Theologie und Kirche, 3. Aufl., Freiburg i.Br. 1993-2001
  • Evangelisches Kirchenlexikon, Göttingen 1996
  • Religion in Geschichte und Gegenwart, 4. Aufl., Tübingen 1998-2007
  • Neues Lexikon des Judentums, Gütersloh 2000
  • Calwer Bibellexikon, Stuttgart 2003
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2. Weitere Literatur

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  • Lenzen, V., 1987, Selbsttötung. Ein philosophisch-theologischer Diskurs mit einer Fallstudie über Cesare Pavese, Düsseldorf
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  • Nortjé-Meyer, L., 1994, Matthew’s Motive for the Composition of the Story of Judas’s Suicide in Matthew 27:3-10, Neotestamentica 28, 41-51
  • Sonnet, J.-P. / Wénin, A., 2004, La mort de Samson: Dieu bénit-il l'attentat suicide? De la nécessité de mieux lire, RTL 35, 372-381
  • Viviano, B.T., 2009, Hakeldama, the potter’s field, and the suicide of Judas (Matthew 27:3-10; Acts 1:16-20), in: G. Theißen / H.U. Steymans (Hgg.), Jerusalem und die Länder. Ikonographie, Topographie, Theologie (FS M. Küchler; NTOA 70), Göttingen, 203-210
  • Wächter, L., 1967, Der Tod im Alten Testament, Stuttgart

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