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Lexikon

Stein von Rosette

Stefan Pfeiffer

(erstellt: März 2009)

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Abb. 1 Der Stein von Rosette.

Rosette (oder Rosetta; arabisch Raschīd) ist eine Stadt am Mittelmeer, 50 km östlich von Alexandria am westlichen Mündungsarm des Nils. Im 7 km nördlich von ihr gelegenen Fort St. Julien (Fort Rosette) fanden Napoleonische Truppen 1799 bei Ausbesserungsarbeiten den Stein von Rosette, der das Dekret einer Priesterversammlung in Memphis aus dem Jahr 196 v. Chr. in drei Schriften (griechisch, demotisch, Hieroglyphen) überliefert und damit Champollion 1822 die Entzifferung der Hieroglyphen erlaubte.

1. Priestersynoden in Ägypten

Spätestens seit der Zeit Ptolemaios’ III. (reg. 246-222 v. Chr.) trafen sich die ägyptischen Priester regelmäßig, möglicherweise sogar jährlich zu gesamtägyptischen Synoden, um gemeinsam über kultische und verwaltungstechnische Angelegenheiten der einheimischen Tempel des Landes zu beraten. Treffpunkt der Priester konnte sowohl die Hauptstadt Alexandria oder ihre Umgebung als auch die alte Reichsstadt Memphis sein, wobei – anders als teils vermutet – mit dem Versammlungsort keine politische Gewichtung entweder zugunsten der Priester (Memphis) oder zugunsten des Königs (Alexandria) verbunden war.

Der erste sichere Beleg für eine solche gesamtägyptische Priestersynode ist ein Dekret aus dem Jahr 243 v. Chr. Aller Wahrscheinlichkeit nach ging die Initiative zu diesen Synoden von staatlicher Seite, wohl dem König persönlich, aus, auch wenn explizite Aussagen hierzu fehlen. Im Rahmen dieser Synoden verabschiedeten die Priester nach dem Vorbild griechischer Städte Ehrenbeschlüsse für die verschiedenen ptolemäischen Könige, die dazu dienten, aus dem lebenden Herrscher eine ägyptische Gottheit in allen Tempeln des Landes zu machen. Gleichzeitig zementierten die ausführlichen Begründungen der Dekrete die Vorrechte und Privilegien, die der König den Priestern gewährte.

2. Das Priesterdekret von Memphis von 196 v. Chr.

Das in Rosette gefundene Dekret zu Ehren des jungen Königs Ptolemaios V. (Regierungszeit 197-180 v. Chr.) ist ein solcher Beschluss. Am 27. März 196 v. Chr. hatten sich die Priester in der Reichshauptstadt Memphis getroffen, um dort mit dem gerade einmal 14 Jahre alten König das Fest seiner Krönung zum Pharao zu begehen. Bereits im vorangegangenen Winter hatte man dessen Anakleteria, das Fest seiner Volljährigkeitserklärung gefeiert, nach dem Ptolemaios auch die gesamte königliche Macht übernehmen konnte. Nun stand die Legitimation des Herrschers als Pharao der indigenen Bevölkerung an. Vorgenommen hat die ägyptische Krönung der Hohepriester von Memphis, Harmachis, Sohn Anemhors II.

Die Priester haben das Dekret in drei Sprachen verfasst: Griechisch, Demotisch und Hieroglyphenägyptisch (aufgrund der Verwandtschaft der letzten beiden Sprachen sprechen manche auch von einem „zweisprachigen“ Dekret). In der Forschung diskutiert wird etwa die Frage, ob alle drei Versionen aus einer Hand stammen oder verschiedene Autoren tätig waren. Beim Stein von Rosette lässt sich mit einiger Sicherheit sagen, dass die griechische Version aufgrund von spezifischen Fehlern und Auslassungen die Übersetzung einer ägyptischen Vorlage ist. Umstritten ist ebenfalls der Einfluss, den die Staatsmacht auf die Ausgestaltung des Dekretes hatte, und die Frage, wie stark die Priester hier Ansprüche gegenüber der Herrschaft geltend machten respektive durchsetzen konnten.

2.1. Gliederung nach der griechischen Version OGIS I 90

Tabelle: Das Priesterdekret von Memphis auf dem Stein von Rosette.

Tabelle: Das Priesterdekret von Memphis auf dem Stein von Rosette.

Der vollständige griechische Text findet sich unter: http://epigraphy.packhum.org/inscriptions/main. (Dort „Egypt, Nubia and Cyrenaika“ anklicken, danach unter „Miscellaneous Collections“ „Dittenberger, Orientis Graeci Inscriptiones Selectae“ wählen und dann auf „90“ gehen.)

Der Ehrenbeschluss selbst ist als typisch griechisches Ehrendekret aufgebaut und hält sich an das übliche hellenistische Standardformular, wie die nebenstehende Tabelle zeigt.

2.2. Kurze inhaltliche Erklärung

Der Inhalt des Dekretes stimmt weitgehend mit demjenigen anderer bekannter priesterlicher Ehrendekrete der Ptolemäerzeit überein: Der König hat vor allem den Priestern, aber auch den anderen ägyptischen Untertanen Wohltaten erwiesen. Insbesondere werden die bisherigen Privilegien der Priester festgeschrieben oder neue erlassen und alte Privilegien restituiert. Es findet sich zudem die Ansicht vertreten, die Priester müssten von nun an nicht mehr regelmäßig nach Alexandria reisen; dies beruht auf einer Fehlinterpretation. In einem solchen Ehrenbeschluss dient meist eine der genannten Wohltaten als direkter Anlass für die Ehrung – im vorliegenden Fall ist es die Vernichtung von Rebellen in Ägypten (in der Tabelle kursiv gesetzt). Als „Lohn“ dieser Wohltaten, die auf eine Stärkung der priesterlichen Position gegenüber dem Staat hinauslaufen, wird Ptolemaios zu einem Gott aller ägyptischen Tempel, der von nun an den Kulten für die lokalen Gottheiten partizipiert. Auch dies folgt dem, was Priester bereits für das dritte und vierte Ptolemäerpaar beschlossen hatten.

2.3. Textzeugen

Zu Beginn des 19. Jhs. wurde der Stein von Rosette, der seinen Namen von seinem Fundort bei betreffender Stadt an der Mittelmeerküste hat, eine wichtige Marke auf dem Weg zur Entzifferung der Hieroglyphen durch Champollion im Jahr 1822, half der griechische Text des 1799 gefundenen Objektes doch als Übersetzung der ägyptischen Versionen sehr bei der Rekonstruktion der ägyptischen Sprache.

Der Text des Dekretes ist nicht nur auf dem Stein von Rosette (British Museum EA 24; derzeit Room 4, Egyptian sculpture; 114 x 72 x 27 cm; 14 Z. Hierglyphen; 32 Z. Demotisch; 54 Z. Griechisch), bei dem fast die gesamte hieroglyphische Version fehlt, erhalten, sondern auch auf einer Stele aus Nobaireh / Annobeireh, ebenfalls aus dem Delta bei Damanhur (Kairo CG 22188 = JE 22264; 100 x 27 x 51 cm). Dieser Stein hat allein den hieroglyphischen Text, der zudem einige Fehler aufweist.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Editionen und Übersetzungen

  • Bernand, A., 1992, La prose sur pierre dans l‘Égypte hellénistique et romaine, Paris, Nr. 16 (Griechisch / Französisch)
  • Bagnall, R.S. / Derow, P., 2004, Historical Sources in Translation. The Hellenistic Period, Malden, Nr. 165 (Griechisch / Englisch)
  • Kaiser, O. (Hg.), Texte aus der Umwelt des Alten Testaments, Bd. 1, Gütersloh 1985, 236-246
  • Spiegelberg, W., 1922 (ND 1990), Der demotische Text der Priesterdekrete von Kanopus und Memphis (Rosettana) mit hieroglyphischen und griechischen Fassungen und deutscher Übersetzung nebst demotischem Glossar, Heidelberg, 77-86 (Demotisch und Hieroglyphenägyptisch / Deutsch)

2. Weitere Literatur

  • Andrews, C. / Quirke, S., 1988, The Rosetta Stone: Facsimile Drawing, London
  • Huß, W., 1991, Die in ptolemaiischer Zeit verfaßten Synodal-Dekrete der ägyptischen Priester, ZPE 88, 189–208
  • Kamal, A., 1905, Stèles ptolémaïques et romaines (CGC), Kairo, 183-187 no. 22188
  • Dittenberger, W., 1903-1905, Orientis Graeci Inscriptiones Selectae, 2 Bde., Berlin
  • Parkinson, R., 1999, Cracking Codes: The Rosetta Stone and Decipherment, London
  • Pfeiffer, S., 2009, Das Dekret von Rosette. Die ägyptischen Priester und der Herrscherkult, erscheint in: G. Weber (Hg.), Kulturbegegnungen im ptolemäischen Alexandreia, Berlin
  • Sethe, K., 1904, Hieroglyphische Urkunden der griechisch-römischen Zeit. Historisch-Biographische Urkunden aus den Zeiten der makedonischen Könige und der beiden ersten Ptolemäer, Leipzig, 166-198
  • Sethe, K., 1916, Zur Geschichte und Erklärung der Rosettana, NGWG 1916, 275-314
  • Simpson, R.S., 1996, Demotic Grammar in the Ptolemaic Sacerdotal Decrees, Oxford
  • Valbelle, D. / Leclant, J., 1999, Le décret de Memphis: Colloque de la Fondation Singer-Poligniac à l‘ocassion de la célébration du bicentenaire de la découverte de la Pierre de Rosette, Paris

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Der Stein von Rosette. © public domain
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