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Lexikon

Sprüche Salomos

Ruth Scoralick

(erstellt: Mai 2006)

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1. Titel des Buches

Der Titel des alttestamentlichen Buches wird im Hebräischen nach den Anfangsworten Spr 1,1 gebildet: mišlê (šəlomoh) „Sprüche (Salomos)“ (im Traktat Baba Batra 14b.15a des Babylonischen Talmuds nur mišlê „Sprüche“; Text Talmud), in der → Septuaginta paroimiai (Salōmōntos) „Sprichwörter / Bildwörter (Salomos)“. In der → Vulgata heißt das Buch liber proverbiorum Salomonis „Buch der Sprichwörter Salomos“, kurz auch einfach proverbia genannt, und beginnt in Spr 1,1 mit parabolae Salomonis „Bildwörter Salomos“. Im Deutschen spricht man vom „Buch der Sprüche“ und „Buch der Sprichwörter“ oder kurz „Proverbien“ bzw. „Sprüche“ oder „Sprichwörter“.

Das hebräische Wort māšāl (Pl. constr.: mišlê) hat in seinem biblischen Gebrauch eine weite Bedeutung. Die Wiedergabe als „Sprüche“ wird dem besser gerecht als die spezifischere Rede von „Sprichwörtern“. Maschal wird über eine mögliche Bedeutung der Verbalwurzel mšl I mit „gleichen, gleich sein“ in Verbindung gebracht und bezeichnet eine ganze Bandbreite von Formen, beginnend bei kurzen Sprüchen (1Sam 10,12; 1Sam 19,24) bis hin zu längeren poetisch gestalteten Texten (Num 23,7.18; Jes 14,4; Ez 17,2; Ps 78,2 u.a.).

Spr 1,1 („Sprüche Salomos, des Sohnes Davids“) wirkt zunächst wie eine Überschrift über das ganze Buch. Es folgen jedoch im Buch weitere Überschriften mit teilweise anderen Zuschreibungen (z.B. in Spr 30,1 „Worte Agurs“). Die Verbindung des größten Teils des Buches mit → Salomo (vgl. Spr 1,1; Spr 10,1; Spr 25,1) knüpft an dessen traditionelle Wertschätzung als paradigmatisch weisen König an (vgl. 1Kön 3-5 und 1Kön 10) und lässt sich nicht als historische Angabe auswerten.

2. Aufbau des Buches

2.1. Das Überschriftensystem

Tabelle 1: Die Sammlungen des Buchs der Sprüche Salomos.

Tabelle 1: Die Sammlungen des Buchs der Sprüche Salomos.

Sieben Überschriften gliedern das Buch im hebräischen Text. Eine dieser Überschriften ist in den Text der Zeile eingebettet (Spr 22,17). Die so entstehenden Teile sind von unterschiedlicher Länge. Die längeren Teile enthalten gemäß ihren Überschriften „Sprüche Salomos“ (Spr 1,1; Spr 10,1; Spr 25,1); die kürzeren umfassen „Worte“ (verschiedener Herkunft) – im Fall von Spr 24,23 ist aus Spr 22,17 zu schließen, dass „Worte“ gemeint sind.

So präsentiert sich das Buch als eine Sammlung von Sammlungen.

„Massa“ in Spr 30,1 und Spr 31,1 wird seit dem 19. Jh. (F. Hitzig) meist im obigen Sinn als Herkunftsbezeichnung verstanden. Das geht in Spr 30,1 nicht ohne leichten Texteingriff (s. Apparat der BHS). Massa ist eine aus assyrischen Urkunden des 8. Jh. v. Chr. bekannte Bezeichnung für einen Stamm in Nordarabien (vgl. Gen 25,14; 1Chr 1,30). Dann würde in Spr 30-31. explizit nicht-israelitische Weisheit Aufnahme finden. Implizit ist das schon in dem Abschnitt Spr 22,17-24,22 der Fall, der sich an die Lehre des Amenemope (→ Weisheitsliteratur in Ägypten) anlehnt.

Das alternative Verständnis des Wortes „Massa“ im Sinne einer Gattungsbezeichnung (wie in Jes 13,1; Nah 1,1; Hab 1,1 – etwa als „Lastwort“), das die masoretische Akzentsetzung in beiden Fällen nahelegt, bleibt gerade für Spr 30,1 bedenkenswert (vgl. die Bibelübersetzungen von M. Luther [1545], M. Buber / F. Rosenzweig sowie jüngst den Kommentar von B.K. Waltke).

Die Siebenzahl der Überschriften könnte in Entsprechung zu der ungewöhnlichen Zahl der sieben Säulen des von der Weisheit selbst erbauten Hauses in Spr 9,1 stehen. Die Einladung zum Festmahl, das die Weisheit selbst in ihrem Haus bereitet hat (Spr 9,1-6), wäre dann eine Einladung in ihr Haus = das Buch, zur ‚Einverleibung’, Anverwandlung des Buchinhaltes. Gewissheit ist hier kaum zu gewinnen. Einen Überblick über archäologische Verortungsversuche für die sieben Säulen bietet B. Lang (1983). Die symbolischen Deutungen jüdischer und christlicher Tradition listet F. Delitzsch (151-153) gut auf (sieben Himmel nach dem Midrasch Mischle, sieben Planeten nach dem Babylonischen Talmud, Traktat Sanhedrin 38a, Text Talmud; sieben Sakramente in patristischer Deutung).

2.2. Das Proömium: Spr 1,1-7

Im Text des vorliegenden Buches wirkt Spr 1,1-7 als kunstvolles Proömium für das ganze Buch. Es formuliert Ziel und Zweck und nennt die Adressatenschaft. Weisheit wird als Lebensorientierung und Verstehenskunst präsentiert, die untrennbar mit der biblischen Grundkategorie „Gerechtigkeit“ verbunden ist. Die Adressatenschaft umfasst sowohl unerfahrene als auch bereits weise Menschen. Spr 1,7 setzt programmatisch JHWH-Furcht und Weisheit in Beziehung zueinander.

2.3. Annahme weiterer Unterteile des Buches

Die Annahme weiterer Unterteile über die durch die Überschriften angezeigten hinaus legt sich aus verschiedenen Gründen nahe.

Spr 1-9. Von den drei Salomo zugeschriebenen Teilen hebt sich der erste hervor. Während Spr 10,1-22,16 und Spr 25-29 Einzelspruchsammlungen sind, enthält Spr 1-9 längere zusammenhängende Texte: Im Kernbestand sind das zehn Lehrreden sowie drei Reden der personifizierten Weisheit. Das Auftreten der personifizierten Weisheit, die Entfaltung ihrer vielfältigen Beziehungen zu Welt, Menschen und Gott sowie die Präsentation einer Entscheidungssituation für die Leser am Ende von Spr 9 (Einladung der Weisheit und der Torheit) lassen Spr 1-9 als theologisch reflektierte und pädagogisch-motivierende Einleitung in das Buch erscheinen.

Spr 10-29. Innerhalb der beiden großen, Salomo zugeschriebenen Einzelspruchsammlungen lassen sich gleichfalls Abschnitte und Teile unterscheiden, doch sind die formalen Unterschiede dabei geringer. Hier hat eine Unterteilung der ersten Sammlung in Spr 10-15 (evtl. Spr 15,32) und Spr 16-22,16 (evtl. von Spr 15,33 an) breite Akzeptanz gefunden, ebenso wie eine Zweiteilung von Spr 25-29 in Spr 25-27 und Spr 28-29. Die Abschnitte sind jeweils in sich weiter strukturiert (s. z.B. R. Scoralick zu Spr 10-15; R. van Leeuwen zu Spr 25-27).

Spr 30-31. Innerhalb von Spr 31 lässt sich in v10-31 ein Gedicht erkennen, dessen Zeilenanfänge dem Alphabet folgen (alphabetisches → Akrostichon) und das sich insofern deutlich von den Mahnworten in Spr 31,1-9 abhebt. Die Septuaginta überliefert diese beiden Teile von Kapitel 31 getrennt und bestätigt so den Eindruck der Selbstständigkeit. Etwas schwieriger ist der Sachverhalt in Spr 30, da hier die Gliederung des Kapitels weniger klar ist. Es spricht jedoch einiges für die Abgrenzung einer Reihe von Zahlensprüchen in Spr 30,15-33, die auch durch die wiederum getrennte Überlieferung der beiden Teile von Spr 30 in der Septuaginta gestützt wird. So sind in beiden Fällen von der Septuaginta gestützte Unterteile der Kapitel erkennbar.

Die Gliederung des Buches und die Zählung der Teile fällt in der Literatur recht verschieden aus. Unumstritten sind die drei größten Teile, Spr 1-9; Spr 10,1-22,16 und Spr 25-29. Die Zählung und Gewichtung der kleineren Buchabschnitte variiert stark: Teilweise werden alle, teilweise nur Spr 30-31 als „Anhänge“ gewertet.

So rechnet z.B. O. Plöger mit drei großen Sammlungen (Spr 1-9; Spr 10,1-22,16; Spr 25-29) mit je zwei Anhängen an die zweite und dritte Sammlung (Spr 22,17-24,22; Spr 24,23-34 und Spr 30; Spr 31) – das ergibt sieben Teile. Durch Unterteilung von Spr 30 und Spr 31 ergeben sich dann neun Teile (Spr 30,1-14; Spr 30,15-33 und Spr 31,1-9; Spr 31,10-31) – so z.B. bei A. Meinhold. Als Variante dazu sprechen R. E. Murphy und R.J. Clifford von Spr 1-9 als Einleitung zu den restlichen acht Teilen. M. Fox sieht sechs große Buchteile, er zieht Spr 30,1-31,31 als gemeinsamen Teil „Appendices“ zusammen. L.G. Perdue sieht in Spr 30 nur einen Teil, daher gibt es für ihn acht Teile des Ganzen.

Tabelle 2: Bibelkundlicher Überblick über das Buch der Sprüche Salomos.

Tabelle 2: Bibelkundlicher Überblick über das Buch der Sprüche Salomos.

Das Buch weist in der hebräischen Fassung Indizien einer Rahmenbildung auf, bei der insbesondere Entsprechungen zwischen den (zahlreichen) Frauengestalten in Spr 1-9 und Spr 31 ins Auge fallen. So greifen z.B. Aussagen über die „fähige Frau“ in Spr 31,10-31 auf solche über die personifizierte Weisheit zurück (Vergleich mit Korallen in Spr 3,15; Spr 8,11 und Spr 31,10; Rede von „ihrem Haus“ in Spr 9,1 und Spr 31,15.21.27). Sollte Spr 31,10 auch als Einleitung einer Rätselrede zu verstehen sein („wer kann sie / es [heraus]finden“, so Th. McCreesh), dann dürfte die in Spr 31,10-31 beschriebene tatkräftige, weise und gottesfürchtige Frau eine „alltägliche“ Verkörperung der Weisheit selbst sein (→ Frauen in der Literatur des AT 8.6).

Die Zusammenstellung der Einzelsprüche in den großen Sammlungen Spr 10,1-22,16 und Spr 25-29 galt lange Zeit als völlig unsystematisch. Nur einige kleinere, offenbar über Stichwörter verbundene Gruppen und Spruchpaare fielen immer schon ins Auge (Sprüche über den Toren in Spr 26,1.3-12; über den Faulen in Spr 26,13-16). Das Spruchpaar Spr 26,4 und Spr 26,5 beschäftigte die Rabbinen aufgrund des scheinbaren Widerspruchs der Aufforderungen (Talmud Traktat Shabbat 30b; Text Talmud).

Schon Franz Delitzsch (1876) hielt die Anordnung auch der übrigen Abschnitte jedoch nicht für völlig beliebig, er postulierte eine gliedernde Funktion von Sprüchen zum Thema Erziehung (so nun auch wieder B.K. Waltke, allerdings mit anderer Spruchauswahl). In den letzten Jahrzehnten haben sich Untersuchungen zu übergreifenden Prinzipien der Spruchanordnung gehäuft (R. van Leeuwen, A. Meinhold, R. Scoralick, A. Scherer, K.M. Heim u.a.). Mit unterschiedlicher Akzentsetzung werden Verbindungen zwischen Sprüchen auf lautlicher, syntaktischer und semantischer Ebene untersucht und Phänomene der Wiederholung, Entsprechung und Entgegensetzung analysiert, teilweise verbunden mit redaktionskritischen Erwägungen. Die Ergebnisse unterscheiden sich einerseits von Sammlung zu Sammlung und divergieren andererseits auch bei gleichem Untersuchungsobjekt recht stark. Die Forschung ist auf diesem Feld noch im Fluss.

3. Vielfalt der Formen

Das Buch der Sprüche zeichnet sich unter den biblischen Weisheitsbüchern wie auch im Horizont des Alten Orients durch seine Formenvielfalt aus (→ Weisheitliche Gattungen). Neben Einzelsprüchen verschiedenster Prägung, die den größten Teil des Buches ausmachen, finden sich längere Lehrreden eines Vaters, einer Mutter oder auch der personifizierten Weisheit an einen Sohn / Söhne (z.B. Spr 1,8-19; Spr 8,32-36). Neben Zahlensprüchen (z.B. Spr 30,18-20) gibt es Lehrgedichte (Spr 27,23-27), Mahnreden (Spr 31,1-9), ein alphabetisches Akrostichon (Spr 31,10-31) sowie ein Gebet (Spr 30,7-9). In Spr 1-9 finden sich Reden der personifizierten Weisheit selbst (Spr 1,22-33; Spr 8,4-36; Spr 9,4-6) wie auch der Frau Torheit (Spr 9,16-19). Die Einzelsprüche lassen sich in Aussagesprüche / Sentenzen und Mahnworte (mit direkter Anrede) unterteilen. Darüber hinaus lassen sich dann bei den Sentenzen zahlreiche Untergruppen ausmachen („besser-als“-Sprüche [wie Spr 15,16-17]; Vergleichssprüche [wie Spr 10,26]; „es-gibt“-Sprüche meist paradoxen Inhalts [wie Spr 11,24]; Seligpreisungen [wie Spr 16,20] u.a.). Die Aussagesprüche gehen im Parallelismus membrorum einher und sind oft äußerst kunstvoll gestaltet. Übersetzungen können das nur schwer abbilden.

4. Textüberlieferung

Die knappen, komprimierten Formulierungen des hebräischen Textes haben schon früh Probleme hervorgerufen – für die antiken Übersetzer wie auch für die Textüberlieferung (s.o. die Auffassung der Masoreten zu „Massa“ in Spr 30,1; Spr 31,1). Spr 30,1b und Spr 31,2 z.B. sind bis heute schwer zu verstehen. Für den hebräischen Text gibt es nur zwei Qumranfragmente (4QProv(a) für Spr 1,27-2,1 und 4QProv(b) für Teile von Spr 13-15).

Die Septuagintafassung des Sprüchebuches dürfte aus dem Alexandrien des 2. Jh. v. Chr. stammen. Sie weicht in Umfang und Anordnung vom hebräischen Text ab. Trotz einiger Auslassungen gegenüber dem MT enthält sie 130 Stichen mehr Text (s. im Einzelnen die Angaben bei D.-M. d’Hamonville). Die Textumordnung beginnt von Spr 24,22 an. Mit den Bezeichnungen des hebräischen Textes formuliert lautet die Septuaginta-Reihenfolge von Spr 24,22 an: Spr 30,1-14; Spr 24,23-34; Spr 30,15-33; Spr 31,1-9; Spr 25-29 und Spr 31,10-31. Umformulierungen und Auslassungen beim Überschriftensystem des Textes lassen Salomo gemäß Spr 1,1 als alleinigen Urheber des Textes erscheinen.

Freie und paraphrasierende Übersetzungen, Zufügungen von selbständigen Textteilen (das Lob der Biene in Spr 6,8a-cLXX u.a.) und Schriftzitaten (Ps 110,10LXX in Spr 1,7LXX) weisen die Septuaginta des Sprüchebuches als einen Text des hellenistischen Judentums mit eigenem Profil und Wert aus. Ob eine nicht zur proto-masoretischen Tradition gehörige Textvorlage zu Grunde liegt (so E. Tov, R.J. Clifford) oder nicht (J. Cook, D.-M. d’Hamonville), ist umstritten.

5. Entstehung

Die Entstehungsgeschichte des Buches bzw. seiner Teile umfasst nach gängiger Auffassung einen langen Zeitraum. Sie dürfte von der Königszeit (s. Spr 25,1, die „Männer des Hiskia“) bis mindestens in die späte Perserzeit reichen, vermutlich noch darüber hinaus. Einige Autoren rechnen dezidiert mit frühhellenistischen Bestandteilen, besonders in der Zeichnung der personifizierten Weisheit in Spr 1-9 (so M.V. Fox). Damit wäre ein Zeitraum mit den Eckdaten des ca. 9.-4., evtl. auch 3. Jh. v. Chr. benannt. Die Übertragung der Septuaginta im 2. Jh. v. Chr. bildet (trotz ihrer strittigen Textgrundlage) einen terminus ante quem.

Die Datierung von Weisheitssprüchen ist schwierig bis unmöglich. Früher herangezogene formgeschichtliche Argumente (Entstehung von Lehrreden aus den kürzeren Mahnworten) sind aufgrund altorientalischen, besonders ägyptischen Vergleichsmaterials nicht mehr haltbar.

In der gegenwärtigen Forschung gehen die Meinungen über die Datierung der einzelnen Sammlungen und Teile verschiedentlich weit auseinander.

Spr 1-9. Relative Einigkeit herrscht noch bei Spr 1-9, das zumindest in seinem Kernbestand meist in die Perserzeit datiert wird (Ch. Maier). Eine Reihe von Autoren versucht den Befund zu differenzieren (R. Schäfer; A. Müller, M.V. Fox). R. Schäfer rechnet mit einem vorexilisch entstandenen, im Exil zusammengestellten Grundbestand, der in der späten Perserzeit theologisch reinterpretiert wurde. A. Müller situiert die für ihn ältesten Bestandteile von Spr 1-9 (Spr 4,10-27; Spr 5,21-22) im 5. Jh. v. Chr., setzt die formative Redaktion in der späten Perserzeit an und rechnet mit einigen nachfolgenden Erweiterungen (Spr 1,29-30, Spr 3,1-12; Spr 9,10 u.a.). M.V. Fox scheint den Ausgangspunkt für einen recht komplexen Entstehungsprozess der Kapitel erst in frühhellenistischer Zeit anzusetzen, ist jedoch mit seinem Urteil bislang noch zurückhaltend (der zweite Band seines Kommentars steht noch aus). Für ein insgesamt wesentlich höheres Alter der Sammlung – ca. 9./8. Jh. v. Chr. – plädieren A. Scherer und B. Lang (in: NBL 3, 660f.).

Spr 10-29. Die beiden großen Einzelspruchsammlungen werden meist in vorexilischer Zeit angesetzt, die Indizien (ausser Spr 25,1) sind jedoch nicht zwingend. Teile könnten durchaus später eingefügt oder redaktionell überarbeitet sein.

Spr 30-31. Die in Spr 30 und Spr 31 erkennbaren Teile gelten dann meist als jünger – doch werden auch hierfür immer wieder Zweifel angemeldet, da Entstehungszeit und Aufnahme in das Buch (als „Anhang“) nicht zusammenfallen müssen.

Über Horizont und Zweck der Endredaktion des Buches liegen erstaunlich wenige Überlegungen vor, die über den Gedanken einer Sammlung divergierenden Materials hinausgehen. Claudia Camp sieht ein entscheidendes Ziel der Endredaktion des Buches einerseits in der Fokussierung der divergenten Texte in der literarischen Figur der Weisheit und andererseits in der Präsentation der Gestalt der Weisheit als eines Symbols zur Verbindung von alltäglicher Erfahrung und religiöser Symbolwelt. E. Gerstenberger sieht in seinem Lexikonartikel (in: Theologische Realenzyklopädie 27, 585) die religiöse Erziehung in der frühjüdischen Gemeinde des 2. Jh. v. Chr. als Zweckhorizont der Endredaktion an. Die Ansätze lassen sich in Zukunft sicherlich noch vertiefen.

6. Geschichtlicher Hintergrund

Die Herkunft der im Sprüchebuch überlieferten Weisheit dürfte einerseits sehr wohl in so etwas wie Volksweisheit, die sich in Sprichwörtern ausdrückt, zu suchen sein. Vielleicht ist zumindest auch – wenn auch nicht ausschließlich – mit einem familiären Sitz im Leben für Lehrreden zu rechnen (E. Gerstenberger). Lehrreden verweisen jedoch auch darüber hinaus auf weitere Unterrichts- und Ausbildungssituationen.

Die Auswahl, Zusammenstellung wie auch vermutlich Ergänzung und Überarbeitung der Volksweisheit war das Werk von Gelehrten entweder bei Hofe oder im Umfeld von Schulen. In diesen Kreisen ist zudem auch ein zweiter Ursprungsort für Weisheitstexte anzunehmen. Der Streit über die Anteile von Volksweisheit gegenüber ursprünglicher ‚Gelehrtenweisheit’ ist nicht entschieden und vielleicht nicht entscheidbar. Für einen hohen Anteil von Sprichwortweisheit plädieren z.B. C. Westermann und F. Golka; mit tiefgreifender Umgestaltung und weitgehender Neugestaltung durch Hofbeamte rechnen Autoren wie A. Meinhold.

Die Lage dürfte sich je nach Text unterschiedlich gestalten. Es gehört zur Eigenart der kurzen Einzelsprüche, dass sie problemlos auf ganz verschiedene Situationen beziehbar sind – ihre ursprüngliche Herkunftssituation ist dann nicht mehr mit Sicherheit erkennbar.

Immerhin lässt sich doch auf Ergebnisse sorgfältiger Kompositionsanalysen verweisen. So hat R. van Leeuwen im Gefolge von G. Bryce in exakter Analyse Spr 25,2-27 als eigenes, kunstvoll komponiertes Weisheitsgedicht bzw. Weisheitsbuch mit vermutlich höfischem Entstehungshintergrund beschrieben, ohne damit allerdings ein breites Echo in den nachfolgenden Kommentaren (abgesehen von R.E. Murphy und einem zurückhaltenden Referat bei R.J. Clifford) zu finden.

7. Theologie

Das Buch der Sprüche soll Wegweisung und Orientierung im Lebensalltag des einzelnen Menschen mit seinen näheren Beziehungen bieten. Ziel ist dabei nicht ein möglichst umfangreiches Sachwissen, sondern das Einüben in eine an Gerechtigkeit und Weisheit orientierte Lebenshaltung, die in den Bildern von der Liebe zur Weisheit und der Teilnahme an ihrem Festmahl dargestellt wird.

Der zu großen Teilen „internationale“ Charakter dieser Weisheit ist im Buch einerseits deutlich durch die Zuschreibung einiger Teile an nicht-israelitische Verfasser (Spr 30,1; Spr 31,1, s.o.) und zeigt sich andererseits auch in der Aufnahme von Motiven und Formulierungen aus dem Raum altorientalischer Weisheit – das Paradebeispiel ist die enge Parallelität von Spr 22,17-24,22 mit der ägyptischen Lehre des Amenemope (ca. 1100 v. Chr., s. dazu B. Schipper).

Zugleich spricht das Buch jedoch dezidiert von Gott mit dem Eigennamen des Gottes Israels, JHWH, und postuliert an zentralen Buchstellen (Spr 1,7; Spr 9,10; Spr 15,33 und Spr 31,30) die Bindung an JHWH (in der JHWH-Furcht) als Ursprungsgrund der Weisheit. Die in Spr 1-9 personifizierte → Weisheit schillert stellenweise in ein Gottesbild hinüber (C. Camp, S. Schroer). Zum Horizont weisheitlich-theologischen Redens gehört auch der Schwerpunkt auf der Rede von Schöpfung – sowohl im Sinne der Weltschöpfung (s. Spr 8) als auch im Blick auf die Menschen (Spr 14,31; Spr 17,5; Spr 22,2).

Die früher recht gängige Hypothese, dass die (auch im Sprüchebuch vorliegende) ältere, vorexilische Weisheit ursprünglich rein „profan“ gewesen sei und erst spätere Redaktionen und Hinzufügungen eine JHWH-sierung bewirkten (W. McKane, R. Whybray), wird in dieser einfachen Gegenüberstellung heute kaum noch vertreten. Nicht alle JHWH-Sprüche sind spätere Hinzufügungen. Ein im Lauf der Entstehungsgeschichte anwachsendes Interesse an der Explikation der theologischen Einbindung der Weisheit wird hingegen häufig angenommen. Die programmatische Voranstellung von Spr 1-9 gilt oft – zumindest auch – als theologische Prägung des Nachfolgenden. Theologisierende Redaktionsschichten werden verschiedentlich in den Einzelspruchsammlungen erhoben, ein Konsens in diesen Fragen ist aber nicht in Sicht.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Die Religion in Geschichte und Gegenwart, 3. Aufl., Tübingen 1957-1965.
  • Encyclopaedia Judaica, Jerusalem 1971-1996.
  • Theologische Realenzyklopädie, Berlin / New York 1977-2004.
  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991-2001.
  • The Anchor Bible Dictionary, New York 1992.
  • Lexikon für Theologie und Kirche, 3. Aufl., Freiburg i.Br. 1993-2001.
  • Religion in Geschichte und Gegenwart, 4. Aufl., Tübingen 1998ff.

2. Kommentare

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  • Fox, M. V., 2000, Proverbs 1-9. A New Translation with Introduction and Commentary (AncB 18A), New York u.a.
  • Fuhs, H. F., 2001, Das Buch der Sprichwörter. Ein Kommentar (fzb 95), Würzburg.
  • McKane, W., 1970, Proverbs. A New Approach (OTL), London.
  • Meinhold, A., 1991, Die Sprüche. Teil 1: Sprüche Kapitel 1-15; Teil 2: Sprüche Kapitel 16-31 (ZBK.AT 16,1.2), Zürich.
  • Murphy, R. E., 1998, Proverbs (WBC 22), Nashville.
  • Plöger, O., 1984, Sprüche Salomos (Proverbia), (BK 17), Neukirchen-Vluyn.
  • Waltke, B. K., 2004, The Book of Proverbs, Chapters 1-15 (NICOT), Grand Rapids.
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3. Weitere Literatur

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