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Lexikon

Sozialkritik (AT)

Rainer Kessler

(erstellt: Mai 2008)

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1. Allgemein

Der Ausdruck Sozialkritik meint Kritik an sozialen Missständen. Nun hängt die Beurteilung dessen, was ein sozialer Missstand ist, vom Standpunkt des Beurteilenden ab. Von bestimmten sozialen Verhältnissen können die einen profitieren, sich in ihnen sicher fühlen oder sich als nicht tangiert betrachten. Andere können dieselben Verhältnisse als benachteiligend, ausbeuterisch oder exkludierend erleben. Daraus folgt, dass Sozialkritik etwas anderes als die möglichst neutrale und objektive Beschreibung sozialer Verhältnisse ist. Sie ist immer perspektivisch. Das heißt nicht, dass die Person, die die Sozialkritik vorbringt, selbst direkt betroffen sein muss; sie nimmt aber einen parteiischen Standpunkt im sozialen Spannungsfeld ein. Sozialkritik zielt immer auf Wirkung ab. Sie will die Kritisierten bekämpfen oder zu einer Verhaltensänderung bewegen; sie will diejenigen, deren Partei sie ergreift, stärken oder gar zum Widerstand bewegen. Weil die Sozialkritik effektvoll sein will, bedient sie sich häufig einer metaphorischen („Man will euch das Fell über die Ohren ziehen“) oder hyperbolischen Sprache („Akkord ist Mord“).

2. Prophetie

2.1. Schriftprophetie

2.1.1. Prophetie des 8. Jahrhunderts

Von allen Propheten, die im 8. Jh. wirkten, werden sozialkritische Worte überliefert. Dabei handelt es sich allerdings kaum um wörtliche Zitate, sondern um zugespitzte, verallgemeinernde und oft auch schon die Ablehnung der Propheten reflektierende Texte, die von den Tradenten der Prophetenworte aufgezeichnet wurden.

Der früheste der Schriftpropheten, → Amos, wird zugleich als der schärfste Sozialkritiker profiliert. Sein Einsatz gilt den Armen und Elenden (Am 2,6f.; Am 4,1 u.ö.), wohl Kleinbauern, die wegen drohender Überschuldung vor dem Verlust von Besitz und persönlicher Freiheit stehen. Gleichzeitig kritisiert der Prophet das Luxusleben der politisch und wirtschaftlich mächtigen Oberschicht von → Samaria (Am 3,15; Am 4,1; Am 6,4-6).

Zwar tritt bei → Hosea die Sozialkritik hinter der Kritik an kultischen und außenpolitischen Fehlentwicklungen zurück. Doch ist in die entsprechenden Texte (etwa in Hos 7-8) immer auch Kritik am sozialen Verhalten von Königen und Beamten eingeflochten.

Bei den beiden judäischen Propheten des 8. Jh.s, → Jesaja und → Micha, steht ähnlich wie bei Amos die Konzentration des Grundbesitzes in den Händen Weniger im Mittelpunkt der Kritik (Jes 5,8-10; Mi 2,1-3). Erstmalig bei Jesaja werden ausdrücklich die klassischen personae miserae, → Witwen und Waisen, als Opfer der sozialen Fehlentwicklung genannt (Jes 1,23; Jes 10,2).

2.1.2. Prophetie am Ende des 6. Jahrhunderts

Nach der weitgehenden Überlieferungslücke in den ersten beiden Dritteln des 7. Jh.s lebt am Jahrhundertende die Sozialkritik wieder auf. → Zefanja kritisiert die gewalttätige Bereicherung durch den Königshof (Zef 1,8f.), das Gebaren der neureichen Händler und Silberabwäger in der Jerusalemer Neustadt (Zef 1,10f.) und den Wohlstand der alteingesessenen Bewohner der Jerusalemer Altstadt (Zef 1,12f.).

Ein breites Spektrum deckt die Sozialkritik bei → Jeremia ab. Er greift die „Großen“ an, die das Recht missachten (Jer 5,1-5); den „Übeltätern“ (rəšā‛îm) wirft er in metaphorischer Sprache vor, wie Tierfänger auf Menschenfang auszusein (Jer 5,26-28); einen einzelnen König wie → Jojakim attackiert er wegen seine Luxusstrebens auf Kosten der einfachen Leute (Jer 22,13-19).

In → Ezechiels Sozialkritik werden schließlich erstmalig Leute als „hungrig und nackt“ bezeichnet (Ez 18,6 u.ö.); es handelt sich um Bettelarme, die aus allen Systemen familiärer und nachbarschaftlicher Sicherung herausgefallen sind.

2.1.3. Prophetie der Perserzeit

Weil die Verhältnisse sich nicht grundlegend ändern, verstummt auch in der nachexilischen Prophetie die Sozialkritik nicht. Bei → Sacharja wird die Sozialkritik als die typische Botschaft der „früheren Propheten“ (Sach 7,12) zusammengefasst und drohend wiederholt (Sach 7,8-14). Auch bei → Maleachi wird sie fast schon zitatartig aufgegriffen (Mal 3,5). Dagegen erhält die Sozialkritik bei → Tritojesaja ein sehr eigenständiges Gepräge und Gewicht (Jes 58), dient sie doch zur Begründung dafür, dass das von → Deuterojesaja angekündigte Heil noch nicht kommen kann.

2.1.4. Sind die Propheten Sozialreformer oder gar Revolutionäre?

Wenn sich die Sozialkritik wie ein roter Faden durch die Prophetie zieht, muss sie eine wichtige Funktion einnehmen. Nun sind Propheten scharfe Analytiker der Missstände ihrer Zeit und greifen neben kultischen und politischen eben auch soziale Fehlentwicklungen auf. Sie leiten daraus Gottes richtendes Eingreifen ab, sei es direkt gegen die Übeltäter, sei es wegen der nicht auszumerzenden Übeltaten gegen das Ganze des Volkes (Mi 3,12: „Zion wird um euretwillen wie ein Acker gepflügt werden“). Allein die Überlieferung der Prophetenworte ist ein Beleg dafür, dass die einzelnen Propheten eine Anhängerschaft hatten. Angesichts der Brisanz der prophetischen Botschaft ist das mehr als eine fromme Jünger- oder gelehrige Schülerschaft. Es ist durchaus eine oppositionelle Gemeinschaft, und als solche wird sie von den Angegriffenen auch wahrgenommen und bekämpft (vgl. Am 7,10-17; Mi 2,6f; die Verfolgungen → Jeremias, z.B. Jer 11,18-23; → Konfessionen Jeremias). Dennoch sind die Propheten keine Sozialreformer, die ein politisches oder soziales Programm verfolgen würden. Zwar erwarten sie einen Umsturz, der letztlich auch die jetzt Reichen und Mächtigen um Besitz, Macht und vielleicht sogar das Leben bringen wird (vgl. Am 9,10; Mi 2,4f.; Zef 2,1-3 nach Zef 1,12-18; Zef 3,11f.). Sie sind aber selbst keine Revolutionäre, sondern erwarten alles von einem Eingreifen Gottes.

2.2. Prophetenerzählungen

Zwar finden sich die breitesten Belege für Sozialkritik in den schriftprophetischen Texten, doch auch in den → Prophetenerzählungen in den → Königsbüchern ist ein sozialkritischer Zug deutlich zu bemerken. In den älteren Elisa-Erzählungen wird deutlich, dass die Anhängerschaft des → Elisa aus den Kreisen der kleinen Leute stammt. Wenn hier der Ehemann stirbt, werden Frau und Kinder sofort vom Gläubiger bedroht, der um seine Außenstände fürchtet (2Kön 4,1). Wer da eine Axt zum Holzfällen mitbringt, hat sie geliehen und muss beim Verlust fürchten, gepfändet zu werden (2Kön 6,1-7). Freilich enthalten diese Texte keine explizite Sozialkritik. Vielmehr stellt sich der Prophet durch Wunder auf die Seite der kleinen Leute.

Das ist bei → Elia insofern anders, als er dem König → Ahab, der durch Justizmord an das Grundstück eines Bauern kommen will (→ Nabot), mit direkter Kritik und Strafandrohung entgegentritt (1Kön 21). Elia wird hier deutlich schon wie einer der späteren Schriftpropheten gezeichnet. Allerdings verbleibt seine Kritik noch im Individuellen und geht nicht, wie von Amos an, darüber hinaus auf soziale Strukturen und Entwicklungen.

3. Weisheitsliteratur

Auch in weisheitlichen Texten finden sich sozialkritische Züge. Häufig verbergen sie sich hinter der Objektivität, mit der die Weisen die Gesetze der Welt beobachten. Der Satz, dass „der Reiche über die Armen herrscht“ und „der Schuldner der Sklave des Gläubigers“ ist (Spr 22,7), stellt eine solche Beobachtung dar. Doch folgt aus ihr nicht, dass man danach streben soll, reich zu werden, um Arme beherrschen zu können. Zwar muss man alles tun, um nicht zu verarmen, also fleißig sein (Spr 6,6-11) und keine leichtfertigen Bürgschaften eingehen (Spr 6,1-5), doch trotzdem gilt, dass Reiche und Arme gleichermaßen von Gott geschaffen sind (Spr 22,2). Deshalb hat der, der Geringe und Elende bedrückt, mit Gottes Eingreifen zu deren Gunsten zu rechnen (Spr 22,22f.). Die weisheitliche Gegenüberstellung von Übeltätern (rəšā‛îm) – in deutschen Übersetzungen oft missverständlich mit „Frevler“ oder „Gottlose“ wiedergegeben – und Gerechten impliziert eine Kritik an sozialer Gewalt.

Besonders im → Hiobbuch wird deutlich, dass die Frontlinie anders als in der Prophetie nicht nur zwischen Arm und Reich, Ohnmächtig und Mächtig verläuft. Hiob selber gehört zu den Reichen und Mächtigen, wie vor allem in seinem umfangreichen Plädoyer in Hi 29-31 herausgestellt wird. Aber er gehört zu denjenigen Reichen, die ihren Reichtum zugunsten der Armen und Schwachen einsetzen, und grenzt sich damit von denjenigen Reichen ab, die hemmungslos die Armen ausbeuten (vgl. die Schilderung in Hi 24).

4. Sozialkritik und Sozialgesetze

Alle Phänomene sozialer Gewalt und Ungerechtigkeit, die in den Texten der prophetischen Sozialkritik gegeißelt und in weisheitlichen Sentenzen beschrieben und in Handlungsanweisungen vorausgesetzt werden, kehren in den Sozialgesetzen der → Tora wieder. Wahrscheinlich sind alle Modelle, die einlinige Abhängigkeiten konstruieren wollen, zu wenig differenziert. Weder setzen die Propheten ein vermeintlich uraltes Gottesrecht in ihrer Sozialkritik um, noch sind umgekehrt die Sozialgesetze direkte Folge der prophetischen Kritik. Vielmehr speisen sich sozialkritische Prophetenworte und Sozialgesetze aus einem mündlich tradierten Ethos, das von einer relativen Gleichheit der Familien ausgeht und sich gegen Tendenzen zur Ausbildung antagonistischer Klassen sperrt. Da sowohl die Tradierung der Prophetenworte als auch die Formulierung der verschiedenen Rechtskorpora der Tora Vorgänge sind, die Jahrhunderte in Anspruch nehmen, ist eher als mit einliniger Abhängigkeit mit einem Prozess gegenseitiger Beeinflussung zu rechnen. Trotz vereinzelter Ansätze ist dieser jedoch noch kaum erforscht.

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