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Lexikon

Skythen

Andere Schreibweise: Scythians (engl.)

Marcus Sigismund

(erstellt: Dez. 2005)

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1. Grundsätzliche Einordnung

Bei den Skythen (lat. Scythae; gr. Σκύθαι) handelt es sich um ein Reitervolk, das aufgrund seiner kriegerischen Fähigkeiten in der gesamten Antike bekannt war. Mit Ausnahme des sog. Skythensturmes, in dessen Verlauf die Skythen bis an die Grenze Ägyptens gelangten (s.u. 3.1 und 3.2), lassen sich keine direkten Beziehungen zwischen diesem ursprünglich nordöstlich des Schwarzen Meeres beheimateten Nomadenvolk und dem antiken Israel aufweisen. Jedoch gelten die Skythen in den biblischen und anderen antiken Schriften bis in die hellenistische Zeit hinein (und teilweise darüber hinaus) als der Inbegriff des grausamen Barbarentums (vgl. 2Makk 4,47; 3Makk 7,5; 4Makk 10,7; Kol 3,11 Josephus, Contra Apionem II 269 Text gr. und lat. Autoren; Tertullian, Apologie IX 9 Bibliothek der Kirchenväter).

2. Kultur und Geschichte

2.1. Kultur

Die genaue Herkunft des skythischen Volkes ist bis heute Gegenstand umfangreicher Diskussionen (Murzin 1990; Feld 1999, 381ff; Sauter 2000), jedoch darf man als Ausgangspunkt dieser Kultur die Entwicklung einer stark nomadisch geprägten Wirtschaftsform ansehen, welche sich im 1. Jt. v. Chr. im geographischen Raum von der Mongolei bis zu den Karpaten entwickelte (R. Rolle / I.v. Bredow, Der Neue Pauly XI, 645; Busch 1993, 15). Die Kultur selbst findet ihren Ursprung in bewaffneten Reiterkriegern, welche sich bereits für Mitte des 2. Jt.s in Osteuropa nachweisen lassen, und in dem Aufkommen mobiler Viehzüchterpopulationen, welche sich auf die Pferdezucht spezialisierten und im Nordpontos-Raum an der Wende vom 10. zum 9. Jh. lebten. Diese Kultur entwickelte in der Bronzezeit den vierrädrigen Planwagen und schuf so die Voraussetzung für den späteren Wohnwagennomadismus der frühen Eisenzeit. Parallel hierzu scheint es den archäologischen Befunden zufolge um die Wende vom 2. zum 1. Jt. zu einer Nord-Süd-Wanderung gekommen zu sein, die bis in das Nordschwarzmeergebiet reichte (Busch 1993, 15). Die skythische Sprache zählt zur iranischen Sprachfamilie.

Die klassische skythische Kultur, wie sie uns etwa bei Herodot (Text Herodot) oder Diodor, aber auch in den Reflexen der biblischen Autoren begegnet, beruht auf den Vorderasienzügen der Skythen seit dem 8./7. Jh. v. Chr. (s.u.). Der aus diesen Raubzügen resultierende Kontakt mit den vorderorientalischen Stadtkulturen (Assyrien, Medien, Urartu etc.) führte zu einer Aufnahme mesopotamisch-vorderasiatischer Elemente in die skythische Kultur, die schon zuvor im Laufe der skythischen Expansion verschiedene kimmerische und eurasische Elemente assimiliert hatte (Bouzek 1997, 503; Ivantchik 2001).

Seit dem 8. Jh. scheint das Kerngebiet der skythischen Stämme im Kubangebiet und in größeren Teilen des Nordkaukasus gelegen zu haben. Von hier aus unternahmen sie auch ihre militärischen Aktionen. In der Mitte des 6. Jh.s v. Chr. verlagerte sich das skythische Herrschaftsgebiet westwärts in die Steppen- und Waldsteppenzone am unteren Dnjepr. Die Gründe hierfür dürften zum einen in den besseren Weidemöglichkeiten zu suchen sein, zum anderen ermöglichte dies auch Kontakte mit den griechischen Kolonien an der Nordschwarzmeerküste und vereinfachte die Kontrolle wichtiger Handelsrouten.

Als problematisch erweist sich für die historische Forschung, dass die skythische Kultur keine literarischen Zeugnisse hinterlassen hat, so dass wir auf Fremdaussagen vorwiegend griechischer Autoren und auf archäologische Funde angewiesen sind. Als Leitfunde gelten:

1) Grabhügel (sog. Kurgane), welche einen Durchmesser von bis zu 100 m sowie eine Gesamthöhe von 15 m erreichen konnten und durch ihre steilwandige Silhouette auffallen. Diese Hügel, die oftmals große Nekropolen bilden, bestanden aus Rasensoden und besaßen eine Erd- oder Holzplattform für Opferhandlungen. Ihre Spitze wurden von menschengestaltigen Skulpturen geschmückt. Die Innenanlage variiert je nach geographischer Zone (R. Rolle / I.v. Bredow, Der Neue Pauly XI, 646).

2) Grabbeigaben, welche die soziale Stellung des Verstorbenen spiegeln, und neben Schmuck, Wirtschaftsausrüstung und Waffen auch getötetes Dienstpersonal und Pferde umfassen können. Zwar sind die meisten Gräber durch Grabräuber ausgeplündert, die erhaltenen Funde bezeugen aber einen großen Facettenreichtum der skythischen Kunsterzeugnisse (vgl. Busch 1993).

Die Grabfunde belegen zudem die dominierende Rolle des schweren Panzerreiters im skythischen Heer. Ebenso wird der Wagen als Lebensbereich der Frauen und Kinder klar fassbar. Jedoch hat die archäologische Forschung auch Gräber von Kriegerinnen mit Angriffs- und Verteidigungswaffen sowie weiteren Grabbeigaben freilegen können, die verschiedene Aspekte des sog. Amazonenlebens aufzeigen konnten (vgl. Rolle 1980, 94-99).

Neben dem Wohnwagennomadismus lassen sich auch proto-urbane Strukturen nachweisen. Hierbei kann es sich um Winterquartiere, Herrschafts-Residenzen oder aber auch um Handwerks- und Handelsplätze gehandelt haben. So sind in der Ukraine und in Südrußland zahlreiche Burgwälle (gorodišče) aus skythischer Zeit nachweisbar (Busch 1993, 25f). Bei dem in Bel’sk nachweisbaren Burgwallsystem, das 4000 ha Innenfläche umfasst, handelt es sich möglicherweise um die aus Herodot (IV 108) bekannte Stadt Gelonos, in der eine griechisch-skythische Mischbevölkerung gelebt haben soll und wo man das Herrschaftszentrum der Skythenkönige des 7. und 6. Jh.s vermutet (R. Rolle / I.v. Bredow, Der Neue Pauly XI, 652).

Die Verkürzung der skythischen Kultur auf ein kriegerisches Reitervolk ist sicherlich nicht statthaft. So trieben die Skythen mit den griechischen Kolonien schwunghaften Handel, der sowohl über Faktoreien (empória) als auch durch fahrende griechische Händler im Hinterland abgewickelt wurde (Herodot IV 17-20.107). Die Skythen verkauften vor allem Getreide, Wolle, Spinnfaserpflanzen, Trockenfisch sowie Edelmetalle aus dem Ural (Busch 1993, 20.25). Von den Erlösen erwarben sie hauptsächlich griechische Luxusware wie etwa Wein (vgl. Ailianos, Varia historia II 41) und Feinkeramik (Banri 2003).

Klimatisch-ökologische Gründe, vor allem aber das militärisch erfolgreiche Vorrücken des iranischen Volks der Sarmaten, ließen die klassische skythische Kultur um 300 v. Chr. zusammenbrechen. In die südlichen Küstengebiete und auf die Halbinsel Krim zurückgedrängt, kam es im 3./2. Jh. v. Chr. auf der Krim zur Gründung eines spätskythischen Reiches mit Neapolis Scythia als Hauptstadt, das sich trotz vielfacher Schwächung bis in das 3. Jh. n. Chr. zu halten vermochte.

2.2. Geschichte

Historisch fassbar werden die Skythen durch ihre Bewegung nach Südosten in die Nähe des im Norden des heutigen Irans gelegenen Urmia-Sees im 8. Jh. Seit Sargon II. (vor 713 v. Chr.) werden sie in assyrischen Quellen erwähnt (zur Problematik der Unterscheidung von Skythen und Kimmerier in den assyrischen Quellen vgl. Ivantchik 2001). Nachdem die Skythen zunächst zu Beginn des 7. Jh.s eine ständige Bedrohung für die assyrischen Gebiete (SAA 4, Nr. 23; 35) und insbesondere für das Reich von Urartu darstellten (SAA 4, Nr. 66 und 71; vgl. auch Busch 1993, 16), scheint es später zu Verhandlungen gekommen zu sein. So sah sich etwa der Assyrerkönig Asarhaddon im Jahre 673 v. Chr. genötigt, aufgrund der politischen Rahmenbedingungen ein Bündnis mit den Skythen einzugehen, indem er dem Skythenkönig Bartatua (gr. Protothýēs; vgl. Herodot I 103; Text Herodot) eine seiner Töchter zur Frau gab (vgl. SAA 4, Nr. 20). In der Folgezeit lässt sich aufgrund archäologischer Funde in zerstörten Festungen und Städten belegen, dass die Skythen – auf Seiten der Assyrer oder aus eigenem politischen Kalkül – an der Zerstörung Urartus aktiv beteiligt waren (Wartke 1993, 171-175). 630/620 v. Chr. schlug der skythische Herrscher Madyes, ein Sohn des Bartatua, die Kimmerier (Strabon I 3,21) und kämpfte mit den Assyrern gegen die → Meder, als diese → Ninive attackierten (vgl. Herodot I 103; Abydenus apud Eusebios, Chronik, ed. Schoene I, 35.37). Wohl durch diese erfolgreichen Unternehmungen, aber auch durch den Machtverlust des assyrischen Reiches ermutigt, begannen die Skythen jenen Eroberungszug nach Syrien, der sie bis zur ägyptischen Grenze führte und Rezeption in den biblischen Schriften gefunden haben könnte (s.u. 3.1 und 3.2). Der Höhepunkt dieser militärischen Unternehmungen dürfte in die Zeit zwischen 630 und 625 v. Chr. gefallen sein (Bouzek 1997, 503). Erst Psammetich I. (664-610 v. Chr.) gelang es, die Skythen durch Geschenke aufzuhalten (Herodot I 105; vgl. dazu W. Helck, Lexikon der Ägyptologie V, 990). Die Skythen beherrschten daraufhin 28 Jahre Kleinasien, bis sie von den Medern vertrieben wurden (Herodot I 106; IV 1). Das skythische Herrschaftsgebiet zog sich daraufhin in den folgenden Jahrhunderten in das Kuban-Gebiet und in die nördlichen pontischen Steppen zurück (Bouzek 1997, 504; Busch 1993,17).

Trotz dieses Rückzuges finden die Skythen weiterhin Erwähnung in den antiken Quellen. So berichtet etwa Herodot (IV 118-142), dass Darius im Jahre 512 v. Chr. eine Kampagne gegen die Skythen abbrechen ließ, weil seine Truppen von der Verfolgung der Skythen über die Steppe zu erschöpft waren. Die antiken Quellen verraten auch, dass verschiedene antike Staaten bereit waren, skythische Truppen anzuwerben oder skythischen Angriffen durch Tributzahlungen zuvorzukommen (Polyainos, Strategemata VI 9,4; Diodor XX 22,4; Lukianos, Toxaris 44). Auch scheint es oftmals zur Vermischung von skythischen und indigenen Bevölkerungsteilen von Städten gekommen zu sein, was insgesamt ab dem 5. Jh. zum einen zur Hellenisierung der skythischen Oberschicht geführt hat (vgl. Herodot IV 77-80; vgl. auch Busch 1993, 25; dagegen Bouzek 1997, 504), zum anderen offenkundig aber auch einigen Skythen neue politische Möglichkeiten bot, da seit dieser Zeit viele Könige des Regnum Bosporanum skythische Namen trugen (R. Rolle / I.v. Bredow, Der Neue Pauly XI, 655).

Zu den bekanntesten skythischen Königen zählt Atheas, der in der Mitte des 4. Jh.s v. Chr. ein Reich südlich der Donau beherrschte, das Scythia minor genannt wird (Bouzek 1997, 505). In seine Regierungszeit sind die bekanntesten skythischen Grabanlagen zu datieren, außerdem wird diesem König die Einführung des skythischen Geldes zugeschrieben (U. Peter, Der Neue Pauly II, 149; Busch 1993, 26; Jordanov 1991, insb. 47). Philipp II. von Makedonien konnte Atheas aber 339 v. Chr. vernichtend schlagen (Iustinus, Epitoma historiarum Philippicarum IX 2; Orosius III 13,5-7; Plutarch, moralia [Regnum et imperatorum apophthegmata] 174EF) und das Reich zerstören. Jedoch gelang den Skythen im Jahre 331 v. Chr. nochmals ein Achtungserfolg, als die Stadt Olbia General Zopyrion, welcher von Alexander dem Großen mit der Eroberung betraut war, abwehren konnte (Curtius Rufus X 1,43-44; Iustinus, Epitoma historiarum Philippicarum II 3,4; XII 1,4; XII 2,16f; XXXVII 3,2; Macrobius Saturnalia I 11,33; vgl. dazu Busch 1993, 26; Jordanov 1991, 57; vgl. auch mit abweichender Datierung auf 325 v. Chr. Zahrut 2002).

Durch den bereits erwähnten Einbruch der Sarmaten wurden die Skythen auf die Krim zurückgedrängt (vgl. Diodor II 43), wo König Skilurus und seine Söhne mehrere Festungen errichten ließen (Strabon VII 4,7; vgl. R. Rolle / I.v. Bredow, Der Neue Pauly XI, 655). Als sich das Regnum Bosporanum mit den Sarmaten verbündete, verschlechterte sich die politische Lage des skythischen Reiches zusehends. Die Eroberung Olbias im Jahre 150 v. Chr. durch Skilurus gilt als letzter großer Erfolg. In den Jahren 110-107 v. Chr. mussten die Skythen unter ihrem König Palakos mehrere vernichtende Niederlagen gegen Diophantos, einem General des Mithradates VI. Eupator von Pontos, hinnehmen (Busch 1993, 26; vgl. Strabon VII 3,17).

Um die Mitte des 1. Jh.s gelang es den Skythen nochmals, die Unabhängigkeit zu erlangen und kurzzeitig Olbia zu erobern. Der römische Legat Plautius konnte die Stadt 61 n. Chr. zwar wieder einnehmen, die Auseinandersetzungen um die Krim, in dem sich römische Stützpunkte und das skythische Königreich gegenüberstanden, dauerten aber bis ins 2. Jh. n. Chr. an (R. Rolle / I.v. Brenow, Der Neue Pauly XI, 655). Nach einer vernichtenden Niederlage des skythischen Königreiches gegen den bosporanischen König Sauromates II. am Ende des 2. Jh.s n. Chr. endete die spätskythische Kultur im 3. Jh. n. Chr. mit der Zerstörung von Neapolis, möglicherweise durch die Ostgoten (R. Rolle / I.v. Brenow, Der Neue Pauly XI, 652; Rolle 1980, 150). Die Skythen gingen in anderen Bevölkerungspopulationen, insbesondere in den Sarmaten auf.

3. Die Skythen und die Bibel

3.1. Die Feinde aus dem Norden

Nicht zuletzt unter Einfluss der Skythen-Beschreibung Herodots hat die ältere Forschung versucht, die im Propheten Jeremia genannten „Feinde aus dem Norden“ (Jer 4,5-31; Jer 5,15-17; Jer 6,1-8.22-26; Jer 8,16f; Jer 10,22), welche als schnelle Reiter (Jer 4,13.29), einem Sturmwind (Jer 4,13) oder Löwen (Jer 4,7) gleich über das Land herfallen sollen, mit den Skythen zu identifizieren (vgl. dazu Wilke 1913, 223; Herrmann 1990, 7.10).

Nach A. Condamin (1936) geht die These auf das 18. Jh. zurück und lässt sich erstmalig im commentarius ad librum Prophetiarum Jeremiae des H. Venema (1756) nachweisen. Dieser These seien namhafte Exegeten, etwa Eichhorn, Cheyne, Ball, Duhm, Cornill, Kent, Peake, Driver, Binns, Skinner und Eissfeldt gefolgt (vgl. Hyatt 1940, 500). Eine Sammlung von Argumenten gegen einen Skythensturm findet sich bereits durch F. Wilke (1913) zusammengetragen, der jedoch der heute zu revidierenden negativen Herodotsicht seiner Zeit folgt.

Auch die Prophezeiung des Zefanja, das Gericht über Juda und Jerusalem werde durch fremde Kriegsscharen herbeigeführt (1,2-18), ist vereinzelt auf ein skythisches Heer gedeutet worden (vgl. dazu Wilke 1913, 233).

Grundsätzlich ist – je nachdem, wie man die Propheten datieren mag – eine skythische Bedrohung als Hintergrund der Prophezeiungen denkbar. Jedoch ließen sich die Textstellen ebenfalls auf eine babylonische Bedrohung hin deuten.

Die von Wilke (1913) und Hyatt (1940) angeführten Argumente haben im Wesentlichen bis heute ihre Gültigkeit behalten, wenngleich sich aufgrund der heute weitaus positiveren Bewertung des Herodot zum einen und aufgrund neuerer Annahmen bzgl. der komplexen Entstehungs- und Traditionsgeschichte gerade des Jeremia-Buches zum anderen im Detail Kritik üben lässt.

Als Hauptproblem stellt sich dabei heraus, dass Wilke (1913) von der damaligen Forschungssituation ausgehend die „Feinde aus dem Norden“ zwangsläufig mit dem sog. Skythensturm in Verbindung bringt. Da sich seiner Ansicht nach (Wilke 1913, 226-229) Herodot mehrfach als unzuverlässig erweise und hier wohl eine lokale Anekdote verarbeite, könne die Notiz über ein skythisches Vordringen bis zur ägyptischen Grenze nicht als historisch angesehen werden. Zudem finde man bei Jeremia und Zefanja weder eine explizite Nennung der Skythen noch Belege, die sich eindeutig auf Skythen beziehen müssten. Vielmehr würden sich viele Textstellen, die auf Skythen bezogen würden, dem Kontext nach eindeutig auf andere Völker beziehen (ebd. 237f). Zudem würden einige Beschreibungen der „Feinde aus dem Norden“ (etwa die Kriegswagen und die Belagerung von Festungen) ganz offenkundig gar nicht zu den Skythen (ebd. 243-247), sondern viel besser zu Chaldäern passen.

Hyatt (1940) schließt sich der Argumentation weitestgehend an und glaubt, dass es sich bei den „Feinden aus dem Norden“ um Chaldäer und ihre Verbündeten gehandelt habe. Dabei seien die in babylonischen Chroniken (vgl. z.B. die Gadd-Chronik) genannten und oftmals als Skythen interpretierten umman-manda Meder (ebd. 509).

Der Vollständigkeit halber sei auf die Überlegung C.C. Torreys verwiesen, der Jer 1-10 als vaticinium post eventum interpretiert und in das 3. Jh. v. Chr. datiert. Hiervon ausgehend nimmt er an, dass mit dem „Feind aus dem Norden“ Alexander der Große und seine Armee gemeint seien (Torrey 1937; eine Widerlegung der Argumente Torreys findet sich bei Hyatt 1940, 503-505).

Die moderne Forschung geht davon aus, dass die Formulierungen im Buch Jeremia bewusst offen gewählt sind und der theologische Aspekt der Strafandrohung vor einem möglichen historischen Hintergrund dominiert.

In der Tat entbehrt eine Gleichsetzung der Feinde mit den Skythen jeglicher Gewissheit, und viele Aspekte der Feindesbeschreibung erscheinen topisch (Herrmann 1990, 10). Schon Wilke wies darauf hin, dass die Feinde Israels nach der literarischen Überlieferung fast immer aus dem Norden gekommen seien (Wilke 1913, 239f). Jedoch ist auch zu bedenken, dass die Phrase „Feinde aus dem Norden“ gerade vor dem Hintergrund der rhetorischen Funktion und Wirkweise des Topos „Skythen“ nicht ausschließt. So konnte Goldenberg (1998) anhand paganer und rabbinischer Belegtexte aufzeigen, dass „Skythen“ in der antiken Literatur oftmals als Synonym für Bewohner nördlicher Gebiete steht, die der antike Autor den Barbaren zurechnen würde. Dies belegt, dass das Barbarentum der Skythen sowie ihre nördliche Herkunft sprichwörtlich waren und somit in den biblischen Büchern als topische Vorlage gedient haben könnte (vgl. so auch Bouzek 1997, 504). Es zeigt aber auch, dass eine irgendwie geartete Erinnerung an diese Kultur vorhanden gewesen sein muss, die möglicherweise eben doch im sog. Skythensturm wurzelt.

3.2. Der Skythensturm

Unabhängig von der Frage nach der Identität der „Feinde aus dem Norden“ – aber innerhalb der Forschung immer wieder mit diesem Themenkomplex verknüpft – ist das Forschungsproblem des sog. Skythensturms zu betrachten. Hintergrund der forschungsgeschichtlichen Spekulationen ist der Bericht des Herodot (I 103-106; Text Herodot), nach dem skythische Gruppen durch die östlichen Pässe des Kaukasus in das Wohngebiet der Meder eingefallen und dann durch Palästina nach Ägypten gezogen seien. Nur durch Geschenke hätte der ägyptische Herrscher Psammettich I. (663-610 v. Chr.) einen Einmarsch der kriegerischen Nomaden abwenden können. Laut Herodot zerstörten die Skythen auf ihren Rückzug ein Heiligtum in Askalon und führten 28 Jahre lang ein Schreckensregime in Vorderasien.

Innerhalb der ägyptologischen Forschung findet sich zuweilen die Überlegung, ob der bei Herodot überlieferte Skythensturm in der Darstellung der Kriegszüge des Sesostris (12. Dynastie) Rezeption bei verschiedenen antiken Autoren gefunden haben könnte (Arrian, Indica V 5-6; Photios, Bibliotheca 58; Iustinus, Epitoma historiarum Philippicarum II 3,8ff; Orosius I 14; Jordanes, Getica, VI 47-48; Strabon XV 1,6). Sesostris soll diesen Quellen zufolge einen fehlgeschlagenen Kriegszug gegen die Skythen geführt haben und sei von diesen bis an die ägyptische Grenze verfolgt worden. Trotz vieler Parallelen zur Darstellung des Herodot lässt sich hierfür aber kein absoluter Beweis führen (vgl. jedoch H. Kees, Paulys Real-Encyclopädie II A,2, 1870-1871; W. Helck, Lexikon der Ägyptologie V, 990).

Da zahlreiche archäologische Funde inzwischen die Zuverlässigkeit der Skythen-Darstellung Herodots bewiesen haben (vgl. Yamauchi 1983, 95-98; Ivantchik 2001, 335), stellt sich die Frage nach der Historizität des sog. Skythensturmes von neuem.

Archäologisch lässt sich die Anwesenheit skythischer Krieger in verschiedenen Regionen des antiken urartischen Reiches für die Mitte des 7. Jh.s v. Chr. wahrscheinlich machen (Yamauchi 1983, 91-92). Assyrische Quellen bezeugen für das Jahr 676 v. Chr. ihren Einfall in das Reich der Mannäer (Heidel 1956, 17; Yamauchi 1983, 92). Skythische Pfeilspitzen aus dem von Psammettichos I. gegründeten Tell Defenneh (Daphne) östlich des Nildeltas belegen, dass skythische Truppen vor Ort gewesen sein müssen, wenngleich es sich in diesem Fall aus chronologischen Erwägungen heraus eher um Söldner als um Eindringlinge gehandelt haben mag (Yamauchi 1983, 94). Auch die Pfeilspitzpfunde aus Samaria und der philistäischen Küste (Tell el-‘Aǧǧūl [Tell el-Aggul] und Tell el-Fār‘a (Süd) [Tell el-Fara], welche in Strata des 7. Jh.s v. Chr. gefunden wurden (vgl. Sulimirski 1954), lassen sowohl eine Interpretation als Relikte des Skythensturms als auch in Richtung der Anwesenheit skythischer Söldner im Rahmen chaldäischer Heeresaufgebote zu (so etwa Yamauchi 1983, 95; vgl. allg. Ivantchik 2001, 329).

Somit lässt sich zwar die Anwesenheit von Skythen in Palästina, nicht aber der Skythensturm archäologisch einwandfrei belegen. Erschwerend kommt hinzu, dass weder die ägyptischen Quellen noch die babylonischen Quellen Hinweise auf dieses Ereignis erhalten haben. Jedoch ließe sich dies durch die historische Umbruchsituation erklären.

Vielfach wurde in der Forschung darauf hingewiesen, dass die Chronik Gadd Hinweise auf skythische Truppen enthalte, welche dort umman-manda genannt würden. A. Malamat (1950, 155-158) wies darauf hin, dass diese umman-manda 612 v. Chr. als Verbündete der Babylonier und Medier gegen eine Koalition von Assyrern und Ägyptern gekämpft hätten. Daher seien die Ereignisse der Gadd-Chronik mit der Darstellung des Herodot zu synchronisieren, was den Skythensturm als Teil der militärischen Unternehmungen gegen Ägypten grundsätzlich verifizieren würde. Die Skythen hätten innerhalb der Koalition die Aufgabe übernommen, die ägyptische Armee zu vernichten (so Malamat 1950, 157).

Jedoch wäre ebenso denkbar, dass die Skythen das Machtvakuum, welches durch den Niedergang der Assyrer entstanden war, für eigene Unternehmungen nutzten und die Kontrolle über das Gebiet des urartäischen Reiches an sich rissen. In diesem Kontext sind ebenfalls Auseinandersetzungen mit dem unter Psammetich I. nach Syrien expandierenden ägyptischen Reich denkbar. Spalinger (1973, 53) wies unter Berufung auf Piotrovskij (1959) darauf hin, dass das Reich von Urartu in zwei militärischen Wellen untergegangen zu sein scheint. Daher sei es nahe liegend anzunehmen, dass erst die Skythen für eine gewisse Zeit versuchten, die Region zu beherrschen, und dass später eine zweite, medische Eroberungswelle die Reste des urartäischen Reiches vernichteten.

Die Notizen der antiken Autoren belegen jedenfalls zur Genüge, dass im klassischen Altertum eine Tradition existierte, welche von einem kriegerischen Zug der Skythen bis an die ägyptische Grenze berichtete. Letztendlich wird man die Existenz des Skythensturmes immer mit der Frage verknüpfen müssen, ob man der Darstellung Herodots Vertrauen schenken mag oder nicht.

3.3. Sonstige biblische Verbindungen

Gen 10,3 erwähnt innerhalb einer Völkertafel als Nachkommen Japhets gomær und ’aškǎnaz (vgl. 1Chr 1,6; vgl. auch Ez 38,6). Bis in die neuere Forschung (Bouzek 1997, 503; Yamauchi 1983, 96) wird gomær mit den Kimmeriern und ’aškǎnaz – gelesen als ’aškûz (ו statt נ) – mit den Skythen identifiziert (vgl. assyr. Aškūza). Dies wäre insofern interessant, als Jer 51,27 ’aškǎnaz neben den Königreichen Minni (Armenien) und Ararat nennt und damit ein Indiz dafür sein könnte, dass hinter der Feindesaussage skythische Gruppen stehen (zur Unterscheidung von Kimmerier und Skythen vgl. Ivantchik 2001, 318).

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

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3. Weitere Literatur

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