bibelwissenschaft.de - Das wissenschaftliche Bibelportal der Deutschen Bibelgesellschaft

Lexikon

Skorpion

Anna Elise Zernecke

(erstellt: Nov. 2007)

Permanenter Link zum Artikel: http://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/28982/

1. Textbelege

Der Skorpion (hebr. עַקְרָב, gr. σκορπίος) ist in allen alttestamentlichen und apokryphen Belegen negativ konnotiert: er gehört zu den Gefahren der Wüste (Dtn 8,15), das Sitzen auf Skorpionen ist eine Metapher für die Anfeindungen des Propheten (Ez 2,6), die Züchtigung mit Skorpionen (1Kön 12,11.14; 2Chr 10,11.14) ist eine (rhetorische?) Steigerung der Züchtigung mit Peitschen. In Sir 39,30 (hebr. [Lutherbibel: Sir 39,36]) stehen die Skorpione in der Reihe der Strafen Gottes für die Gottlosen, Sir 26,10 (gr.) vergleicht den Erwerb einer schlechten Frau mit dem Greifen nach einem Skorpion. In 4Makk 11,10 wird die Krümmung bei der Folter mit dem Rad mit einem Skorpion verglichen. „Skorpionensteige“ (ma‘ǎleh ‘aqrabbîm) heißt ein Pass zwischen → Araba und Negev (Num 34,4; Jos 15,3; Ri 1,36); es handelt sich vermutlich um den Naqb eṣ-Ṣafā (Koordinaten: 162.035; N 30° 54' 23'', E 35° 07' 53''). Inschriftlich ist der Skorpion z.B. in der → Sfire-Inschrift (KAI 222A 31) in einer Fluchreihe unter den Übeln bezeugt.

2. Ikonographie

Die ikonographischen Belege für Skorpione aus Israel / Palästina zeigen eine differenziertere Wertung. Neben Siegeln mit einem oder mehreren Skorpionen gibt es den „Herrn der Skorpione“, eine stehende männliche Gestalt, die in jeder Hand einen Skorpion hält, eine lokale Variante des ägyptischen Krokodile bändigenden Horus.

© Stiftung BIBEL+ORIENT, Freiburg / Schweiz

Abb. 1 Säugende Capride mit Skorpion (Siegel aus Taanach; EZ IIA).

Das Gros der Darstellungen, v.a. auf Siegeln der Eisenzeit I-II (einheimisch oder aus Nordsyrien), zeigt einen oder mehrere Capriden oder Boviden, manchmal ein Junges säugend, und einen Skorpion. Das säugende Muttertier ist ein weitverbreitetes sexuell konnotiertes, oft mit Göttinnen verbundenes Symbol. Auch ohne Nachwuchs stehen Capriden und Skorpione auf altsyrischen Darstellungen in Verbindung mit der Göttin der Fruchtbarkeit. Ein Rollsiegel aus Megiddo (Eisenzeit II) zeigt den Skorpion als astrale Macht.

Dieser Befund – negative Konnotationen in den Texten, positive in der Ikonographie – entspricht dem aus den altorientalischen Umweltkulturen Israels. Beschwörungen und Rezepte gegen Skorpionstiche stehen neben Siegeldarstellungen, die den Skorpion als Symboltier der neuassyrischen Königin zeigen, neben Pflugszenen aus der Akkad-Zeit (Pflügende und Skorpion) und erotischen Szenen (Attributtier der sich entschleiernden Göttin bzw. Koitusszenen mit Skorpion unter dem Bett).

Der Skorpion ist im syrisch-mesopotamischen Raum das Symboltier der Göttin Iš-cha-ra. Ihre astrale Repräsentanz ist das Sternbild Skorpion (entspricht dem heutigen Scorpius unter Umständen unter Einschluss von Libra). Sie ist eine Göttin für Erotik, Orakelwesen und Eidverpflichtungen. Dargestellt als Tier der Iš-cha-ra wird der Skorpion zuerst auf den Reliefs der kudurru / narû.

3. Deutung

Die Gefährlichkeit des Skorpionstichs, der bei den in Israel / Palästina lebenden Arten für Kinder tödlich und für Erwachsene sehr schmerzhaft sein kann, erklärt die negative Wertung des Tieres. Die Verbindung von Skorpion und Fruchtbarkeit ist schwieriger zu deuten. Sie wird erklärt mit dem schon in sumerischen Quellen beschriebenen Paarungstanz der Skorpione, der großen Anzahl an Jungen, der aufwendigen Brutpflege oder der Phallussymbolik des aufgerichteten Stachels des angriffsbereiten Skorpions (akk. zuqaqīpu „Aufrichter“, von zaqāpu „aufrichten“, auch für den Penis). Daneben könnte auch das Sternbild Skorpion eine Rolle gespielt haben, dessen heliakischer Aufgang für die Terminierung der Aussaat im Herbst relevant war.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

  • Boehmer, R.M., Die Entwicklung der Glyptik während der Akkad-Zeit (UAVA 4), Berlin 1965.
  • Buren, E.D. Van, The Scorpion in Mesopotamian Art and Religion, AfO 12 (1937-39), 1-28.
  • Cavigneaux, A, La Parade du Scorpion dans les Formules Magiques Sumériennes (Textes de Tell Haddad V), ASJ 17 (1995), 75-99.
  • Collon, D., „Filling Motifs“; in: Finkbeiner, U. / Dittmann, R. / Hauptmann, H. (Hgg.), Beiträge zur Kulturgeschichte Vorderasiens (FS R.M. Boehmer), Mainz 1995, 69-76.
  • Donner, H. / Röllig, W., Kanaanäische und aramäische Inschriften (Bd. 1), 5.Aufl. Wiesbaden 2002 (KAI).
  • Herbordt, S., Neuassyrische Glyptik des 8.-7.Jh. v. Chr., Helsinki 1992 (SAAS 1).
  • Herbordt, S., Neo-Assyrian Royal and Administrative Seals and Their Use; in: Waetzoldt, H. / Hauptmann, H. (Hgg.), Assyrien im Wandel der Zeiten. XXXIXe Rencontre Assyriologique Internationale Heidelberg 6.-10. Juli 1992 (Heidelberger Studien zum Alten Orient 6), Heidelberg 1997, 278-283.
  • Keel, O., Das Böcklein in der Milch seiner Mutter und Verwandtes im Lichte eines altorientalischen Bildmotivs (OBO 33), Freiburg / Schweiz, Göttingen 1980.
  • Keel, O. / Küchler, M. / Uehlinger, Ch., Orte und Landschaften der Bibel. Ein Handbuch und Studien-Reiseführer zum Heiligen Land. Bd. 1. Geographisch-geschichtliche Landeskunde. Mit Beiträgen von Urs Staub, Zürich u.a. 1984.
  • Keel, O. / Uehlinger, Ch., Göttinnen, Götter und Gottessymbole. Neue Erkenntnisse zur Religionsgeschichte Kanaans und Israels aufgrund bislang unerschlossener ikonographischer Quellen (QD 134), 4. Aufl. Freiburg u.a. 1998.
  • Lambert, W.G., Art. Išhara, in: RLA 5 (1976-1980), 176f.
  • Metzger, M., Gottheit, Berg und Vegetation in vorderorientalischer Bildtradition; in: Ders., Vorderorientalische Ikonographie und Altes Testament. Gesammelte Aufsätze. Herausgegeben von Michael Pietsch und Wolfgang Zwickel (Jerusalemer Theologisches Forum 6), Münster 2004, 1-38; zuvor in: ZDPV 99 (1983), 54-94.
  • Osten-Sacken, E. von der, Vögel beim Pflügen; in: Klengel, H / Renger, J. (Hgg.), Landwirtschaft im Alten Orient. Ausgewählte Vorträge der XLI. Rencontre Assyriologique Internationale Berlin 4.-8.7.1994 (Berliner Beiträge zum Vorderen Orient 18), Berlin 1999, 265-278.
  • Otto, A. Die Entstehung und Entwicklung der Klassisch-Syrischen Glyptik (UAVA 8), Berlin / New York 2000.
  • Pientka, R., Aus der Wüste ins Schlafzimmer – der Skorpion; in: Nicolle, Christophe (Hg.), Amurru 3. Nomades et Sédentaires dans le proche-Orient ancien. Compte rendu de la XLVIe Rencontre assyriologique internationale (Paris, 10-13 juillet 2000), Paris 2004, 389-404.
  • Prechel, D., Die Göttin Išhara. Ein Beitrag zur altorientalischen Religionsgeschichte (ALASP 11), Münster 1996.
  • Seidl, U., Die babylonischen Kudurru-Reliefs. Symbole mesopotamischer Gottheiten (OBO 87), Freiburg (Schweiz) / Göttingen 1989. Durch Nachträge erweiterter Reprint des gleichnamigen Aufsatzes aus: BaghM 4 (1968), Berlin 1969, 7-220.
  • Shuval, M., A Catalogue of Early Iron Stamp Seals from Israel; in: Keel, O. / Shuval, M. / Uehlinger, Ch. (Hgg.), Studien zu den Stempelsiegeln aus Palästina / Israel, Band III, Die Frühe Eisenzeit. Ein Workshop (OBO 100), Freiburg (Schweiz) / Göttingen 1990, 67-161.
  • Winter, U., Frau und Göttin. Exegetische und ikonographische Studien zum weiblichen Gottesbild im Alten Israel und in dessen Umwelt (OBO 53), Freiburg (Schweiz) / Göttingen 1983.
  • Zernecke, A.E., Warum sitzt der Skorpion unter dem Bett? Überlegungen zur Deutung eines altorientalischen Fruchtbarkeitssymbols (In Vorbereitung).

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Säugende Capride mit Skorpion (Siegel aus Taanach; EZ IIA). © Stiftung BIBEL+ORIENT, Freiburg / Schweiz
VG Wort Zählmarke
http://m.bibelwissenschaft.de