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Lexikon

Sisera

Andreas Scherer

(erstellt: Sept. 2008)

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Abb. 1 Jael und Sisera (Albrecht Altdorfer; 1516-1519).

Abb. 1 Jael und Sisera (Albrecht Altdorfer; 1516-1519).

Sisera ist im Alten Testament vor allem der Feldherr, der in der so genannten Deboraschlacht die feindlichen Verbände gegen die israelitischen Krieger ins Feld führt und von einer Frau getötet wird (Ri 4-5).

1. Name

Zuordnung und Deutung des Namens Sisera (סיסרא sîsərā’) sind bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt heftig umstritten, ohne dass ein allgemein akzeptierter Konsens in greifbarer Nähe läge.

Die ältere Forschung ging immerhin darin einig, dass sie vom außerisraelitischen Ursprung des Namens überzeugt war. Der Name wurde unter anderem auf hethitische (vgl. Burney, 84) und hurritische Wurzeln zurückgeführt (vgl. Gray, 254). Auch eine Verbindung zum luwischen Personennamen Zi-za-ru-wa wurde in Betracht gezogen (vgl. die Übersichten, in: HALAT, 710; Gesenius, 18. Aufl., 884).

Heute werden vor allem zwei Möglichkeiten diskutiert. Zum einen hat Carratelli (123-128) auf minoische Inschriften aufmerksam gemacht, in denen der Name (J)a-sa-sa-ra begegnet, den man womöglich mit Σαισάρα, einer Bezeichnung für den im kretischen Zeus-Mythos beheimateten Zeus Kretagenes, in Verbindung bringen kann (vgl. Becking, 784). Auf einen ganz anderen Herkunftsbereich verweisen demgegenüber Beobachtungen, die Schneider (192, 260) auf dem Feld der Onomastik zusammengetragen hat. Er führt zum Vergleich die Namen s3-sw-r-y und ṯ3-ṯ3-r aus ägyptischen Gruppenschriften (= phonetische Schreibung nicht-ägyptischer Wörter) an. Sie lassen unter Umständen doch auf eine semitische Ableitung der fraglichen Namenswurzel schließen (vgl. Becking, 784). Ein eindeutiges Ergebnis tritt dabei jedoch nicht zutage.

2. Sisera, ein kanaanäischer Feldherr

2.1. Der biblische Befund

Die Texte in Ri 4-5 handeln vom Kampf und Sieg israelitischer Stämme gegen kanaanäische Kriegstruppen. Die Kampfhandlungen, die am Bach → Kischon lokalisiert werden, bezeichnet man häufig als „Deboraschlacht“, weil → Debora, laut Ri 4,4 eine Prophetin, dabei auf israelitischer Seite offenbar eine führende Rolle gespielt hat. Aus Sicht der → Kanaanäer könnte man das Ereignis mit demselben Recht die „Sisera-Schlacht“ nennen. Das Alte Testament liefert in Ri 4-5 gleich zwei unterschiedliche, je eigentümlich ausgeprägte Darstellungen der Geschehnisse. Während Ri 4 als wohl disponierte Erzählung abgefasst ist, handelt es sich bei Ri 5 um eine Dichtung von großartiger archaischer Schönheit und Kraft. Beide Fassungen stellen Sisera als militärischen Oberbefehlshaber der Kanaanäer vor. Ri 4,2 bezeichnet ihn als „Heerführer“ → Jabins von → Hazor, der zugleich „König von Kanaan“ genannt wird. Ob Jabin wirklich zu den ältesten Elementen der Überlieferungen von der Deboraschlacht zählt, ist allerdings sehr fraglich. Zum einen erleidet Jabin von Hazor laut Jos 11,1-15 schon unter → Josua eine vernichtende militärische Niederlage. Zum andern hat es kaum je einen König über das gesamte Gebiet Kanaans gegeben. Vielmehr organisierten sich die Kanaanäer politisch in zahlreiche einzelne Stadtstaaten, die für gewöhnlich unabhängig voneinander waren und ihre je eigenen Oberhäupter besaßen.

Mit den Kanaanäern wird Sisera freilich auch in Ri 5,19-20 in Verbindung gebracht. Dort werden unter den Kämpfenden neben Sisera auch die „Könige Kanaans“ genannt, worunter allem Anschein nach die Anführer einer antiisraelitischen kanaanäischen Städtekoalition zu verstehen sind. Als deren Generalissimus fungiert offenbar Sisera.

Laut Ri 4,2.13 wohnte Sisera in → Haroschet Haggojim, einem Ort, dessen genaue Lage heute nicht mehr mit Sicherheit identifiziert werden kann. Man hat sogar bezweifelt, dass der Ausdruck wirklich als Ortsname anzusprechen ist (vgl. Gaß, 240). Sisera soll nach Auskunft von Ri 4,3.13 ein beachtliches Korps von 900 „eisernen Wagen“ zur Verfügung gestanden haben, dem die Israeliten, bei denen es an so elementaren militärischen Mitteln wie Schild und Speer gefehlt hat (vgl. Ri 5,8), nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen hatten.

Was die Schilderung der Schlacht, ihrer Vorbereitungen sowie ihres Nachspiels betrifft, gehen die Darstellungen aus Ri 4 einerseits und Ri 5 andererseits zum Teil sehr unterschiedliche Wege.

2.1.1. Siseras Geschick nach Ri 4

Nach Ri 4 beruft die Prophetin Debora → Barak zum Anführer der israelitischen Seite, der aber nur die → Stämme Naftali und Sebulon in die Schlacht führt (Ri 4,6.10). Debora verheißt Barak den Sieg. JHWH, der Gott Israels, wird Sisera zu Barak an den Bach Kischon „ziehen“ und ihn Barak „in die Hand geben“ (Ri 4,7).

Die Schlacht selbst klingt in Ri 4,15 nur ganz kurz an. JHWH verwirrt Sisera und dessen ganzes Heer „durch die Schärfe des Schwertes vor Barak“. Schwerter scheinen zwar zum Einsatz zu kommen, doch das entscheidende Moment der Schlacht ist der Gottesschrecken, der von JHWH ausgeht. Die Verwirrung greift so weit um sich, dass Sisera sich entschließt, vom Wagen abzusteigen, um zu Fuß zu fliehen.

Abb. 2 Jael und Sisera (Gregorio Lazzarini; 1655-1730).

Abb. 2 Jael und Sisera (Gregorio Lazzarini; 1655-1730).

Auf seiner Flucht kommt es zu der für Sisera fatalen Begegnung mit der → KeniterinJael (Ri 4,17-22). Letztere, anscheinend eine nomadisierende Zeltbewohnerin (Ri 4,11; vgl. Ri 5,24), lädt den erschöpften Sisera dazu ein, in ihrer Behausung Schutz zu suchen und sich bei ihr auszuruhen. Sie deckt ihn, der sich von Kampf und Flucht erschöpft niedergelegt hat, sorgsam zu. Als er um Wasser bittet, gibt sie ihm aus dem Milchschlauch zu trinken. Er fordert sie auf, an den Eingang des Zeltes zu treten, um Wache für ihn zu halten. Heimlich ergreift sie dann Hammer und Zeltpflock und treibt dem im Erschöpfungsschlaf Liegenden den Pflock mit solcher Gewalt durch die Schläfen, dass er durch den Schädel in den Boden dringt. Damit ist Siseras Schicksal besiegelt.

2.1.2. Siseras Geschick nach Ri 5

In Ri 5, dem so genannten → Deboralied, steht Siseras Truppen ein Koalitionsheer aus Angehörigen mindestens sechs israelitischer Stämme gegenüber (Ri 5,14-15.18). Anscheinend werden sie auch hier von Debora und Barak angeführt (Ri 5,15). Die Kriegsballade beschreibt die Vorgänge – ähnlich wie die Prosafassung in Ri 4 – nicht einfach als profanes Geschehen, sondern sieht in dem Sieg der israelitischen Krieger einen Gerechtigkeitserweis JHWHs an seinem Volk (Ri 5,11). Höhepunkt des Liedes ist die Schlacht in Ri 5,19-22 (vgl. Scherer, 2006, 541). Anders als in Ri 4 spielt das Motiv des Gottesschreckens dabei jedoch keine erkennbare Rolle. Dafür erscheinen die Sterne als Widersacher Siseras (Ri 5,20). Er selbst wird mitsamt den kanaanäischen Königen vom Bach Kischon hinweggerissen, wie Ri 5,21a mit großer poetischer Eindringlichkeit formuliert: „Der Bach Kischon riss sie hinweg, der uralte Bach, der Bach Kischon…“. Darauf kommt es zur wilden, panischen Flucht (Ri 5,22). Nach einem kurzen Intermezzo (Ri 5,23) folgt in Ri 5,24-27 wiederum die Jael-Episode, die sich hier signifikant von der Version aus Ri 4 unterscheidet.

Abb. 3 Jael und Sisera (Jacopo Palma der Jüngere; 1548-1628).

Abb. 3 Jael und Sisera (Jacopo Palma der Jüngere; 1548-1628).

Die betreffende Strophe aus Ri 5 beginnt mit einem Segenswunsch für Jael (Ri 5,24). Darauf folgt die aus Ri 4 bekannte Szene mit der Bitte um Wasser und der Gewährung von Milch oder Rahm (Ri 5,25). Anschließend ergreift Jael – ebenfalls in Übereinstimmung mit Ri 4 – Hammer und Zeltpflock. Die Tötung Siseras aber ereignet sich offenbar nicht, während dieser friedlich im Zelt unter der Decke schläft. Vielmehr legt der Wortlaut von Ri 5,27 die Vorstellung nahe, dass Jael den aufrecht stehenden Krieger attackiert, der dann vor ihr zusammenbricht, in die Knie sinkt und schließlich erschlagen auf der Erde liegt:

„Zwischen ihren Füßen sank er zusammen, fiel hin, lag da; zwischen ihren Füßen sank er zusammen, fiel hin; wo er zusammensank, dort fiel er hin, erschlagen.“

Vermutlich hat der Dichter die Szene aus dramaturgischen Gründen vom Liegen ins Stehen transponiert, um so ein eindrucksvolleres Crescendo zu erreichen. Sicherheit über die tatsächlichen Vorgänge lässt sich freilich nicht erreichen. Immerhin hat man der Darstellungsweise aus Ri 4 in der bildenden Kunst unzweifelhaft einen klaren Vorrang eingeräumt (vgl. Abb. 1-3).

2.1.3. Siseras Mutter

Ein Passus des Deboraliedes, der in Ri 4 keinerlei Entsprechung findet, ist der Abschnitt über Siseras Mutter. Ri 5,28-30 führen weg vom Schlachtfeld und eröffnen einen Blick auf die Mutter des Feldherrn der Kanaanäer, die selbst gar nicht unmittelbar am Kriegsgeschehen beteiligt war. Sie macht sich Sorgen um ihren Sohn, der länger ausbleibt als erwartet. Der weibliche Hofstaat spendet Trost, der von der Mutter allem Anschein nach nur zu gern angenommen wird. Die Frauen gehen davon aus, dass Sisera aufgehalten ist, weil ihn noch das Auffinden und Verteilen der Kriegsbeute in Anspruch nimmt.

Der plötzliche Szenenwechsel ist auf den ersten Blick frappierend, nötigt aber nicht zwangsläufig zu der Annahme eines sekundären Zusatzes. Vielmehr dürfte es sich beim abrupten Wechsel vom Kriegsgeschehen zu einem Nebenschauplatz um einen geprägten Topos handeln, der sich in der altarabischen und beduinischen Kriegs- und Heldendichtung erhalten hat (vgl. Scherer, 2005, 148-149). Auch dort finden sich Beispiele für Textpartien, die unvermittelt das soziale Umfeld des getöteten Kriegers ins Spiel bringen und etwa von der Trauer der Mutter oder der Geliebten des Gefallenen berichten.

2.1.4. Die Rezeption in 1Sam 12 und Ps 83

In 1Sam 12,9 und Ps 83,10 wird auf Ri 4-5 Bezug genommen. 1Sam 12,9 ist Teil eines vermutlich spätdeuteronomistischen Geschichtsrückblicks (→ Deuteronomismus), der die Richterzeit zusammenfasst (→ Richterbuch) und das Königsbegehren der Israeliten in ein kritisches Licht rücken will. Ps 83,10 rekurriert ebenfalls auf die Geschichte des Gottesvolkes. Hier geht es jedoch nicht darum, Israels Schuld aufzudecken, sondern Gott durch die Erinnerung an sein früheres hilfreiches Handeln zu einem neuen Eingreifen zugunsten seines bedrängten Volkes zu bewegen.

2.2. Genderspezifische, rhetorische und theologische Textwahrnehmungen

Es ist nicht zu verkennen, dass in den Schilderungen aus Ri 4-5, die vom Geschick und vom Ende Siseras handeln, Frauen eine herausragende Funktion übernehmen. Sisera, der prominenteste Widersacher Israels in der Schlacht am Kischon, fällt nicht durch Baraks Schwert, sondern durch die Hand einer Frau, wie es Barak in Ri 4,9 von Debora geweissagt worden ist. Eine Frau verkündet dem israelitischen Anführer, der ohne sie nicht in den Kampf zu ziehen wagt (Ri 4,8), dass sein Feind wiederum durch die Hand einer Frau den Tod finden wird.

Das ist nicht nur in genderspezifischer, sondern auch in theologischer Hinsicht von immenser Bedeutung. Indem Baraks Rolle begrenzt, sein Ruhm geschmälert und er selbst gleichsam zur Passivität verurteilt wird, öffnet sich der Weg für den wahren Helden, den Gott Israels, dem es gefällt, Sisera durch die Hand der Keniterin Jael unschädlich zu machen. Denn als Barak am Zelt Jaels erscheint, ist schon alles Wesentliche geschehen. Jael kann ihm den bereits von ihr getöteten Sisera präsentieren (Ri 4,22).

Für ihre Hilfe wird Jael in Ri 5,24 ein Segenswunsch zuteil, der in scharfem Kontrast zum Fluch über die Ortschaft Meros steht, die im Gegensatz zu Jael ihre Unterstützung verweigert hat (Ri 5,23).

Ein Moment dramatischer Ironie kommt im Zusammenspiel der Abschnitte Ri 5,24-27 und Ri 5,28-30 zum Ausdruck. Während Siseras Mutter zwischen Hoffen und Bangen auf die Rückkehr ihres Sohnes wartet, wissen Leserinnen und Leser längst, auf welch grausige Weise das Schicksal des Heerführers besiegelt worden ist. Von Mitleid mit dem besiegten Feind kann in diesem Zusammenhang nicht die Rede sein. Viel zu deutlich wird die Ironie des Schicksals greifbar: Siseras Mutter tröstet sich angesichts der verzögerten Heimkehr ihres Sohnes damit, dass Sisera noch mit seiner Beute zu tun haben wird, zu der auch kriegsgefangene Frauen zählen, die dem schrecklichen Schicksal der Vergewaltigung schutzlos preisgegeben sind. In Wirklichkeit ist Sisera jedoch selbst in die Hände einer Frau gefallen, die seine Flucht vereitelt und seinem Leben ein Ende gesetzt hat. Die Strophe über die Mutter des Feldherrn, die nur bei oberflächlicher Betrachtung vom Zentrum der Handlung wegzuführen scheint, dient ohne Zweifel dazu, den Eindruck von Siseras verheerender Niederlage und seinem schmachvollen Ende beträchtlich zu verstärken.

2.3. Historische und mythologische Hintergründe

Die Deboraschlacht hat sich – wenn man sie überhaupt als historisches Ereignis anerkennen will – mit Sicherheit zu einer Zeit zugetragen, als sich in Israel noch kein Königtum als zentrale politische Leitungsinstanz etabliert hatte. Das ist bekanntlich erst gegen Ende des 11. Jh.s v. Chr. unter → Saul geschehen. Auf der anderen Seite wird man kaum damit zu rechnen haben, dass die Ereignisse aus Ri 4-5 sehr weit in die vorstaatliche Zeit zurückreichen. Denn auch wenn die Schlacht vermutlich in bescheidenerem Rahmen stattgefunden hat, als es die biblischen Texte suggerieren, die davon handeln, scheint sie doch für alle Beteiligten insofern einen wichtigen Wendepunkt markiert zu haben, als die Bewohner der kanaanäischen Stadtstaaten durch das Ergebnis der Auseinandersetzung dazu genötigt wurden, die Frühisraeliten als ernst zu nehmenden Faktor im politischen und sozialen Gefüge Palästinas wahrzunehmen. Man wird demnach an eine Zeit irgendwann im Verlauf des 11. Jh.s v. Chr. zu denken haben. Genaueres lässt sich nicht sagen (vgl. Donner, 186).

Sollte die Ableitung des Namens Sisera aus dem minoischen Raum zutreffen, haben wir ihn uns wahrscheinlich als Vertreter der → Seevölker vorzustellen, die spätestens seit dem 12. Jh. v. Chr. in Palästina bezeugt sind. Massive Auseinandersetzungen zwischen Israel und den Philistern, einer besonders prominenten Gruppe innerhalb der Seevölkerbewegung, sind in der biblischen Überlieferung seit der Zeit Sauls breit belegt. Im Rahmen der Deboraschlacht begegnet uns womöglich ein Abkömmling der Seevölker als militärischer Anführer einer kanaanäischen Städtekoalition. Die Kanaanäer haben ihn offenbar angeworben, um sich seine militärische Führungskompetenz und sein strategisches Know-how zunutze zu machen.

Sie sind den Frühisraeliten zwar nicht an Zahl, wohl aber organisatorisch und technologisch weit überlegen, weil sie nicht nur über ein gut ausgerüstetes stehendes Heer, sondern auch über eine stattliche Anzahl von Streitwagen (→ Wagen) verfügen. Dass Siseras Heer seine militärische Überlegenheit dennoch nicht ausspielen kann, liegt aller Wahrscheinlichkeit nach tatsächlich an einer Überflutung des Terrains, auf dem sich die Wagen zur Schlacht gesammelt hatten oder sammeln wollten. Wie es in Ri 5,21 anklingt, ist der Kischon, ein Bach oder Fluss im westlichen Teil der Jesreel-Ebene, während der Regenzeit anscheinend so stark über die Ufer getreten, dass er das Gelände weitläufig in einen schlammigen Morast verwandelt hat, in dem die schweren Kriegswagen nicht mehr manövrierfähig waren. So wurde aus dem militärischen Vorteil ein massiver strategischer Nachteil, den die israelitischen Krieger konsequent auszunutzen verstanden.

Das Deboralied skizziert das Geschehen in Ri 5,20-21 mit stark mythologisch eingefärbten Bildern, die Assoziationen an mesopotamische Vorstellungen und Motive wachrufen. Neben dem Kischon wird auch den → Sternen eine wichtige Funktion im Kriegsgeschehen zugewiesen. Sie begegnen als unmittelbare Gegner Siseras. Wie die Verbindung zwischen beiden Elementen gedacht sein könnte, verdeutlicht ein Blick auf die mesopotamischen Sebettu-Götter (vgl. dazu Albani, 169-198). Es handelt sich um ausgesprochen kriegerische Götter, die man in den → Plejaden, also im so genannten „Siebengestirn“, astral repräsentiert sah, das zugleich als „Sintflutgestirn“ galt. In der mesopotamischen Mythologie findet sich also die Verbindung zwischen Gestirnen, Überflutungsvorgängen und Kriegsmotiven, die für uns im gegebenen Zusammenhang von Interesse ist.

Die mythischen Mächte und Kräfte sind im Gesamtzusammenhang des Deboraliedes jedoch nicht selbsttätig vorgestellt, sondern werden aktiv im Dienste des Gottes Israels, sind Teil der Gerechtigkeitserweise JHWHs an seinem Volk (Ri 5,11).

3. Söhne eines Sisera der nachexilischen Zeit

Der Name Sisera begegnet auch in Esr 2,53 = Neh 7,55, und zwar jeweils in einer Heimkehrerliste. Die „Söhne Siseras“ bilden dort eine Untergruppe von Tempelbediensteten, die mit → Serubbabel aus dem babylonischen → Exil heimkehren. An eine sachlich-motivgeschichtliche oder gar genealogische Verbindung dieser Gruppe zu dem Sisera aus Ri 4-5 ist freilich kaum zu denken, obwohl man zumindest über den nichtisraelitischen Ursprung der „Söhne Siseras“ spekuliert hat (vgl. Gray, 254).

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Biblisch-historisches Handwörterbuch, Göttingen 1962-1979
  • Lexikon der christlichen Ikonographie, Freiburg i.Br. 1968-1976 (Taschenbuchausgabe, Rom u.a. 1994)
  • Encyclopaedia Judaica, Jerusalem 1971-1996
  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991-2001
  • The Anchor Bible Dictionary, New York 1992
  • Dictionary of Deities and Demons in the Bible, 2. Aufl., Leiden 1999

2. Weitere Literatur

  • Albani, M., 1999, „Der das Siebengestirn und den Orion macht“ (Am 5,8). Zur Bedeutung der Plejaden in der israelitischen Religionsgeschichte, in: B. Janowski / M. Köckert (Hgg.), Religionsgeschichte Israels. Formale und materiale Aspekte (Veröffentlichungen der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Theologie 15), Gütersloh, 139-207
  • Amit, Y., 1999, The Book of Judges: The Art of Editing (Biblical Interpretation Series 38), Leiden
  • Becking, B., 1999, Art. Sisera, in: Dictionary of Deities and Demons in the Bible, 2. Aufl., Leiden 1999, 784
  • Burney, C.F., 1970, The Book of Judges with Introduction and Notes, New York (Nachdruck der 2. Aufl. London 1920)
  • Carratelli, G.P., 1976, ΣΑΙΣΑΡΑ, La parola del passato 31, 123-128
  • Donner, H., 2. Aufl. 1995, Geschichte des Volkes Israel und seiner Nachbarn in Grundzügen. Teil 1: Von den Anfängen bis zur Staatenbildungszeit (GAT, ATD Ergänzungsreihe 4/1), Göttingen
  • Gaß, E., 2005, Die Ortsnamen des Richterbuchs in historischer und redaktioneller Perspektive (ADPV 35), Wiesbaden
  • Gray, J., 1986, Joshua, Judges, Ruth (NCBC), 2. Aufl. London
  • Neef, H.-D., 2002, Deboraerzählung und Deboralied. Studien zu Jdc 4,1-5,31 (BThSt 49), Neukirchen-Vluyn
  • Scherer, A., 2005, Überlieferungen von Religion und Krieg. Exegetische und religionsgeschichtliche Untersuchungen zu Richter 3-8 und verwandten Texten (WMANT 105), Neukirchen-Vluyn
  • Scherer, A., 2006, Der Rhythmus der Schlacht. Die poetische Sprachgestalt von Jdc 5,19-22, ZAW 117, 529-542
  • Schneider, T., 1992, Asiatische Personennamen in ägyptischen Quellen des Neuen Reiches (OBO 114), Freiburg Schweiz und Göttingen

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Jael und Sisera (Albrecht Altdorfer; 1516-1519).
  • Abb. 2 Jael und Sisera (Gregorio Lazzarini; 1655-1730).
  • Abb. 3 Jael und Sisera (Jacopo Palma der Jüngere; 1548-1628).

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