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Lexikon

Seth (AT)

Andere Schreibweise: Set

Carsten Knigge Salis

(erstellt: Nov. 2006)

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Seth ist eine ägyptische Gottheit mit ambivalentem Charakter. Seine Verehrung ist in Ägypten für den Zeitraum ca. 3200-1000 v. Chr. nachweisbar. Ab ca. 1450 v. Chr. konnte er mit den syro-palästinischen Baal-Gottheiten eine synkretistische Verbindung eingehen und deren ikonographische Attribute annehmen.

1. Der Name Seth und seine Schreibungen

Aus: Leclant 1980, 105, Abb. 89

Abb. 1 Seth in Gestalt einer pantheistischen Gottheit tötet die Apophis-Schlange (Tempel von Hibis / Oase El-Charga; Relief im 2. Säulensaal; 5./4. Jh. v. Chr.).

Der von den Griechen so wiedergegebene Name der ägyptischen Gottheit war ursprünglich Stẖ oder Stš. Verschiedene Schreibungen insbesondere in jüngeren Quellen lassen zudem die Lesungen Stch, Ztẖ, Ztš, Swtch, Swtj, altkoptisch CHT zu. Nach der Wiedergabe in akkadischen Keilschrifttexten zu urteilen, wurde der Name während des Neuen Reichs (ca. 1550-1070 v. Chr.) vermutlich Suta vokalisiert, in älterer Zeit vielleicht Sutech. Da sich im Laufe des ersten Jahrtausends v. Chr. die Vokalqualität von ū zu ē veränderte, wie auch die altkoptische Namensform bestätigt, übernahmen die Griechen den Namen in der heute geläufigen Form als Σήτ oder Σήθ.

Die Bedeutung des Namens ist unbekannt. Bei den ägyptischen Deutungen als ‚Unruhestifter’, ‚Wüstling’ oder ‚Trunkenbold’ handelt es sich um jüngere Pseudo- und Volksetymologien, die mit den Wurzeln und tch verbunden sind und auf das Wesen des Gottes Bezug nehmen.

2. Seth als ägyptische Gottheit

2.1. Das Seth-Tier und andere dem Gott zugeordnete Tiere

Aus: Te Velde 1967, Frontispiz

Abb. 2 Seth mit Tierkopf, in den Händen Lebenszeichen und Zepter (Relief aus dem Grab Osorkons II. in Tanis; 9. Jh. v. Chr.).

Der Name des Gottes wurde häufig mit dem Zeichen des sog. Seth-Tieres als Logogramm oder Determinativ geschrieben. Obwohl zahlreiche Versuche unternommen worden sind, die zoologische Identität des Seth-Tieres zu klären, scheint es sich wohl doch eher um ein möglicherweise stilisiert wiedergegebenes Fabeltier zu handeln, von dem die Ägypter annahmen, es lebe in der Wüste. Ein langer, nahezu senkrecht aufgestellter Schwanz, der in einer buschigen Quaste endet, gehört ebenso zu seiner Ikonographie wie längliche, aufgestellte Ohren, eine spitze Schnauze und schmale Augen.

Deutungen des Tieres als Antilope, Wüstenspringmaus, Pinselschein, Kamel, Okapi, Giraffe, Erdferkel, Esel oder Windhund haben sich allesamt als nicht haltbar erwiesen. In jedem Fall aber glaubte man an die Existenz des Tieres, wie seine Darstellung in realistischen Jagdszenen von Grabmalereien deutlich macht.

Im ägyptischen Schriftsystem diente das Zeichen des Seth-Tieres als Determinativ für etwa 25 Wörter aus dem Bereich Zerstörung und Unordnung im kosmischen, sozialen und persönlichen Bereich, wie etwa Sturm, Rebellion oder Krankheit. Offenbar repräsentierte Seth eine Realität, die nicht mit der Ordnung (m3‘t) übereinstimmte.

Die ältesten Darstellungen des Seth-Tieres befinden sich vermutlich schon auf Gefäßen und Kämmen aus den prädynastischen Phasen Naqâda I und II (ca. 3400-3200 v. Chr.) und aus der ungefähr zeitgleichen Grabanlage U-j in Umm el-Qa‘āb bei Abydos (dies sind zugleich die frühesten schriftlichen Belege). Auf dem Kopf der Prunkkeule des Königs Skorpion (ca. 3000 v. Chr.) ist das Seth-Tier erstmals mit Sicherheit zu identifizieren.

Weitere Tiere sind Seth erst in jüngeren Zeiten zugeordnet worden. Darunter ist vorrangig der Esel zu nennen, der offenbar das Seth-Tier in der kultischen und magischen Praxis ersetzen konnte. Aufgrund der Affinität Seths zu Wüste und Ungeordnetheit wurden ferner Tiere mit ihm in Verbindung gebracht, die ihrerseits ebenfalls als Sinnbilder von Unordnung und Wildheit standen und deshalb auch verfolgt wurden: Antilope und Gazelle, Krokodil, Nilpferd und Schwein. Anzeichen dafür, dass diese Tiere als Emanationen Seths kultisch verehrt wurden, gibt es nicht.

2.2. Erscheinungsformen des Gottes

Aus: Te Velde 1967, Tf. X

Abb. 3 Seth (so die Beischrift) in der Ikonographie Baals mit Hörnerkrone und langem Spitzbart (‚Vierhundertjahrstele’ Ramses’ II., Kairo; 13. Jh. v. Chr.).

Seth kann theriomorph als sitzendes, stehendes oder liegendes Seth-Tier dargestellt sein, selten hat er die Gestalt eines Esels oder Schweins. Am häufigsten sind anthropomorphe Repräsentationen, dann meist mit dem Kopf des Seth-Tieres. Mehrfach trägt er die Doppelkrone auf dem Kopf, denn er ist gemeinsam mit Horus „Herr der Beiden Länder (Ober- und Unterägypten)“.

Die Aufteilung der Welt zwischen diesen beiden Herren war dergestalt, dass während des Neuen Reichs Horus nicht nur Herr von Unterägypten, sondern Herr des Kultur- und Heimatlandes war; Seth war demzufolge nicht nur Herr von Oberägypten, sondern auch Herr des Auslandes und der Wüsten. Als solcher konnte er problemlos als Ausländer in exotischer Kleidung dargestellt werden, als eine Baal-Gottheit beispielsweise, die keine ägyptische Krone trug, sondern eine konische Tiara mit Hörnern und einer Sonnenscheibe.

2.3. Kultorte

Die Kultorte des Seth liegen am Wüstenrand und dort, wo Karawanenrouten begannen bzw. endeten. Hauptsächliches Zentrum seines Kultes war Nubt (gr. Ombos) in Oberägypten. Dort muss Seth bereits in prädynastischer Zeit hohe Bedeutung besessen haben, worauf die ausgedehnten Nekropolen aus jener frühen Zeit in der Nachbarschaft hindeuten; in historischer Zeit hieß Seth häufig einfach Nubti, „Der aus Ombos“. Weiter sind zu nennen Permeded (gr. Oxyrynchos), genauer das in seiner Nähe gelegene Sepermeru, in Mittelägypten, wo noch in griechisch-römischer Zeit ein Kult lebendig war, und Su, eine bislang nicht näher lokalisierte Stadt am Eingang des Faijūm unweit von Herakleopolis, die in der Spätzeit als die Geburtsstadt des Seth galt (daher eine der späten Pseudoetymologien des Namens Seths als Suti, „Der aus Su“?). Da die Wüsten und das Ausland als die Domänen Seths schlechthin galten, ist es nicht erstaunlich, dass auch die Oasen in der Libyschen Wüste sowie Avaris / Piramesse / Ramsesstadt im nordöstlichen Nildelta, jeweils am Rand des ägyptischen Kernlandes also, bedeutende Kultstätten für Seth beherbergten. Da das Nordostdelta, speziell Avaris, möglicherweise der Stammsitz der Herrscher der 19. und 20. Dynastie war, erhoben diese Seth in den Rang eines Reichsgottes und errichteten ihm eine große Tempelanlage. Die teilweise sehr alten Kultorte im Niltal selbst wurden in einer späten ätiologisch-mythologischen Erzählung zueinander in Beziehung gesetzt, indem man sie als Schauplätze des Kampfes zwischen Horus und Seth und Orte, an die das Blut des unterlegenen Seth verspritzt wurde, identifizierte.

Es gibt keine Anzeichen, dass nach der 20. Dynastie noch Heiligtümer für Seth errichtet oder erneuert worden wären. Sein Name, der in den Personennamen der 19. und 20. Dynastie so häufig erscheint, verschwindet in den folgenden Jahrhunderten nahezu komplett aus ihnen. Auch andere Texte und Darstellungen mit einem Bezug zu Seth sind nach der 20. Dynastie selten geworden. Möglicherweise sorgten Vorbehalte gegenüber Nichtägyptern in Verbindung mit der wachsenden Bedeutung der Osiris-Kulte im Verlauf des ersten Jahrtausends v. Chr. für ein zunehmendes Desinteresse an Seth und gar seine Verfolgung als Feind der Götter.

2.4. Mythologische und religiöse Bedeutung

2.4.1. Seth als Königsgottheit

Aus: Te Velde 1967, Tf. V,1

Abb. 4 Horus und Seth verknüpfen die beiden Wappenpflanzen Ägyptens als Symbol für die ‚Vereinigung der beiden Länder’. Diese Szene wurde bevorzugt auf den Thronseiten von sitzenden Königsstatuen dargestellt (Kalksteinstatue Sesostris’ I., Kairo; 20. Jh. v. Chr.; Detail).

Seit der Zeit der 2. Dynastie (ca. 2700 v. Chr.) symbolisierte Seth gemeinsam mit Horus das dualistisch strukturierte Königtum, galt als Personifizierung der oberägyptischen Königskrone, war Bestandteil der Symbolik und Ikonographie des Königtums.

Aus: Naville, The Cemeteries of Abydos I, London 1914, Tf. X

Abb. 5 Der Name des Königs in der Palastfassade, auf der das Seth-Tier steht. Normalerweise wurde die Fassade vom Horusfalken bekrönt; deshalb wird der in der Fassade stehende Namensbestandteil Horusname genannt (Fragmente von Siegelabrollungen des Sechemib-Peribsen aus Umm el-Qa’āb / Abydos; 29. Jh. v. Chr.).

Kurzzeitig trat in der Königstitulatur sogar anstelle des Horusnamens ein Sethname auf.

Doch bereits in den Pyramidentexten (ca. 2300-2150 v. Chr.) und ähnlich frühen Textquellen deutet sich die mythologische Entfaltung der Rolle des Seth, wie sie bis ans Ende der kulturellen Eigenständigkeit Ägyptens tradiert wurde, an: Der Aufteilung des Landes unter Horus und Seth geht ein Streit der beiden um die Herrschaft vorauf. Dieser kann nur durch Vermittlung anderer Götter (Geb, Thot) und eben der Aufteilung des Herrschaftsgebiets geschlichtet werden. Seth ist jedoch mit dieser Lösung unzufrieden.

2.4.2. Seth als Osiris-Mörder

Wohl seiner Genese nach getrennt zu betrachten ist der ähnlich alte mythische Zwist zwischen Seth und seinem Bruder → Osiris, den er fortgesetzt quer durch das Land verfolgt und an verschiedenen Orten mit ihm kämpft. Es gelingt ihm, Osiris zu töten und seinen Leichnam zu zerstückeln. → Isis und → Horus, Gemahlin und nachgeborener Sohn des Osiris, können den Nachstellungen Seths entgehen, bis sich schließlich für den erwachsen gewordenen Horus die Gelegenheit bietet, seinen Vater zu rächen und Seth zu töten.

© public domain (Foto: Klaus Koenen, 2005)

Abb. 6 Horus tötet Seth, der die Gestalt eines Nilpferdes hat (Tempel von Edfu; 3. Jh. v. Chr.).

Die grundsätzlich differierende Anlage der Mythen ist evident und lässt auf unterschiedliche Ursprünge schließen. Doch die teilweise identischen Akteure sowie die negativ konnotierte bzw. sich ins Negative wendende Rolle des Seth lassen systematische Querverbindungen zu einem recht frühen Zeitpunkt erahnen.

2.4.3. Seth als Gottheit der Unordnung, des Wetters und der Wüste

Seth spielte also in der Mythologie und Königsideologie eine ebenso wichtige wie ambivalente Rolle als Partner und Feind des Horus und als Mörder des Osiris. Als solcher war er ein Gott der Unordnung, der die Ordnung stört. Da aber eine begrenzte Unordnung als Grundlage für ein geordnetes Leben betrachtet wurde, wurde Seth als eine Gottheit, mit der man sich zu arrangieren hatte, angebetet. Entweder als Echo auf die mythischen Prädispositionen oder aber diese erst generierend war Seth in jeglicher Hinsicht ein Grenzgänger. Sein Wirkungsbereich und Handeln stand mit allem, was die ägyptische Kultur und das Land gefährden konnte bzw. in Gegensatz dazu stand, in Verbindung: Seine bevorzugten Aufenthaltsorte waren die Berggebiete, Wüsten und Oasen, die Karawanenorte, die Grenzgegenden an den Rändern des Nildeltas und endlich das nichtägyptische Ausland. Verschiedene Wetterphänomene wie Sturm, Unwetter und Platzregen unterstanden seinem Wirken. Auch negative Aspekte anthropologischer und politischer Natur wie Aufwiegelei, Rebellion, Tobsucht, Jähzorn und Unausgeglichenheit wurden Seth zugeschrieben. Alles, was die sorgsam gehütete Weltordnung (m3‘t) aufzubrechen drohte, konnte von Seth kommen.

Insbesondere während der Ramessidenzeit (ca. 1300-1070 v. Chr.) wurde Seth zum Herrn der außerägyptischen Länder. Der libysche Gott Asch wurde ebenso wie der westsemitische → Baal und der hethitische Gott → Teschub als Erscheinungsform des Seth angesehen. Der Charakter als Wettergott, der diesen Göttern u.a. anhaftete, erleichterte ihre Angleichung an Seth sicherlich. Dagegen sind Identifikationen des Seth mit anderen Göttern des ägyptischen Pantheons selten.

2.4.4. Seth als Begleiter und Beschützer des Sonnengottes

Seit den Sargtexten (ca. 2000-1750 v. Chr.) besetzte Seth noch eine dritte, durchaus positive Rolle als Bezwinger des ewigen Sonnenfeindes Apophis, womit sich eine weitere mythologische Ebene eröffnet. In Texten und Darstellungen auf Särgen und Totenpapyri ist er am Bug der Barke des Sonnengottes stehend abgebildet, wie er Apophis mit Wort oder Tat bekämpft.

Aus: Te Velde 1967, Tf. VII

Abb. 7 Die Barke des Sonnengottes. An ihrem Bug steht Seth und tötet die Apophis-Schlange; getreidelt wird sie von je vier Kobras und Seth-Tieren. (Mythologischer Papyrus Kairo JE 31986; 11./10. Jh. v. Chr.).

Alternativ oder in Ergänzung dazu können Seth-Tiere oder Esel die Sonnenbarke treideln.

Doch auch in dieser prinzipiell positiv konnotierten Funktion lässt sich Seths schwieriger Charakter nicht verbergen: In einer Kultur, in der die ideale Lebensweise diejenige des wahrhaft Besonnenen (gr m3‘) ist, erhebt Seth gegen den Apophis die Stimme (šd chrw) und sorgt so für Unruhe und Aufruhr. In einem Land, dass vom Nil bewässert wird und in dem – im Gegensatz zu anderen Regionen und Kulturen des Nahen Ostens – Unwetter ein eher verwirrendes und überflüssiges Phänomen darstellen, präsentiert sich Seth im Kampf mit Apophis in den prahlerischen Worten: „Ich bin Seth, der Urheber der Unordnung (šd ẖnnw), der am Horizont des Himmels donnert“ (Totenbuch Spr. 39). Man nahm von Seth an, er habe große körperliche Kraft und könne leicht einen anderen Gott mit seinem Zepter erschlagen. Ein festes Epitheton des Seth ist denn auch „Der mit großer Kraft“ (‘3 pḥtj).

2.4.5. Seth in Götterkonstellationen

Nach dem sog. heliopolitanischen Göttersystem ist Seth ein Sohn des Götterpaares Geb und Nut und mithin Bruder von Osiris, Isis und Nephthys (→ Heliopolis). Wie die Zwistigkeiten zwischen den Brüdern Osiris und Seth bzw. zwischen Horus und Seth vermuten lassen, ist Seth kein Familientyp. Seine Ehe mit der Göttin Nephthys bleibt kinderlos und scheint überhaupt ein eher formaler Akt zu sein, in Analogie zu dem „Traumpaar“ Isis und Osiris gebildet. Im Übrigen ist Seth, dessen außerordentliche sexuelle Aktivität zumindest in späterer Zeit derart bekannt war, dass man ihn in Liebesliedern anrief und seine Hoden als religiöse Symbole verehrte, mit anderen Göttinnen verbunden: mit Hathor, Neith und vor allem mit den ausländischen Göttinnen Anat und Astarte.

2.4.6. Seth als Partner individueller Gottesbeziehungen

Der eher befremdliche Gott der Grenzgebiete wurde zum Hof- und Staatsgott erhoben, als die Pharaonen der 19. und 20. Dynastie (ca. 1300-1070 v. Chr.) ihre Residenz in Piramesse errichteten. Sie nahmen seinen Namen sogar in den ihren auf: Sethi (Sethos, „Der Seth-hafte“) und Sethnacht („Seth ist siegreich“). In verschiedenen Epitheta wurden die Könige mit Seth geglichen. Seine spezielle Rolle in der Mythologie und sein vermeintlich zwieträchtiger Charakter schreckten einige Ägypter also nicht davon ab, Seth unumschränkt als Partner einer individuellen Gottesbeziehung anzunehmen.

Aus: Te Velde 1967, Tf. IV,1

Abb. 8 Der thronende Seth mit Tierkopf empfängt ein umfangreiches Opfer von einem Beamten (Kalksteinstele Chicago; 16./15. Jh. v. Chr.).

An verschiedenen Personennamen ist die interessante Tatsache abzulesen, dass einige Menschen nicht zögerten, Seth gewisse Qualitäten zuzusprechen, die normalerweise mit anderen Gottheiten verbunden waren: Aaseth „Seth ist groß“, Sethhotep „Seth ist gnädig“, Sethschedisu „Seth errettet ihn“, Sethemhab „Seth ist am Fest“ usw. In diversen rituellen und magischen Praktiken schließlich versuchte man, sich die vernichtungspotenziellen Kräfte positiv zunutze zu machen, um Dämonen, wilde Tiere, Krankheiten und auch unerwünschte Personen abzuwehren und unschädlich zu machen.

3. Antike, biblische und christliche Rezeption

In der interpretatio graeca des ägyptischen Pantheons ist Seth mit Typhon gleichgesetzt worden, wie durch Autoren wie Herodot und Plutarch überliefert ist.

Eine Rezeption des Gottes Seth durch das Alte oder Neue Testament ist nicht erkennbar. Der aus der Genesis bekannte Sohn des Adam ist nur in seiner griechischen Namensform mit dem ägyptischen Gott identisch, lässt sich aber ansonsten innersemitisch etymologisieren. Auch anderweitig lassen sich keinerlei Verbindungen zwischen den beiden herstellen.

Möglicherweise aber ist Seth über die Wege der spätantiken Magie und der Gnosis in den christlichen Horizont eingetreten. In etlichen vor allem griechisch-, bisweilen auch koptischsprachigen Zaubertexten aus Ägypten und anderen Orten der römischen Welt wird der Gott unter seinem ägyptischen Namen Seth oder der griechischen Entsprechung Typhon angerufen. Darüber hinaus begegnen die voces magicae Io und Jao, die mit einiger Wahrscheinlichkeit mit dem ägyptischen bzw. koptischen Wort für Esel (‘3, ειω) zu verbinden sind. Hintergrund für diese magische Bedeutung mag die Rolle des Seth als Dämonenvertreiber bereits in klassisch-ägyptischer Zeit und des Esels als ein ihm nahe stehendes Tier gewesen sein. In einigen Quellen ist die Gleichsetzung von Jao und Seth-Typhon sogar explizit.

Aus: Te Velde 1967, Tf. XII,2

Abb. 9 Menschengestaltige Figur mit Eselskopf und Pfeil und Bogen in den Händen. Darüber eine Beischrift in koptisch-griechischen Buchstaben: CMEPΔAΛEOC HΠYTA ΘEOC; die Wortanfänge bilden akrostisch den Namen CHΘ „Seth“ (Papyrusfragment mit Zeichnung und griechischer Beischrift; 4.-6. Jh. n. Chr.).

Nach verschiedenen Texten aus Nag Hammadi ist dem alttestamentlichen Adams-Sohn Seth in dem synkretistischen System der Gnosis eine beträchtliche Machtfülle zugewachsen, die ihn zum pantheistischen Weltgott aufsteigen lässt. Speziell die gnostische Sekte der Sethianer verehrte ihn als Gottessohn und Antichrist. Der Namensgleichklang mit der zu jener Zeit dämonisch empfundenen Gottheit aus Ägypten und daraus resultierende Gleichsetzungsversuche mögen diese religionshistorischen Prozesse unterstützt und gefördert haben.

Insbesondere in der älteren Fachliteratur wird diskutiert, ob durch den Anklang der Zaubernamen Io und Jao auch eine Annäherung Seths an den jüdischen Gott JHWH stattgefunden haben könnte, bzw. ob es einen „jüdischen“ Seth gegeben haben könnte. In der neueren Sekundärliteratur werden keine zwingenden Anhaltspunkte für eine Verbindung der ägyptischen Gottheit Seth mit dem alttestamentlichen und gnostisch überhöhten Adamssohn Seth oder gar mit Christus gesehen.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Dictionary of Deities and Demons in the Bible, 2. Aufl., Leiden 1999
  • Lexikon der Ägyptologie, Wiesbaden 1975-1992
  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991-2001
  • Der Neue Pauly, Stuttgart / Weimar 1996-2003
  • Religion in Geschichte und Gegenwart, 4. Aufl., Tübingen 1998ff.

2. Weitere Literatur

  • Bietak, M., 1990, Zur Herkunft des Seth von Avaris, Ägypten und Levante (ÄL) 1, 9-16
  • Bonnet, H., 1952, Art. Seth, Reallexikon der ägyptischen Religionsgeschichte, Berlin, 702-715
  • Chassinat, É., 1960, Le temple d’Edfou, t. 10,2, Mémoires … de la Mission Archéologique Française au Caire (MIFAO 27), Le Caire
  • Du Quesne, T., 1998, „Seth and the Jackals“, in: W. Clarysse u.a. (Hgg.), Egyptian Religion. The Last Thousand Years (GS J. Quaegebeur, Orientalia Lovaniensia Analecta 84), pt. 1, 613-628
  • Fabre, D., 2001a, Le dieu Seth de la fin du Nouvel Empire à l’époque gréco-romaine entre mythe et histoire, Égypte, Afrique et Oriente 22, 19-40
  • Fabre, D., 2001b, De Seth à Typhon et vice versa, Égypte, Afrique et Oriente, 41-55
  • Fossum, J. / Glazer, B., 1994, Seth in the Magical Texts, Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik 100, 86-92
  • Kahl, J., 2001, Die ältesten schriftlichen Belege für den Gott Seth, Göttinger Miszellen 181, 51-57
  • Klijn, A. F. J., 1977, Seth in Jewish, Christian and Gnostic Literature (Novum Testamentum Supplements 46), Leiden
  • Leclant, J. (Hg.), 1980, Les Pharaons, vol. 3. L’Égypte du crépuscule, Paris
  • Onasch, Chr., 1980, Der ägyptische und der biblische Seth, Archiv für Papyrusforschung 27, 99-119
  • Osing, J., 1985, Seth in Dachla und Charga, Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts Kairo 41, 229-233
  • Te Velde, H., 1967, Seth, God of Confusion. A Study of his Role in Egyptian Mythology and Religion (Probleme der Ägyptologie 6), Leiden

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Seth in Gestalt einer pantheistischen Gottheit tötet die Apophis-Schlange (Tempel von Hibis / Oase El-Charga; Relief im 2. Säulensaal; 5./4. Jh. v. Chr.). Aus: Leclant 1980, 105, Abb. 89
  • Abb. 2 Seth mit Tierkopf, in den Händen Lebenszeichen und Zepter (Relief aus dem Grab Osorkons II. in Tanis; 9. Jh. v. Chr.). Aus: Te Velde 1967, Frontispiz
  • Abb. 3 Seth (so die Beischrift) in der Ikonographie Baals mit Hörnerkrone und langem Spitzbart (‚Vierhundertjahrstele’ Ramses’ II., Kairo; 13. Jh. v. Chr.). Aus: Te Velde 1967, Tf. X
  • Abb. 4 Horus und Seth verknüpfen die beiden Wappenpflanzen Ägyptens als Symbol für die ‚Vereinigung der beiden Länder’. Diese Szene wurde bevorzugt auf den Thronseiten von sitzenden Königsstatuen dargestellt (Kalksteinstatue Sesostris’ I., Kairo; 20. Jh. v. Chr.; Detail). Aus: Te Velde 1967, Tf. V,1
  • Abb. 5 Der Name des Königs in der Palastfassade, auf der das Seth-Tier steht. Normalerweise wurde die Fassade vom Horusfalken bekrönt; deshalb wird der in der Fassade stehende Namensbestandteil Horusname genannt (Fragmente von Siegelabrollungen des Sechemib-Peribsen aus Umm el-Qa’āb / Abydos; 29. Jh. v. Chr.). Aus: Naville, The Cemeteries of Abydos I, London 1914, Tf. X
  • Abb. 6 Horus tötet Seth, der die Gestalt eines Nilpferdes hat (Tempel von Edfu; 3. Jh. v. Chr.). © public domain (Foto: Klaus Koenen, 2005)
  • Abb. 7 Die Barke des Sonnengottes. An ihrem Bug steht Seth und tötet die Apophis-Schlange; getreidelt wird sie von je vier Kobras und Seth-Tieren. (Mythologischer Papyrus Kairo JE 31986; 11./10. Jh. v. Chr.). Aus: Te Velde 1967, Tf. VII
  • Abb. 8 Der thronende Seth mit Tierkopf empfängt ein umfangreiches Opfer von einem Beamten (Kalksteinstele Chicago; 16./15. Jh. v. Chr.). Aus: Te Velde 1967, Tf. IV,1
  • Abb. 9 Menschengestaltige Figur mit Eselskopf und Pfeil und Bogen in den Händen. Darüber eine Beischrift in koptisch-griechischen Buchstaben: CMEPΔAΛEOC HΠYTA ΘEOC; die Wortanfänge bilden akrostisch den Namen CHΘ „Seth“ (Papyrusfragment mit Zeichnung und griechischer Beischrift; 4.-6. Jh. n. Chr.). Aus: Te Velde 1967, Tf. XII,2
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