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Lexikon

Serafim

Peter Riede

(erstellt: März 2011)

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1. Etymologie, Definition und Ikonographie

Aus: O. Keel / Chr. Uehlinger, Götter, Göttinnen und Gottessymbole (QD 134), Freiburg 5. Aufl. 2001, Abb. 274b; © Stiftung BIBEL+ORIENT, Freiburg / Schweiz

Abb. 1 Vierflügeliger Uräus, der seine zwei Flügelpaare nach beiden Seiten hin ausbreitet (Siegel des Jachmoljahu, [Sohn des] Maashjahu; 8./7. Jh. v. Chr.).

Die hebräische Bezeichnung שָׂרָף śārāf (Pl. śərāfîm) leitet sich ab von dem Verb שׂרף śāraf „brennen / verbrennen“. Sie bezieht sich auf die schwarznackige → Kobra, in Ägypten die → Uräusschlange (ägyptisch: wr.t „die Große“ bzw. i‘r.t „die Aufsteigende“), die in der Glyptik mit zwei Flügeln ausgestattet dort bereits seit dem 2. Jt. v. Chr. als Schutzgenius verbreitet war. In der judäischen Siegelkunst des 9. und 8. Jh. v. Chr., die das Motiv aus Ägypten übernahm, sind die Kobras zumeist vierflügelig dargestellt. Die ausgebreiteten Flügel der Serafim / Uräen schützen häufig den auf den Siegeln eingeritzten Namen des Siegelbesitzers (vgl. dazu Keel 1977). Erst spät werden die Serafim als Engelwesen interpretiert (äthHen 61,10; 71,6; → Henochschriften).

2. Serafim als Wüstenbewohner

In Num 21,6 finden sich → Schlangen mit dem Beinamen śārāf „sengende Schlange“ als Gerichtswerkzeuge Gottes. Dieser Name könnte auf die Wirkung ihres Giftes anspielen, das sie nicht nur durch Bisse, sondern auch durch Speien applizieren und mit dem sie einen stechenden Schmerz hervorrufen. Auf die Fürbitte Moses hin befiehlt JHWH einen Seraf anzufertigen, dessen Anblick heilend wirkt (Num 21,8, vgl. den Ausführungsbericht Num 21,9). 2Kön 18,4 spielt auf diese Überlieferung an, wenn dort die nach Num 21,9 geschaffene Bronzeschlange mit der sogenannten Ehernen Schlange (→ Nechuschtan) gleichgesetzt wird. Auch Dtn 8,15 hat gefährliche Wüstenschlangen vor Augen.

3. Fliegende Serafim

Auch der in Jes 14,29; Jes 30,6 genannte fliegende Seraf (śārāf mə‘ôfef) dürfte als Schlange zu deuten sein (vgl. die Steigerung in Jes 14,29 [→ Schlange, → Viper, fliegender Seraf] und die Abfolge „Otter – fliegender Seraf“ in Jes 30,6), wobei der Hinweis auf das Fliegen auffällt (vgl. dazu auch Herodot, Historien II, 75; III, 109-110; Text gr. und lat. Autoren). Möglicherweise handelt es sich auch hier um die äußerst giftige schwarznackige Kobra (Naja nigricollis), deren Gift schon bei bloßer Körperberührung wirkt. Diese Schlange soll imstande sein, auf Bäume zu springen und sich geschickt von Baum zu Baum fortzubewegen, was die Vorstellung der Flugfähigkeit erweckt haben könnte (Feliks 1962, 107). Andere denken an ein Fabelwesen der Wüste, von der die Volksphantasie erzählte (vgl. Wildberger 1982, 1162).

4. Serafim in Jes 6

© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 2 Sechsflügeliger Seraf (Kalksteinrelief der Wanddekoration eines Palastraums; Tell Halaf; 9. Jh. v. Chr.).

In der Thronvision Jesajas (Jes 6,1-4) ist von Serafim die Rede, die das Trishagion rufen, das den Tempel und die ganze Erde erfüllt. Keel (1977) interpretiert die Wesen als geflügelte Uräen, Morenz / Schorch (1997) sehen in ihnen dagegen Greife mit der Funktion (gebändigter) Thronwächter. Die Serafen treten in Jes 6 nicht vierflügelig, sondern sechsflügelig auf, sind also mit einem zusätzlichen Flügelpaar versehen. Mit jeweils zwei Flügeln bedecken sie ihr Gesicht und ihre Füße, mit zwei Flügeln schweben sie über dem Thron JHWHs. Darüber hinaus eignet ihnen eine menschliche Stimme und eine menschliche Hand (Jes 6,6). Diese Beschreibung darf aber nicht dahin gehend gedeutet werden, dass die Serafen eine Menschengestalt haben. Wie zahlreiche Bilddokumente zeigen, können numinose Schlangenwesen durchaus mit menschlichen Körperteilen ausgestattet sein (vgl. Keel 1977, 74ff mit Abb. 28-35).

Aus: O. Keel / M. Küchler / C. Uehlinger, Orte und Landschaften der Bibel. Ein Handbuch und Studienreiseführer zum Heiligen Land, Bd. 1, Zürich u.a. 1984, Abb. 89c; © Stiftung BIBEL+ORIENT, Freiburg / Schweiz

Abb. 3 Vierflügeliger Uräus (Siegel des Elschama, des Sohnes des Königs; Jaffo; 8./7. Jh. v. Chr.).

Umstritten ist die genaue Deutung dieser → Mischwesen. Während Keel (1977, 113f) sich dafür ausspricht, dass durch die Uräen die Heiligkeit JHWHs ins Unermessliche gesteigert wird, sieht Hartenstein in ihnen eher – schon bereitgestellte – Gerichtswerkzeuge für das in Kürze bevorstehende Gericht. Nach dieser Deutung visualisieren sie gewissermaßen den „göttlichen Gerichtszorn[…], der kurz davor ist, zu ‚entbrennen‘“ (Hartenstein 1997, 195).

5. Neues Testament

Serafim werden im Neuen Testament nicht genannt. Dafür findet sich das Trishagion im Munde der Keruben (Apk 4,8).

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Die Religion in Geschichte und Gegenwart, 3. Aufl., Tübingen 1957-1965
  • Biblisch-historisches Handwörterbuch, Göttingen 1962-1979
  • Theologisches Wörterbuch zum Alten Testament, Stuttgart u.a. 1973ff
  • Lexikon der Ägyptologie, Wiesbaden 1975-1992
  • Biblisches Reallexikon, 2. Aufl., Tübingen 1977
  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991-2001
  • Dictionary of Deities and Demons in the Bible, 2. Aufl., Leiden 1999
  • Calwer Bibellexikon, Stuttgart 2003

2. Weitere Literatur

  • Feliks, J., 1962, The Animal World of the Bible, Tel Aviv
  • Görg, M., 1978, Die Funktion der Serafen bei Jesaja, BN 5, 28-39
  • Hartenstein, F., 1997, Die Unzugänglichkeit Gottes im Heiligtum. Jesaja 6 und der Wohnort JHWHs in der Jerusalemer Kulttradition (WMANT 71), Neukirchen-Vluyn, 182-204
  • Hirth, T., 1995, Überlegungen zu den Serafim, BN 77, 17-19
  • Jaroš, K., 1982, Die Stellung des Elohisten zur kanaanäischen Religion (OBO 4), Freiburg (Schweiz) / Göttingen, 4. Aufl., 151-165
  • Keel, O., 1977, Jahwe-Visionen und Siegelkunst. Eine neue Deutung der Majestätsschilderungen in Jes 6, Ez 1 und 10 und Sach 4 (SBS 84/85), Stuttgart, 70-115
  • Keel, O., 2007, Die Geschichte Jerusalems und die Entstehung des Monotheismus (OLB IV), Göttingen, 388ff
  • Keel, O. / Küchler, M. / Uehlinger, Chr., 1984, Orte und Landschaften der Bibel. Ein Handbuch und Studienreiseführer zum Heiligen Land, Bd. 1, Zürich u.a., 164-166
  • Keel, O. / Uehlinger, Chr., 1998, Göttinnen, Götter und Gottessymbole. Neue Erkenntnisse zur Religionsgeschichte Kanaans / Israels aufgrund ikonographischer Quellen (QD 134), 4. Aufl., 311-314
  • Morenz, L.D. / Schorch, S., 1997, Der Seraph in der Hebräischen Bibel und in Altägypten, Or. 66, 365-386
  • Wildberger, H., 1982, Jesaja. 3. Teilband: Jes 28-39 (BK X/3), Neukirchen-Vluyn

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Vierflügeliger Uräus, der seine zwei Flügelpaare nach beiden Seiten hin ausbreitet (Siegel des Jachmoljahu, [Sohn des] Maashjahu; 8./7. Jh. v. Chr.). Aus: O. Keel / Chr. Uehlinger, Götter, Göttinnen und Gottessymbole (QD 134), Freiburg 5. Aufl. 2001, Abb. 274b; © Stiftung BIBEL+ORIENT, Freiburg / Schweiz
  • Abb. 2 Sechsflügeliger Seraf (Kalksteinrelief der Wanddekoration eines Palastraums; Tell Halaf; 9. Jh. v. Chr.). © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
  • Abb. 3 Vierflügeliger Uräus (Siegel des Elschama, des Sohnes des Königs; Jaffo; 8./7. Jh. v. Chr.). Aus: O. Keel / M. Küchler / C. Uehlinger, Orte und Landschaften der Bibel. Ein Handbuch und Studienreiseführer zum Heiligen Land, Bd. 1, Zürich u.a. 1984, Abb. 89c; © Stiftung BIBEL+ORIENT, Freiburg / Schweiz
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