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Lexikon

Sellin, Ernst

(1867-1946)

Ulrich Palmer

(erstellt: Aug. 2014)

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1. Leben

Aus: Wikimedia Commons; © public domain; Zugriff 16.8.2014

Abb. 1 Ernst Sellin.

Ernst Sellin (26. Mai 1867 in Alt Schwerin – 1. Jan. 1946 in Epichnellen) wirkte an mehreren Universitäten als Alttestamentler und auf drei Ausgrabungsstätten im Heiligen Land als Archäologe. Er entstammte einer Pastorenfamilie. Das Studium in Rostock, Leipzig und Erlangen schloss er 1888 mit dem Dr. Phil. in Leipzig und 1890 mit dem Lic. Theol. in Erlangen ab. Nach seinem Militärdienst machte er 1891-1894 einen kurzen Abstecher ins Lehramt. Aus dieser Zeit in Parchim/Meckl. rührt auch die am 19. April 1895 geschlossene Ehe mit Martha, geb. Heucke. Tochter Erika wurde 1904 geboren (sie heiratete später einen Sohn des um die Palästina-Landeskunde so verdienten Ludwig Schneller), Sohn Otto 1907.

1889 wurde Sellin in Leipzig mit einer Arbeit über „Die Doppelnatur der hebräischen Partizipien und Verben“ zum Dr. phil. promoviert. Die theologische Dissertation folgte umgehend: „Disputatio de origene carminum, quae primus liber psalterii continet“ (Leipzig / Erlangen 1892).

Sellin zog es bald zur Hochschullaufbahn: 1894 als Repetent in Erlangen untergekommen, schlägt er schon mit der zweibändigen Habilitationsschrift (Beiträge zur israelitischen und jüdischen Religionsgeschichte, Leipzig 1896/97) zum Privatdozenten in Erlangen 1895 ein Thema an, welches ihn lebenslang beschäftigen sollte: Ein großer Teil der Schrift ist dem Gottesknecht bei Deuterojesaja gewidmet. Schon im Okt. 1897 gelangt Sellin als außerordentlicher Prof. an die Wiener ev.-theol. Fakultät und bereits 1899 absolviert er die erste Orientreise, bei der er sich auf den Tell Ta‛annek (→ Taanach; Koordinaten: 171.214; N 32° 31' 20'', E 35° 13' 10'') als seinem Ausgrabungsstart festlegt. Die Hochschullaufbahn setzt Sellin 1907-1915 in Rostock, 1915-1921 in Kiel und 1924 bis zur Emeritierung 1935 in Berlin fort. Insgeheim fühlt er sich aber als Archäologe: So verspricht er zwar vor dem Wechsel nach Rostock, zunächst keine weiteren Ausgrabungen zu planen, hat aber schon den Auftrag für → Jericho / Tell es-Sulṭān (1907-1909; Koordinaten: 1921.1420; N 31° 52' 15'', E 35° 26' 39'') in der Tasche. Bis zum Beginn des 2. Weltkriegs müht er sich vergeblich um Weiterarbeit im 1913 angegangenen → Sichem (Tell Balāṭa; Koordinaten: 1768.1800; N 32° 12' 49'', E 35° 16' 55''), wo durch den 1. Weltkrieg die verheißungsvoll begonnene Grabung gestoppt wurde.

2. Werk

2.1. Archäologie

Die Grabung in Taanach war noch vorrangig auf Großfunde wie Tontafeln und Altäre gerichtet. Für Jericho wählte Sellin zunächst – auch auf Druck der Geldgeber – ein am Alten Testament orientiertes Datierungsschema. Seine Arbeit, wie auch die eigene Korrektur hin zu allgemein anerkannter Stratigraphie (→ Archäologie Palästinas), wurde von nachfolgenden Ausgräbern (Garstang, Kenyon) zwar in Bausch und Bogen abgelehnt; in den letzten Jahrzehnten setzte sich aber eine allgemeine Wertschätzung von Sellins archäologischem Wirken vor allem in Jericho durch. Die unglückliche Sichem-Grabung fiel den beiden Weltkriegen gleich zweifach zum Opfer: Nicht nur stoppte der erste die Feldarbeit, sondern die Funde wurden nur eingepackt und sollten nach Fortsetzung der Grabung insgesamt bearbeitet und publiziert werden. Dazu kam es durch die Notzeit ab 1918 nicht mehr und die in den ersten Jahren der NS-Herrschaft aufkeimende Hoffnung auf einen Neustart erwies sich mit Kriegsausbruch 1939 als Luftschloss. Der Bombenkrieg zerstörte Sellins Berliner Villa samt den noch nicht dokumentierten Funden.

2.2. Theologie

Als Hochschullehrer im Kontakt zu Studenten muss Sellin ausgesprochen anregend gewesen sein, als Buchproduzent war er fleißig. Der Ausprägung einer Sellin-Schule standen neben den archäologischen Neigungen seine häufig wechselnden Auffassungen entgegen. Trotzdem diese sich auch in den zu Lebzeiten sieben Auflagen (1912-1935) der „Einleitung ins Alte Testament“ widerspiegeln, war dieses Werk Sellins Hauptbeitrag zur theologischen Literatur. Daneben ist seine Herausgebertätigkeit am eher konservativen Kommentar zum Alten Testament (KAT) ab 1913 mit dem eigenen Beitrag zum Zwölfprophetenbuch (1922) bedeutend. Seine Monographien – insbesondere die bunt schillernden Ideen zum deuterojesajanischen Gottesknecht – blieben dagegen ohne nachhaltige Wirkung. Das erste Viertel des 20. Jh.s sah Sellin auch als Aktivisten sog. Rezensionsliteratur; für die (konservative) Theologie der Gegenwart übernahm er 1909-1914 und 1917-1924 den Bereich „Altes Testament“. Darin finden sich sehr scharfsichtige Einschätzungen zu den Werken anderer Theologen. Diese kleineren Arbeiten zeigen aber auch die Grenzen Sellins überdeutlich auf, denn eben dieselben kritischen Argumente musste er sich wiederholt für seine Veröffentlichungen gefallen lassen.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Werke (in Auswahl)

  • Sellin, E., Beiträge zur israelitischen und jüdischen Religionsgeschichte, 2 Bd.e, Leipzig 1896-1897
  • Sellin, E., Studien zur Entstehungsgeschichte der jüdischen Gemeinde nach dem babylonischen Exil, Bd. I: Der Knecht Gottes bei Deuterojesaja, Bd. II: Die Restauration der jüdischen Gemeinde in den Jahren 538-516, Leipzig 1901
  • Sellin, E., Tell Ta‘annek. Bericht über eine mit Unterstützung der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften und des k.k. Ministeriums für Kultus und Unterricht unternommene Ausgrabung in Palästina (Abhandlungen der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften Denkschrift 50/IV), Wien, 1904 (Nachdruck Frankfurt/M. 2006)
  • Sellin, E., Eine Nachlese auf dem Tell Ta‘annek in Palästina (Abhandlungen der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften Denkschrift 52/III), Wien, 1906 (Nachdruck Frankfurt/M. 2006)
  • Sellin, E., Das Rätsel des deuterojesajanischen Buches, Leipzig 1908
  • Sellin, E., Die israelitisch-jüdische Heilandserwartung, Berlin 1909
  • Sellin, E., Der alttestamentliche Prophetismus, Leipzig 1912
  • Sellin, E., Einleitung in das Alte Testament, Leipzig 1910 (12 Auflagen bis 1979)
  • Sellin, E., Mose und seine Bedeutung für die israelitisch-jüdische Religionsgeschichte, Leipzig 1922
  • Sellin, E., Geschichte des israelitisch-jüdischen Volkes, Leipzig Bd. 1 1924, Bd. 2 1932
  • Sellin, E., Theologie des Alten Testaments, Leipzig 1933
  • Sellin, E., Das Alte Testament im christlichen Gottesdienst und Unterricht, Gütersloh 1936
  • Sellin, E. / Watzinger, C., Jericho. Die Ergebnisse der Ausgrabungen, Leipzig 1913

2. Sekundärliteratur

  • Kreuzer, S., Palästinaarchäologie aus Österreich. Ernst Sellins Ausgrabungen auf dem Tell Tacannek in Israel (1902-1904); in: K. Schwarz / F. Wagner (Hgg.), Zeitenwechsel und Beständigkeit. Beiträge zur Geschichte der Evangelisch-theologischen Fakultät in Wien 1821-1996 (Schriftenreihe des Universitätsarchivs 10), Wien 1997, 257-276
  • Kreuzer, S., Die Ausgrabungen des Wiener Alttestamentlers Ernst Sellin in Tell Ta‛annek (Taanach) von 1902 bis 1904 im Horizont der zeitgenössischen Forschung, Protokolle zur Bibel 13 (2004), 107-130
  • Kreuzer, S., Dr. Ernst Sellin, 26.5.1867-1.1.1946 (Kurzbiographie), in: ders. (Hg.), Taanach / Tell Ta‛annek. 100 Jahre Forschungen zur Archäologie, zur Geschichte, zu den Fundobjekten und zu den Keilschrifttexten, Wiener Alttestamentliche Studien 5, Wien-Frankfurt 2006, 127
  • Kreuzer, S., Ernst Sellin und Gottlieb Schumacher in Palästina; in: Ch. Trümpler (Hg.): Das Große Spiel. Archäologie und Politik zur Zeit des Kolonialismus (1860-1940). Begleitbuch zur Ausstellung im Ruhr Museum Essen, Essen 2008, 136-145
  • Kreuzer, S., Das Verständnis des biblischen Monotheismus bei Ernst Sellin, Wiener Jahrbuch für Theologie 2012, Wien 2013
  • Kreuzer, S. / Schipper, F.T., Tell Ta‛annek – das biblische Taanach. Ernst Sellins Ausgrabungen im wissenschaftsgeschichtlichen Kontext: 100 Jahre „Nachlese auf dem Tell Ta‛annek in Palästina“, Wiener Jahrbuch für Theologie 2006, Wien 2006, 287-309
  • Niemann, H.M., Ernst Sellin: Kraftvoll in seiner Zeit. Eine Skizze zu Leben und Werk eines mecklenburgischen Alttestamentlers und Pioniers der Biblischen Archäologie, in: H. Holze / H.M. Niemann (Hgg.), Kirchenleitung in theologischer Verantwortung (Dankesgabe für Landesbischof Hermann Beste), Leipzig 2007, 189-223
  • Palmer, U., Ernst Sellin, Alttestamentler und Archäologe (BWANT 58), Frankfurt/M. 2012 (Rostocker Dissertation von 1988, ohne Berücksichtigung der neueren Literatur 2011/12 zum Druck leicht überarbeitet)
  • Sauer, G., Art. Sellin, Ernst Franz Max; in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL), Bd. 9, Herzberg 1995, 1370-1372 (im Internet)
  • Sauer, G., Ernst Sellin in Wien; in: K. Schwarz / F. Wagner (Hgg.), Zeitenwechsel und Beständigkeit. Beiträge zur Geschichte der Evangelisch-theologischen Fakultät in Wien 1821-1996 (Schriftenreihe des Universitätsarchivs 10), Wien 1997, 247-256

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Ernst Sellin. Aus: Wikimedia Commons; © public domain; Zugriff 16.8.2014

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