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Lexikon

Seligpreisung (AT)

1. Einführung

„Wohl dem Menschen, der nicht wandelt nach dem Rat der Gottlosen …“ (Ps 1,1). Wer einen anderen „selig preist“, bringt seine Freude über dessen Glück zum Ausdruck. Er erklärt den anderen für glücklich oder spricht ihm zukünftiges Glück bzw. Heil zu. Die Zusage ist dabei oft an eine Bedingung geknüpft. Einige Ausleger verstehen die Seligpreisung (auch Makarismus genannt) daher in erster Linie als Lehraussage mit mahnender Absicht (weisheitliche Paränese). Im Sinne des Zusammenhangs von Tun und Ergehen werde zu einem Handeln aufgefordert, das in Wohlergehen resultiert. Andere betonen dagegen den Aspekt der Zusage von Glück und Heil, das aus der gelingenden Bundesbeziehung mit Gott erwächst.

In frühjüdischen Schriften und im Neuen Testament bekommt die Seligpreisung eine stärker apokalyptische Ausrichtung: Wer gegenwärtiges Leiden um des Glaubens willen geduldig erträgt, wird dafür in Gottes neuer Welt umso reicher gesegnet.

2. Zu Sprache und Form der Seligpreisung

Die Seligpreisung wird meist mit dem Wort אַשְׁרֵי ’ašrê „wohl dem…“ eingeleitet (ca. 45-mal, davon 26-mal im Psalter, 8-mal im Sprüchebuch). In etwas über der Hälfte der Fälle folgt der Adressat in Form eines Substantivs, und zwar überwiegend allgemein „Mensch“ oder „Mann“, seltener „Volk“ oder „alle“. Die Näherbestimmung des Adressaten erfolgt in einem anschließenden Relativsatz, der inhaltlich oft die Bedingung für die Zusage benennt. אַשְׁרֵי ’ašrê kann auch mit einem Pronomen verbunden sein (z.B. „wohl ihm“) und steht dann gelegentlich nicht am Anfang, sondern am Ende des Satzes (Spr 14,21; Spr 16,20; Spr 29,18).

Die אַשְׁרֵי ’ašrê-Formel bildet oft einen Halbvers innerhalb eines Zweizeilers (Bikolon), der meist als synonymer Parallelismus (z.B. Spr 3,13), selten als antithetischer Parallelismus (Spr 14,21) aufgebaut ist. Oft wird der אַשְׁרֵי ’ašrê-Satz im Anschluss inhaltlich näher ausgeführt. Er kann aber auch umgekehrt als abschließender Höhepunkt einer Aussagekette erscheinen.

Das Wort אַשְׁרֵי ’ašrê wird meist von der Wurzel אשׁר ’šr her gedeutet. Bekannt ist von derselben Wurzel das Verb אשׁר ’āšar „glücklich preisen“ (9 Vorkommen im Piel / Pual) sowie ein Substantiv אָשֵׁר ’āšer „Wohl / Glück“ (nur Gen 30,13). Die genaue Form אַשְׁרֵי ’ašrê ist dann allerdings nicht erklärbar. Man nimmt an, dass es sich um ein grammatisch erstarrtes Wort handelt, ähnlich einer Interjektion (Käser). Eine alternative Erklärung geht von der Wurzel שׁרי šrj aus und deutet die Form אַשְׁרֵי ’ašrê als Elativ-Bildung nach einem aus dem Arabischen bekannten Muster (d.h. ’ašraj „sehr glücklich“). Tatsächlich ist die Wurzel שׁרי šrj im Arabischen in der Bedeutung „großzügig / reichlich“ und im Akkadischen in der Bedeutung „reich / wohlhabend“ belegt (Rubin).

Mit den אַשְׁרֵי ’ašrê-Sätzen inhaltlich verwandt sind Aussagen, die mit dem Wort בָּרוּךְ bārûkh „gesegnet“ eröffnen. In einem Fall liegt sogar eine analoge Konstruktion vor (Jer 17,7: „Gesegnet ist der Mann, der auf den HERRN vertraut“; vgl. Ps 128,4). In den überwiegenden Fällen werden בָּרוּךְ bārûkh-Sätze allerdings anders als die אַשְׁרֵי ’ašrê-Sätze ohne Bedingung formuliert. Ein weiterer Unterschied besteht darin, dass בָּרוּךְ bārûkh-Sätze auch häufig von oder an Gott adressiert sind, was bei den אַשְׁרֵי ’ašrê-Sätzen grundsätzlich nicht der Fall ist. Nach Sellin und Fohrer (S. 342, ähnlich Cazelles) bildet die אַשְׁרֵי ’ašrê-Formel geradezu ein weisheitliches Gegenstück zum kultischen בָּרוּךְ bārûkh. – Allerdings erscheint das אַשְׁרֵי ’ašrê auch häufig in Psalmen, bei denen keine weisheitliche Prägung erkennbar ist.

Nicht formal, aber inhaltlich verwandt sind ferner Aussagen mit dem Verb der Wurzel טוב ṭwb bzw. יטב jṭb (Hif.), im Sinne von „jemandem Gutes tun / es ihm gutgehen lassen“. An zwei Stellen erscheint טוב ṭwb im Parallelismus mit אַשְׁרֵי ’ašrê (Ps 128,2; Spr 16,20).

Gegenbegriff zu אַשְׁרֵי ’ašrê ist die Partikel „Wehe“ (הוֹי hôj, אוֹי ’ôj, אִי ’î), der Weheruf, der allerdings anders als אַשְׁרֵי ’ašrê fast ausschließlich in prophetischen Texten steht. Er kann ebenso wie אַשְׁרֵי ’ašrê von einem Relativsatz gefolgt sein und bringt dann eine Verwünschung über eine Personengruppe zum Ausdruck, die sich über ein bestimmtes Verhalten definiert (z.B. Jes 5,8.11.18.20-22). Eine direkte Gegenüberstellung von „Wehe“ und „Wohl“ formuliert Pred 10,16f.

2.1. Septuaginta. In der → Septuaginta (LXX) wird אַשְׁרֵי ’ašrê durchgehend mit μακάριος makários „glücklich / gesegnet“ übersetzt, das – anders als אַשְׁרֵי ’ašrê – dekliniert wird und sich als prädikativ gebrauchtes Adjektiv nach seinem Bezugswort richtet. Das zugehörige Verb μακαρίζω makarízo („glücklich preisen“) wird analog zum hebräischen Verb אשׁר ’āšar gebraucht. Unter den griechischen Schriften, die dem erweiterten Kanon der römisch-katholischen Kirche zugerechnet werden, finden sich Seligpreisungen vor allem im → Sirachbuch: 11 Makarismen im engen Sinn und 6 Belege für das Verb makarízo. Die Fragemente des hebräischen Originals haben an diesen Stellen jeweils entsprechend אַשְׁרֵי ’ašrê bzw. אשׁר ’āšar. Ansonsten begegnen nur noch vereinzelte Seligpreisungen: in Tob 13,15f. [Lutherbibel: Tob 13,16f.]; Bar 4,4 sowie dreimal in der → Weisheit Salomos. Unter den weiteren Schriften der LXX sind die → Psalmen Salomos mit 6 und 4.Makkabäer (→ Makkabäerbücher) mit 7 Seligpreisungen zu nennen.

2.2. Qumran. In → Qumran wurden mehrere Texte mit Makarismen gefunden, nämlich 1QH 13f, 4Q185 (sehr fragmentarisch) und 4Q525. Bemerkenswert ist dabei die Mischung weisheitlicher und eschatologisch-apokalyptischer Bezüge. Die Texte bilden somit eine Brücke zwischen der alttestamentlichen und der neutestamentlichen Prägung der Makarismen (Viviano, Fabry).

2.3. Rabbinisches Hebräisch. Im rabbinischen Hebräisch ist sowohl die אַשְׁרֵי ’ašrê-Formel als auch das Substantiv ’ošer „Glück“ gut bezeugt. Die Gebrauchsweise schließt sich an die alttestamentliche Verwendung an.

Seligpreisungen sind aus Mesopotamien nicht belegt, wohl aber im alten Ägypten, wo sie sowohl im religiösen als auch im profan-weisheitlichen Zusammenhang stehen können (Dupont).

3. Zur kommunikativen Funktion der Seligpreisung

Untersucht man die אַשְׁרֵי ’ašrê-Formel im Hinblick auf das Verhältnis zwischen Sprache und Wirklichkeit und damit auf ihre kommunikative Funktion, so ergibt sich ein mehrschichtiges Bild. (Im Folgenden werden Konzepte zur Sprechakt-Theorie nach John Searle verwendet, vgl. Hellholm, Wagner.)

Grundsätzlich erheben die אַשְׁרֵי ’ašrê-Formeln den Anspruch, Wirklichkeit zutreffend zu beschreiben („Repräsentative“ bzw. „Assertive“ nach Searle), indem sie eine bestimmte Gegebenheit als heilvoll charakterisieren.

Glücklich ist der, dem Übertretung vergeben, dem Sünde zugedeckt ist. (Ps 32,1 nach Elberfelder Übersetzung)

Meistens geht es jedoch um mehr als um das reine Mitteilen eines Sachverhalts. Die folgenden vier Verstehensrichtungen sind nicht alternativ zu denken, sondern spielen in den einzelnen Seligpreisungen mit unterschiedlicher Gewichtung zusammen.

3.1. Ausdruck von Freude

Wird eine Gegebenheit als heilvoll wahrgenommen, löst dies Emotionen aus. Der Sprecher artikuliert seine Freude oder Begeisterung („Expressive“ nach Searle) oder lädt den Adressaten zur freudigen Reaktion ein.

Und als die Königin von Saba all die Weisheit Salomos sah …, da geriet sie vor Staunen außer sich … „Glücklich sind deine Männer, glücklich diese deine Knechte, die ständig vor dir stehen, die deine Weisheit hören!“ (aus 1Kön 10,4-8 Elberfelder Übersetzung)

3.2. Zuerkennen gesellschaftlicher Achtung

An einigen Stellen, vor allem mit dem Verb אשׁר ’āšar „glücklich preisen“, lässt sich dafür argumentieren, dass der Sprecher nicht nur seine Freude und Anerkennung zum Ausdruck bringt, sondern diese dem Adressaten zuspricht, ihm mit Worten seinen Respekt zollt („Deklarative“ bzw. „Performative“ nach Searle). Es geht dabei nicht allein um eine individuell zugesprochene Anerkennung, sondern vielmehr um einen Akt gesellschaftlicher Achtungsbezeugung. Diese ist in schamorientierten Kulturen wie dem altvorderorientalischen Kulturkreis von besonderer Bedeutung.

Sahen mich dann die jungen Männer, so verbargen sie sich, und die Greise erhoben sich, blieben stehen. Die Obersten hielten die Worte zurück und legten die Hand auf ihren Mund. … Hörte mich ein Ohr, so pries es mich glücklich [„so bezeugte es mir Achtung“], und sah mich ein Auge, so legte es Zeugnis für mich ab. (aus Hi 29,8-11 Elberfelder Übersetzung).

3.3. Göttliche Glücks- und Heilszusage

In vielen Seligpreisungen wird dem Adressaten ein künftiges Wohlergehen zugesagt („Kommissive“ nach Searle). Hierbei künden die Worte etwas an, das erst noch Realität werden wird. Eigentümlich für die Seligpreisung ist dabei, dass der Sprecher eine Zusage macht, die er selbst nicht einlösen kann. Woher kommt das zugesagte Wohlergehen und welcher Art ist es?

a) Im Sinne des weisheitlichen Zusammenhangs von Tun und Ergehen (→ Tun-Ergehen-Zusammenhang) kann der Adressat selbst zum Urheber eines heilvollen Zustandes werden. Das Wohl, das er für andere schafft, wirkt direkt – oder indirekt auf dem Weg der gesellschaftlichen Anerkennung – auf ihn selbst zurück.

אַשְׁרֵי ’ašrê-Aussagen, die einen rein innerweltlichen Tun-Ergehen-Zusammenhang anvisieren, sind in der Hebräischen Bibel jedoch selten. Auch im Sirachbuch des erweiterten Kanons münden die zunächst profan erscheinende Makarismen regelmäßig in Aussagen über die Gottesfurcht (Sir 14,20-15,1; Sir 25,7-11 [Lutherbibel: Sir 14,22-15,1; Sir 25,9-15]; Sir 26,1-4). Es gibt also jeweils einen „Überstieg“ (Fabry); das zugesagte Wohl meint kein einfaches Aufrechnen guter Taten, ins Auge gefasst wird vielmehr eine ganzheitliche Sicht auf ein gelingendes Leben.

b) In den meisten Fällen verlässt sich der Sprecher bei seiner Zusage auf Gott als den eigentlichen Urheber des Wohlergehens. Dabei wäre es allerdings wesentlich zu kurz gegriffen, Gott als bloßen Garant in einem Belohnungszusammenhang zu sehen. Vielmehr ist Käser zuzustimmen, der herausarbeitet, dass die Seligpreisung in der Hebräischen Bibel meist im Kontext der Bundesbeziehung steht (→ Bund). Das in der אַשְׁרֵי ’ašrê-Formel zugesagte Heil besteht in der Zuwendung Gottes zum Menschen und der darauf antwortenden Zuwendung des Menschen zu Gott.

Schmecket und sehet, wie gütig der HERR ist! / Glücklich der Mann, der sich bei ihm birgt! (Ps 34,9 nach Elberfelder Übersetzung)

c) Während die Heilszusagen der neutestamentlichen Makarismen eschatologisch ausgerichtet sind und sich auf das kommende „Reich der Himmel“ beziehen (Mt 5,3-10), nehmen die meisten alttestamentlichen Seligpreisungen keine Differenzierung zwischen der gegenwärtigen Zeit und einem Eschaton vor. Das zugesagte Wohlergehen ist weder rein jenseitig noch rein materiell-diesseitig zu verstehen – dies wäre eine falsche Alternative –, sondern ganzheitlich im Sinne eines erfüllten Lebens in der Gemeinschaft mit Gott.

Die einzige Ausnahme in der Hebräischen Bibel bildet Dan 12,12, wobei die Perspektive auf die „Zeit des Endes“ allerdings nicht durch die אַשְׁרֵי ’ašrê-Formel selbst, sondern durch ihren Kontext gegeben ist. Dezidiert eschatologisch-jenseitig ausgerichtet ist die alttestamentliche Spätschrift → Weisheit Salomos mit drei Seligpreisungen in Weish 2,16; Weish 3,13 und Weish 18,1. Die genannten Stellen im → Danielbuch und der Weisheit Salomos kontrastieren das gegenwärtige Leiden der Gerechten mit derem zukünftigen Glück im anbrechenden Gottesreich.

Die zuletzt genannten Stellen und besonders Mt 5,3-10 lassen sich nicht nur als Heilszusage, sondern darüber hinaus auch als Akt der Heilszueignung verstehen, also in gewissem Sinne nicht nur als Seligpreisung, sondern auch als Selig„sprechung“ (Hellholm).

3.4. Indirekte Aufforderung

a) Der Adressat der Seligpreisung wird oft über sein Tun charakterisiert. Dieses stellt gleichsam die Bedingung für das zugesagte Wohlergehen dar. Die Absicht ist, den Hörer / Leser zu dem entsprechenden Tun zu motivieren und einzuladen („Direktive“ nach Searle). An einigen Stellen wird der Seligpreisung dafür eine direkte Aufforderung zur Seite gestellt (z.B. Ps 2,12), oftmals bleibt die Aufforderung aber auch unausgesprochen (z.B. Ps 41,2).

Die Seligpreisung ist damit auch eine sprachliche Form der weisheitlichen Ermahnung, die auf den Zusammenhang von Tun und Ergehen zurückgreift (Preuß, 49, s. aber oben 3.3.).

b) Die indirekte Aufforderung bezieht sich nicht in allen Fällen auf ein im Satz benanntes Tun, sondern kann auch darin bestehen, eine durch die Seligpreisung vorgenommene Bewertung der Situation zu akzeptieren (z.B. Hi 5,17).

4. Die Seligpreisung im Psalter

Bei den ’ašre-Formeln handelt es sich um theologische Spitzensätze. Sie treten gehäuft an strukturell-hermeneutisch bedeutsamen Stellen auf. Dies gilt sowohl innerhalb der einzelnen Psalmen als auch für die Gesamtanlage des → Psalters als fünfgeteiltes Buch.

So eröffnet Ps 1 als das „Tor zum Psalter“ mit einer ’ašre-Aussage. In gewisser Hinsicht bildet der gesamte Psalm eine elaborierte Seligpreisung. Die Einladung, Tag und Nacht über Gottes Weisung zu „murmeln“ (hebr. הגה hāgāh), bezieht sich kanonisch auf den Pentateuch, kann aber auch mit Blick auf den Psalter selbst gelesen werden, der somit einlädt, ihn selbst als Weisung Gottes zu studieren.

Der Makarismus von Ps 1,1 bildet eine Klammer mit dem von Ps 2,12. Die beiden überschriftslosen Psalmen sind dem ersten Davidspsalter (Ps 3-41) vorgeschaltet und können daher auch gemeinsam als Einleitung in den Psalter verstanden werden. Die beiden Seligpreisungen setzen die Freude an der Tora und das Vertrauen auf den (kommenden) Gesalbten miteinander in Beziehung. Insgesamt werden eine weisheitlich-individuelle Perspektive und eine national-politische Perspektive nebeneinander gestellt.

Paare mit je einem Individual- und einem Königspsalm finden sich auch am Abschluss von Psalmbuch II (Ps 71/72) und Psalmbuch III (Ps 88/89), Paare von je einem individuell-weisheitlichen und einem kollektiv-nationalen Psalm stehen als Eröffnung von Psalmbuch II (Ps 42f.44) und Psalmbuch III (Ps 73/74, vgl. Steinberg).

Seligpreisungen stehen in den ein Psalmbuch abschließenden Psalmen Ps 41, Ps 72, Ps 89 und Ps 106. Ps 150 enthält keine Seligpreisung, wohl aber Ps 146, der die abschließende Halleluja-Reihe Ps 146-150 eröffnet (Weber). Der gewichtige Ps 119 im Zentrum von Psalmbuch V beginnt mit einer doppelten Seligpreisung. Bei der Gruppe der Wallfahrtspsalmen Ps 120-134 sind ’ašre-Formeln in den zentralen Psalmen Ps 127 und Ps 128 platziert, die auch als Zwillingspsalmen gelten.

Weitere Beobachtungen lassen sich hinzufügen: Ps 32-34 (Makarismen in Ps 32,1.2; Ps 33,12; Ps 34,9) schließen die Psalmgruppe Ps 25-34 ab, die sich von der Bitte zum Dank bewegt. Ps 84 (Makarismen in Ps 84,5.6.13) markiert in Buch III den Übergang von der Not zur neuen Hoffnung (Steinberg), der Psalm folgt auf den elohistischen Psalter Ps 42-83, an dessen Ende der Name Jhwh gesucht und erkannt wird (Ps 83,17.19) und feiert dementsprechend die erneute Begegnung mit Jhwh-Zebaoth am Tempel. Einen Kontrast bildet der doppelte Makarismus von Ps 137,8.9, der dem Verwüster Babels Glück zuspricht. Die Fragen, die Ps 137 aufwirft, werden in der anschließenden Gruppe von Davidspsalmen Ps 138-145 weiter verarbeitet.

5. Die Seligpreisung im Sprüchebuch

Spr 1-9 bildet die theologische Grundlegung des → Sprüchebuches. Whybray hat in Spr 1-9 insgesamt zehn Lehrreden und einige Zwischenstücke voneinander abgegrenzt. Darauf aufbauend hat Meinhold eine geschlossene Gesamtinterpretation von Spr 1-9 vorgestellt. Von den Zwischenstücken feiern insbesondere zwei die Vorzüge der Weisheit, nämlich das Gedicht über die Weisheit in Spr 3,13-20 und die große Rede der Weisheit in Spr 8,1-36. Beide Texte befassen sich auch mit der schöpfungstheologischen Verankerung der Weisheit (Spr 3,19f.; Spr 8,22-31; → Präexistenz).

Drei אַשְׁרֵי ’ašrê-Formeln finden sich in Spr 1-9. Sie preisen denjenigen glücklich, der die Weisheit ergreift. Die erste dieser Seligpreisungen eröffnet das oben genannte Gedicht über die Weisheit (Spr 3,13), die beiden anderen stehen im abschließenden Appell der großen Rede der Weisheit (Spr 8,32.34). Zusätzlich findet sich ein mit dem Verb אשׁר ’āšar formulierter Aufruf in Spr 3,18, ebenfalls im Gedicht über die Weisheit. Es handelt sich bei den Seligpreisungen demnach auch im Sprüchebuch um Spitzensätze, die in der Gesamtkomposition von Spr 1-9 bewusst platziert sind. Der Kontext ist jeweils der eines umfassenden Heil-seins („ein Baum des Lebens“ Spr 3,18; „findet Leben, erlangt Wohlgefallen von Jhwh“ Spr 8,35).

In den Sprüchesammlungen der weiteren Hauptteile begegnen nur vereinzelte Seligpreisungen (Spr 14,21; Spr 16,20; Spr 20,7; Spr 28,14; Spr 29,18). Hervorzuheben ist noch die das Sprüchebuch abschließende ausführliche Seligpreisung der „fähigen Frau“ (אֵשֶׁת־חַיִל ’ešæt ḥajil), in Spr 31,28-31. Hier wird das Verb אשׁר ’āšar verwendet, das um ein dreifaches הלל hll „loben / rühmen“ ergänzt ist. Auch das Schlüsselmotiv der Jhwh-Furcht ist am Buchende noch einmal aufgenommen. Das Gedicht über die „fähige Frau“ bildet nach der Ansicht mehrerer Ausleger ein Gegenstück zur „Frau Weisheit“ der Kap. 1-9.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

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2. Weitere Literatur

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