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Lexikon

Seetzen, Ulrich Jasper

(1767-1811)

Achim Lichtenberger

(erstellt: Juli 2011)

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Vom Stadtmuseum Oldenburg dankenswerterweise zur Verfügung gestellt

Abb. 1 Ulrich Jasper Seetzen.

Ulrich Jasper Seetzen war ein Arzt und Naturforscher, der ausgedehnte Forschungsreisen in Europa, der Türkei, Syrien, Palästina, Ägypten und auf der arabischen Halbinsel unternahm. Unter ungeklärten Umständen kam er im Jemen zu Tode. Seetzen dokumentierte seine Reisen in Tagebüchern und erwarb orientalische Manuskripte sowie landeskundlich bedeutsame Objekte für europäische Sammlungen. Sie bildeten einen Grundstock für die sich in Deutschland als Wissenschaft etablierende Orientalistik.

1. Leben

Seetzen wurde am 30. Januar 1767 in Sophiengroden bei Jever als Sohn eines wohlhabenden Landwirts geboren. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Jever studierte Seetzen seit 1785 Medizin und Naturgeschichte in Göttingen. Göttingen war in dieser Zeit Zentrum aufgeklärter Wissenschaften, und in diesem Umfeld wurden Forschungsreisen nach Amerika und Afrika angeregt. Nach seinem Studium, das er 1789 mit einer naturwissenschaftlichen Dissertation zu Pflanzenkrankheiten abschloss, praktizierte Seetzen nicht als Arzt, sondern verfolgte seine naturgeschichtlichen Studien weiter. Er publizierte wissenschaftliche und ökonomische Abhandlungen, reiste in Deutschland und Mitteleuropa und wurde Unternehmer. 1794 kaufte Seetzen eine Windsägemühle, eine Muschelkalkbrennerei und richtete eine Baumaterialienhandlung ein. Ökonomisch weitgehend unabhängig, betrieb er weiter naturkundliche Studien und wurde 1795 in die naturkundlichen Gesellschaften zu Berlin und Jena aufgenommen.

Von nun an plante Seetzen, selbst eine Afrikaexpedition durchzuführen und den Kontinent von Osten nach Westen zu durchqueren. Zur Vorbereitung dieser Forschungsreise wollte er durch die Türkei nach Syrien und Palästina sowie Ägypten reisen und dann von der arabischen Halbinsel zur Ostküste Afrikas gelangen. In Herzog Emil August von Sachsen fand er einen Förderer seiner Reise. 1802 brach Seetzen von Jever auf und reiste von Wien auf der Donau nach Konstantinopel. Von Konstantinopel ging es weiter an der Westküste Kleinasiens nach Smyrna, von wo Seetzen mit einer Karawane nach Aleppo reiste. Dort blieb er fast 1 ½ Jahre, um Arabisch zu lernen, bevor er im April 1805 nach Süden aufbrach und ausgedehnte Reisen durch Syrien, den Libanon, Palästina, das Ostjordanland und Ägypten unternahm.

Von Seetzen stammen ausführliche Tagebuchberichte dieser Orte und Regionen, und einige Gebiete wie etwa die Ostseite des Toten Meeres wurden von ihm als erstem Europäer der Neuzeit bereist und beschrieben. Auf seinen Reisen gab sich Seetzen als Arzt aus und konnte auf diese Weise ohne besonders aufzufallen naturkundliche Beobachtungen vornehmen.

1809 brach Seetzen von Kairo nach Mekka und Medina auf. In Dschidda konvertierte er zum Islam, besuchte die heiligen Stätten des Islam und fertigte Zeichnungen derselben an. Von Dschidda aus fuhr er in den Jemen, wo er in den Jahren 1810 und 1811 das Land bereiste und im September 1811 unter ungeklärten Umständen bei Ta’izz ums Leben kam. Von verschiedenen Stationen seiner Reise hatte Seetzen Notizen, Tagebuchabschriften, Manuskripte und naturhistorische Materialien und Artefakte nach Europa geschickt. Zu dem Zeitpunkt seines Todes führte Seetzen eine Karawane mit 17 Kamelen mit sich, beladen mit Proviant sowie seinen Sammlungen und Aufzeichnungen, die bis heute verschollen sind.

Der Nachlass Seetzens und die von ihm nach Europa geschickten Objekte befinden sich heute in Gotha und in Oldenburg.

2. Werk

Seetzens wichtigstes Werk sind seine Reiseberichte. Er hat auf seiner Reise 1802-1811 fast täglich Tagebuch geführt. Die Aufzeichnungen hat er zwischendurch nach Europa geschickt, und erhalten sind Seetzens Tagebücher bis zu seiner Abreise aus Ägypten 1809. Außerdem hat er Briefe, Abhandlungen und Berichte nach Europa geschickt, die teilweise in „Zachs Monatlicher Correspondenz zur Beförderung der Erd- und Himmels-Kunde“ und in den „Fundgruben des Orients“ erschienen. Der letzte Brief datiert in den November 1810.

Nach dem Tod Seetzens blieben die Tagebücher zunächst unpubliziert. Zum einen gab es Rechtsstreit um die Bearbeitung der Manuskripte, zum anderen mußten kompetente Bearbeiter gefunden werden. Denn Seetzen hat universalgelehrt die unterschiedlichsten Informationen gesammelt und dokumentiert, so daß u.a. Geographen, Altertumswissenschaftler, Geologen, Zoologen und Botaniker zur kommentierten Edition herangezogen werden mußten. Erst 1854-1859 wurden unter der Leitung des Historikers Friedrich Karl Hermann Kruse (1790-1866) die Tagebücher der Jahre 1805-1809, d.h. von der Abreise Seetzens aus Aleppo bis zu seinem Aufenthalt in Kairo veröffentlicht. Die Edition weiterer Tagebücher ist derzeit in Arbeit.

Die Tagebücher sind detaillierte Beschreibungen der unterschiedlichsten Aspekte der Orte und Regionen, die Seetzen besuchte. Sie enthalten Beschreibungen des Naturraums, der Architektur, der Menschen und ihre sozialen, wirtschaftlichen und religiösen Sitten und Gebräuche sowie der Bedingungen, unter denen Seetzen reiste. So notierte Seetzen auch das Wetter und seine Ernährung und Krankheiten. Teilweise sind die Beschreibungen summarisch, knapp und nüchtern, teilweise finden sich aber auch geradezu literarisch ausgearbeitete Berichte, etwa von der Umrundung des Toten Meeres.

Für die Bibelwissenschaften besonders relevant sind Seetzens Reiseberichte in Palästina und angrenzenden Gebieten. Seetzen hat ausführlich die Topographie und Orte beschrieben und insbesondere im Ostjordanland mehrere antike Stätten (z.B. Gerasa) anhand des zeitgenössischen Toponyms (Jerasch) identifiziert und seine Ruinen beschrieben. Er hat zudem zahlreiche griechische Inschriften kopiert, die anschließend in die Inschriftencorpora eingegangen sind. Auch die mit aufgeklärter ironischer Distanz erfolgte Beschreibung der religiösen Verhältnisse in Jerusalem ist ein wichtiges Zeitzeugnis.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Werke (in Auswahl)

  • Systematum generatiorum de morbis plantarum brevis dijudicatio, Göttingen 1789
  • Kruse, F. (Hg.), 1854-59, Ulrich Jasper Seetzen’s Reisen durch Syrien, Palästina, Phönicien, die Transjordan-Länder, Arabia Petraea und Unter-Aegypten, 4 Bde., Berlin
  • Lichtenberger, A. (Hg.), 2002, Ulrich Jasper Seetzen, Unter Mönchen und Beduinen. Reisen in Palästina und angrenzenden Ländern 1805-1807, Stuttgart

2. Sekundärliteratur

  • Nebes, N., 2008, Ulrich Jasper Seetzen (1767-1811). Forschungsreisender und Sammler im Auftrag der Gothaer Herzöge, in: 1846-2006. 160 Jahre Archäologisches Museum der Universität Jena. Thüringer Sammlungen im Kontext internationaler Netzwerke. Kolloquiumsband der Tagung in Jena am 28.10.2006, Jena, 76-94
  • Olivier, J.P.J., 1995, Ulrich Jasper Seetzen: A Pioneer in Need of Recognition, in: M. Weippert / S. Timm (Hgg.), Meilenstein (FS H. Donner), Wiesbaden, 164-171
  • Schienerl, J., 2000, Der Weg in den Orient. Der Forscher Ulrich Jasper Seetzen: Von Jever in den Jemen (1802-1811), Oldenburg
  • Stein, H. (Hg.), 1995, Ulrich Jasper Seetzen (1767-1811). Leben und Werk. Die arabischen Länder und die Nahostforschung im napoleonischen Zeitalter. Vorträge des Kolloquiums vom 23. und 24. September 1994 in der Forschungs- und Landesbibliothek Gotha Schloß Friedenstein, Gotha
  • Weippert, H., 1995, Unterwegs nach Afrika. Ulrich Jasper Seetzen (1767-1811), in: M. Weippert / S. Timm (Hgg.), Meilenstein (FS H. Donner), Wiesbaden, 324-332

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Ulrich Jasper Seetzen. Vom Stadtmuseum Oldenburg dankenswerterweise zur Verfügung gestellt

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