bibelwissenschaft.de - Das wissenschaftliche Bibelportal der Deutschen Bibelgesellschaft

Lexikon

Schwerter zu Pflugscharen

Klaus Koenen

(erstellt: Jan. 2006; letzte Änderung: März 2017)

Permanenter Link zum Artikel: http://www.bibelwissenschaft.de/de/stichwort/11412/

1. „Schwerter zu Pflugscharen“ bei Micha und Jesaja

Abb. 1 „Schwerter zu Pflugscharen“ (Symbol der Friedensbewegung der DDR, 1980).

Abb. 1 „Schwerter zu Pflugscharen“ (Symbol der Friedensbewegung der DDR, 1980).

Historisch gesehen hat der Prophet → Micha – wie Jer 26,17ff voraussetzt – Juda nur Unheil angesagt. Deswegen kann es sich bei der Verheißung von Mi 4,1-5, die ein weltweites endzeitliches Friedensreich ankündigt (→ Eschatologie) und später auch in Jes 2,2-5 eingeflossen ist, nur um eine – wohl nachexilische – Fortschreibung handeln (vgl. z.B. Schottroff, 218-223). Die Völker werden nach Jerusalem strömen, und Gott wird ihnen dort Weisung (Tora) geben und ihre Konflikte schlichten. Alle Kriegsgeräte werden dann überflüssig sein, und deswegen werden die Völker „ihre Schwerter zu Pflugscharen schlagen und ihre Speere zu Winzermessern“.

Für אֵת ’et hat sich in Mi 4,3; Jes 2,4 (und auch in Jo 4,10) die Übersetzung „Pflugschar“ eingebürgert, doch meint das Wort vermutlich eine → Hacke mit einem rechtwinklig abstehenden Spatenblatt. In 1Sam 13,20f kann אֵת ’et nämlich neben מַחֲרֵשָׁה maḥǎrešāh „Pflugschar“ (< חרשׁ ḥrš „pflügen“) nicht ebenfalls „Pflugschar“ bedeuten. Jedoch ist die Übersetzung mit „Pflugschar“ insofern richtig, als sie das Friedensbild im Deutschen besser zum Ausdruck bringt als der Begriff „Hacke“.

Aus: Wikimedia Commons; © Welleschik, Wikimedia Commons, lizensiert unter CreativeCommons-Lizenz cc-by-sa 3.0 + nicht portiert (Detail); Zugriff 2.3.2017

Abb. 2 Der Prophet Micha als Schmied, der Schwerter zu Pflugscharen macht, an der mittelalterlichen Kathedrale von Amiens (auf der linken Seite des Süd-Portals in der zweiten Archivolten-Reihe von außen die sechste Figur von unten).

Das Bild vom Frieden in Mi 4,1-5; Jes 2,2-5 ist nur auf den ersten Blick mit der Zerstörung der Waffen in Ps 46,10-11 vergleichbar. Dort sorgt Jahwe als überlegener Krieger für Frieden, indem er die heranbrausenden Völker unterwirft und ihre Waffen zerstört. Hier erscheint er dagegen als Lehrer und Schlichter, der den heranpilgernden Völkern seine Tora schenkt. Nicht er zerbricht die Waffen, sondern die Völker selbst schmieden sie um zu Werkzeugen des Friedens. Es regiert nicht das Diktat des Siegers, sondern Einsicht macht Feinde zu Freunden.

2. „Pflugscharen zu Schwertern“ bei Joël

Eine bewusste Umkehrung der Friedensverheißung von Mi 4,1-5; Jes 2,2-5 bietet Jo 4,10 (→ Joel). In dem Kapitel wird zum Heil Judas die endzeitliche Vernichtung der Völker im Tal → Joschafat („Jahwe richtet“) angekündigt. Als mächtiger Krieger fordert Jahwe die Völker zum Kampf heraus, ja befiehlt ihnen mit höhnischem Sarkasmus (vgl. Wolff, 94f), ihre Pflugscharen zu Schwertern umzuschmieden, um ins eigene Verderben zu rennen. An die Stelle des Traums vom friedlichen Zusammenleben der Völker ist die brutale Vision von der Vernichtung der Völker getreten.

3. Die Rezeption des Friedensbilds

Das Bild von den Völkern, die ihre Schwerter zu Pflugscharen schmieden, ist ein Bild für → Frieden und Abrüstung. Ernst Bloch hat es in einem viel zitierten Dictum als „Urmodell der pazifizierten Internationale“ (578) bezeichnet.

Abb. 3 Jewgeni Wutschetitsch, „WE SHALL BEAT OUR SWORDS INTO PLOWSHARES“ (1957).

Abb. 3 Jewgeni Wutschetitsch, „WE SHALL BEAT OUR SWORDS INTO PLOWSHARES“ (1957).

In New York steht im Garten des UNO-Hauptgebäudes eine 1957 geschaffene Bronze-Skulptur des russischen Bildhauers Jewgeni Wiktorowitsch Wutschetitsch (1908-1974), die die Sowjetunion 1959 der UNO geschenkt hat und die über Darstellungen auf Briefmarken der Sowjetunion, aber auch Ungarens verbreitet und bekannt wurde. Sie zeigt einen Mann, der ein Schwert zu einem Pflug schmiedet, und trägt den Titel „WE SHALL BEAT OUR SWORDS INTO PLOWSHARES“. Der Titel nimmt das biblische Friedensbild auf, ändert den Text aber in einem Punkt. Mi 4,3 spricht von den Völkern in der 3., der Titel dagegen in der 1. Person. Dadurch wird aus der prophetischen Heilsschilderung ein Gelöbnis, das von Soldaten oder kriegerischen Völkern – im Garten des UNO-Hauptgebäudes wird man an die Mitgliedsstaaten der UNO denken – gesprochen wird: Sie erklären, dass sie die Umsetzung der Heilsschilderung als ihre Aufgabe ansehen. Der Titel geht damit einen Schritt weiter als der biblische Text, da die Völker in ihrer Zusage schon zu tun beginnen, was der Prophet angekündigt hat.

Eine Zeichnung der Skulptur Wutschetitschs mit dem Schriftzug „Schwerter-zu-Pflugscharen“ hat die Friedensbewegung der DDR 1980 zu ihrem Symbol gemacht, das dann von der westdeutschen Friedensbewegung übernommen wurde. Im Osten trugen Jugendliche das Bild als Aufnäher. Als dies verboten wurde, haben manche es aus ihren Jacken geschnitten, doch stellte auch das kreisrunde Loch ein Bekenntnis dar.

Der Pop-Sänger Michael Jackson nimmt das Bild von Jes 2 / Mi 4 1991 in seinem Lied „Heal the World“ auf und verbindet es mit einem impliziten Imperativ: „See the nations turn their swords into plowshares, we could really get there if you cared enough.“

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

  • Bloch, E., Das Prinzip Hoffnung, Frankfurt / M. 1967
  • Fischer, I., Schwerter oder Pflugscharen? Versuch einer kanonischen Lektüre von Jesaja 2, Joël 4 und Micha 4, BiLi 69 (1996), 208-216
  • Kessler, R., Micha (HThKAT), 2. Aufl. Freiburg / Basel / Wien 2000, 70.188-190
  • Limburg, J., Swords to Plowshares: Text and Contexts, in: C.C. Broyles / C.A. Evans (Hgg.), Writing and Reading the Scroll of Isaiah: Studies of an Interpretive Tradition (VT.S 70/1), Leiden 1997, 279-293
  • Lohfink, N., Schwerter und Pflugscharen. Die Rezeption von Jes 2,1-5 par Mi 4,1-5 in der Alten Kirche und im Neuen Testament, ThQ 166 (1986), 184-209
  • Schottroff, W., Die Friedensfeier. Das Prophetenwort von der Umwandlung von Schwertern zu Pflugscharen (Jes 2,2-5 / Mi 4,1-5) (1984), in: ders., Gerechtigkeit lernen. Beiträge zur biblischen Sozialgeschichte (ThB 94), München 1999, 205-224
  • Wilken, R.L., In novissimis diebus: Biblical Promises, Jewish Hopes, and Early Christian Exegesis, Journal of Early Christian Studies 1 (1993), 1-19
  • Williamson, H.G.M., Swords into Plowshares: The Development and Implementation of a Vision, in: R. Cohen / R. Westbrook (Hgg.), Isaiah’s Vision of Peace in Biblical and Modern International Relations. Swords into Plowshares (Culture and Religion in International Relations), New York 2008, 139-149
  • Wolff, H.-W., Schwerter zu Pflugscharen – Mißbrauch eines Prophetenwortes? Praktische Fragen und exegetische Klärungen zu Joel 4,9-12, Jesaja 2,2-5 und Micha 4,1-5, EvTh 44 (1984), 280-292; auch in: ders., Studien zur Prophetie: Probleme und Erträge (ThB 76), München 1987, 93-108

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 „Schwerter zu Pflugscharen“ (Symbol der Friedensbewegung der DDR, 1980).
  • Abb. 2 Der Prophet Micha als Schmied, der Schwerter zu Pflugscharen macht, an der mittelalterlichen Kathedrale von Amiens (auf der linken Seite des Süd-Portals in der zweiten Archivolten-Reihe von außen die sechste Figur von unten). Aus: Wikimedia Commons; © Welleschik, Wikimedia Commons, lizensiert unter CreativeCommons-Lizenz cc-by-sa 3.0 + nicht portiert (Detail); Zugriff 2.3.2017
  • Abb. 3 Jewgeni Wutschetitsch, „WE SHALL BEAT OUR SWORDS INTO PLOWSHARES“ (1957).
VG Wort Zählmarke
http://m.bibelwissenschaft.de