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Lexikon

Schrift

Johannes Schnocks

(erstellt: Febr. 2006)

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1. Keilschrift

1.1. Vorgeschichte

© public domain (Foto: Klaus Koenen)

Abb. 1 Sumerische Keilschrift (Tontafel).

Die Ursprünge der Schrift liegen in der systematischen Verwendung von Zählsteinen, mit denen man in vielen Kulturen die Menge etwa von Vieh oder Wirtschaftsgütern „aufzeichnen“ kann. In Mesopotamien verwendete man seit ca. 8000 v. Chr. für jeweils eine Zähleinheit verschiedener Güter unterschiedliche aus Ton geformte Zählsteine, sog. „tokens“ (Schmandt-Besserat). Diese Zählsymbole hat man im gesamten Nahen Osten gefunden, sie waren zum Teil sehr sorgfältig gearbeitet und gehörten zu den ersten Tongegenständen, die gebrannt wurden. Auch wenn es keine entsprechenden Funde gibt, so müssen die token-Sammlungen, die jeweils eine bestimmte Menge an Gütern repräsentierten, etwa in Beuteln aus vergänglichem Material aufbewahrt worden sein, um zu einem späteren Zeitpunkt die aufgezeichnete Anzahl wieder ablesen zu können.

Ein nächster Schritt war nun, dass man zur dauerhaften Archivierung etwa bei Verträgen solche tokens in etwa tennisballgroßen Tonhüllen einschloss. Diese konnten dann auch „unterschrieben“ werden, indem die beteiligten Personen ihre persönlichen Siegel auf der Außenseite abrollten. Dieses Verfahren hatte den Nachteil, dass eine Kontrolle der tokens im Inneren eine Zerstörung der Hülle verlangt hätte. Daher brachte man auf der Außenseite Abdrücke aller eingeschlossenen Zählsteine an. Form und Anzahl der eingeschlossenen tokens waren damit ablesbar, so dass sie selbst für die aufgezeichnete Information überflüssig wurden. Entsprechend verzichtete man bald auf den Hohlraum und die tokens und ging dazu über, massive Tontafeln mit eingedrückten und eingeritzten Zeichen zu versehen. Diese Ersetzung von dreidimensionalen Gegenständen durch Zeichen war der erste Schritt auf dem Weg zur Schrift.

Die naheliegende Annahme, dass man aus abstrakt verwendeten Zählmarken in Verbindung mit einer Inhaltsmarke eine vollständige Information zusammenstellen konnte, läßt sich nicht durch Funde belegen. Dagegen könnten die auch später noch je nach Objekten verschiedenen Notierungssysteme für Zahlen darauf hindeuten, dass sich eine abstrakte Verwendung von Zahlen erst nach dem Aufkommen der Schrift entwickelt hat (Nissen 1999, 155).

Die hier geschilderte Entwicklung lässt sich im Gegensatz zu mesopotamischen Fundstätten im elamischen → Susa auch stratigrafisch nachvollziehen, wo eine parallele Entwicklung zur Schrift stattfand. Allerdings werden die hier gefundenen „protoelamischen“ Schriftzeichen später von den sumerischen Zeichen verdrängt.

1.2. Entstehung und Charakteristika

Eine systematische Schrift findet sich erstmalig in den archaischen Texten, die man in → Uruk gefunden und der Bauschicht IV zugeordnet hat. Sie sind um 3200 v. Chr. zu datieren. Eine weitere Entwicklungsstufe stellen dann die schon wesentlich zahlreicheren Texte der folgenden Schicht III aus Uruk dar. Die Schriftzeichen weisen bereits bei den Tontäfelchen aus Uruk eine starke Standardisierung auf. Sie entsprechen darüber hinaus sehr genau denen, die man in Ǧemdet Nasr [Gemdet Nasr] gefunden hat. Es handelt sich in allen Fällen um wirtschaftliche Aufzeichnungen.

Ein entscheidender Schritt für die schriftliche Darstellung einer Sprache ist die Phonetisierung. Im Laufe der Jahrhunderte begannen die sumerischen Schreiber, ihre Zeichen nicht nur für Einzeldinge, sondern auch für die jeweils gleichlautenden Silben zu benutzen. Auch wenn auf die Verwendung von Wortzeichen niemals ganz verzichtet wird, so macht das Verfahren der Silbenschrift das Schriftsystem ökonomischer, weil es mit weniger Zeichen auskommt. Umgekehrt können so aber Mehrdeutigkeiten entstehen. In der Keilschrift wird dieses Problem durch das Anfügen von Determinativen gelöst, die das Wort einer bestimmten Gegenstandsklasse zuordnen. So kann z.B. durch angefügte Determinative angezeigt werden, ob der Gott Assur oder die gleichnamige Stadt gemeint ist.

Die Schrift wird durch die Phonetisierung aber vor allem erheblich leistungsfähiger, weil sie nun erstmals in der Lage ist, einen Wortlaut und grammatische Formen recht eindeutig aufzuzeichnen. Damit ist die Grundlage geschaffen, von einem Hilfsmittel bei der Verwaltung zu einem umfassenden Ausdrucksmittel zu werden. Zu den Wirtschaftstexten treten nun auch Kaufverträge und Weiheinschriften, und die Entstehung von Literatur beginnt. In der Fara-Zeit (um 2600 v. Chr.) finden sich kurze Sprichwörter und vor allem Beschwörungen. Ab dem 25. Jh. v. Chr. entstehen auch Königsinschriften, die mit ihren immer ausführlicher werdenden Berichten die ältesten Zeugnisse mesopotamischer Geschichtsschreibung darstellen. Die entstehende Literatur umfasst mythische und kultische Texte, aber auch Gesetzessammlungen und wissenschaftliche Aufzeichnungen. Die → Gilgamesch-Epen etwa haben unbestritten den Rang von Weltliteratur. Ebenfalls berühmt sind das → Atra-Chasis-Epos und der Gesetzeskodex des Königs → Hammurabi (Texte aus Mesopotamien).

Im Laufe der Zeit verändern sich die Schriftzeichen. So ist zunächst eine Linksdrehung der Zeichen festzustellen. Ihre Abstraktheit nimmt immer weiter zu. Zudem werden sie nicht mehr in den Ton geritzt, sondern aus keilförmigen Eindrücken in den Ton zusammengesetzt, was dieser Schrift den modernen Namen „Keilschrift“ eingebracht hat.

Ihren eigentlichen Siegeszug tritt die Keilschrift mit der Übernahme in die akkadische Sprache ab der Mitte des 3. Jt.s v. Chr. an. Dabei verkompliziert sich das System insofern, als die Beziehung zum Sumerischen niemals ganz aufgegeben wird. So kann z.B. dasselbe Zeichen für „Himmel“ (= sumerisch „AN“), „Gott“ (= sumerisch „DINGIR“) und als Determinativ für „Gott“ stehen. Phonetisch kann es darüber hinaus sowohl weiterhin die Silbe „an“ als auch die Silbe „il“ entsprechend dem akkadischen Wort „Gott“ = „ilum“ repräsentieren. Andererseits entwickeln die akkadischen Schreiber das Keilschriftsystem gegen Ende des 24. Jh.s v. Chr. weiter und vereinfachen die Regeln, wie die Worte aus einer Kombination von Einzelsilben zusammenzusetzen sind (altakkadisches Syllabar). Damit wird die Schrift effektiver, flexibler und besser auf andere Sprachen anwendbar. Trotzdem ist immer noch die Kenntnis einer verhältnismäßig großen Anzahl von Zeichen zur Beherrschung dieser Kunst notwendig, so dass sie das exklusive Instrument von gut ausgebildeten Berufsschreibern bleibt.

1.3. Entwicklung und Verbreitung

Mit der Verwendung des Akkadischen als Verwaltungs- und Diplomatensprache der Babylonier und Assyrer breitet sich auch die Keilschrift aus. So belegen die → Amarna-Briefe (Text Amarna-Briefe), dass auch die asiatischen Vasallen der Pharaonen des Neuen Reiches für ihre Korrespondenz sich dieser Schrift bedienten.

Bereits im 3. Jt. v. Chr., dann aber insbesondere in der Zeit der Assyrer und Neubabylonier entstehen nun auch regelrechte Bibliotheken, in denen mit Hilfe der Schrift die Gelehrsamkeit der Kultur in zuvor ungeahntem Umfang gespeichert wird.

Für eine weitere Verbreitung sorgt schließlich auch die Übernahme des Keilschriftsystems in weitere Sprachen. Noch im 3. Jt. v. Chr. verdrängt die Keilschrift das Schriftsystem in → Elam. Im 2. Jt. v. Chr. wird sie unter anderem von Hurritern und → Hethitern übernommen und erreicht so eine weite Verbreitung.

Als Verkehrssprache wird das Akkadische mit dem Beginn der persischen Zeit durch das in Konsonantenschrift geschriebene Reichsaramäisch abgelöst. Der letzte in akkadischer Keilschrift verfasste Text stammt aus dem Jahr 70 n. Chr.

2. Hieroglyphen

2.1. Vorgeschichte

Noch vor wenigen Jahren lag die Vorgeschichte der um 3000 v. Chr. entstandenen Hieroglyphenschrift völlig im Dunkeln. Sie galt als etwas jünger als die Keilschrift, schien aber schon bei ihrer Erfindung eine fast vollständig ausgebildete Schrift zu sein, die von Anfang an auch außerhalb des Wirtschaftslebens Verwendung fand. So konnte man noch vor kurzem schreiben: „Geschichtlich stellt man zur Schrift so gut wie keine Vorstufe fest.“ (Brunner-Traut 1988, 119). Das hat sich durch Funde in einem vordynastischen Herrschergrab (Grab U-j) in Umm el-Qaab (→ Abydos) und deren systematische Aufarbeitung durch Günter Dreyer geändert.

© public domain (Zusammenstellung: Klaus Koenen)

Abb. 2 Ägyptische Hieroglyphen und mesopotamische Keilschrift.

Unter den Grabfunden sind Tongefäße, die mit Tinte „beschriftet“ sind, und eine große Anzahl von kleinen Anhängetäfelchen aus Elfenbein, Knochen oder Stein, die zum Teil noch mit schwarzer Paste ausgefüllte Einritzungen aufweisen und offenbar als Etiketten an Grabbeigaben oder deren Behältnissen aus vergänglichem Material befestigt waren. Der Ausgräber deutet beide Arten der „Beschriftung“ als Herkunfts- oder Kontrollvermerke.

Unter den Gefäßinschriften findet sich häufig die Kombination aus einem Baum und einem Tier. Nach Dreyer bietet es sich aus dem Vergleich mit nur wenig späteren Funden an, sie „als Herkunftsangaben von Gütern bzw. Wirtschaftsanlagen aufzufassen, die nach dem jeweiligen König, der sie gründete, als „Plantage“ (Baum / Pflanze) des „NN“ (Königsname) benannt worden sind“ (Dreyer 1998, 85).

Die Täfelchen können zum Teil auch in Anlehnung an später belegte Hieroglyphen gelesen werden. So ergeben sich etwa die Ortsnamen Baset (Bubastis), Abydos und Buto, die dann bereits phonetische Darstellungen des Konsonantenbestandes der Wörter nach dem Rebus-Prinzip wären. Insgesamt ergeben sich Herkunftsangaben mit Bezug auf königliche Wirtschafts- und Verwaltungsanlagen und auf Orte.

Diese Funde lassen sich mit frühen Siegeln zu einem Gesamtbild verbinden. Demnach wäre die Schrift auch in Ägypten – vielleicht nach elamischen Anregungen (vgl. Dreyer 1998, 181f.) – aus den Bedürfnissen einer hochentwickelten Wirtschafts- und Abgabenverwaltung heraus entstanden. Die Funde lassen sich nach Auswertung kalibrierter C14-Proben ins 32. Jh. v. Chr. datieren (vgl. Dreyer 1998, 18).

2.2. Entstehung und Charakteristika

Die Hieroglyphenschrift hat sich ab ca. 3000 v. Chr. in den ersten Dynastien des Alten Reiches recht schnell zu einem in den Grundzügen stabilen System entwickelt, das bis 394 n. Chr. (letzte Inschrift am Tempel von Philae) in Gebrauch blieb und dann in Vergessenheit geriet. Die bildliche Schrift ist eine Kombination aus Sinnzeichen (Semogrammen) und Lautzeichen (Phonogrammen). So kann zwar das Wort „Haus“ durch einen Hausgrundriss geschrieben werden (Logogramm) oder ein hinter ein Wort als Determinativ geschriebener Vogel anzeigen, dass es sich um ein fliegendes Wesen handelt (Ideogramm), die Leistungsfähigkeit der Schrift wird aber dadurch erreicht, dass mit den Bildzeichen auch abgelöst von ihrer Bedeutung (meist ein oder zwei) Konsonanten dargestellt werden (Phonogramm), so dass durch Kombination mit anderen Zeichen zu Konsonantenreihen und durch unterschiedliche Vokalisation andere Worte geschrieben werden können. Vokale werden in der Hieroglyphenschrift anders als in der Keilschrift nicht wiedergegeben, ihre Existenz kann aber z.B. durch so genannte schwache Konsonanten bei der Verwendung von Fremdwörtern angedeutet werden. Bei der Rekonstruktion der Sprache helfen das spätere, vokalisierte Koptische und die Schreibung ägyptischer Worte und Namen in Keilschrifttexten.

Immer hat bei der Hieroglyphenschrift auch der dekorative Aspekt eine wichtige Rolle gespielt. Als Monumentalschrift etwa an Tempelwänden können die Zeichen mit höchster künstlerischer Sorgfalt ausgeführt sein, so dass sie figürlichen Reliefs nicht nachstehen. Die Schriftrichtung ist nicht fest, sondern wird von der gesamten Bildkomposition bestimmt. Sie ist an den Menschen- und Tierzeichen leicht zu erkennen, da diese immer zum Zeilenanfang blicken.

2.3. Entwicklung und Differenzierung

Entsprechend der aufwändigen Schreibung der eigentlichen Hieroglyphenschrift entwickelten sich praktikablere Kursiven, die den alltäglichen Anforderungen besser gerecht wurden. Zum Schreiben auf Holz und Papyrus verwendete man Kursivhieroglyphen, die vor allem bei den Sarg- und Totenbuchtexten Verwendung fanden. Als stark abstrahierende Form entsteht noch im Alten Reich das Hieratische, das im 7. Jh. v. Chr. zum Demotischen weiter entwickelt wird. Das hieroglyphische Schriftsystem bleibt dabei erhalten, wobei das Demotische Kürzungen und Ligaturen etabliert. Es wird bis ins 5. Jh. n. Chr. geschrieben. Die Bezeichnungen verdanken sich griechischen Beobachtern (Herodot), die in der Spätzeit eine nur noch für religiöse Texte verwendete Schrift (Hieratisch) von der „Volksschrift“ (Demotisch) unterschieden.

Mit der Durchsetzung des Christentums wird die Hieroglyphenschrift auch als Ausdruck der altägyptischen Religion durch die koptische Schrift verdrängt, die auf dem griechischen → Alphabet aufbaut und dieses um wenige eigene Zeichen erweitert.

Ganz unabhängig von den ägyptischen Hieroglyphen und noch nicht abschließend erforscht sind die hethitischen Hieroglyphen, die bei Monumentalinschriften und Königssiegeln aus → Hattuscha (Boghazköy) im 15.-13. Jh. v. Chr. auftauchen und auch in den nordsyrischen Stadtstaaten des 10.-8. Jh.s v. Chr. verwendet wurden.

3. Buchstabenschriften

3.1. Protosinaitische Inschriften und Wādī el-Hôl-Inschriften

© R.G.Lehmann

Abb. 3 Alphabetschriften.

Auch wenn manche Lesungen zum Teil sehr hypothetisch oder immer noch umstritten sind, so stellen die in Ṣerābīṭ el-Chādem [Serabit el-Chadem], im Wādī Maġāra [Wadi Magara] und bei Bi’r an-Naṣb [Bir an-Nasb] im Sinai gefundenen Inschriften auf Stelen, Statuetten und vor allem Felswänden eine sehr frühe Buchstabenschrift dar. Die Datierungen schwanken zwischen dem 18. (Gardiner) und (häufiger vertreten) dem 15.-14. Jh. v. Chr. Sie stammen vermutlich von südpalästinischen Arbeitern und stellen kurze Anrufungen, Weihe- und Memorialinschriften dar. Viele der Schriftzeichen sind Piktogramme und bezeichnen nach dem Prinzip der Akrophonie den Anfangsbuchstaben des dargestellten Gegenstandes. Die Schreibrichtung ist noch variabel. Eine direkte Entwicklungslinie zur späteren phönizischen Buchstabenschrift ist heute umstritten und eher unwahrscheinlich.

Mit den beiden Inschriften, die 1994/95 im ägyptischen Wādī el-Hôl [Wadi el-Hol] von J.C. und D. Darnell entdeckt wurden, gibt es nun wichtiges Vergleichsmaterial. Sprachlich scheint es sich wiederum um Inschriften asiatischen Ursprungs zu handeln. Die Zeichen ähneln der Sinaischrift, weisen aber auch Abweichungen auf, die J.C. Darnell für eine relative Chronologie auswertet. Demzufolge sind die Wādī el-Hôl-Inschriften „offenbar älter als alle anderen bekannten alphabetischen Schriften. Zumindest repräsentieren sie eine ältere Zeichenliste als jene, die aus dem proto-sinaitischen Material deutlich wird.“ (Darnell 2003, 169)

Da die Zeichen nach Darnell aus gravierten hieratischen Zeichenformen des Mittleren Reiches abgeleitet werden können, stellt er eine Verbindung zu der um 1800 v. Chr. zu datierenden inschriftlichen Nennung eines „Generals der (semitische Sprache sprechenden) Asiaten, Bebi“ (Darnell 2003, 170) im Wadi el-Hôl her. Demnach könnte die Entwicklung der Buchstabenschrift ein Gemeinschaftsprodukt asiatischer Soldaten und ägyptischer Militärschreiber um 1800 v. Chr. sein. Tropper (2003, 173) datiert die Inschriften sogar um 2000 v. Chr.

3.2. Protokanaanäische Inschriften

Vereinzelte Inschriftenfunde aus dem 2. Jt. v. Chr., vermehrt aus seiner zweiten Hälfte, belegen für den phönizisch-palästinischen Raum das Aufkommen von Buchstabenschriften. Die Belege – meist nur wenige Zeichen, die einen Personennamen wiedergeben – lassen nur sehr geringe Deutungen zu. Da es sich um lineare Zeichen handelt, ist ein ägyptischer Einfluss (Hieroglyphenschrift oder Hieratisch) wahrscheinlich, aber nicht abschließend geklärt. Insbesondere die späten Inschriften (vgl. etwa das → Alphabet auf dem Ostrakon aus ‘Izbet Ṣarṭa, 11. Jh. v. Chr.; → ‘Izbet Ṣarṭa [Izbet Sarta]) werden von vielen Forschern als Vorläufer der phönizischen Schrift angesehen (Tropper 2003, 176).

3.3. Ugaritische Schrift

© public domain (Foto: Klaus Koenen)

Abb. 4 Ugaritische Alphabetschrift (Alphabettäfelchen aus Ugarit).

Im nordwestsyrischen → Ugarit (Rās eš-Šamra [Ras esch-Schamra]) hat man unter anderem etwa zweitausend Tontafeln aus dem 14./13. Jh. v. Chr. gefunden, die in einer mit Keilschriftzeichen ausgeführten Buchstabenschrift beschrieben sind. Das → Alphabet umfasst 27, in einem späteren Stadium 30 Zeichen.

© public domain (Foto: Klaus Koenen)

Abb. 5 Vom Bild zum Buchstaben.

Die Fundsituation für das 2. Jt. v. Chr. belegt, dass im Bereich der östlichen Mittelmeerküste, der vom kulturellen und ökonomischen Austausch mit dem Zweistromland und Ägypten geprägt war, die Entwicklung einer leistungsfähigen Buchstabenschrift stattgefunden hat. Dabei sind sowohl ägyptische als auch mesopotamische Einflüsse nachweisbar, die zu regional unterschiedlichen Ergebnissen geführt haben. Eine einlinige Entwicklung ist vor diesem Hintergrund weniger wahrscheinlich, sie wird aber diskutiert. So leitet etwa Zauzich das phönizische → Alphabet unmittelbar aus dem Hieratischen ab (Zauzich 2003).

3.4. Phönizische Schrift

© public domain (Zeichnung Klaus Koenen / Henrke Frey-Antes)

Abb. 6 Geschichte der Schrift.

Mit der phönizischen Schrift entsteht ab dem 11. Jh. v. Chr. eine Buchstabenschrift, die sich erstmalig als ein Standard durchsetzt. Das → Alphabet umfasst 22 Konsonanten. Die Schrift läuft von rechts nach links. Sie begegnet mit ähnlichen Buchstabenformen in monumentalen Steininschriften (vgl. etwa den Sarkophag des → Achiram um 1000 v. Chr. aus → Byblos) und als Tintenschrift.

Über die weitläufigen Handelsbeziehungen von phönizischen Kaufleuten und Handwerkern erreicht sie eine enorme Ausbreitung. Für den Westen gilt das zunächst für die punischen Kolonien.

Etwa ab dem 8. Jh. v. Chr. wird die phönizische Schrift in Griechenland weiterentwickelt, indem die für den griechischen Lautbestand nicht benötigten Konsonanten nun Vokale repräsentieren. So wird der Konsonant Ain („Auge“), der im Phönizischen als Kreis dargestellt wird („o“), zum griechischen Vokal Omikron („o“). Nun gilt das Prinzip, dass jedem Phonem der Sprache genau ein Zeichen entspricht. Bei der Weiterentwicklung zum lateinischen Alphabet, die wohl über etruskische Vermittlung stattfand, bleibt diese für uns heute so selbstverständliche Neuerung erhalten. Das Phönizische wird über solche Vermittlungsschritte zum „Urahnen“ der meisten noch heute gebräuchlichen Schriften.

3.5. Althebräische Schrift

© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 7 Althebräische Schrift; der „Bauernkalender“ aus Geser (10. Jh.)

Die phönizische Schrift wird im 1. Jt. v. Chr. auch im Bereich von Israel und Juda für die hebräische Sprache übernommen und entwickelt sich dann bis zum Exil als sog. paläohebräische oder althebräische Schrift eigenständig weiter. Als älteste hebräische Inschrift galt bisher der sog. „Bauernkalender“ aus → Geser vom Ende des 10. Jh.s v. Chr. (zur Datierung vgl. Renz 1995, 31f.), der aber der phönizischen Schrift noch sehr nahe steht. „Die eigentlich hebräische (Schreiber-)Tradition beginnt dann im (ausgehenden) 9. Jahrhundert“ (Renz 1995, 39). Vielleicht werden diese Aussagen nun durch eine im Sommer 2005 in Tel Zajit (in der Nähe von → Lachisch) gefundene Inschrift in ein neues Licht gerückt. Es handelt sich um eine Alphabet-Inschrift, die wohl zu apotropäischen Zwecken an einer Außenmauer angebracht war. Eine wissenschaftliche Auswertung steht noch aus.

© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 8 Althebräische Schrift; Ostrakon Nr. 4 aus Lachisch (6. Jh. v. Chr.)

3.6. Aramäische Schrift

© public domain (Zeichnung: Klaus Koenen)

Abb. 9 Das Alphabet.

Die aramäische Schrift gehört ebenfalls in den Prozess einer Ausdifferenzierung der phönizischen Schrift. Sie entwickelt sich ab dem 9. Jh. v. Chr. (Inschrift von Tel → Dan) eigenständig weiter und erfährt ab dem 6. Jh. v. Chr. eine riesige Verbreitung durch die Übernahme des sog. Reichsaramäischen als offizielle Sprache im neubabylonischen und dann vor allem im persischen Reich.

Die Textfunde aus der Wüste Juda (→ Qumran) belegen die Übernahme dieser Schrift im Frühjudentum auch zur Schreibung des Hebräischen. Die althebräische Schrift wird weitestgehend verdrängt und findet sich in den Qumranschriften nur noch in manchen Texten zur Schreibung des Tetragramms JHWH (→ Jahwe) und der Gottesbezeichnung ’el sowie in wenigen weiteren Texten, die meist Teile des → Pentateuchs wiedergeben (vgl. die Aufstellung bei Maier 1996, 8).

3.7. Quadratschrift

Von der frühjüdischen Schrift ist es nur noch ein kleiner Schritt, bis sich durch weitere Standardisierung die Quadratschrift als die typische hebräische (Druck-)Schrift bis zum heutigen Tag entwickelt hat. Sie diente zur Schreibung nicht nur des Hebräischen und Aramäischen, sondern auch aller anderen von Juden in der Diaspora verwendeten Sprachen.

Aus einer Kursiv-Form der Quadratschrift entwickelten im 1. Jh. v. Chr. die Nabatäer ihre Schrift, aus der wiederum das arabische Alphabet entstanden ist.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

(siehe auch Cuneiform, Hieroglyphen, Keilschrift, Paläographie, Protosinaitische Inschriften, Writing)

  • Reallexikon für Antike und Christentum, Stuttgart 1950ff.
  • Die Religion in Geschichte und Gegenwart, 3. Aufl., Tübingen 1957-1965
  • Lexikon der Ägyptologie, Wiesbaden 1975-1992
  • Theologische Realenzyklopädie, Berlin / New York 1977-2004
  • Biblisches Reallexikon, 2. Aufl., Tübingen 1977
  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991-2001
  • The Anchor Bible Dictionary, New York 1992
  • The New Encyclopedia of Archaeological Excavations in the Holy Land, Jerusalem 1993
  • Lexikon für Theologie und Kirche, 3. Aufl., Freiburg i.Br. 1993-2001
  • Religion in Geschichte und Gegenwart, 4. Aufl., Tübingen 1998ff.

2. Weitere Literatur

  • Brunner-Traut, E., 1988, Ägypten. Kunst- und Reiseführer mit Landeskunde, 6. verbesserte Aufl., Stuttgart u.a.
  • Caplice, R., 2002, Introduction to Akkadian. 4. Aufl. (Studia Pohl: Series Maior 9), Rom
  • Darnell, J. C. / D. Darnell, 1995, The Luxor-Farshût Desert Road Project, The Oriental Institute 1994-1995 Annual Report, Chicago, 44-54 (http://oi.uchicago.edu/OI/AR/94-95/94-95_Desert_Road.html)
  • Darnell, J. C., 2003, Die frühalphabetischen Inschriften im Wadi el-Hôl, in: W. Seipel, Der Turmbau zu Babel. Ursprung und Vielfalt von Sprache und Schrift, Band IIIa: Schrift, Graz, 165-171
  • Dreyer, G., 1998, Umm el-Qaab I. Das prädynastische Königsgrab U-j und seine frühen Schriftzeugnisse (Archäologische Veröffentlichungen 86), Mainz
  • Dreyer, G., 2003, Frühe Schriftzeugnisse aus Ägypten, in: W. Seipel, Der Turmbau zu Babel. Ursprung und Vielfalt von Sprache und Schrift, Band IIIa: Schrift, Graz, 123-126
  • King, P. J. / L. E. Stager, 2001, Life in Biblical Israel (Library of Ancient Israel), Louisville / London
  • Kuckenburg, M., 2004, Wer sprach das erste Wort? Die Entstehung von Sprache und Schrift, Stuttgart
  • Maier, J., 1996, Die Qumran-Essener: Die Texte vom Toten Meer, Bd. III (UTB 1916), München
  • Nissen, H. J. / P. Damerow / R. K. Englund, 1990, Frühe Schrift und Techniken der Wirtschaftsverwaltung im alten Vorderen Orient. Informationsspeicherung und verarbeitung vor 5000 Jahren, Bad Salzdetfurth
  • Nissen, H. J., 1999, Geschichte Altvorderasiens (Oldenbourg Grundriß der Geschichte 25), München
  • Nissen, H. J., 2003, Die Entstehung der Schrift im frühen Babylonien, in: W. Seipel, Der Turmbau zu Babel. Ursprung und Vielfalt von Sprache und Schrift, Band IIIa: Schrift, Graz, 71-79
  • Renz, J., 1995, Die althebräischen Inschriften. Teil I: Text und Kommentar (Handbuch der althebräischen Epigraphik I), Darmstadt
  • Schmandt-Besserat, D., 1996, How Writing Came About, Austin
  • Tropper, J., 2002/2003, Die Entstehung der Schrift, Welt und Umwelt der Bibel 26, 62-62; 27, 73-77; 28, 72-77; 29, 68f
  • Tropper, J., 2003, Die Erfindung des Alphabets und seine Ausbreitung im nordwestsemitischen Raum, in: W. Seipel, Der Turmbau zu Babel. Ursprung und Vielfalt von Sprache und Schrift, Band IIIa: Schrift, Graz, 173-181
  • Wilcke, C. G., 1991, Schrift und Literatur, in: B. Hrouda (Hg.), Der alte Orient. Geschichte und Kultur des alten Vorderasien, München, 271-297
  • Zauzich, K.-T., Unsere Buchstaben – ägyptische Hieroglyphen, in: W. Seipel (Hg.), Der Turmbau zu Babel. Ursprung und Vielfalt von Sprache und Schrift, Band IIIa: Schrift, Graz, 183-189
  • http://www.linse.uni-essen.de/linkolon/schrift/schriftstart.html

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Sumerische Keilschrift (Tontafel). © public domain (Foto: Klaus Koenen)
  • Abb. 2 Ägyptische Hieroglyphen und mesopotamische Keilschrift. © public domain (Zusammenstellung: Klaus Koenen)
  • Abb. 3 Alphabetschriften. © R.G.Lehmann
  • Abb. 4 Ugaritische Alphabetschrift (Alphabettäfelchen aus Ugarit). © public domain (Foto: Klaus Koenen)
  • Abb. 5 Vom Bild zum Buchstaben. © public domain (Foto: Klaus Koenen)
  • Abb. 6 Geschichte der Schrift. © public domain (Zeichnung Klaus Koenen / Henrke Frey-Antes)
  • Abb. 7 Althebräische Schrift; der „Bauernkalender“ aus Geser (10. Jh.) © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
  • Abb. 8 Althebräische Schrift; Ostrakon Nr. 4 aus Lachisch (6. Jh. v. Chr.) © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
  • Abb. 9 Das Alphabet. © public domain (Zeichnung: Klaus Koenen)
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