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Lexikon

Schlachtung / Schächtung

Christian Eberhart

(erstellt: Dez. 2006)

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1. Allgemeine terminologische Bemerkungen und profane Bedeutung

© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 1 Schlachtung (neuassyrische Darstellung)

Der Begriff „Schlachtung“ bezieht sich speziell auf das Töten von Haus- und Herdentieren, also nicht auf das Erjagen von Wild (siehe dazu Lev 17,13-14). Im Alten Testament wird der Vorgang der Schlachtung allgemein mit den hebräischen Verben זבח „schlachten“, טבח „(ab-)schlachten“ und שׁחט „schächten“ bezeichnet. Diese Verben haben allerdings jeweils unterschiedliche Bedeutungsspektren: זבח kann sich im Gegensatz zu טבח auch auf das gesamte Ereignis des kultischen (Schlacht-)Opfers beziehen (das akk. Äquivalent zebû und das davon abgeleitete Nomen bezeichnen primär kultisches Räuchern) und ist dann im weiteren Sinne mit „opfern“ wiederzugeben. שׁחט bezieht sich vor allem auf eine spezifische Methode der Tiertötung. Das Verb impliziert im Gegensatz zu זבח aber nicht unbedingt den Verzehr des Tieres, was aus Lev 14,5-7 hervorgeht, wo ein Vogel geschächtet wird, um mit seinem Blut lediglich einen Reinigungsritus zu vollziehen. Die → Septuaginta gibt טבח und שׁחט meist mit σφάζω „schlachten“ sowie זבח mit θύω „opfern“ wieder. Von שׁחט leitet sich etymologisch das deutsche Wort „schächten“ her (J. Grimm / W. Grimm, Deutsches Wörterbuch Bd.8, Leipzig 1893, 1966).

Alle drei hebräischen Verben sind im Alten Testament in profanen Kontexten belegt: זבח bezeichnet profane Tierschlachtung in Dtn 12,15; Dtn 12,21; Ez 34,3 (das Nomen זֶבַח bezieht sich in Jes 34,6; Jer 46,10; Ez 39,17-20 auf die Tötung von Menschen); טבח begegnet mit derselben Bedeutung in Gen 43,16; Ex 21,37; Dtn 28,31 u.ö. Das Verb שׁחט kann ferner die Tötung von Menschen in wehrlosem Zustand bezeichnen (Ri 12,6; 1Kön 18,40; 2Kön 10,7).

2. Schlachten im Opferkult

Die meisten Belege der Verben זבח „schlachten“ und שׁחט „schächten“ begegnen im Alten Testament im Kontext des Opferkultes (→ Opfer). Bezüglich dieser Belege sollen hier der Ort der Schlachtung von Opfertieren, die dabei verwendeten Techniken sowie die Bedeutung dieses Ritualschrittes im Rahmen der Opferdarbringung angesprochen werden.

2.1. Ort der Tierschächtung im Opferkult

In den Opferritualen, die den priesterlichen Kultvorstellungen zugrunde liegen, findet die Schlachtung von vierbeinigen Herdentieren durch die Technik des Schächtens nicht auf dem Brandopferaltar statt, sondern nördlich vom Brandopferaltar auf acht extra dazu bestimmten Tischen zu beiden Seiten des dortigen Tores (Lev 1,11; Ez 40,39-43). Schafe und Ziegen werden zur Schächtung auf diese Tische gehoben und auf dem Rücken liegend geschächtet. Am Nordtor befinden sich auch weitere Vorrichtungen (Haken usw.), um Rinder anzuketten, die in der Regel stehend geschächtet werden. Noch später in der in → Qumran gefundenen Tempelrolle wird eine ähnliche Installation speziell für die Schlachtung von Rindern beschrieben (11QT 34).

Beim Schlachten der Passalämmer dürfen keine Knochen der Tiere verletzt werden (Num 9,12). Die im Vergleich zu Herdentieren kostengünstigeren Vogelopfer werden durch Kopfabknicken direkt über dem Brandopferaltar getötet (Lev 1,15).

2.2. Techniken der Tierschächtung im Opferkult

Das Verb שׁחט beschreibt im Alten Testament (ähnlich auch in ugaritischen und arabischen Texten) meist, in den priesterlichen Texten (sowie in Mischna und Talmud) dagegen stets das kultisch-rituelle Töten von Tieren. Der Begriff gehört zur priesterlichen Fachterminologie und bezeichnet die Schlachtung mittels eines Schnittes durch die Halsschlagader bzw. Kehle des Tieres. Ziel ist, das für nachfolgende Ritualhandlungen benötigte Blut des Opfertieres weitmöglichst auslaufen zu lassen. Andere Arten der Tiertötung sind im Alten Testament in Dtn 21,1-9 belegt, wo eine Kuh für ein Sühneritual durch Genickbruch zu töten ist; durch diese Technik soll das Austreten von Blut gerade vermieden werden.

Einzelheiten zu den im Alten Testament vorausgesetzten Techniken der Schächtung werden in den Opferritualen in Lev 1-7 als bekannt vorausgesetzt und nicht erwähnt. Daher erklärt sich später die Verlegenheit der Rabbiner, die für ihre Schächtmethode keine biblischen Belege beibringen können (Babylonischer Talmud, Traktat Chullin 27a.b; Text Talmud 2). Aus der Erzählung von → Abrahams Opfer in Gen 22,1-19 kann aber abgeleitet werden, dass es üblich ist, die Beine des Opfertieres zu binden (Gen 22,9). Für die eigentliche Schächtung wird ein Messer verwendet (Gen 22,10). Priesterlichen Texten zufolge wird das dabei austretende Schächtblut in Schalen oder Becken (Ex 27,3; Ex 38,3) aufgefangen und kann nun für Blutapplikationsriten (→ Sühne) oder zur Ausgießung an die Basis des Brandopferaltares verwendet werden. Das Blut muss nach Mischna-Traktat Joma 4,3 (Text Talmud 2) ständig umgerührt werden, um Gerinnen zu vermeiden. (Zu ikonographischen Darstellungen von Schächtszenen vgl. Keel, 1984, Abb. 438-439a.)

Schächttechniken variieren und sind allgemein von praktischen Erwägungen bestimmt. Nach den detaillierten Anweisungen in Mischna-Traktat Tamid 4,1 (Text Talmud 2) halten mehrere Priester das Schaf für das tägliche Opfer auf dem Boden fest, wo es zu schächten ist. Joachim Jeremias veröffentlichte die fotografische Dokumentation einer samaritanischen Passafeier vom 1.05.1931, aus der hervorgeht, dass Passaschafe auf der linken Seite liegend direkt am Rand einer Schlachtgrube mit einem einzigen, schnellen Schnitt geschächtet wurden (Jeremias, 1932).

2.3. Bedeutung der Tierschächtung im Opferkult

Zu erwägen ist abschließend die Bedeutung der Tierschlachtung für das kultische Opferritual. Ohne Zweifel ist die rituell korrekte Ausführung dieser Handlung wichtig. Vielen zum Teil älteren Opfertheorien zufolge erscheint die Tierschlachtung jedoch als Höhepunkt kultischer Opfer (Hubert / Mauss, Koch, Gese, Girard). Dem entspricht im romanischen Sprachraum die Definition, ein „sacrifice“ (Opfer) sei “an offering accompanied by the ritual killing of the object of the offering” (van Baal, 1976, 161) – hier wird die Schlachtung zum konstitutiven Ritualelement kultischer Opfer stilisiert. Gegen solche Bewertungen der Tierschlachtung sprechen allerdings verschiedene Beobachtungen: (1) In den Opferritualtexten (Lev 1-7) werden nicht nur Tieropfer, sondern auch das vegetabile Speisopfer (Lev 2) unter der allgemeinen Kategorie qårbān „Opfer“ bzw. „Gabe“ (→ Qorban) zusammengefasst, womit die Tierschlachtung als Konstitutivum kultischer Opfer nicht in Frage kommt. (2) Die Tierschlachtung wird nicht auf dem zentralen Brandopferaltar sowie nach Lev 1-5 (MT) meist von Opfergebern, also Laien, ausgeführt; Lev 17,3 geht sogar davon aus, dass Opfertiere von Laien abseits vom Heiligtum geschlachtet werden können. (3) Der Anordnung in Ez 44,9-16 zufolge wird die Schächtung von Opfertieren den Leviten als Bestrafung auferlegt. (4) In narrativen Texten wie der Erzählung vom Wettstreit zwischen Elija und den Baalspropheten (1Kön 18,21-40) kann die Schächtung der Opfertiere, die natürlich stattgefunden haben muss, durchaus unerwähnt bleiben. Höhepunkt dieser Opferrituale ist vielmehr die Verbrennung auf dem Altar. Daher sollte die Tierschlachtung als ein das kultische Opfer vorbereitender Ritualschritt eingestuft werden. Speziell bei Schlachtopfern, die vom Opfergeber verzehrt werden, wird durch Schächtung der im Alten Testament streng verbotene Genuss von Tierblut (Lev 3,17; Lev 7,26; Lev 17,10) vermieden.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament, Stuttgart 1933-1979
  • Encyclopaedia Judaica, Jerusalem 1971-1996
  • Theologisches Wörterbuch zum Alten Testament, Stuttgart u.a. 1973ff
  • Calwer Bibellexikon, Stuttgart 2003

2. Weitere Literatur

  • Baal, J. van, 1976, Offering, Sacrifice and Gift, Numen 23, 161-178
  • Eberhart, C., 2002, Studien zur Bedeutung der Opfer im Alten Testament. Die Signifikanz von Blut- und Verbrennungsriten im kultischen Rahmen (WMANT 94), Neukirchen-Vluyn
  • Eberhart, C., 2006, The Term “Sacrifice” and the Problem of Theological Abstraction. A Study of the Reception History of Genesis 22:1-19, in: C. Helmer (Hg.), The Multivalence of Biblical Texts and Theological Meanings (Symposium Series 37), Atlanta, 47-66
  • Hubert H. / Mauss, M., 1899, Essai sur la nature et la fonction du sacrifice, in: ASoc 2, 29-138
  • Jeremias, J., 1932, Die Passahfeier der Samaritaner und ihre Bedeutung für das Verständnis der alttestamentlichen Passahüberlieferung, Giessen
  • Keel, O., 4. Aufl. 1984, Die Welt der altorientalischen Bildsymbolik und das Alte Testament. Am Beispiel der Psalmen, Zürich / Einsiedeln / Köln
  • Margueron, J.-C., 1991, L’espace sacrificiel dans le proche-orient ancien, in: R. Étienne / M.-Th. Le Dinahet (Hgg.), L’espace sacrificiel dans les civilisations méditerranéennes de l’antiquité. Actes du Colloque tenu à la Maison de’l Orient, Lyon, 4-7 juin 1988 (Publications de la Bibliothèque Salomon-Reinach 5), Paris, 235-242
  • Marx, A., 2005, Les systèmes sacrificiels de l’Ancien Testament. Formes et fonctions du culte sacrificiel à Yhwh (VT.S 105), Leiden / Boston
  • Milgrom, J., 1976, Profane Slaughter and a Formulaic Key to the Composition of Deuteronomy, HUCA 47, 1-17
  • Milgrom, J., 1991, Leviticus 1-16. A New Translation with Introduction and Commentary (AncB 3), New York u.a.
  • Rendtorff, R., 2004, Leviticus. 1. Teilband (BK.AT 3), Neukirchen-Vluyn
  • Wiley, H.L., 2004, Gather to my Feast. YHWH as Sacrifier in the Biblical Prophets (masch.), Cambridge

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Schlachtung (neuassyrische Darstellung) © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

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