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Lexikon

Schlacht von Qarqar

Andere Schreibweise: Schlacht von Karkar

Thomas Wagner

(erstellt: Jan. 2006)

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1. Der Ort Qarqar am Orontes

© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 1 Karte zur Lage von Qarqar.

Qarqar am → Orontes wird in assyrischen und aramäischen Quellen erwähnt.

1. Assyrische Quellen: Inschriften auf einer in Kurch gefundenen Stele (s.u. 2.) und auf einem in Balāwāt ausgegrabenen Tor berichten vom Sieg → Salmanassars III. bei der Schlacht von Qarqar 853. v. Chr. Daneben wird Qarqar in den Annalen Salmanassars III. erwähnt (s.u. 3.).

2. Aramäische Quellen: Der Ortsname findet sich in den Vertragstexten aus → Sfire, in der Inschrift šql Qrqr, die auf einem bronzenen Gewicht eingraviert ist und aus dem 9. Jh. v. Chr. stammt, und in einer Aufschrift auf einer polierten Platte aus → Hamat (Mitte des 8. Jh.s v. Chr.), in der Qrqr in kleinen Zeichen eingeritzt ist.

Seit den Untersuchungen von Dussaud wird die antike Stadt Qarqar mit dem Tell el-Qarqūr [Tell el-Qarqur] identifiziert, der 1 km östlich des heutigen Qarqar liegt (Dussaud 2000, 158-161). Die Ausgrabungskampagne von 1983/1984 konnte eine Brandschicht in der Eisenzeit IIB nachweisen, die der Kampagne → Sargon II. im Jahr 720 v. Chr. zugerechnet wird. Die Ausgrabungen in den Jahren 1993-1998 wies die Brandschicht der Zeit zwischen 700-600 v. Chr. zu (vgl. Dornemann, 459-485).

Innerhalb des Alten Testaments wird weder der Ort Qarqar, noch die Schlacht gegen die → Assyrer im Jahr 853 v. Chr. erwähnt.

2. Die Monolith-Inschrift Salmanassars III. aus Kurch

2.1. Die Stele

Die Monolith-Inschrift Salmanassar III. befindet sich auf einer Stele, die 1861 von J.E. Taylor in Kurch (Türkei; auch: Kurkh) gefunden wurde und heute im British Museum in London steht. Der Monolith war bei seinem Auffinden in gutem Zustand, der Text ist nahezu vollständig lesbar. Er ist in zwei Kolumnen, jeweils eine auf Vorder- und Rückseite, in den Stein geschrieben, auf dem zunächst eine Darstellung Salmanassars III. und verschiedene göttliche Symbole eingearbeitet wurden.

Die Inschrift bietet nach der Anrufung der Götter (I 1-4) und der Aufzählung der königlichen Namen und Beinamen sowie der Genealogie (I 5-13) eine chronologische Darstellung der Feldzüge Salmanassars III. in den Jahren 859 v. Chr. (dem Jahr seiner Inthronisation) und dem Jahr 853 v. Chr. Der unten stehende Textauszug, in dem die Schlacht bei Qarqar beschrieben wird, stellt das Ende des Textes dar. Datiert wird die Inschrift gegen Ende des Jahres 853 v. Chr. resp. an den Anfang des Jahres 852 v. Chr. und damit kurz nach dem letzten in der Inschrift erwähnten Ereignis. Auffällig ist, dass – wie in der Inschrift auf einer weiteren in Kurch gefundenen Stele – die üblichen Weih- und Segensformeln fehlen.

2.2. Textauszug: II 86-102

II86 Vom Euphrat brach ich auf und ich näherte mich Aleppo. Sie fürchteten meine Schlacht und umfassten meine Füße. 87Silber und Gold erhielt ich als ihre Abgabe. Dem [H]adad von Aleppo brachte ich ein Opfer dar. Von Aleppo brach ich auf, und ich näherte mich den Städten 88des Irchuleni von Hamat, Adennu, Barga und Argana, seine Residenz (oder: Residenzen), eroberte ich, seine Beute, seine Habe 89und den Besitz seiner Paläste holte ich heraus und legte Feuer an seine Paläste. Von Argana brach ich auf, und ich näherte mich Qarqara. 90Qarqara, seine Residenz, zerstörte, verwüstete und verbrannte ich mit Feuer. 1200 Streitwagen, 1200 Reitpferde und 20000 Mann des Hadadeser 91[vom] Eseltreiberland, 700 Streitwagen, 700 Reitpferde und 10000 Mann des Irchuleni von Hamat, 2000 Streitwagen und 10000 Mann des Ahab 92von Israel, 500 Mann aus Byblos, 1000 Mann aus Ägypten, 10 Streitwagen und 10000 Mann aus Irqata, 93200 Mann des Matinuba’il von Schianu, 1000 Kamele des Arabers Ginbidu’ und […]000 Mann 95des Baësa von Haus-Rehob, des Ammoniters – diese 12 Könige nahm er zur Hilfe. Um Kampf und Schlacht zu liefern, 96zogen sie mir entgegen. Mit der erhabenen Kraft, die Assur, mein Herr, mir gegeben hat, und mit den mächtigen Waffen, die Nergal, der vor mir hergeht, 97mir geschenkt hat, kämpfte ich mit ihnen. Von Qarqar bis Gilza’u brachte ich ihnen eine Niederlage bei. 14000 von ihren Kriegern 98streckte ich mit den Waffen nieder. Gleich Adad ließ ich ein Unwetter auf sie niedergehen. Ihre Leichen breitete ich weithin, 99mit ihren zahlreichen Truppen füllte ich die Oberfläche der Steppe, mit den Waffen ließ ich ihr Blut fließen […]. 100Das Feld war zu klein für …, die weite Ebene reichte nicht aus, um sie zu begraben. Mit ihren Leichen 101dämmte ich den Orontes wie mit einer Brücke. Im Laufe jener Schlacht nahm ich ihnen ihre Streitwagen, ihre Reitpferde 102und ihre Zugpferde weg (Übersetzung aus TUAT I/4, 360-362; Transliteration und englische Übersetzung des Textes in Grayson 1996, 23f.).

3. Der Feldzug Salmanassars III. im Jahr 853 v. Chr.

Die archäologischen Ergebnisse und die Monolith-Inschrift aus Kurch zeigen eine deutliche Diskrepanz, die für die Bewertung des Ergebnisses der Schlacht von 853. v. Chr. entscheidend ist. Während die Steleninschrift von einem Sieg Salmanassars III., dem Untergang der anti-assyrischen Koalition und der Zerstörung der Stadt berichtet, weisen sowohl die Inschrift aus dem 8. Jh. v. Chr., in der Qarqar erwähnt wird, als auch die Brandschicht in der Eisenzeit IIB auf eine Existenz des Ortes nach der Schlacht 853 v. Chr. hin. Die oben erwähnte Inschrift aus Balāwāt berichtet zwar ebenfalls vom Sieg Salmanassars III. bei der Schlacht von Qarqar, doch ist der Text so stark stilisiert, dass er historisch nur von geringem Wert ist und damit nicht als Bestätigung der Inschrift aus Kurch gewertet werden kann. Weitere assyrische Überlieferungen über die Schlacht bei Qarqar finden sich in den Annalen Salmanassars III. (Grayson 1996, 33-41, 44-48, 51-56, 63-71, 74-84). Sie sind zum einen wesentlich kürzer als die beiden Inschriften, zum anderen bieten sie kein anderes Bild von der Schlacht, sieht man davon ab, dass Salmanassar III. die Anzahl der besiegten Feinde erhöht (eine gute Übersicht über diese Steigerung bietet Yamada 2000, 143f.148). Dass die Schlacht sowohl in Annalentexten der limmu-Form als auch in solchen der palû-Form erwähnt wird, spricht für die hohe Bedeutung, die Salmanassar III. ihr beigemessen hat. Während die Annalen der limmu-Form eine nach festen Formeln gestaltete Aufzählung der Jahresereignisse bieten, werden in den Annalen, die in der palû-Form abgefasst sind, nur herausragende Ereignisse erwähnt.

Die Stilisierung der Schlacht beginnt bereits mit der Darstellung der Gegner auf der Stele von Kurch. Zunächst nennt die Inschrift die drei scheinbar mächtigsten Gegner und Anführer der syrischen Koalition: Damaskus, Hamath und Israel. Neben diesen werden neun weitere Könige genannt, deren Anordnung sich an der geographischen Lage orientiert (Nord-Süd-Aufzählung, vgl. Galil, 43). Ob es sich dabei um alle Teilnehmer der Koalition handelte oder ob die 12-Zahl aller Feinde ein Stilmittel ist, um die Gefährlichkeit der Koalition auszudrücken, kann aufgrund der Quellenlage nicht festgestellt werden. Da die Inschrift deutlich stilisiert ist, ist es gut möglich, dass es sich bei der 12-Zahl um ein Stilmittel handelt. Im Kontext anderer Ereignisse, in dem die Schlacht bei Qarqar in der Aššur-Inschrift (Annalentext) dargestellt wird, ist sie ein Schritt auf dem Weg zur Eroberung von Damaskus gewesen. Die Syrien-Feldzüge Salmanassars III. werden so als Strafexpedition gegen Damaskus gedeutet.

Neben den ikonographischen und archäologischen Ergebnissen weisen weitere Indizien daraufhin, dass die Schlacht keineswegs mit einem Sieg der Assyrer endete:

1. Salmanassar III. führte drei weitere Feldzüge gegen den syrischen Raum in den Jahren 849, 848 und 845 durch, bei denen er auf nahezu dieselben Gegner stieß, die ihm auch im Jahr 853 v. Chr. bei Qarqar gegenüber standen. Dabei waren Damaskus und Hamath die stärksten Kräfte in der Koalition. Ahab von Israel wird in den Inschriften über die Feldzüge in den Jahren 849-845 v. Chr. nicht mehr erwähnt und scheint nach 853 v. Chr. aus der syrischen Koalition ausgetreten zu sein. Diese syrische Koalition zerbrach erst nach 841 v. Chr., dem Jahr, in dem → Hadad-eser von → Damaskus, der wohl das Haupt der syrischen Koalition gebildet hat, durch den Usurpator → Hasaël vom Thron gestürzt wurde. So musste sich Damaskus bei den Feldzügen Salmanassars III. in den Jahren 841, 838 und 837 allein gegen das assyrische Heer behaupten. Hätte Salmanassar III. die Schlacht bei Qarqar 853 v. Chr. siegreich gestaltet, wären die aramäischen Staaten 849 v. Chr. kaum in der Lage gewesen, ihm Widerstand zu leisten.

2. Das zwischen dem Mitteleuphrat und dem Mittellauf des → Orontes gelegene Gebiet des Hauses Aguschi mit der Hauptstadt Aleppo stellt nach dem Jahr 853 v. Chr. seine Tributleistungen an Salmanassar III. ein, die zuvor in den Jahren 858, 857 und 853 v. Chr. entrichtet worden waren (vgl. Bordreuil, 253). Dieses spricht deutlich für den zurückgehenden Einfluss Salmanassars III. auf die Gebiete der aramäischen Fürstentümer.

Fazit: Die Schlacht bei Qarqar am Orontes endete entgegen der Darstellung der Inschriften Salmanassars III. mit einem Sieg der syrischen Koalition über das assyrische Heer. Salmanassar III. musste nach dieser Schlacht mit seinem Heer den Rückzug antreten. Die assyrischen Inschriften, in denen von den großen Erfolgen Salmanassars III. bei seinen Syrienfeldzügen berichtet wird, dienten der Propaganda im eigenen Lande und hatten als solche herrschaftsstabilisierende Funktion.

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Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

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Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Karte zur Lage von Qarqar. © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
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