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Lexikon

Schibbolet

Andere Schreibweise: Shibboleth

Ernst Axel Knauf

(erstellt: Jan. 2007)

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Schibbolet (hebr. šibbolæt) ist in Ri 12,6 ein gileaditisches Wort (Gilead ist eine Landschaft im Ostjordanland), das die Ephraimiter nicht aussprechen können; sie bringen nur „Sibbolet“ (hebr. sibbolæt) zustande.

Der linguistische Test, an dem die Gileaditer ihre ephraimitischen Feinde erkennen, basiert auf phonologischen Differenzen zwischen den Dialekten beiderseits des Jordans, die von der althebräischen Schrift nur unvollkommen ausgedrückt werden können (eine Sprache, deren Sprecher „s“, aber nicht „sch“ sprechen können, ist nicht bekannt). Altes kanaanäisches „th“ (wie im Englischen „thinking“ versus „sinking“) war im Phönizischen und im Westjordanland schon vor 1000 v. Chr. über s zu sch geworden, hat sich aber im Ostjordanland und im Altaramäischen mindestens bis ins 6. Jh. v. Chr. erhalten. Die Altaramäer und Transjordanier benutzten allerdings das phönizische Alphabet und folgten auch der phönizischen Orthographie, sprachen also *thibbolet und schrieben sch-b-l-t. Die Logik in Ri 12,6 geht also so: Die Gileaditer wollten thibbolet (mit „englischem“ th!) hören, die Ephraimiter konnten dies nicht aussprechen und sagten sibbolet. Daran erkannten die Gileaditer ihre Feinde. In deutscher Aussprache des Englischen geschieht oft das gleiche Malheur wie den Ephraimitern: th wird durch s ersetzt (Kapitän an Küstenwache: „We are sinking, we are sinking!“ – Deutsche Küstenwache an Kapitän: „What are you sinking about?“). Auch die Altägypter gaben im 2. Jahrtausend v. Chr. kanaanäisches th mit s wieder.

Der in Jer 40,14 als „Baalis“ (b‘ljs) erwähnte ammonitische König schrieb sich selbst b‘ljš, das wäre hebr. *Ba‘al-jascha‘ „Baal hat gerettet“, doch deutet die hebräische Transkription des Namens darauf hin, dass die Ammoniter *Ba‘al-jitha‘ sagten.

Das gileaditische Wort kann seiner Etymologie nach nichts mit hebräisch šibbolæt, was 1. „Ähre“, 2. „Strom“ bedeutet, zu tun haben, sondern muss von einer Wurzel tbl abgeleitet werden, die zur Zeit außerhalb dieses Wortes nicht nachzuweisen ist. Vielleicht liegt eine Wurzelvariante zu tbr „zerbrechen“ vor, oder zu tpl (in Mehri [eine neusüdarabische Sprache] z.B. „lahmen“).

In der Schweiz dient gelegentlich das Wort „Chuchichäschtli“ („Küchenschrank“, gesprochen mit gutturalen chs) als Schibbolet zur Unterscheidung von echten Alemannen und zugewanderten Nord-Germanen.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991-2001
  • The Anchor Bible Dictionary, New York 1992

2. Weitere Literatur

  • Bail, U., 2004, Ein Wort als Grenze: Schibbolet. Bemerkungen zu Ri 12,1-7, in: F. Crüsemann u.a. (Hgg.), Dem Tod nicht glauben. Sozialgeschichte der Bibel (FS Luise Schottroff), Gütersloh, 293-311
  • Knauf, E.A. / Ma‘ani, S., 1987, On the Phonemes of Fringe Canaanite: the Cases of Zerah-Udruh and „Kamashaltā“: Ugarit-Forschungen 19, 91-94
  • Kutscher, E.Y., A History of the Hebrew Language, ed. Raphael Kutscher, Jerusalem/Leiden 1982, 14-15
  • Rendsburg, G.A., 1988a, The Ammonite Phoneme /T/: Bulletin of the American Schools of Oriental Research 269, 73-79
  • Rendsburg, G.A., 1988b, More on Hebrew Šibbōlet, Journal of Semitic Studies 33, 255-258
  • Swiggers, P., 1981, The Word Šibbōlet in Jud. XII. 6: Journal of Semitic Studies 26, 205-207

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