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Lexikon

Scheschonq / Schischak

Karl Jansen-Winkeln

(erstellt: März 2007)

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1. Name

Scheschonq I. ist der erste von bis zu zehn Königen in Ägypten, die diesen (Eigen-)Namen geführt haben. Der Name ist offenbar libysch und wird im Ägyptischen Š3š3nq / Ššnq oder (seltener) Š3š3q / Ššq umschrieben – auf Skarabäen meist nur Š(3)š(3) / Šš. Die griechische Wiedergabe in den Manetho-Exzerpten ist Σέσωγχις oder Σεσώγχωσις, die hebräische Schischak (שִׁישַׁק Šîšaq; 1Kön 11,40; 1Kön 14,25) oder Schuschak (שׁושׁק Šwšq 1Kön 14,25 Ketiv). Die älteste vokalisierte Form ist assyrisch Šusanqu in einer Urkunde aus dem Jahr 692 bzw. Susinqu in den Annalen Assurbanipals (Onasch 1994, 15; 53). In der Ägyptologie sind die Formen Scheschonq, Schoschenk (u.ä.) gleicherweise üblich.

2. Herkunft

Scheschonqs Vorfahren waren schon seit fünf Generationen „Großfürsten“ (der Libyer); der älteste bekannte Ahne wird ausdrücklich als „Libyer“ bezeichnet (Kitchen 1996, 488). Auch Scheschonq selbst ist vor seiner Thronbesteigung als „Großfürst“ bezeugt und wird noch in seinem zweiten Regierungsjahr so genannt (Kruchten 1989, 49-51; pl. 3; 18). Sein Vater hieß Nmrt („Nimlot“), seine Mutter Tanetsepeh. Zwei seiner Ehefrauen, drei Söhne und eine Tochter sind namentlich bekannt.

3. Datierung

Nach Manetho hat Scheschonq 21 Jahre regiert; zeitgenössisch bezeugt sind die Jahre 2, 5, 6, 10, 11, 13 und 21. In fast allen ägyptologischen Werken wird der Beginn seiner Regierung in das Jahr 945 datiert, und dieses Datum gilt als einer der wichtigsten Stützpfeiler der ägyptischen Chronologie des Neuen Reiches und der Dritten Zwischenzeit. Der Feldzug Scheschonqs nach Palästina (s.u.) fand im Jahr 5 des → Rehabeam statt, vermutlich 926/25 v. Chr. (Hornung 1964, 24-9; Kitchen 1996, 74-76; Thiele 1965). In den Steinbrüchen des Ǧebel es-Silsila in Oberägypten gibt es eine Felsstele Scheschonqs aus seinem Jahr 21, auf der er davon spricht, in Karnak einen „Festhof“ zu bauen (Caminos 1952, 50f; 59-61; pl. XIII). Auf der Außenwand dieses neuen Hofes hat er eine Triumphszene anlässlich des Feldzugs nach Palästina anbringen lassen (The Epigraphic Survey 1954, pl. 2-9). Man hat daraus geschlossen, dass der Feldzug unmittelbar vorher (im Jahr 20) stattgefunden habe, und damit würde der Beginn der Regierung Scheschonqs 945-944 v. Chr. liegen (Hornung 1964, 24-29; Kitchen 1996, 75f). Das ist aber keineswegs zwingend, es könnten durchaus mehrere Jahre zwischen Feldzug und Baubeginn liegen (und damit der Regierungsbeginn um ebenso viele Jahre später als 945). Unter bestimmten Voraussetzungen lässt sich die Datumsangabe auf einer Stele aus der Oase Dachla als Monddatum aus dem Jahr 5 Scheschonqs I. (?) auswerten (Krauss 2005, 43-48); danach wäre sein erstes Regierungsjahr 944-943 v. Chr. anzusetzen.

4. Regierung

Scheschonq I. ist der erste König der 22. Dynastie Manethos, aber es ist ungewiss, warum Manetho mit ihm eine neue „Dynastie“ beginnen lässt. Die Herrschaft der Libyer beginnt jedenfalls nicht erst mit Scheschonq I., sondern schon mit der 21. Dynastie, und ein Onkel von ihm („Osochor“ bzw. Osorkon der Ältere) ist der drittletzte König der 21. Dynastie (Kitchen 1996, 534f). Es handelt sich also auch nicht unbedingt um eine neue Herrscherfamilie. Da Manetho die 21. Dynastie mit der Stadt Tanis, die 22. mit Bubastis verbindet, war für ihn oder seine Quelle vielleicht der neue Residenzort Bubastis ausschlaggebend. Tatsächlich ist die 21. Dynastie in Bubastis überhaupt nicht bezeugt, erst mit der 22. Dynastie gewinnt diese Stadt große Bedeutung.

Auf jeden Fall gibt es unter der Herrschaft Scheschonqs I. bedeutsame Veränderungen (Kitchen 1996, 288-290): Der oberägyptische „Gottesstaat“ bleibt zwar erhalten, aber der König setzt dort seinen eigenen Sohn (Iuput A) als Hohenpriester und Militärbefehlshaber ein. Im strategisch wichtigen Herakleopolis ist ein anderer Sohn (Nimlot B) Gouverneur. Ebenfalls ist unter Scheschonq I. erstmals bezeugt, dass Prinzessinnen aus dem libyschen Königshaus in die führenden thebanischen Priesterfamilien einheiraten. Zweck dieser Maßnahmen war es offenbar, die ägyptischen „Teilstaaten“ wieder enger zu verknüpfen und die ägyptische Oberschicht an das libysche Herrscherhaus zu binden. Auch die Selbstdarstellung Scheschonqs und seiner unmittelbaren Nachfolger unterscheidet sich von der 21. Dynastie und knüpft wieder mehr an das Neue Reich an (Jansen-Winkeln 1994, 94-96).

Im bescheidenen Rahmen der „Dritten Zwischenzeit“ ist Scheschonq einer der bedeutendsten Bauherren. Reste seiner Bauten finden sich vor allem in Unterägypten (Tanis, Pithom, Athribis, Heliopolis, Memphis, Saqqara); in el-Hibā ließ er einen Amuntempel bauen und in Theben einen neuen Eingangshof in Karnak (s.o.).

Im Alten Testament wird Scheschonq / Schischak dreimal erwähnt: In 1Kön 11,40 ist er der ägyptische König, zu dem → Jerobeam vor Salomo flieht. Aus ägyptischen Quellen ist über diese Geschichte nichts bekannt. In 1Kön 14,25-26 und 2Chr 12,2-9 wird sein Feldzug „gegen Jerusalem“ erwähnt, ohne dass man etwas über die Hintergründe erfährt. Ägyptische Quellen zu diesem Feldzug sind eine Triumphszene (im Stil des Neuen Reiches) an der Außenseite des „Bubastidentores“ im Tempel von Karnak (Theben) und ein Stelenfragment aus Megiddo.

© public domain (Foto: Klaus Koenen, 2005)

Abb. 1 Triumphszene Scheschonqs im Tempel von Karnak.

Die „Triumphszene“ (The Epigraphic Survey 1954, pl. 2-9) enthält die in diesem Rahmen üblichen Elemente: eine Ansprache des Gottes Amun an den König und eine „Fremdvölkerliste“. Eine Reihe von Phrasen in der Ansprache (Kitchen 1999, 433-440; Wilson 2005, 48-57) sind erkennbar älteren Vorbildern entnommen, aber sie enthält auch originelle und ungewöhnliche Passagen (z.B. über Bauten des Königs), allerdings keine konkreten Angaben zu diesem Feldzug. Die Liste (Kitchen 1996, 432-447; Wilson 2005, 60-65; 101-133) enthielt 155 (+ x) Ortsnamen, von denen mehr als 120 noch zu erkennen sind. Sofern identifizierbar, handelt es sich v.a. um Orte in Israel, an der Küstenstraße nach Megiddo und in der Gegend südlich von Juda und im Negev, weniger dagegen in Juda selbst. Jerusalem wird (im erhaltenen Teil) nicht erwähnt. Nach dem üblichen Verständnis enthalten derartige Listen diejenigen Orte, die bei einem Feldzug erobert oder zerstört worden sind oder zumindest vom ägyptischen Heer berührt wurden. Das ist aber keineswegs sicher. Ihre Überschriften besagen, dass es sich um die „Länder“ handelt, die vom König besiegt und deren Einwohner er gefangen wegführte, um sie dem Tempel des Amun zu übergeben, und die Darstellung zeigt dementsprechend mit Namensschildern versehene Asiaten, die von Amun in Fesseln geführt werden. Es könnte sich daher auch um diejenigen Orte handeln, aus denen die Gefangenen stammen; dann wären derartige Listen kaum zur Rekonstruktion eines Feldzugs zu verwenden.

In Megiddo ist ein Fragment einer großen Stele gefunden worden (Schipper 1999, 129-131; 297, Abb. 7-8), das die Kartuschen Scheschonqs I. enthält und so bezeugt, dass sich die Stadt zu seiner Zeit einmal in seinem Machtbereich befand. Archäologisch ist der Feldzug auch durch Zerstörungshorizonte an mehreren Orten nachgewiesen (Schipper 1999, 129 Anm. 83).

Weitere mögliche Zeugnisse dafür in Ägypten könnten ein Stelenfragment aus Karnak und ein Sargteil aus Theben sein. Die Stele (Grdseloff 1947, 95-97) enthält Reste eines Textes im Stil der „Königsnovellen“ (Datum nicht erhalten), in dem von Gefechten an der Nordostgrenze Ägyptens die Rede ist. Auf dem Sargteil aus der frühen 22. Dynastie (Jansen-Winkeln 1985, 252-254) spricht ein Priester davon, dass er den König auf seinen Zügen nach Palästina begleitete. Auf jeden Fall erfahren wir aus keiner einzigen der ägyptischen Quellen etwas über die Hintergründe und den Zweck dieser militärischen Operation.

Ein weiteres Zeugnis für die Außenbeziehungen Ägyptens unter Scheschonq I. könnte eine Statue von ihm sein, die in Byblos gefunden wurde. Es ist aber fraglich, ob sie im Rahmen politischer Kontakte dorthin gelangte (Kitchen 1996, 292; Schipper 1999, 173-177).

Obwohl Scheschonq I. einer der am besten dokumentierten Könige seiner Epoche ist, sind unsere Informationen über ihn und sein Wirken insgesamt sehr bescheiden.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Lexikon der Pharaonen, München 1996

2. Weitere Literatur

  • Caminos, R.A., 1952, Gebel es-Silsila No. 100, Journal of Egyptian Archeaology 38, 46-61; pl. X-XIII
  • Grdseloff, B., 1947, Édôm, d’après les sources égyptiennes, Revue de l’histoire Juive en Egypte 1, 69-99
  • Hornung, E., 1964, Untersuchungen zur Chronologie und Geschichte es Neuen Reiches (Ägyptologische Abhandlungen 11), Wiesbaden
  • Jansen-Winkeln, K., 1985, Ägyptische Biographien der 22. und 23. Dynastie (Ägypten und Altes Testament 8), Wiesbaden
  • Jansen-Winkeln, K., 1994, Der Beginn der libyschen Herrschaft in Ägypten, Biblische Notizen 71, 78-97
  • Kitchen, K.A., 1996, The Third Intermediate Period in Egypt (1100-650), 3. Auflage, Warminster
  • Kitchen, K.A., 1999, Poetry of Ancient Egypt, Jonsered
  • Krauss, R., 2005, Das wrš-Datum aus Jahr 5 von Shoshenq [I], Discussions in Egyptology 62, 43-48
  • Kruchten, J.-M., 1989, Les annales des prêtres de Karnak (XXI-XXIIImes dynasties) et autres textes contemporains relatifs à l’initiation des prêtres d’Amon (OLA 32), Löwen
  • Onasch, H.-U., 1994, Die assyrischen Eroberungen Ägyptens (Ägypten und Altes Testament 27), Wiesbaden
  • Sagrillo, T.L., The Reign of Shoshenq I of the Egyptian Twenty-second Dynasty, Diss. Löwen 2007 (im Druck)
  • Schipper, B.-U., 1999, Israel und Ägypten in der Königszeit (OBO 170), Freiburg (Schweiz) / Göttingen
  • The Epigraphic Survey, 1954, Reliefs and Inscriptions at Karnak, III, The Bubastite Portal. The University of Chicago, Oriental Institute Publications, Vol. 74
  • Thiele, E.R., 1965, The Mysterious Numbers of the Hebrew Kings, 2. Auflage, Chicago
  • Wilson, K.A., 2005, The Campaign of Pharaoh Shoshenq I into Palestine (Forschungen zum Alten Testament II/9), Tübingen

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Triumphszene Scheschonqs im Tempel von Karnak. © public domain (Foto: Klaus Koenen, 2005)

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